"Hollywood-Star Charlize Theron würde
gerne mehr Filme mit starken Frauen sehen", gaben im vergangenen
Februar allerlei Medien kund. "Sie selbst bringe dafür die
nötigen Qualitäten mit", hieß es zuweilen direkt danach.1
Die Hollywood-Schauspielerin trat hier in der Tat in eigener Sache
auf, denn sie dürfte in der Herstellung des von ihr favorisierten
Frauentyps erwähnenswerten Beitrag geleistet haben. Sie ist nämlich
die Hauptdarstellerin im verfilmten Fall jener lesbischen Prostituierten
namens Aileen Wourno, die wir weiter oben ("Dorschfang in Schweden")
als die Massenmännermörderin ausmachten, deren liederliche Morbidität
in der hollywoodschen Industrialisierung der Charaktere den Filmglanz
eines 'verzweifelten menschlichen Kampfes' verliehen bekam. Und
auch mit Blick auf die unmittelbare Zukunft sollte Frau Therons Verlangen
nach "starken Frauen" nicht ganz frei von Eigenwerbung
verstanden sein, da kurz nach ihrem Eigennutz heischenden Auftritt
ihr gerade fertiggestellter nächster Film ("Kaltes Land") über
das Schicksal einer gegen Belästigung durch Männer kämpfenden Bergarbeiterin
in die Kinosäle zog.
Der Streifen wurde in der ARD-Besprechung so kommentiert: "...
Zwar sind fast alle Männer in "Kaltes Land" fiese Typen,
dennoch gelingt der neuseeländischen Regisseurin mehr als nur
Schwarz-Weiß-Malerei... [Die] Regisseurin... inszeniert ihr
Plädoyer... ohne simple Gut-/Böse-Zuweisung."2 Das
Kursive ist von uns und soll den kühnen Versuch des eben angeführten
Kommentators markieren, den Gedanken an die Schwarz-Weiß-Malerei
und an die simple Gut-/Böse-Zuweisung, die er selbst so offenbar
in dieser Starke-Frauen-Geschichte konstatiert
("Zwar sind fast alle Männer in "Kaltes Land" fiese
Typen"), zu marginalisieren.
So verwegen sich dieser Versuch hier plaziert zeigt, so richtig
ist dennoch der Instinkt, der ihn zeugt. Denn Schwarz-Weiß-Malerei
und simple Gut-/Böse-Zuweisungen an Frau und Mann oder auch schlicht
das willkürliche Vernachlässigen der männlichen Wirkungsstärke
sind unerläßliches Zubehör bei der Pflege des Gepräges 'Starke
Frau' in feministischer Tradition.
Um dieses genauer zu erfassen, soll ein weiteres Filmereignis
herangezogen werden, das im Jahr 2005 seine Premiere feierte, als
deutscher Film beträchtlichen internationalen Erfolg verzeichnete
und hierzulande von erstaunlich vielen politischen und kulturellen
Institutionen gefördert, empfohlen und ausgezeichnet wurde: Es
ist die Geschichte der letzten Tage jener studentischen Widerstandsgruppe
gegen Adolf Hitlers nationalsozialistisches Regime, die sich "Weiße
Rose" nannte und von den Studenten Hans Scholl, einem ehemaligen
Mitglied der Hitlerjugend, Alexander Schmorell und
anderen gegründet und getragen wurde. Der Film, um den es hier
geht, widmet sich allerdings vordergründig der Schwester des Mitbegründers,
Sophie Scholl, die sich später der Gruppe angeschlossen hatte und
im Jahr 1943 wegen der Erstellung und Verteilung revolutionärer
Flugblätter mit ihrem Bruder zum Tode verurteilt und hingerichtet
worden war.
Lassen wir es dahingestellt sein, ob der Regisseur des Films "Sophie
Scholl – die letzten Tage", Marc Rothemund, auch aus einem
Kalkül heraus gehandelt haben mag, das ihm die Lukrativität von
Filmen heutzutage, die das Weibliche hervorheben, vorrechnete.
Oder ob diese Voranstellung der weiblichen Person in der Nacherzählung
des Geschwister-Scholl-Dramas Bedingung des ARD-Senders war,
der den Film finanzierte (Bayerischer Rundfunk). Denn, wie es kürzlich
von berufener Stelle zu vernehmen war, ist offensichtlich die auf
diesen Seiten bereits deutlich angeprangerte geschlechterorientierte
Propagandahaltung des öffentlich-rechtlichen Senders ausgemachte
Vorgabe.
Das bestätigte gegenüber der Zeitung DIE WELT ein prominenter
Drehbuchautor, dessen Melodram "Die Frau des Heimkehrers" Anfang
März 2006 ausgestrahlt wurde, in einem Interview, in dem unerwünschte
Einmischung der Sender und Regisseure in die Arbeit der Autoren
thematisiert wurde. In Erwägung der Gründe für die Unzufriedenheit
manchen Autors mit der Umsetzung seines Buches stieß der Interviewer
mit der Frage vor: "Hat das auch was mit den Vorgaben des
Sendeplatzes zu tun? Der Freitagabend im 'Ersten' soll doch so
'frauenaffin' wie möglich sein." Die spontane Zustimmung
des Autors: "Bis hin zu der Forderung, die weibliche Hauptfigur
so sehr ins Zentrum zu rücken, daß man ihr fast übermenschliche
Qualitäten andichten muß."3
Gleich nun welche Einflüsse oder Zwänge wir zu vermuten berechtigt
sind, die Frage nach dem Grund der gewollt einseitigen Titulierung
des Dramas um die Geschwister Scholl sollte in erster Linie vom
Regisseur selbst beantwortet werden. Und diese Frage wurde ihm
auch gestellt und zwar in der Form: "Warum haben Sie sich
nicht auf Hans Scholl konzentriert?" Herr Rothemund darauf: "Er
ist der politische Kopf von Anfang an, ein Intellektueller, ein
Kämpfer. Für mich war es spannend, herauszufinden, wie ein kleines
Rädchen im Getriebe der Gestapo reagiert, wie die junge Frau damit
umgeht, wie ihr Nervenkostüm beschaffen ist."4
Unsertwegen also "spannend" soll der Grund heißen, warum
Sophie Scholl Hans Scholl am Ende im Filmtitel verdrängen sollte;
es ist legitimer Gebrauch der künstlerischen Freiheit des Regisseurs,
so etwas zu tun. Indes erkennen wir aber:
Eine 'starke Frau' währt demnach nicht unabhängig, 'starke Frauen'
währen nie unter sich; sie bedingen sich stets durch Männer, die
entweder negiert oder reduziert werden müssen, damit im blassen
Hintergrund ihrer negativen, dubiosen oder abgeschwächten Präsenz
die agierende Weiblichkeit um so prägender wirkt, damit ihre Stärke
durch die konzipierte Schwarzmalung oder Ausblendung männlicher
Stärke Alleingültigkeit erhält. Versuche, 'starke Frauen', gelungene
weibliche Figuren also, innerhalb einer homogenen Gruppe, einer
Gruppe aus nur Frauen eben, auch bösen und schwachen mitunter,
zu plazieren, gibt es keine; bei Männern ist solches moralisches
Ebenmaß gang und gäbe, immer kämpft mitten unter ihnen das
Gute gegen das Böse, die Tugend gegen die Schwäche. Nie ist es
nötig, Frauen zu negieren oder auszulassen, damit Männer in Kontexten,
in denen sie als Helden fungieren, zu ihrem Glanz gelangen. (Im
Gegenteil: Oft wird die urkundlich 'fehlende' weibliche
Gestalt geradezu erfunden und in die Geschichte des Protagonisten
zumeist als erdachte Geliebte positiv implantiert.)
Wo aber die 'starke Frau' stets nur abhängig von ihrem
polaren Gegenpart, dem Mann, stark zu erscheinen hat ( in den Filmen
etwa von Charlize Theron oder
von anderen 'starken' 'mutigen' Filmstars) und dies in angeordneter Überlegenheit
ihm gegenüber, kann dort die
Frau an sich als stark gelten? Deutlicher gefragt: Fördert
das feministische Denken, wie es von der Film-, Buch- und Unterhaltungsindustrie
angewandt wird, am Ende die Vorstellung weiblicher Stärke, oder
unterminiert es sie gänzlich, um an ihrer Stelle ein ritualisiertes Treten
im Leergang, ein todtrauriges Klischee zu hinterlassen, todtraurig,
weil es wie verflucht in der virtuellen Gegenwart herumlungert,
ohne seiner greifbaren Entsprechung im Wirklichen zu begegnen?
Wir haben diese Frage nicht gestellt, damit wir uns damit befassen,
sondern sie ergab sich im Lauf dieser Überlegungen und stellt sich
als eine weitere selbstkritische Frage heraus, die wir dem Feministen
gern empfehlen. Die Frage, der wir uns im Folgenden widmen, ist
weiterhin die nach den Gründen der Bereitschaft, mit der heute
das Männliche nicht nur von der Filmindustrie, sondern auch auf
den anderen Plattformen des westlichen Kulturlebens gerne zugunsten
des Weiblichen reduziert wird oder werden soll.