Adam, Eva und die Mathematik
Nachdem wir in den vorangegangenen Ausführungen den Feminismus gerade
da zu fürchten gelernt haben dürften, wo er sich anschickt, Kulturarbeit,
wie die Sprachgestaltung eine ist, zu leisten, wird es jetzt Zeit,
ihm auch etwas Sympathie für diese seine Schwäche entgegenzubringen.
Das gelingt uns vielleicht, indem wir ihm aus jeweils verschiedenen
Gucklöchern zusehen, wie er sich mit der Sprache heroisch herumschlagen
muß, um Aussagen zu erkämpfen, die seine Thesen tragen sollen; eine
Aufgabe, bei welcher weder die Sprache noch der Feminismus es leicht
haben, und die niemals vollbracht werden könnte, ohne jenen unersetzlichen
Beitrag der Medien, der die 'Geschlechterdebatte' zum Diktiermonolog
des Feminismus verfremdete.
Wir wollen Art und Ursprung des feministischen Widerspruchs etwas
genauer analysieren und versuchen, die Methoden zu explizieren, mit
welchen er sein Dilemma zu leugnen und seine widersinnigen Thesen
in das Geistesleben der Gegenwart zu übertragen sucht.
Wo aber beginnen? In jenem Dickicht der Absurdität, in welchem Männer
und Frauen gleich sind, Frauen aber besser; wo beide Geschlechter
zwar gleiche Rechte haben sollen, die Frau aber eine Menge Sonderrechte
dazu; wo Diskriminierung angeblich aufgehoben wird, die des Mannes
jedoch allerorts stattfindet und sich täglich erweitert, haben bereits
die Strukturen der Verwirrung solches Geäst geschlagen, daß wir gut
daran täten, aus der verstrubbelten Krone des Baumes wieder den
Abstieg einzuleiten, um beim eindeutigen Stamm unsere Untersuchung
zu beginnen.
Und da, unter dem feministischen Baum der Verwirrung, stehen die
beiden, Adam und Eva, das unschuldige Weib, an sich überlegen und
erhaben, durch die Unterdrückung aber vom Manne - samt all der weiteren
Untugenden des letzteren - in das Verderben mitgerissen.
"Unterdrückung", das ist das Zauberwort! Wahrlich ein
sprachwissenschaftlicher und psychologischer Kunstgriff! Der beste,
womit der Feminismus das Debüt seiner dramatischen Aufführungen geben
konnte und woran er sich seither, gleich wie an einem kultischen
Gegenstand, festklammert. Denn das Wort "Unterdrückung" besitzt
mit seiner Bedeutung zugleich eine Funktion: Es ist ein Vektor! Eine
mathematische Größe also, die auf eine Richtung hindeutet und so
eine Zuweisung in der Vorstellung erzeugt. "Unterdrückt" kann
nämlich nur der mit dem geringeren Potential sein, "Unterdrücker" dagegen
der mit dem größeren. Der Schwache wird vom Starken unterdrückt,
nicht umgekehrt.
Daß die "Unterdrückung" also vom Mann ausgeht und von
der Frau erlitten wird, ist im Bewußtsein des Massendenkens mathematisch
verankert! Der Vektor, der im oberflächlichen Denken zwischen Mann
und Frau gesetzt wird, um das Verb "unterdrücken" zu veranschaulichen,
wird sich mit der Gewißheit, mit welcher sich die Nadel eines Kompasses
der Nordsüd-Richtung fügt, so zwischen den Geschlechtern positionieren,
daß seine beiden Enden stets auf den Mann als den Unterdrücker, auf
die Frau aber als die Unterdrückte hinweisen werden. "Unterdrückung" und "Frau" sind
ein Paar, sie gehören zusammen wie "Skyline" und "Manhattan" oder
wie "Akropolis" und "Athen".
Nur ist leider der Mathematik egal, was sie beweist, egal auch,
was sie anstellt. Gegebenenfalls könnte sie uns sogar ziemlich exakt
die Länge der Strecke vorrechnen, welche wir auf unserer Motorradtour
zwischen Frankfurt am Main und New York zurückzulegen hätten. Um
uns der Unmöglichkeit solchen Vorhabens zu vergewissern, müßten wir
schon weitere Wissensgebiete heranziehen. Denn Mathematik ist zwar logisch; ob
sie aber auch vernünftig angewandt wird, ist eine andere Frage.
Magnet- und Spannungsfelder
Irrt
also die Nadel des Kompasses? Nicht für gewöhnlich. Allerdings
dann, wenn man künstliche Magnetfelder in ihre Nähe bringt. Magnetfelder,
das sind hier formende Wirkungen, die unser Denken - je nach Persönlichkeitsstärke
des Einzelnen - zur Herstellung gewollter Muster veranlassen oder
auch zwingen. Und was die abgedroschene Frauen-Unterdrückungs-Debatte
(Feminismus) betrifft, sie bedient sich derartiger Felder und - entgegen
aller Beteuerung ihrer Erneuerungsabsichten - gern auch solcher,
die älter als sie selbst sind.
Denn wie man leicht feststellen kann, läßt Feminismus bei seiner
Geschlechter-Modernisierung keineswegs alle "alten Klischees
fallen", um sein "neues Geschlechterverständnis" zu
etablieren. Vielmehr geht er selbstentblößend selektiv vor, und das
so ungehemmt deutlich, daß niemand, der sich selbst bei aufrichtiger
Selbstwahrnehmung ernst nehmen möchte, behaupten könnte, dieses nicht
zu erkennen.
Ich erinnere mich an ein Plakat, das irgendwann in den Achtzigern
im linken Frankfurter Club Voltaire gegen die Frauenwehrpflicht warb
- einen Disput, von dem man immer wieder in Abständen so tut, als
ob es ihn gäbe. Es war das Portrait eines hübschen Bauernmädchens,
die 'Unschuld vom Lande' höchst persönlich - dick geflochtener, langer
blonder Zopf, große blaue Unschuldsaugen - und ein Spruch dabei,
der, wie ich mich erinnere, die Frage nahe legte: Welcher Unmensch
würde auf die Idee kommen, das Kind in die Armee zu stecken?
Ich hatte mich damals noch mit keinem einzigen Gedanken des Feminismus
angenommen. Doch irgend etwas gefiel mir an dem Plakat nicht. Später
wußte ich, was das war.
Es war das Pendeln zwischen den verschiedenen Darstellungen: Dem
Bild der 'starken Frau', die eine angstvolle Männermenge verjagt,
konnte ich immer noch augenzwinkernd zulächeln, wann immer ich an
der kleinen Buchhandlung am Öderweg vorbei kam. Mit der Unschuld vom Lande hatte aber
die rabiate Männerverscheucherin nichts
gemeinsam. Bei dieser verlangte eben die Propaganda das Gegenteil
der lieblich ländlichen Unschuld, und dieses war dann mit Selbstverständlichkeit
auch da!
Freilich gibt es verschiedene Frauentypen. Bei diesen Abbildungen
aber ging es nicht darum, unterschiedliche individuelle Präsenz bloß vorzuführen,
sondern kollektive Formen, Schemata zu entwerfen, die je nach Gebiet
und Bedarf für unterschiedliche gesellschaftliche Entwürfe und Entscheidungen
plädierten. Grotesk, daß dergleichen im Namen einer "Gleichberechtigung" oder "Gleichstellung" geschah.
Doch es geschah, und es sollte mehr zu denken geben, als man damals
wie heute zu tun bereit wäre.
Denn wo war das Portrait des schüchternen, sich zurückhaltenden,
lyrisch veranlagten, ja - warum nicht - ängstlichen Jünglings, der
sich dem Befehl zu einer Zwangsselbstverwirklichung fügen muß, in
welcher er als Instrument der Verteidigungsinteressen von Rechts-
wie Unrechtsstaaten gezerrt und gepfercht, gebraucht, bei Bedarf
dann konsumiert wird?
So dämmerte schon damals zwar die Vorstellung in mir auf, daß Feminismus
eigentlich eine sozialethische Ungereimtheit darstelle, ich dachte
aber, daß er eben deswegen keine Gefahr sei, und daß die Gesellschaft
ernst genug wäre, um die Motive von Forderungen, die von solcher
Seite gestellt wurden, zu durchschauen. Ich mußte darüber eines Besseren
belehrt werden.
Nehmen wir nun unsere beiden unterschiedlichen Frauenbilder etwas
näher in Augenschein: die liebliche Unschuld vom Lande und die gegen
Männer rasende Furie. Sie beide werden uns als 'unterdrückt' vorgestellt.
Erstere wäre dies zusätzlich, sollte sie für die Armee verpflichtet
werden; sie ist es aber 'als Frau' auch ohnedies. Letztere, die Furie,
ist ebenso im allgemeinen 'als Frau unterdrückt' und insbesondere
wenn sie nicht in die Armee eingelassen wird, soweit sie dahin möchte.
In diesem Beispiel werden zur Rechtfertigung des Unterdrückungsbegriffes
zwei unterschiedliche Klischees gebraucht: Ein altes, das, obwohl
es dem 'neuen Geschlechterverständnis' widerspricht, im Disput argumentativ verwendet
werden darf, und ein neues, das extra für den Disput angefertigt
wurde: Das erste ist das Klischee des 'schwachen' aber 'schönen Geschlechts',
ein Klischee, das an die Beschützerfunktion ('Rolle') des Mannes
appelliert, und das zweite ist ein Klischee neueren Datums, das von
der resoluten, 'starken Frau', welches die Beschützerfunktion des
Mannes gewöhnlich sogar verhöhnt.
Das macht insgesamt: Frauen müssen in die Armee dürfen, dürfen aber
dahin niemals müssen. Nur so könnte die blonde Unschuld so gut wie
die rasende Powerfrau zufrieden sein, allein die entsprechende Gesetzesänderung
müßte noch her - wo liegt das Problem!
Unser verpflichteter junger Mann dagegen ist auch dann, wenn er
- entgegen seiner Entscheidungsfreiheit - zu Handlungen gezwungen
(moralisch wie physisch vergewaltigt) wird, die aus ihm einen Krüppel
oder einen Toten machen könnten, nicht 'unterdrückt'. Er hat es nicht
zu sein, er darf es nicht und das allein deswegen, weil er ein Mann
ist, sprich, weil ein adäquates Denkmuster zu seiner Verteidigung
fehlt! Es ist in den universitären Designerwerkstätten der politisch
korrekten Geschlechter-IngenieurInnen nicht
hergestellt worden. Die nagelneuen Lehrsätze, die dort mit der feinstmechanischen Spitzfindigkeit der intellektualistischen
Pedanterie spätwestlicher Haarspalterei angefertigt werden und die,
wenn es der 'Situation der Frau' dient, auch Hand in Hand mit 'veralteten, patriarchalen'
Klischees gebraucht werden dürfen, sind allesamt 'nur für Frauen
und Mädchen'.
Ansatz zu einer gültigen Geschlechterdebatte
Das
Plakat der ländlichen Unschuld, das Buch über die Powerfrau;
das alles erschien parallel in jener Zeit, da der heutige Außenminister
Fischer im alternativen Frankfurter Strandkaffee des öfteren
sein Frühstück nahm, und die damals noch junge Partei der Grünen
ihre Programme auf Plakaten druckte, deren Header mit
jener Botschaft ausgestattet waren, die Soldaten (auch unseren jungen,
zwangsmilitarisierten Poeten) "Mörder" nannten. Es waren dieselben Schriftflächen,
auf welchen weiter unten in Kleinbuchstaben die Veranstaltungen der
Politlesben vorangekündigt wurden. Wie passend
doch dies alles den Lesern dieser Seiten erscheinen muß!
Solche ...vorurteilsfreie Äußerungen begleiteten Grünen-Auftritte
bis in die späten Neunziger, ja bis zu ihrem Eintritt ins Parlament
und verstummten schlagartig nach eben diesem Erfolg. Die letzten
'Soldaten-sind-Mörder'-Belästigungen erlebte
ich noch während einer politischen Aktion vor der Katharinenkirche in
Frankfurt am Main. Es muß im Wahljahr selbst ('98) gewesen sein.
Die Männerschelte spiegelte sich auf zig bedruckten Blättern wider,
die in verschiedensten Formaten irgendwo standen oder lagen.
Ich näherte einen der Stände, stellte mich vor die dahinterstehenden Pazifisken und sprach mit leicht erhobenem Arm und ausgestrecktem
Zeigefinger einen einfachen Satz aus. Ich sagte: "Soldaten" (und
legte eine dramatische Pause ein), "sind" (hiernach folgte
eine erneute Pause, während welcher ich den Kopf bei zunickendem Auf-und-Ab bedeutsam
vorstreckte) "Opfer"! Mein O sprang heraus rund wie der
Satz selbst, und diese seine Form wurde zusätzlich von der meiner
Hand unterstrichen, die sich mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger
in leichter Berührung vorgestreckt hielt.
Die verlegen-verlogene Reaktion der MännerbelästigerInnen war wie erwartet: Ein verschluckter
Lachversuch, ein Hinhalten, das jeweils anderen den Vorsprung in
die argumentatorische Front überließ.
Kein Zweifel, ich hatte die notorischen BesserwisserInnen mit
einer einfachen Klarstellung überrascht! Allein ein dunkelhäutiger,
schlanker Mann wollte das nicht auf sich nehmen: "Ja",
stotterte er, "Opfer sind sie natürlich auch, die Soldaten." Ich: "Sie
kommen sicher aus einem afrikanischen Land; was fühlen Sie für die
Männer, die, auf der Flucht vor ihrer Zwangsrekrutierung, zu Hunderten
im Nil ertrinken? Genug, wenn männliches Leid ignoriert wird. Muß es
denn noch dazu kriminalisiert werden?"
Ich wußte, mit der Verdrängung des Mannes als Opfer wurde allzu
Charakteristisches angesprochen. Wir werden dieser Tendenz heute überall
dort begegnen, wo uns Darstellungen menschlichen Leidens entgegentreten.
Und wir werden das mit zahlreichen Beispielen aus allen Bereichen
des sozialen und politischen Lebens dokumentieren können.
Nicht aber, um - wie vielleicht mancher Leser vermutet - über die
Ungerechtigkeit zu lamentieren, die Männern dadurch widerfährt. Wir
wollen uns vielmehr den Strukturen im gegenwärtigen Denken widmen,
die dazu führen, und den Konsequenzen, die unter einer solchen globalen
Voreingenommenheit für die Gesellschaftssysteme in ihrer sozial-
wie rechtsstaatlichen Funktion zu befürchten und bereits sogar deutlich
festzustellen sind.
Dabei wird ein Begriff, der bisher Wirklichkeit nur vortäuschte,
erstmals Substanz erhalten. Gemeint ist die sog. "Geschlechterdebatte".