DER MASKULIST
29.11.2012

Mit bedeutungsschweren und originellen Fragen beschäftigte neuerdings SPIEGEL ONLINE die Leser seines Forums: "Werden Männer in der heutigen Welt nicht mehr gebraucht?" Das erinnerte gleich an jenen Simpel der Sorte Fernsehmoderatorin, die sich während ihrer Sendung mit einem - rein zufällig - ähnlich lautenden Titel, "Wozu brauchen wir noch Männer?", im Jahr 2007 so unvorbereitet auf die selbstverständlichste aller Fragen (wer ist "wir"?) zeigte, daß sie der Aufnahmetechnik eilends die Anweisung in der Luft fuchtelte, die Filmsequenz mit dem unbequemen Fragesteller aus ihrer Schein-Livesendung zu entfernen. Was dann auch geschah.

Aber die Frage nach den Männern und deren Brauchbarkeit erinnert auch etwas an moderne Kunst: Bloß nicht nach Bedeutung fragen, und keine Geschmackspräferenzen anwenden, die nicht gegenüber der Vernunft, der Form und dem Gediegenen feindselig justiert sind. Nun hat es die moderne Kunst damit immerhin so weit gebracht, daß sogar Kompositionen ohne einen Ton als solche gelten; dagegen ist so ein SPON-Pamphlet fast Klassik: es besitzt ja immerhin Buchstaben. Klassisch bereits der Titel als unverzichtbares Mantra im emanzipatorisch-theoretischen Zeremoniell.

Ob nämlich Männer heute noch gebraucht würden, darüber regte sich dieser Titel zum gefühlten hundertsten Mal auf, doch lüstern wie am ersten Tag: "Erziehung, vor allem im frühkindlichen Alter, ist allgemein Frauensache, weibliche Tugenden wie Kommunikationsfähigkeit und bessere Verbalisierung von Problemen stehen hoch im Kurs, und Jungen fühlen sich zunehmend als das unvollkommene Geschlecht. Auch im späteren Leben sind männliche Eigenschaften in der Wahrnehmung vieler immer weniger gefragt. Ist der Mann in der heutigen Welt eigentlich überflüssig?" So die Begründung der Titelfrage.

Was wir unbedingt brauchen

Um den Gehalt und die Solidität dieser Befürchtungen nachzuprüfen und die Besorgten zu beruhigen, genügte wohl die einfache Umschreibung ihrer Besorgnis. So hätte sich die Relevanz der Frage, ob Männer heute nicht mehr gebraucht werden, auch unter folgenden Präzisierungen zu bewähren:

"Werden heute der elektronische Rechner und das Internet gebraucht? Wird die erfinderische Regsamkeit gebraucht, mit der schon wenige Jahre nach der Massenvermarktung des Computers seine Anwendung auf allen Bereichen des menschlichen Handelns möglich machte: auf Kommunikation, Text- und Bildverarbeitung, Logistik aller Art, Bildung und multimediale Unterhaltung, Produktion, Medizin, Raumfahrt, Navigation, und was uns sonst noch an Software-Applikationen heute zur Verfügung stehen?

Braucht unsere Zeit die Masse der Erfindungen, die Männern zufallen? Die wissenschaftlichen Nobelpreisträger mit ihren jeweils lebensrettenden und Leid lindernden Entdeckungen?

Braucht unsere Zeit ihre Metropolen, in denen Millionen von Menschen wie ein produktiv getriebener Organismus interagieren, lebend in knappem Raum, jeder mit dem Komfort, der einst kaum Palastbewohnern zur Verfügung stand, in menschenwürdiger Hygiene und Behaglichkeit von der morgendlichen Entleerung bis zur abendlichen Entspannung? Brauchen Erdbewohner Brücken, Straßen, energetische Infrastruktur, Kanalisation, Überseedampfer oder das Aufheben von Hurrikan-Schäden? Das Bergen in Katastrophen, die Sicherheitskräfte, die Feuerwehren?

Aber stopp! Wer – nochmal – soll zum Kuckuck der Konsument sein, der nach der Brauchbarkeit des Objektes Mann das Urteil fällen soll? Sind das die Autoren der fraglichen Zeilen, und sind diese allesamt weiblich? Sind es etwa Männer, die sich fragen, ob sie sich selbst noch brauchen? Oder ist die Frage prinzipiell so absurd, so zutiefst schizoid, daß sie in einem ungetrübten Verstand gar nicht erst aufkommen könnte? Komplizierte Erwägungen, deren Entscheidung ich lieber dem klugen Leser überlasse.

Was kein Mensch braucht

Doch es ergeben sich auch leichtere Fragen aus der Buchstabenabfolge der SPON-Denker, die es ja nicht versäumten, uns auch mit den vermeintlichen Gründen zu konfrontieren, warum Männer (für wen auch immer) unbrauchbar geworden sein sollen. Hier sind sie, die Gründe noch einmal: 1. Die frühkindliche Erziehung sei "allgemein Frauensache" geworden. 2. Gewisse Tugenden, genauer "Kommunikationsfähigkeit" und "Verbalisierung von Problemen", die SPON kurzerhand für weiblich erklärt, stünden "hoch im Kurs", während "männliche Eigenschaften", die SPON überhaupt nicht erklärt, in der Wahrnehmung "vieler" nicht mehr gefragt würden (gemeint kann nur die Wahrnehmung derer sein, die diese erfanden und propagierten, etwa der SPON-Autoren selbst). Dies alles führe dazu, daß "Jungen… sich zunehmend als das unvollkommene Geschlecht" fühlten.

(Mit letzterem Befund soll offensichtlich denjenigen in den Darmausgang gekrochen werden, die einst in ihrem Wunschzettel die Schlechterstellung der "Söhne" zum Zwecke der Ermächtigung der "Töchter" eintrugen: den Emmas im Lande.)

Doch die Jungen fühlen sich keineswegs minderwertig, sondern vom Bildungssystem hintergangen, und es ist erfreulich, heute, nach einem guten Jahrzehnt maskulistischer Internetaufklärung mitzuerleben, wie sie ihren Unmut darüber während der U-Bahnfahrt zur Schule lautstark thematisieren. Ebenso erfreut es einen, wenn Wiener Medizinstudenten juristische Schritte gegen ihre Universität vornehmen, weil sie sich durch die niedrigeren Prüfungsanforderungen an weibliche Bewerber von ihrer Universität "betrogen" fühlen!

Dagegen hörte man nirgends etwas von einem Protest der jungen Frauen, weil sie sich durch die eklatante Bevorteilung und Protektion gekränkt oder entwertet fühlten. Statt dessen quasselte die österreichische Frauenministerin etwas, das wohl so zu verstehen war, als würdigten solche Benachteiligungen der männlichen Studenten eine – unter diesen Umständen doch schwer vorstellbare - "Excellence von Frauen"! Freilich lachhaft. Doch welches Geschlecht hätte nun hier Grund, sich als das "unvollkommene" zu empfinden? Eher könnten doch die richtigen Fragen lauten: Haben wirklich so viele Frauen so wenig Ehrgefühl? Und brauchen wir solche angehende Mediziner?

Doch auch die weiteren "Begründungen" des Magazins sind nichts als unansehnliches Unkraut. Ein loser Bund aus intrigant zusammengenötigten aber nichtssagenden Fakten, willkürlichen Zuschreibungen und ebenso willkürlichen psychologistischen Annahmen. Verglichen mit der Evidenz, mit der wir weiter oben die unverzichtbare männliche Wirksamkeit im planetarischen Alltag illustriert hatten, stünde die Überzeugungsstärke der Berufsfeministen wie ein Kinderdreirad zu einem Sportboliden.

Daß Frauen die jüngeren Kinder erziehen und prägen, ist weder etwas Neues, noch ist es eine unumkehrbare anthropologische Konstante. Es ist eine eher gewöhnliche Situation – gleich ob Frauen die Kinderaufsicht im Haus ausüben oder den Unterricht in Schulen. Auch ist es nicht etwas, das Frauen den Männern abspenstig machen mußten. Es ergab sich eher aus der Trägheit der ersteren, etwas anderes als Germanistik und Erziehungswissenschaften zu studieren und aus ihrem etatistischen Hang, die tröstliche Hand des Staates als schützende Instanz über ihre Karriere walten zu wissen; dem selben Hang verdanken wir auch die Sättigung des öffentlichen Dienstes durch Frauen, wie heute ein jeder in Behördenräumen feststellen kann. (In Schweden sollen 75% der berufstätigen Frauen für den Staat arbeiten, und es wäre zu vermuten, daß zu deren beruflicher Unterbringung der berühmte behördliche Wasserkopf dort ein gutes Stück extra gewachsen sein dürfte. Und nirgends spricht sich diese willkommene Abhängigkeit der Frau vom starken, frischverliebten Staat stärker aus, als in der aggressiven Bettelei um gesetzlich verankerte Quoten für die private Wirtschaft.)

Würden wir übrigens die Lästerschrift der SPIEGEL-Leute etwas analytisch erhellen, käme auch die Frage nach den Folgen dran, die diese Oberhand der Lehrerinnen in der Bildung zeitigten. Die OECD-Studien ließen bekanntlich schon in vergangenen Jahrzehnten wenig vom einstmaligen Bildungsstaat Deutschland noch gelten. Arbeitgeber beschweren sich ebenso lange über die elementaren Lese- und Sprachschwierigkeiten der Auszubildenden, und der Beruf des Lehrers selbst wird heute als nunmehr weiblich reichlich entwertet wahrgenommen. Braucht ein Land solche Entwiklungen?

Von einer Veredelung durch Verweiblichung könnte jedenfalls nicht ausgegangen werden.  Damit aber hätten auch Feministen keinen Grund, nach Entwertung und Unvollkommenheit auf die Männer zu schielen. Und schon gar nicht auf die geschickten, erfinderischen und technikversierten Jungen. Daß die investigative Ignoranz der Verdummungsbeamten der vierten Gewalt nicht einmal die vom (Miß-) Bildungsministerium selbst erstellte Studie zur faktischen Benachteiligung männlicher Schüler referiert, zeigt deren geringe Bereitschaft, zu einem Aufschluß über gesellschaftliche Zusammenhänge zu gelangen. Brauchen wir diesen Journalismus?

Was nun die "Kommunikationsfähigkeit" betrifft, so sollte doch jemand, der sie dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben haben will, uns auch etwas von dem verraten, was sie bisher in diesem Lager hervorgebracht hat. Wie die Kommunikationsfähigkeit der Männer unsere Welt umspannt, bereichert und gestaltet, haben wir ja zusammengefaßt. Soweit der Mensch als der Gestalter seines Planeten wahrgenommen wird, ist der noch immer rein männlich. Insofern stimmt sein grammatikalisches Genus durchaus, und sein organisierter Einfluß läßt jede bisherige weibliche Kommunikation passiv, unkreativ, nahezu impotent erscheinen. Selbst den Feminismus gibt es bekanntlich nur dort, wo Männer ihn begründeten und ihn durchzusetzen bereit waren. Er besitzt kaum eigenes Potential. Vom Westen aus wird er dorthin exportiert, wo der westliche Einfluß sich entweder militärisch einschleicht (manche Drittweltländer) oder kulturell adaptiert wird (Schwellenländer). Er muß immer erst ermöglicht werden. Selbst schafft er sich keine Möglichkeiten.

Verlogene alte Hexe

Ob "starke Frauen" in der Politik ihre unerhörten Forderungen rotzfrech proklamieren, ob sie öffentlich erklären, daß ihnen die Situation männlicher Schüler schnuppe ist, oder ob schriftstellerische Langweilerinnen saisonweise ihren gebundenen Unfug über das Ende des Mannes und die Überlegenheit ihrer evolutionären Kompetenz publizieren, all dies ist vom modernen antiautoritären Mann erlaubt, so wie von einem antiautoritären Staat die Kritik an ihm erlaubt ist und die Phantasien um seine Auflösung. Es handelt sich dabei um Bereitwilligkeit zur Zivilisierung, die bekanntlich auf Übertragung von Wirkkraft an die Schwächeren beruht, ein Vorgang, der im destruktiv überzogenen Maß zum Prinzip des "Gutmenschen" mit seinem Schwachen- oder Minderheitenterror ausartet. Kein Kompliment ist dieses Wort, sondern die ironische Umschreibung des selbstzerstörerischen Zersetzers der eigenen Zivilisation just in dem reifen Alter, in welchem sie die beste Wirkungsweise zum Wohle ihrer Mitglieder hätte entfalten können.

Dagegen ist die Haltung desselben zum Leistungsmenschen, wie manche "progressive" Partei programmatisch zum Ausdruck bringt, die zum Zerstörer seiner Welt mit der Technik als dem eminenten Instrumentarium dazu. Bis in die Neunziger hinein wollten die Grünen nichts mit dem Computer zu tun haben. Ihre mühevolle Erweckung durch allmählich besorgte linke Technikfreaks, die ihnen klarmachten, daß sie ohne dies Gerät nirgends mehr ankommen würden, geschah – glaube ich – in den späten Achtzigern erst. Die Künast reagierte neuerlich noch auf Nachfrage zu diesem Thema mit einem aggressiv verlegenen und nichts sagenden: "Sagen Sie mal, auf welchem Planeten leben Sie eigentlich?" Nun lebte der Fragesteller schon auf dem richtigen Planeten, wie er gleich darauf dokumentieren konnte. Künasts verbaler Aggression lag keine Planetenverwechselung zugrunde, sondern ihr Unvermögen, Probleme zu verbalisieren!

Probleme verbalisieren können, ist nicht das Problem der Männer. Würden Männer Probleme nicht verbalisieren, würden sie auch keine Lösungen finden können. Alle Wissenschaft besteht aus der objektiven Verbalisierung von Problemen und der Findung von Lösungen. Diese Praxis konnten Männer auf theoretischen Gebieten gut einüben. Warum sollte sie bei ihnen in zwischenmenschlichen Konflikten versagen? Der Unterschied zu den Frauen ist nicht ein Unvermögen des Mannes bei der Verbalisierung von Problemen, sondern eine stärkere Abhängigkeit der Frau von der Verbalisierung von Problemen; dies einfach deswegen, weil die Frau allein, also ohne eine ihr konventionell übertragene Macht, weniger durchsetzungsfähig ist, und sie ein Problem externalisieren (um Verständnis oder um Hilfe werben) muß, um zu seiner Bewerkstelligung zu gelangen. Ist sie aber mit konventioneller Macht ausgestattet, so kann auch sie ihren Lösungsansatz ganz einfach "alternativlos" nennen, und "basta" sagen! Auch innerhalb familiärer Strukturen kann sie ähnliche Dynamik entwickeln und sogar Gewalt.

SPONs Ansätze sind somit inhaltlich allesamt nichtig. Was von dem Artikel übrig bliebe, das ist ein häßlicher Geist, der sich der Form einer Besorgnis bediente, um dabei giftige Einflüsterungen als Tatsachen, von denen man auszugehen hätte, darzustellen. Die Giftmischerin steht dann mit dem Becher vor dem Leser: "Könntest du es bitte probieren? Ich finde es schmeckt etwas zu streng, was meinst du?" – Verlogene alte Hexe!

DIE ZEIT dagegen kam nur wenige Tage später etwas differenzierter zum Thema. Sie verkündete das Ende des "weißen" Mannes. Es scheint wohl, als würde man dort den Geschlechterkampf instinktiv auf die Ebene transponieren, auf der er sich als das anhört, was er wirklich ist: der Kulturkampf einer Kultur gegen sich selbst. Ein tragischer Fall, einer in der Kulturgeschichte vermutlich einmaliger in seiner Art. Und meines Wissens ist die vorsätzliche Selbstaufhebung der westlichen Kultur als eigentlicher Hintergrund der Politisierung des Feminismus nirgends in der antifeministischen Literatur so dezidiert vertreten und beleuchtet worden, wie es auf diesen Seiten geschah. Im PDF-Vortrag "Feminismus als Ausdruck spätabendländischer Selbstentfernung" habe ich gezeigt:

1. Daß der Haß gegen den Mann mit dem gegen die westliche Zivilisation (den "weißen" Mann) identisch ist, und daß dieser Haß sowie der Feminismus gleich beim Aufkommen des Materialismus gemeinsam entstanden.
2. Daß diese beiden, Feminismus und Haß auf den Mann und seine abstrakt geistige Kultur, der Abwehr des Materialismus gegen (vor allem westliche) geistige Manifestationen zu verdanken sind, die in ihrer Gesamtheit das "Patriarchat" ausmachen.
3. Unter dieser Voraussetzung verkam der in derselben Epoche gewonnene Individualismus durch die Ablehnung seines geistigen Kerns, des Ich,  zum wesenlosen Egoismus. Dieser, anders als der wohlgeratene, selbstbewußte Individualismus, distanziert sich nicht souverän von der Umgebung seines Herkommens, sondern wendet sich zerstörerisch gegen diese.
4. Nachdem die sozialökonomischen Angriffe des Materialismus gegen die eigene Väterkultur (zunächst getarnt als etwas, das es nie gab: als Revolution des Proletariats), ausgedient hatten, geriet der bis dahin "aufbewahrte" Feminismus, das Schwester-Übel des Kommunismus, in Aktualität und wurde in seiner Eigenschaft, Geschlechteridentitäten aufzuheben, als das effizienteste Instrument erkannt, um das "Patriarchat" in seiner essentiellen Mitte zu treffen. – Wir zählen die 68er!

Es ist also ganz im Sinne des Maskulisten, wenn DIE ZEIT jetzt in diese Kerbe schlägt, und Grund genug für denselben, sich die Lektüre zu ersparen. Denn er kann mit ziemlicher Treffsicherheit erraten, was DIE ZEIT so geschrieben haben dürfte:

Ganz konzentriert dargestellt: In diesem Leitartikel ginge es wohl der Zeitung darum, den Sieg Obamas als das Ende des "weißen" Mannes weltweit zu verklären. Hat sich das Blatt dabei zu dämlich angestellt, nahm es als weiteren Beleg seiner These die Frauenquoten hinzu, und machte damit aus der Krücke eine Kanone. Höchstwahrscheinlich jedoch beging die Zeitung folgende Verwechselung: Wenn nämlich Obama durch Frauen und weniger leistungsfähige Minderheiten legitimiert wurde, dann haben wir es zwar schon mit einer Neuerung im diesjährigen amerikanischen Wahlergebnis zu tun. Und sollte diese Affinität zwischen Gewähltem und Bedürftigen nun Tradition bleiben, sähe es in der Tat schlecht um die USA aus. Aber nicht der weiße Mann ginge damit unter, sondern das System, das ihn aussetzte. Er selbst würde als Typus in seiner Essenz und in seiner Weise schlimmstenfalls im Exil der aufkommenden Schwellenländer fortwirken. Der weiße Mann würde so auf jeden Fall bleiben, selbst als seine chinesische oder indische Emanation. Untergehen würden die ihn politisch rausekelten. All dies stand sicher nicht in DIE ZEIT. Das macht aber auch nichts, und das würde auch niemand erwarten.

Masturbieren beim Foltern – Ein Fall von Multitasking?

Erwartet hätten wir aber ebensowenig das kleine Juwel, das uns eine der beiden Kolumnistinnen des Online-Magazins schenkte, dem wir auch den Anstoß zu diesen Überlegungen verdanken. Angetrieben vom Leitartikel der 'Zeit' nimmt die Autorin derartige Fahrt auf, daß alle intellektuelle wie emotionale Steuerung außer Kraft tritt. Eine gewisse Tiefe besitzt der Artikel Silke Burmesters schon. Eine Tiefe ohne Inhalt. Schwarz also wie Abgrund.

Nachdem uns die Autorin gleich vorne den quälenden Zweifel aufbürdet, ob nun ihre Vor-Äffinnen den aufrechten Gang auch angenommen hatten oder ihn emanzipatorisch verweigerten (denn sie spricht nur vom "Affen" und seinem aufrechten Gang), beginnt sie mit einem atemberaubenden Temperament sich vor dem Auge des Lesers auszuziehen. Doch gleich stellt sich eine weitere Atembeklemmung ein, als man sich nämlich der peinlichen Tatsache zu stellen hat: die ist ja verkrüppelt!

Die Dummheit ist nicht das Übelste in feministischen Schriftstücken. Diese mußte schon zum Genre erhoben werden, damit der Feminismus erst eine Sprache bekam. Niemand verweilt gedanklich lange daran, daß die SPON-Kolumnistin allein den weißen Mann in die Nähe der tierischen Vorfahren des Menschen stellt, als wäre der Rest der Menschheit pflanzlichen Ursprungs. Auch verübelt ihr niemand, den weißen Mann welken zu lassen, während die weiße Frau, die sich noch nie in der Lage zeigte einen Fahrstuhl zu installieren, jetzt behaglich in der Welt agiert zusammen mit freudestrahlenden gendersensiblen schwarzen roten und gelben Männlein, die ihr den Bauch pinseln. Höchstens dort, wo sie die Darbietungen ihrer Skurrilität mit dem Hinweis aufzuwerten versucht "darin sind sich die Klugen einig", muß man schon etwas schmunzeln - Silke in bester Gesellschaft.

Doch die "Klugen" könnten denken, was Silken offenbar nicht können: Daß dieser weiße Mann, der "mit Freude in die Ferne" aufbrach und sich "die Ureinwohner ganzer Kontinente untertan gemacht" hatte, auch mancherorts binnen dreier Generationen aus Kannibalen-Gesellschaften Handy-Zivilisationen entstehen ließ. Das wäre für die "Klugen" Objektivität, was aber Gift für ein Seelchen wäre, das allein auf den Weiden des Hasses seine Erfüllung zu suchen gelernt hat, ohne sie jemals freilich zu finden.

Und dieser letzte Punkt, nämlich die verzweifelt enttäuschte und unbedarft offene Gier nach Erfüllung durch Haß, Häme und Spott, mit der sich Burmester vor einem breiten Lesepublikum entblößt, macht diesen Artikel zu einem besonderen. Eine Emanze aus Pathos rackert sich regelrecht ab, um das Opfer erst einmal zu kreieren, das sie öffentlich zerlegen will. Kein gewöhnliches Opfer! Der weiße Mann höchstselbst soll es sein, der Geist des Planeten sozusagen, und eine hochfahrende Naivität läßt Burmester glauben, daß jedes alphabetisierte Huhn sich einfach zu den ehrerbietigen Räumen der Geistesgeschichte begeben kann, um sich dort diesen Herrn zu krallen und ihn mitten im grellen Funkeln des medialen Gelabers zu enthaupten. Bloß weil Obama wiedergewählt wurde, und Frauen zur Kompensation ihrer Unzulänglichkeiten Quoten bekamen!

Zu diesem Plan soll allerdings der Erfinder der Welt erst neu lernen, was er ist. Ab sofort hat er sich "als armes kleines weißes Männerwürstchen" neu zu erfinden, das "vom Olymp… herabgestürzt" worden ist. Akklimatisierungsphase Pi mal Daumen ca. 20 Jahre. Die Zeit könnte sich der weiße Mann zunutze machen, um sich weiter für Burmesters Vorstellungswelt zu qualifizieren. So soll er:

1. "im Spiegel das Abbild einer Spezies im Untergang" sehen, aber womöglich meinte sie nur den Spiegel-Online, und da haben wir ja das empfohlene Abbild etliche Jahre schon.
2. Er soll kapieren lernen, daß ihm die Tür zum Machtanspruch von Obama und den Quotenfrauen endgültig zugeschlagen wurde. (Nicht auszudenken was wäre, wenn eine Quotenfrau Clinton die beiden letzten Wahlen gewonnen hätte! Oder aber Silke wäre völlig ausgebrannt, und man hätte eines Tages nur ein Häuflein Asche auf ihrem PC-Sitz gefunden.)
3. Er soll sich als "Trottel der Kompanie" begreifen; sein "geiles Brusthaar" hülfe ihm auch nichts mehr. (Laszive Neidempfindung auf die sekundären Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts?! Silke, könnten es auch die primären sein?)
4. Frauen und Mädchen sieht er jetzt an ihm vorbei ziehen, um die Welt zu gestalten; er steht da mit seiner Aktentasche und einem Rosenstrauß, den ihm niemand abnimmt. Mehr Filmdramatik: Zug fährt ohne ihn ab, und der Wind "trägt das schallende Gelächter seiner Insassen" an sein Ohr…
5. An "den Rand des Geschehens gedrängt" und nach einem letzten Kraftaufwand wie dem einer kranken Birke, "die in ihrem letzten Sommer noch einmal… absamt", fügt sich nun der Mann (weiß) dem Unentrinnbaren und schaut passiv seiner "eigenen Beerdigung zu."

Trunken vom der Lust an Häme scheint die Autorin so unreflektiert zu verfahren, daß sie uns sogar gegen Ende der einsamen Party ihre seelische Motivation preisgibt. Sie versucht jetzt den Mann suggestiv zu provozieren: "Das macht natürlich wütend. Oh, das macht so sauer!" Sie bildet sich ein, in die Seele des männlichen weißen Lesers diese Empfindungen installiert zu haben, und das scheint sie zu erregen. Offensichtlich will sie Wut erzeugen. Wut und Kränkung: "Und sollst dabei auch noch freundlich bleiben", setzt sie einen drauf, den eigenen Sadismus unbekümmert zur Schau stellend. Solches Niveau besitzt m. E. der Journalismus erst durch die Feministinnen.

Doch die seelisch-ethische Schäbigkeit, dieser üble Geruch im Blätterwald hat sein Gutes: Er beschleunigt sicher durch das Vertreiben der angewiderten Leser das Mediensterben im Mainstream. Das ist gut so, denn diese Landschaft ist versumpft und ihre Umgestaltung lebenswichtig für die Kultur des Menschen, vor allem des weißen.

Es war ein ganz bestimmtes Bild, das sich während Burmesters Lektüre immer wieder bei mir einstellte, und von dem ich meine, daß es stellvertretend für den Eindruck stehen könnte, den der von ihr so abscheulich attackierte Leser dabei bekommt. Ausgehend nämlich von den verlogen hehren Ansprüchen des Feminismus als Gerechtigkeits- und gar Menschwerdungslehre (Schwarzer) kam mehrmals während Burmesters hate speech das Bild des Mitglieds eines Ethikrates hoch, das gerade beim Foltern einer ihm verhaßten Person masturbierend erwischt wird. Und ich dachte dabei: Feministinnen werden gar nicht erwischt. Sie präsentieren sich gleich so! In einem makabren Streep, in dem mit jeder fallenden Hülle mehr von der Häßlichkeit und Morbidität des Wesens erscheint, das sie verkörpern. Wir müssen diese Zunft re-zivilisieren. Das sollte in der Bildung beginnen und eines der dringendsten Amtsinteressen des weißen Mannes werden.

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