"Menschen brauchen Vorbilder",
beteuerte die in diesem Kapitel viel erwähnte Herausgeberin der Zeitschrift
EMMA in DIE ZEIT. "Vor allem, wenn sie jung und in der Orientierungsphase
sind. Denn sie werden nicht von abstrakten Erkenntnissen und hehren
Zielen ermutigt, sondern vom Stoff des Lebens: von Menschen, die
ihnen vorleben, was möglich ist und was nicht", sinnierte sie
könnerisch weiter. Besonders benachteiligt allerdings, was den Zugang
zu solchen Vorbildern angeht, seien - na? - die Frauen, denn: "Deutsche
Frauen werden Fußballweltmeister, gebieten über Verlage und regieren
auch sonst kräftig mit [Frank Schirrmacher läßt grüßen]. Als Vorbilder
mag sie die Gesellschaft trotzdem nicht akzeptieren."1 Dies
bedauerte die Herausgeberin des Emanzenblattes.
Daß aber die deutschen Frauen
im Zitat ihrer Geschlechtsvorsitzenden "Fußballweltmeister" geworden
sein sollen und nicht "Fußballweltmeisterinnen", erscheint
in Anbetracht des im weiteren Artikel gepflogenen Sprachgebärdens
der Autorin wiederholt fragwürdig. Dort etwa, wo sie die Nachlässigkeit
der zum Empfang jener Fußballweltmeisterinnen auf dem Frankfurter
Römer jubelnden Menge korrigiert, indem sie den Ausruf: "So
sehen Sieger aus!" in "So sehen Siegerinnen aus!" umpräzisiert.
Und auch dort, wo sie am Ende des Pamphlets ihre Geschlechtsgemeinde
zur ewig weiblichen Identität mit den Worten ermahnt: "Frauen
müssen so tüchtig sein wie Männer, ja tüchtiger (!) - sie dürfen aber nicht vergessen, dass sie Frauen sind" (Ausrufezeichen und Kursives
von uns).
Diese Methode des beliebigen Wechsels
zwischen Geschlechtsneutralität und Geschlechtsbetonung als eine
Praxis gezielter feministischer Sprachmanipulation haben wir auf
diesen Seiten schon mehrmals beleuchtet. Es ist eben opportun, Frauen
dort "Fußballweltmeister" zu nennen, wo suggeriert werden
soll, daß Frauen trotz gleicher Kompetenzen nicht die gleiche
Anerkennung zuteil wird (Opferkult). Und es ist auch wieder opportun,
Frauen dort "Siegerinnen" zu nennen, wo belegt werden soll,
daß Frauen "im Prinzip" alles sein können, was Männer sind
(Gleichheitsanspruch), außer vielleicht Nicht-Opfer. Die Gesamtsuggestion
ergibt dann: "Die neuen Frauen wollen... gleichzeitig ein weibliches
und ein männliches Leben leben." Daß das aber bisher nicht verwirklicht werden
konnte, liegt nicht etwa daran, daß Frauen kein Interesse zeigen,
das zu sein, was ihre vermeintliche Kennerin neu nennt, wie
alle aufgetragenen und privaten Untersuchungen immer wieder belegen,
nein, schuld daran soll sein a) daß für Frauen in der Welt der Männerbünde
ein "regelrechtes Verbot, sich als Vorbild zu begreifen oder
gar darzustellen" verhängt worden ist und b) eine den Frauen
innewohnende "Selbstverachtung", die "immer auch Verachtung
des eigenen Geschlechts" implizieren soll!
Gehen wir doch einfach dem Vorschlag
der Autorin nach, mit darüber nachzudenken, warum "Fußballweltmeisterinnen" es
schwer damit haben, gültige Vorbilder abzugeben bzw. als solche angenommen
zu werden. Und schauen wir während unserer Betrachtung, wo uns da
genau ein mögliches Moment der Entstehung von Selbstverachtung auffallen
könnte. Eine kleine Denkhilfe hatten wir ja mitgebracht. Gemeint
ist jene in Form einer Frage formulierte Überlegung weiter oben in
diesem Kapitel: "Ist
die Emanzipation (und damit auch Würde) der Frau erst dann erreicht,
wenn Frauen die Tat oder Leistung des Mannes vollbracht bzw. wiederholt
haben, oder ist die Emanzipation (bzw. Würde) der Frau auch
unabhängig von einer der männlichen gleichzusetzenden Leistung
möglich?"
Die Vorsilbe im Begriff "Vorbild" umschreibt
schon allein die Funktion eines Vorbildes genau. Es handelt sich
um ein Bild, das vor uns liegt, das einen Ort markiert, an
dem wir noch nicht angekommen, sondern erst auf dem Weg dahin
sind oder sein sollten. Es ist das Paradigma einer Tat oder Leistung,
die wir noch nicht erbringen konnten, sie aber erbringen wollen;
einer positiven Tat, die schwieriger, aufwendiger als die Taten ist,
die wir bisher unsere nennen durften. Ein Vorbild, dessen Gehalt
nicht auf etwas hinweist, was wir nicht erst anstreben müßten, sondern
längst erreicht haben, ist kein Vorbild, kann keines sein; das Ernennen
solcher "Vorbilder" würde Bedeutung und Funktion derselben
pervertieren.
Der Versuch, solche inflatorische
Vorbilder zu installieren, ist mit Hintergedanken verbunden, die
man leicht erkennen kann: Leistung und Einsatz sollen so weit nivelliert
werden, daß Lohn und Anerkennung gleich hoch bei unterschiedlicher
Leistung sind. Es soll eine Umverteilung der Anerkennung legitimiert
werden, die zu Lasten der Kompetenteren ausfällt. Hinzu wird der
Mißerfolg
solchen Vorhabens programmatisch gegen die Kompetenteren gewendet,
bloß weil sich diese weigern, geringere Kompetenz als ihr Vorbild
anzuerkennen; sie sollen deswegen moralisch diskreditiert
werden, weil sie nicht
etwas tun, was sie objektiv niemals könnten!
Denn wie könnten die weiblichen "Fußballweltmeister" der
Artikelautorin als die Vorbilder jener aus Jungen zwischen 14 und
16 Jahren bestehenden sogenannten B-Jugend Mannschaften fungieren,
welche die Damen sowohl kurz vor ihrem Weltsieg als auch kurz danach
das Fürchten lehrten? Wem also können die Fußballdamen als Vorbilder
gelten, wenn nicht allein und ausschließlich Frauen?
Damit allerdings sind auch die Geschlechter-'Domänen'
säuberlich getrennt. Es ist (über den Einsatz des folgenden Wortes
wurde nachgedacht) dumm, den Erfolg von Fußballfrauschaften unter
sich als Indiz dafür hinstellen zu wollen, daß "sie", die
Spielerinnen, "Frauen sind, aber stark in einer Männerdomäne." In
einer Frauendomäne - nämlich im Frauenfußball - sind diese Frauen
stark und sonst nirgends! Grenzte es nicht an Realitätsverlust, als
Politiker, die sich, wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch,
sonst allzu nüchtern geben, für die Aufnahme der Damen in die Bundesliga
plädierten, wo sie es mit erfahrenen Mannschaften im wahren Sinn
aufnehmen müßten, um so ihr Selbstwertgefühl als ebenbürtige Gegnerinnen
zu Grabe zu tragen; in das gleiche Grab nämlich, wohin auch das Selbstbewußtsein
von Politessen, Soldatinnen, Feuerwehrfrauen oder Sanitäterinnen
wandert, sobald Extremsituationen den Einsatz von
Frauen in Frage stellen, verbieten oder stark reduzieren müssen?
Gerade ein das Geschlecht verkennender
physischer Antagonismus mit den Männern wäre Gift für das Selbstbewußtsein
dieser Frauen. Denn gerade diese erfahren im eigenen Leib und Leben,
daß Männer und Frauen ihr souveränes ethisches Wesen, ihr Selbst,
nicht erleben und entfalten können, indem sie die komplementäre Wirklichkeit
der Geschlechter fliehen. Eher verlören sie es in einer blinden,
zwanghaften Gleichschaltung aus den Augen.
Den Moment also der Selbstverachtung
der Frau brauchen wir nicht dort zu suchen, wo sie sich neben den
Mann als ihn ergänzendes (ganzmachendes)
menschliches Wesen stellt; die Gefahr der Selbstverachtung lauert
für Frauen dort, wo sie vergebens danach streben, den Nachweis einer
wahnhaften Gleichheit zu erbringen, dort, wo sie die Tat oder Leistung
des Mannes wiederholen zu müssen glauben, um Würde zu erlangen. Und
das betrifft nicht bloß den populären Fußball, es betrifft alle Lebensgebiete.
Zwar gibt es auf allen Gebieten
tüchtige und erfolgreiche Frauen. Allerdings nur soweit als bereits
Plattformen geschaffen worden sind, auf welchen man/frau wirksam
sein kann; im Fertiggestellten also, im bereits Vorhandenen, in der
'Mitte der Welt' sozusagen. Hier tummelt sich das allgemeine menschliche
Potential des besseren oder schlechteren Mittelmaßes, hier begegnen
sich auch die Geschlechter und überlappen sich im Wettbewerb der
Qualitäten und Strebsamkeiten. Hier kann es durchaus auch die Managerin
geben, die besser als ein männlicher Manager ist, die Musikerin,
ja die Pilotin oder Matheprofessorin - das alles gibt es! Kaum verlassen
wir aber die Mitte, so wird es dürr mit den Frauen an der Peripherie
der Superlative. Die Fragen nach dem schnellsten Läufer, nach dem
genialsten Mathematiker, nach dem größten Dichter, dem tiefsinnigsten
Philosophen, dem bedeutendsten Erfinder oder auch dem waghalsigsten
Abenteurer und dem leistungsfähigsten Gedächtnis; jede dieser Fragen
wird mit dem Hinweis auf einen Mann beantwortet. So weiß die Welt
ganz sicher, wo ihr Reservoir für Vorbilder liegt.
(Lassen wir uns hier nicht von
der Frage nach dem Warum zu Erläuterungen der Gründe bewegen. Etwas
bildhaft lauteten sie in aller Kürze: Weil der Mann die Mitte meidet
und sich stets gern am Rande der Welt und der Dinge aufhält, um
sich (nach Kräften und im Bann seiner abstrakt räumlichen
Vision) deren Erweiterung zu widmen. Hier begegnen sich Kreativität
und reine Macht, rein deswegen, weil sie die Welt, den Menschen und
das Ich der Nöte des Natürlichen
zu entreißen trachtet - zumindest ist letzteres immer die Absicht
im Kern. Kreativität also, Macht und Einsamkeit sind vorwiegend männlich.)
Die Klage der Feministinnen gegen
den Mangel an Frauen in der einsamen Vorbilderregion wird um so suspekter,
je mehr wir uns mit ihrer Präsenz im Bereich der zugänglicheren Leistungsstufen
befassen. Denn wo sind die Frauen, die (aufgrund unzureichender oder
noch nicht abgeschlossener Bildung oder sonstiger biographischer
Engpässe) permanent oder vorläufig eine anspruchslose Beschäftigung
annehmen müssen und die ihre mannsgleiche aber vermeintlich gehinderte
Einsatzbereitschaft an Baustellen, Räumungsdiensten, Straßenlegungen,
oder Stadtreinigungsteams bieten? Kann es möglich sein, daß dort
nur aufgrund längst widerlegter Klischees kaum eine einzige Frau
anzutreffen ist, Frauen aber angeblich in ähnlich (wenn auch nicht
körperlich) exponierten Stellungen der besseren Bildung erfolgreicher
wären, 'wenn man sie nur ließe'?
Passendes Zitat: "Männer
bevorzugen es, selber zu arbeiten und wollen nicht, dass die Frauen das auch tun. Soweit ganz praktisch, führt
aber letztlich zur Entmündigung und Herabsetzung der Frau. Wer sagt
denn, dass Frauen nicht auch einen Betonmischer bedienen können?
Wer sagt denn, dass wir nicht auch nachts
bei Regen Eisenbahnschienen verlegen können? Wer sagt denn, dass wir
nicht auch jede Drecksarbeit erledigen können? Wir können das! Wir wollen bloß nicht.
Wir wollen die guten Jobs, den Rest sollen die haarigen Nutztiere
erledigen. Wir wollen in die Chefetage, an die Schreibtische der
Macht! Das Dumme ist nur: Wenn frau das
offen fordert, klingt das ein ganz klein wenig egozentrisch. Deshalb
müssen wir leider bis auf weiteres so tun, als wollten wir wirklich
dieselben Rechte in der Arbeitswelt wie Männer."2
Die "Selbstverachtung" der
Frauen und die "implizierte Verachtung des eigenen Geschlechts" wurzelt
nicht in der Anerkennung der besonderen Leistungsfähigkeit des Mannes,
einer Leistungsfähigkeit, die ihm nicht nur über neunzig Prozent
der Spitzenjobs, sondern auch nahezu hundert Prozent der miesesten
Jobs und Aufgaben beschert. Einen geeigneteren Boden
für ihr Wachstum findet diese Selbstverachtung in der infantilen
Maßlosigkeit der Forderungen nach jener 'Hälfte des Himmels', die
keine Hölle kennen will, und die allein durch ideologische Propaganda
und Förderprogramme erobert werden soll. Kein Wunder also, wenn die "neue
Frau" in ihrer medialen Ausstrahlung, wie diese von den weiblichen
Vertretern in Werbung und Unterhaltung ausgeht, die des egozentrischen,
feschen, rechthaberischen und rücksichtslosen Kleinbiestes ist, das
seine Karikatur von Selbstverwirklichung häufig mit den Glossen einer Verpiss-Dich-Power und
dem kindischen Gehabe hirnloser Anmaßung signiert. Auch das oben
angeführte Zitat trägt in dieser Hinsicht untrügliche Merkmale: Der
Offenheit, mit welcher die Gerissenheit der feministischen Strategien
dargelegt wird, gesellt sich dort, wo die Rede von arbeitenden Männern
als von 'haarigen Nutztieren' ist, die obligatorische Dummdreistigkeit
kindsfraulicher Impertinenz.
Es ist die neue Version der Kindsfrau:
die feministische. Die Differenz zu der Kindsfrau vergangener Jahrzehnte
beruht darauf, daß die neuere nicht etwa mit ihrer Naivität prahlt,
um sich die Hilfestellung des mitleidigen, aber entzückten Mannes
zu sichern. Vielmehr handelt die neue Kindsfrau in der Gewißheit,
den gesamten gesellschaftlichen und politischen Apparat hinter sich
zu haben, der sie zum Maskottchen und Wahrzeichen seines progressistischen Alles-ist-möglich-Hirngespinsts
benutzt. Das macht
sie 'stark' und 'unabhängig'. Aber teilweise auch nicht weniger anwidernd.