VORWORT - TEIL II
Wie kam es zu alledem?
| 'Emanzipation des Weibes' - das ist der Instinkthaß des mißratenen... Weibes gegen das wohlgeratene, - der Kampf gegen den 'Mann' ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik." - Friedrich Nietzsche - |
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ie Zeit nach dem achtundsechziger Studentenaufstand war durch Radikalität geprägt. Eine Eigenschaft, die sehr geeignet ist, gewagte Utopien, aber auch blinden Fanatismus zu erzeugen. Der neuere Feminismus, der Radikalfeminismus ist ein Kind jener Zeit.
Inhaltlich kann man die nachachtundsechziger Auseinandersetzung in zwei Richtungen verfolgen. Die eine ging das Wesen des Menschen direkter an, die andere beschäftigte sich vorwiegend mit den Ereignissen um den Menschen, mit den Umständen.
Die erste dieser Strömungen kann als die "spirituelle" bezeichnet werden. Sie ist weicher als die zweite, welche die "politische" Strömung jener Zeit war. Obwohl sich beide hinsichtlich der Mittel und Methoden, die sie zur Veränderung der Welt vorschlugen, kraß einander gegenüberstanden, überschnitten sie sich an entscheidenden Punkten. So gab es oft zu jener Zeit das nüchterne, hochintellektualisierte politische Gespräch des Studenten im gleichen Raum, in welchem Räucherkerzenduft und Transzendentalphantasien mit der Untermalung psychedelischer Klänge einhergingen. Und beide Richtungen erkannten in ihrer Radikalität eines: Die Welt kann nicht nur etwas ganz anderes sein, sondern sie muß es auch werden.
Mag nun diese Forderung nicht viel Unsympathisches an sich haben, gezeugt hat sie allerdings einen neuen Trend, der die Forderung nach dem "ganz anderen" und "völlig Neuen" als globalen Kult auf allen möglichen Kulturgebieten übertrug und dahin tendierte, daß Neu- bzw. Anderssein fortan wertstiftend wurde, oft unabhängig von aller weiteren Qualität des anders- bzw. neuseienden Gegenstandes. Diese Mentalität hat am deutlichsten in der Kunst Umstrittenes erzeugt. Aber auch "Kinder an die Macht", wie eine Parole aus jener Zeit lautete, wäre etwas "ganz neues" und "ganz anderes", über dessen qualitative Hintergründe es jedoch einiges zu bedenken gäbe.
Die Gier nach Neuem machte aber die Gemüter bereit, Altes leichtfertig zu verwerfen oder es als untauglich oder unwahr zu deklarieren, ohne weitergehende Untersuchung der Richtigkeit des Ersatzes. Altbewährte Ideen, seit alters her erkannte Sachverhalte und allgemeingültige Denkmuster waren begehrte Kandidaten für eine Etikettierung mit dem Modewort "Mythos", um sie dann als solchen "fallen" zu lassen und so einer Wirklichkeit Platz zu machen, die im Sinne neuentstandener Ideologien inszeniert werden konnte - "alte Mythen, neue Rollen".
Die Welt neu zu machen fiel den Spiritualisten leichter. Indem sie das Wesen des Menschen (Bewußtsein) als Angelpunkt allen Seins annahmen (nicht weit von Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" entfernt) und gestützt auf vorwiegend östliche Weltanschauungsmodelle, plädierten sie für eine Veränderung oder "Erweiterung des Bewußtseins", welche ein neues Bewußtsein zustande brächte, das wiederum ein neues Sein, eine "andere Wirklichkeit" zu stiften imstande wäre.
Die politisch orientierten Erneuerer dagegen vertraten in gewohnter Tradition etwas Gegensätzliches. Zwar trat bei diesen - die allesamt nach links tendierten - der Kommunismus zumeist nicht vordergründig auf und wurde auch nicht unbedingt in der Form, in welcher er sich im Osten Europas durchgesetzt hatte, gepredigt. Die philosophische Basis allerdings, auf welcher dieser seine Ideen entfaltet, der Dialektische Materialismus (im Verbund mit einem unbedingten, "nüchternen" Positivismus), blieb dieser linken Bewegung als wichtigstes Werkzeug erhalten.
Nach jener Weltanschauung ist der Mensch in seinem Wesen durch das soziale Umfeld und die darin herrschenden Umstände (allesamt durch die Arbeitsteilungsverhältnisse entstanden) bestimmt, und nur eine Veränderung dieser Umstände könnte einen neuen Menschen und also eine neue Welt schaffen. Natürliche und geistige Eigenschaften oder Eigenschaften überhaupt, die unabhängig von den gesellschaftlichen Vorgaben das menschliche Individuum prägen und durch dieses die Welt, leugnet der dialektische Materialist programmatisch. Nicht das Bewußtsein wird die Wirklichkeit umprägen, sondern diese das Bewußtsein.


