Die zeugende Dynamik des Phallischen,
deren extrovertierte Beanspruchung des Raumes heute ausschließlich
unter dem Etikett des Aggressiven beschrieben wird, ist in der Tat
kein Potential, das in der Geschichte nur Spaßiges erzeugte! Vielmehr
ist die Geschichte, soweit wir sie als Geschichte der Zivilisierung
des Planeten betrachten, zum großen Teil eine Chronik der Formung,
der Regulierung und der Läuterung dieses Potentials, eine Chronik
der Kulturentwicklung eben. Die Notwendigkeit solcher Zügelung, Formung
oder Läuterung ergab sich innerlich aus dem Streben nach weiterer
Entwicklung und äußerlich aus dem Zusammenleben der Menschen. Diesen
beiden Faktoren verdanken wir alle Kultur. Das Zusammenleben verlangte
gewisse Standards, die bewahrt werden mußten, um den Teilnehmern
eine Plattform zu gewährleisten, die ihren physischen und mentalen
Bedürfnissen gerecht sein konnte. Und wo etwas bewahrt werden soll,
dort wird die Skepsis gegenüber dem Neuen wirksam und die weitere
Entwicklung anhaltender.
So pulsiert eine jede Gesellschaft
im Spannungsfeld zwischen zwei Antrieben, die sich gegenseitig bedingen
und sich gegenseitig auszugleichen streben: Zwischen dem Bewahren,
Ausdehnen und Verwalten des bis dahin Erreichten, das sich als Fundament
des Gemeinschaftslebens etabliert hat, und dem Streben nach Erweiterung,
nach gesellschaftlicher Evolution, nach dem Neuen. Diese beiden Antriebe
werden nebeneinander befolgt und sind in bezug auf ihre Wirkung förderlich
in ihrer Ausgeglichenheit, aber destruktiv in der dekadenten Übergewichtung
eines von ihnen.
Wir wenden zunächst unseren Blick
auf die verschiedenen Instanzen und Faktoren, die dieser spannungsreichen
Polarität Aktionsfelder und Ausdrucksformen verschaffen. Wir beginnen
mit der allgemeineren dieser Ambivalenzen
und stellen fest, daß es sich dabei um die grundlegende Spannung
einer jeden Gegenwart handelt, die ihren konstitutiven Konsens zwischen
dem sicheren weil gewissen Erbe ihrer Vergangenheit und den unsicheren
weil ungewissen Forderungen ihrer Zukunft sucht. Es ist der Kampf
des Vorhandenen mit dem Künftigen, des Erreichten mit
dem Möglichen, des Alltags mit der Vision.
Weil das Künftige für den sich
im schmalen Kreis seiner privaten Interessen bequemenden und gegenüber
allgemeinen Prozessen desinteressierten Alltagsmenschen noch nicht
in der Welt des Vorhandenen sichtbare Attribute trägt, hat seine
Vertretung stets in den Händen einiger weniger gelegen, zu Beginn
sogar meist in den Händen eines einzelnen Menschen. Es ist bei den
Stationen der Kulturentwicklung zu beobachten, daß immer ein Individuum
der Initiator einer Bewegung, einer jeden Schule, eines jeden folgenreichen
Gedankens gewesen ist! Die gerade oben erwähnte Spannung der jeweiligen
Gegenwart im Mittelfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft, Vorhandenem
und Kommendem, öffnet uns so einen weiteren Aspekt ihrer Erscheinungsformen
innerhalb der Kulturentwicklung: das Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Individuum.
Dieses weitere Spannungsfeld aktualisiert
sich zwar erst dann auf dramatische Höhen, wenn ein epochemachendes
Individuum die berühmte Bühne der Geschichte betritt und Intentionen
unterbreitet, die den bis dahin praktizierten kulturellen Modus revolutionieren
oder beträchtlich modifizieren wollen. Kleine Portionen aber dieser
Spannung erleben viele Menschen der Art Individualist für sich. Es
sind jene oft unannehmlichen kleinen Gewißheiten über die Auffälligkeit
des persönlichen Andersseins gegenüber den üblichen Verhaltensweisen
in der soziokulturellen Interaktion. (Ganz nebenbei sei hier erwähnt,
daß dieses Feld der Spannung zwischen dem Kollektiv und dem Einzelnen
die bedeutendsten Inspirationen an die Weltliteratur und -dramaturgie
lieferte: Die Geschichte des am Widerstand seiner Zeit gescheiterten
Märtyrers oder die des trotz solchen Widerstandes die Welt erobernden
Genies, die Erzählung vom Hirten, der zum König wurde, oder vom mittellosen
Lehrling, der später die Branche beherrschte, vom verspotteten Künstler,
dessen Kunst am Ende neue Maßstäbe setzte; sie alle schildern Biographien,
die im Kampf mit ihrer standardgemäßen Gegenwart siegten oder scheiterten.)
Dieser Aspekt des Individuums,
das, phallisch aufsteigend, die Gesellschaft, von der es stammt,
mitzureißen sucht, interessiert uns hier etwas eingehender. Denn
die Deutung dieser beiden Instanzen (des Kollektives und des Einzelnen)
als gegensätzlicher Faktoren in Parallele zu männlich und weiblich
bietet ein ergiebiges Anschauungsspektrum der beiden letzteren Normen.
Die Gruppe als ein Weibliches, das Individuum aber als ein Männliches?
Wie kommt es zu solcher Zuteilung? Welche Spuren hat diese Gegenüberstellung
in der Vergangenheit hinterlassen, wie entstand sie und vor welchen
Hintergründen erweist sie Legitimität?
Die Gruppe ist für die allgemeine
Kultur- wie auch für die persönliche Fortentwicklung des einzelnen
Menschen eine unverzichtbare Plattform! Unter anderem deswegen, weil
das gemeinsame mentale Leben als Speicherorgan für die kommenden
Generationen dient, die so nicht jede einzelne Erfahrung neu machen
müssen, sondern sie durch Tradition und Bildung überliefert bekommen
können, um sie weiter aufzubauen und fortzuführen. Gäbe es nicht
das Zusammenleben in der Gruppe, hätte jede neu entstandene Generation
auch neu anfangen müssen, Elementares zu erwerben. Die Menschwerdung
wäre ein mühseliges, hoffnungsloses Sisyphusdrama.
Doch die Gruppe benötigt eine
konsolidierende Gemeinsamkeit, die den Zusammenhalt gewährleistet,
und das war in den ursprünglichen Sippen die Verwandtschaft der Mitglieder,
eine Beziehungsform, deren Nachweis anhand der Geburt nachvollzogen
wurde, anhand eines Tatbestandes also, dessen Träger die Mutter allein
war! Bedenken wir, daß der Akt der Zeugung, an welchem sich die Beteiligung
des Vaters biologisch erschöpft, zeitlich ins Minimale begrenzt und
vom Zeitpunkt seines Ergebnisses, der Geburt, verschwindend weit
entfernt ist. Zudem entzieht sich ihr Bezug zu der Geburt des gezeugten
Menschen dem anschaulichen Denken, dem Denken also, das nicht auf
abstrakten Schußfolgerungen, sondern auf der bloßen Wahrnehmung von
Ereignissen beruht, und zu welchem allein unsere frühen Vorfahren
fähig waren. Die Zeugung bot somit dem anfänglichen Denken der Menschheit
kaum stichhaltige Merkmale, um sie im Fluß der Vorkommnisse, die
zu der Geburt führten, als wesentlich zu realisieren und so als tragenden
Nachweis von Verwandtschaft wahrzunehmen. Ferner wäre die Festlegung
einer Vaterschaft in Gruppen kaum möglich, die in Promiskuität lebten.
Die einzige sichere Verifizierung der Angehörigkeit zu der Sippe
rührte also von der mütterlichen Geburt her, und so bildeten sich
die ersten Gemeinschaften um die Mutter, sie waren mutterzentriert.
(Die Verschmelzung der Mutter mit der Gemeinschaft setzte sich allerdings
auch später in der monogamen Familie fort, in der Mütter wesentlich
präsenter waren als Väter, die in der Regel den härteren Außendienst übernahmen.)
Dieser Bezug des Gemeinschaftlichen
zum Weiblichen ist offensichtlich der Grund, warum in vielen Sprachen
die generalisierte Form des Plurals mit dem weiblichen Artikel eingeleitet
wird, warum Städten der Antike weibliche Götter vorstanden, und vielleicht
auch warum weibliche Allegorien wie Justitia oder die Musen für kulturelle
Ausdrucksformen und Einrichtungen stehen, die dem Kollektiv zugute
kommen. Bis in die Visionen individueller Grenzerfahrungen ist
solche Symbolik eingedrungen: Rom oder Babylon als Huren, das Neue
Jerusalem als Himmelsweib, die Gemeinde der Gläubigen als die liebliche
Braut Gottes oder als die Geliebte in Salomons Hohelied - alles Archetypen
im gleichen Symbolismus.
Die Neigung zum Vorhandenen in
den alten Sippen und ersten Gesellschaften bedeutete vor allem Naturgebundenheit,
denn solange es an menschlichen Errungenschaften fehlte, waren die
Natur und deren Einrichtungen alles, was vorhanden war. Und die Natur,
das war nicht nur die Umwelt um den Menschen, sondern das war auch
die Natur des Menschen selbst - wir sprechen heute von seiner Biologie.
In dieser Biologie, deren bedeutsamstes Ereignis in der Reproduktion
des Menschen offenbar wurde, war die Frau, eben aufgrund ihrer intensiveren
Beteiligung stärker involviert als der Mann. Diese besondere Eingebundenheit
des weiblichen Organismus im natürlichen Reproduktionsprozeß erhielt
eine zusätzliche Betonung durch die Ähnlichkeit dieses Prozesses
mit den sonstigen produktiven Naturphänomenen wie etwa dem wundersamen
Aufsprießen der Pflanzen aus dem Mutterboden. Faktisch und symbolisch
verschmolz so die Vorstellung von der Frau nicht nur mit jener von
der Gemeinschaft, sondern auch mit jener von der Natur zusammen.
War nun die Natur alles, was der
Mensch der Urzeit kannte, oder gab es da ein zweites Etwas, ein weiteres
Kontinuum jenseits aller Natur und alles sinnlich Vorhandenen; einen
anderen Raum auf welchen er, der frühe Mensch, hätte seine noch fahle
Aufmerksamkeit richten können? Ja, es gab so etwas wohl, und dieses
Etwas schien sich der Natur gegenüber ähnlich zu verhalten wie die
ungewisse Zukunft gegenüber der robusten Gegenwart, wie das innehaltende
Individuum gegenüber der getriebenen Masse oder wie der dezent-wirksame
Augenblick der Zeugung gegenüber den sichtbaren Abläufen der langwierigen
Schwangerschaft und der blutbeschmierten Geburt. Subtil und eindringlich
zugleich war dieses Andere, nirgends wirklich präsent und irgendwie über
alles bestimmend; ein alles durchdringender Hauch, der aber auf seine
Weise die Wirklichkeit stärker zu beanspruchen und zu vereinnahmen
schien als selbst die groben Steine oder die mächtigen fernen Berge:
Es war das Denken!
Wobei wir das eben ausgesprochene
Wort gleich wieder revidieren müssen. Denn ein Denken in unserem
heutigen Sinn war dies damals noch nicht. Wie der geistige Prozeß in
jenen Vorzeiten vonstatten ging, können wir heute anhand von Untersuchungen
erahnen, die sich mit Zuständen unseres Denkorgans befassen, in welchen
das begriffliche abstrakte Denken des gegenwärtigen Menschen ausgeschaltet
wird, wie es etwa in der Hypnose der Fall ist. Doch ein jeder von
uns kann sich auch ohne wissenschaftliche Experimente den denkerischen
Modus des frühen Menschen etwas vergegenwärtigen. Man achte an manchen
Tagen, an welchen uns die Wonne der Trägheit unser Bett etwas länger
zu hüten verführt, als uns unser Wecker erlauben wollte, auf die
eigenen mentalen Vorgänge: "Ich muß aufstehen!", erklingt
in uns ein säuberlich in Begriffen gefaßter Vorsatz. Wir aber drehen
uns noch einmal um und geben uns der Wollust eines erschlichenen
Wiedereindämmerns hin. Doch wir haben ohne den Wirt gerechnet! Denn
unversehens stellen sich Bilder in uns ein. Bilder vielleicht, in
denen wir die kantige Rolltreppe zu unserer Bahn hastig hinunter
walzen, an deren Ende uns noch dazu ein zwei Meter großer Unsympath von
einem Hund, hinter dem eine überdimensionale Uhr mit verbogenen Zeigern
zu sehen ist, böswillig anknurrt. Wir wachen sofort wieder auf, denn
es war unser Chef, der zum Glück eigentlich nur demonstrativ auf
die Uhr zu schauen pflegt, wenn wir zu spät unsere Dienste bei ihm
abliefern. Unser Denken hatte eben Bilder benutzt, um uns an jenen
Vorsatz drastisch zu erinnern, den wir kurz davor in passendem Wort
artikuliert hatten; denn im abgedämpften Gang ist unser Bewußtsein
der Begriffe nicht mächtig! Bilder dagegen sind billigere Importe,
Fertigprodukte von der Welt da draußen, von der Welt der Anschauung,
die uns durch die bloßen Sinne geliefert werden und leichter aufzustellen
sind, als Gedanken erzeugt werden. Gedanken nämlich sind recht aufwendige
Produktionen einer komplexeren Aktivität, die von uns mehr als unser
Erinnerungsvermögen verlangt. In verinnerlichten Bildern, Vorstellungen,
vollzog sich daher auch das Denken der frühen Menschen, das also
mehr ein Schauen war, ein Schauen jener Bilder etwa, die uns
in den Mythen überliefert werden sollten, welche uns auch tatsächlich über
lange Zeiten hinweg erreichten.
Solches mythische Bewußtsein hatte
zwar schon begonnen, sich als Subjekt vereinzelt in einem andersartigen
Ganzen wahrzunehmen, was bereits ein Fortschritt im Vergleich zu
früheren Stufen gewesen war. Von einem individuellen Selbstbewußtsein
im heutigen Sinn kann jedoch nicht die Rede sein. Und für die Kommunikation
innerhalb der Gemeinschaft war seine Bilderlast sperrig und dazu
noch viel zu vage. Denn, wie sollte man dem Anderen die Bilder vermitteln,
die man selbst gerade erlebte? Analog ging das schlecht. Die Bilder
müßten in ein komfortableres Übertragungs-Format umgewandelt werden,
das der kompatible Empfänger, der über das gleiche Umwandlungs-Modul
verfügte, mühelos wieder in das ursprüngliche Bilder-Format umsetzen
konnte. Das ging durch Worte, d.h. Denken und Sprache, durch die
größte Erfindung aller Zeiten also! So fing der Mensch an, seine
Bilder anhand ihrer ausgemachten Ähnlichkeiten in Ideen zu
rationalisieren. Alles, was einen Stamm mit darauf wachsenden Ästen
und Blättern aufwies, wurde unter der Idee "Baum" aufgeführt
und alles, was nachts am dunklen Firmament leuchtete, unter "Stern".
Freilich wurde zu Beginn fleißig
geübt: Man sagte "Stern", wenn da ein Stern zu sehen war,
und zeigte auf ihn, man sagte "Baum" und zeigte auf den
Baum. (Wir kennen das Verhalten vom Kleinkind, das erst eine Sprache
erlernt.) Bis die Ideen, die in den Worten steckten, die Begriffe,
sich von der Anschauung emanzipierten und auch ohne diese zu funktionieren
begannen. Erst durch den später angewandten Artikel konnten Substantive
so weit isoliert werden, daß sie der jeweiligen beliebigen Situation,
der sie das Bewußtsein unterwarf (Kasus), entsprechen konnten, unabhängig
von der Lage, welche die durch sie repräsentierten Gegenstände in
der Natur einnahmen (die 'Signifikanten' im Sinne moderner Linguisten).
Die Symbole trennten sich von dem in ihnen Dargelegten und
bildeten eigenständige Konstellationen; der Mensch wurde theoretisch,
d.h. anschauend auch bei fehlender Anschauung - richtig gelehrt schon!
Es muß ein immenses Vergnügen
für Adam gewesen sein, fröhlich durch den Garten Eden zu schlendern
und den Wesen Namen zu vergeben. Als erkennender Ideenschöpfer,
als schöpferischer Geist, erlebt der Mensch sein höchstes Vergnügen.
Wo diese Ader vernachlässigt wird, gibt es kaum noch tragende Aufbauprozesse.
Die drolligen Fakten-Schlepper unserer modernen Biologie wollen als
höchstes Bestreben selbstbewußter Wesen die Kopulation zwecks Verteilung
der eigenen Gene definiert wissen - welches Armutszeugnis fürs Zeitalter!
Das ist, warum man deren Lektüre bald nicht mehr wird ertragen können,
die Mythen der Völker aber auch in den kommenden Jahrtausenden zu
seinen 'heiligen' Büchern wird erklärt haben wollen.
Nur ist aber leider auch Adam,
der Frühmensch, bei seiner fröhlich kreativen Aufzählung nicht lang
unbeschwert geblieben. Denn es ging ihm nur so lange gut dabei, bis
er auf jenes Wesen stieß, dessen Benennung sich nicht mehr ganz so
unproblematisch bot wie die der anderen. Es machte Spaß, der Natur
ihre Wesen zu entreißen, sie in Begriffen zu abstrahieren und so
- fern alles Naturzwanges - sein Bewußtsein mit Bedeutungen (für
moderne Linguisten mit 'Signifikaten') zu füllen! Das machte auch ehrlich den Wesen
gar nichts aus, daß Adam sie für sich der Natur enthob und in Ideen
umwandelte. Dann aber, als es so weit kam, daß der alles Benennende
sich selbst dran sah, als er zum ersten Mal bewußt das kleine
hübsche Wörtchen "Ich" aussprach und ihm klar wurde, daß dieses
Ich seinen Hang zu Namen und Abstrakta daher hatte, daß es selbst
längst kein solider Teil der Natur mehr war, sondern eine zwischen
Himmel und Erde hängende Blässe; da verdunkelte sich der Himmel über
Adam beträchtlich und die Erde unter seinen Füßen begann zu wanken!
Etwas sehr Tragisches trug sich mit der Erkenntnis zu. Der
Mensch verließ daraufhin den biblischen Kurort und begann in weniger
erfreulichem Ambiente an seiner Kulturgeschichte zu schreiben. Hat
dieser Vorfall viel mit unserer Geschlechterdebatte zu tun? Wohl
schon, denn Adam war ja nicht allein. Vor allem aber wurden auch
in diesem Fall Mann und Frau - fern aller Gendergerechtigkeit - unterschiedlich betroffen. Warum
das?
Die Erlangung eines mentalen Ich,
d.h. der Aufstieg des Empfindens einer isolierten individuellen Ganzheit
aus den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit, deren Innenleben
lediglich zwischen Lust und Unbehagen oszillierte (Sigmund Freuds "Es"),
zu den lichten Höhen des abstrakten Gedankens eines "Ich bin",
verlief bei beiden Geschlechtern in unterschiedlichem Tempo und mit
unterschiedlichen Konsequenzen. Denn wir haben gesehen, daß auch
der Ausgangspunkt dieses Fluges, die anfängliche Naturgebundenheit,
von jedem der beiden Geschlechter in unterschiedlichem Maß empfunden
und gelebt wurde. Und das hatte faktische wie psychologische Hintergründe:
Zum einen wurde - wie schon erwähnt
- die Frau biologisch vom Reproduktionsprozeß beansprucht, und dieser – "Umstände" genannter
- Umstand verlangte gravierende Anpassungen ab, die nahezu die gesamte
Jugend eines weiblichen Menschen bestimmten! Die labile Situation
des Zweier-Organismus einer werdenden Mutter, der so der Gemeinschaft
den biologisch nennenswertesten Dienst bot, ließ keine politisch
allzu korrekten Spekulationen hinsichtlich der Positionierung von
Mann und Frau im gesellschaftlichen Umfeld zu. Der Mann war (und
ist) körperlich der äußere Mensch, der an den Peripherien einer Gesellschaft
weilte, der die Beschützer-Exekutive ausführte. In dieser Umtriebenheit
aber übte er sich in vielem, was zwar primär darauf hinzielte, diese
seine Aufgabe wahrzunehmen, was aber in Erweiterung auch zu den erquicklichen
Entdeckungen der Wissenschaften wie auch zu weiteren Erfahrungen
führte, die nur außerhalb der alltäglichen Mitte gemacht werden konnten.
(Noch in unserer Zeit sind wichtige Errungenschaften wissenschaftlich-technischer
Natur oft Nebenprodukte militärischer Betätigung - man denke nur
an die Entstehungsgeschichte des Internet!) Und all dies wiederum
stärkte und prägte jenen Mechanismus des Aufnehmens, Differenzierens
und Abstrahierens, der auch den Prozeß der Individuation bedingte.
Für letzteren - wie Adam schmerzlich erfuhr - ist nämlich die Neigung
förderlich, die Bestandteile der Wirklichkeit und so auch sich selbst
zu vereinzeln; Selbstvereinzelung und Abstraktion sind nur weitere
Aspekte der Individuation. Wir wollen hier auf die neurologischen
und hormonellen Bedingungen, die nach der heutigen wissenschaftlichen
Sachlage diese Spezialisierung des Mannes im räumlich-abstrakten
Bewußtsein bestätigen, verzichten. Zum einen, weil die Evidenz der
hier eher theoretisch angelegten Betrachtungen diese Studien überflüssig
macht, zum anderen aber auch, weil die populistische Einfalt, mit
der solche Ergebnisse heute auf dem Büchermarkt herumgereicht werden
('Männer parken ein, Frauen hören zu…' etc.) schlicht zu dämlich
ist, um die Lust am Gebrauch dieser Fakten nicht zu verringern.
Ein weiterer psychologischer Faktor,
der den männlichen Heranwachsenden zur Individuation drängt, ist
im Anderssein zu der Mutter zu sehen. Während sich die weibliche
Sozialisation als ein Geradeausweg darstellt, der lediglich vom Kleinsein
zum Großwerden nach dem Bild des mütterlichen Ursprunges führt, ein
Weg also, der vom Vorhandenen nicht abweicht, sondern es verwirklicht;
ist die männliche Sozialisation mit einem Sprung verbunden. Denn
das Großwerden des Knaben nach dem Bild des Mannes ist ein Herauswachsen
aus dem Vorhandenen! Der Mann, der Vater, ist nicht der Organismus,
mit dem sich der Knabe schon als Säugling verschmolzen kannte. Der
Weg zum Vater ist ein Sprung in das Andere, Fremde, Herausfordernde,
es ist eine Überwindung des mütterlich-natürlich Vorhandenen, ein
Heraustreten, ein Erreichen, ein Ikarusflug.
Solche vordergründige Diskontinuität im
Entwicklungsmodus des Maskulinen, die hingenommen und überwunden
werden muß, sollte hier näher betrachtet werden. Beachten wir, daß der
Vater, dem der Knabe zustrebt, zwar eine reale Gestalt ist, die aber
von der sich bietenden Realität so lange fehlt, bis der Knabe einen
gewissen Grad der Loslösung von der Mutter erlangt hat, bis er nicht
mehr eins mit der Mutter sein muß. Und das muß er erst dann nicht,
wenn die ersten zarten Andeutungen einer Entwicklung zur eigenen
Person, zu einem Ich, aufgesprossen sind. Mit der Entdeckung des
Vaters als eines Anderen, zu dem man aber nur durch ein Wechseln
der Spur gelangt, entsteht eine Räumlichkeit im Werden und somit
in der Zeit! Zugleich entsteht eine Form der Verwandtschaft, deren
symbolisch-begreifende Natur sich als vorrangiger als die alte, empfindende
Natur bewährt. In der Verwandtschaft zwischen Vater und Sohn spielt
sich eindrucksvoll das Drama des sich der Natur entreißenden Ich
ab, das so dem Diktat seiner biologischen Evolution den Gestus seines
strebenden Geistes entgegenstellt. Alle Kultur des emanzipierten
Ich geht so durch den Vater, oder "Ich und der Vater sind eins",
wie schon an prägnanter Stelle artikuliert wurde (Johannes, 10, 30)!