DER MASKULIST
25.04.2012

Mit ihrem durchschlagenden und bisher feminismusfreien Erfolg in Wahlen und Umfragen hat die Piratenpartei einen weiteren Beleg für die alte These des Maskulisten geliefert, nach welcher der Erfolg einer Partei eben mitnichten von ihren Zugeständnissen an den Feminismus abhängt. Dies aus dem einfachen Grund, weil die eigentliche Frau, die Frau außerhalb jener Minderheiten von Medienfunktionärinnen und sonstiger Berufs- und Berufungsweiblichkeit, sich gleichgültig bis negativ gegenüber feministischen Versprechen in der Politik verhält. Viele Male wurden hier aus der deutschen und internationalen politischen Bühne Belege dieser These angeführt. Um so erstaunlicher (und das ist ein Thema für sich) ist demnach die Totalität, mit der in den vergangenen beiden Jahrzehnten alle politisch relevanten Parteien der Irreführung der vierten Gewalt erlagen, die feministisch-genderistischen Positionen in ihren Programmen zu forcieren.

Um so mehr amüsierte es dann auch zu erleben, wie der diesbezüglich souveräne Piratengang sogar im Hause der grünen Urfeministen Bedenken hoch wirbelte, ob sich nicht der dort seit Bestehens der Partei eingehaltene Femiwahn für sie auf die Dauer unbekömmlich ausgewirkt hätte. Doch wir lassen die Grünen ihre Fragen selbst beantworten.

Nicht minder amüsant (wenn auch reichlich lästig) waren indessen die Ansätze der "traditionellen Medienhäuser" (hübscher Begriff eigentlich!), die Piraten, die als technikaffine Gemeinde selbstverständlich männerdominiert daherkam, in die Freuden der künstlichen Zwangsverweiblichung nach Art des Gender-Mainstreaming einzuführen. Doch so richtig klappen wollte es bisher nicht mit der speziellen Ermächtigung der Mitgliederinnen. Bisher!

Zuerst wurde die gliederdominierte Partei wie eine Gruppe von Sonderlingen bestaunt, denen man anstandshalber eröffnen mußte, daß ihnen etwas fehlte. So trat zu dem anfänglichen Unterton "wo-gibt’s-denn-so-was!" ein mediales Nachstellen der wenigen weiblichen Parteimitglieder hinzu, über welches eines der Opfer, die einstige politische Geschäftsführerin Marina Weisband, auf ihrem Blog mit dem zusagenden Namen "Marinas Lied" folgendes Klagelied sang, bevor sie das Handtuch schmiß:

"Meine Medienpräsenz besteht zu 80% aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbies, meine Art. Hach, wie hübsch und hach, wie erfrischend, heißt es da immer. Ja, ich bin für die Öffentlichkeit gerade eine angenehme Gestalt – jung, engagiert, weiblich. … Warum in der Piratenpartei so wenige Frauen sind? Weil in der Politik so wenige Frauen sind! … Weil die Zeitungen über sie nur berichten, was sie an haben, oder Heldenstories mit ihnen machen, wie sie sich als Frau durchschlagen… Deshalb!

Ich bin in der Piratenpartei nie Sexismus begegnet. Ich habe nicht an Sexismus geglaubt. Aber das hier ist er. … Aber war es wirklich das, warum ihr Journalisten werden wolltet? Damals? Um bei einer neu aufkommenden politischen Bewegung, die überraschend viel Zulauf erfährt, über den Lippenstift der politischen Geschäftsführerin zu schreiben?

Ich hasse es…, dass ich 'Star' der Piraten genannt werde, weil das einfach falsch ist, weil ich kein Star bin, weil wir einfach zusammenarbeiten… Es geht darum, zu erklären, was im Moment möglicherweise falsch läuft…"

Diese Philippika vom Dezember 2011 an die Adresse der schreibenden Kommune, eine Beschwerde, die uns wohl auch einen der Gründe des darauffolgenden Rücktritts Weisbands andeutet, könnte auch Licht auf einen späteren SPON-Kommentar zum Ausfall einer weiteren Piratin werfen, diesmal bei der frenetisch gefeierten Landtagswahl im Saarland, März 2012: "Nur Spitzenkandidatin Maurer, das Gesicht der Partei, auf die sich in den vergangenen Wochen die Medien stürzten, wurde alles zu viel. Am frühen Abend machte der Kreislauf schlapp, die Piraten müssen ohne ihre Chefin feiern."

(Tja, ihr unsäglichen Stalker! Laßt doch einfach die sich so mühevoll aufschwingenden Töchter in Ruhe, wenn es was werden soll. Ohnehin nimmt Euch kaum jemand die weiblichen Findlinge ab, die ihr stante pede das eine Mal zum "Gesicht der Revolution", das andere zu dem "der Partei" - oder wessen Kollektivs und Großereignisses auch immer – kürt. Welchem Leser wäre noch die Naivität zuzutrauen? Die ungestüme Umklammerung der aufgeregten Onkels und Tanten aus den Propagandawerkstätten des Mainstreams beeinträchtigt bloß das labile Völkchen, das sie ermuntern soll. - Aber welche subtile Einsicht sollte den Grobian leiten, der aus dem einstigen Beruf des Enthüllers heute ein Staatsamt für Obskurantismus errichtet hat…)

Doch nach diesem ersten Mißerfolg zogen sie, die Paten und Patinnen der Piratentöchter, nicht etwa von dannen, sondern weitere Register: Da alle Wahlergebnisse und Wahlumfragen beständig zeigten, daß Frauenförderung trotz Medienschelte und Emmafluch Wählern wie Piraten innigst egal blieb, setzte man auf den Parameter Frauenschutz und damit auf die Mobilisierung eines schlechten Gewissens und des Mitleids der Männer. Gleichnishaft lautete die Einflüsterung: "Okay okay, ihr heillosen Pickel-Machos, eins zu null für euch und eure verfluchte Sturheit: Ihr braucht also Weiber nicht wirklich für den politischen Erfolg, eigentlich wissen wir das auch, aber nun ja, Propaganda ist nun mal Propaganda und die feministische sowieso! Schwamm drüber… Doch jetzt mal: Seid ihr überhaupt Männer? Wie schützen Männer in einer Partei ihr schwaches Pendant? Gegen sexistische Angriffe aller Art zum Beispiel? Oder Belästigung, Diskriminierung – ihr wißt schon? Denn wie man so hört, mangelt's an dergleichen in eurer Partei nicht!"

Zeit für die Keule, heißt das, da Patient unwillig. Offiziös formuliert: "Die Jungen Piraten werfen der Partei Sexismus und Rassismus vor." (Da sind wohl vor allem junge Piratinnen gemeint, aber das generische Maskulinum wird oftmals dankbar vorgezogen.) Weiter zur Begründung: "Eine Frau sei als 'zu hübsch' bezeichnet worden." - Keine Bange, hübsche Frau! Die Heere der Anständigen sind schon unterwegs.

Das Erbe nicht angetreten

Nein, nicht die Piraten interessieren hier. Ausdrucksvoller noch als die Partei ist ihr Scheitern, das gegenwärtig so sicher scheint, wie die Popularität der Überflieger. Warum?

Die Piraten schienen seit Anbeginn ihr eigenes Potential zu verkennen. Es war das konzeptionelle Anderssein gegenüber den anderen Parteien plus das Neusein der eigenen in einem zwingend fortschrittlichen Entstehungsambiente: dem achten Wunder Internet. Mit konzeptionell will ich betonen, daß es sich nicht um eine beliebige ausgefallene Form des Andersseins handelte, sondern um das Anderssein in Bezug auf herkömmliche und als unverrückbar geltende Konzepte. Als erstes von ihnen zeigte sich der Feminismus. Sicher deswegen, weil die neue Partei von den Epochenmachern zuallererst hiernach gemustert wurde. Ideologie No. 1 einer gleichgeschalteten Gegenwart.

Nur war da nichts mit Feminismus, und was faszinierte und zugleich entsetzte war, daß dies mit einer Partei aufkam, der niemand den Anspruch auf Modernität abzusprechen die Kompetenz hätte! Denn sie verdankte ihre Modernität nicht einer politischen Positionierung, sondern dem Zeitalter selbst, diesem durch technische Genialität geschwängerten Zeitalter. Die Effizienz aber dieser Authentizität könnte nur in ihrer Anwendung als Kraft an sich, als Elixier und Faktor a priori bestehen. Nicht in etwaigen "modernen" Inhalten, die sie erst aufzunehmen hätte. Im Gegenteil: An ihr, an der Freibeuter Tat, hätten sich herkömmliche Inhalte und Thesen hinsichtlich ihrer Modernität zu messen haben sollen.

Wer mein Buch kennt, weiß, daß ich in der Spannung zwischen jenen Teilen der Nachkriegsbewegungen, aus welchen der neue Feminismus entstand, und den Technikanbetern derselben Zeit (die dort als "zweifelhafte Jünger der Erdgöttin" bezeichnet werden und das neue Zeitalter der Maschine und der Kommunikation einleiten) den genetischen Prozeß für die gesellschaftspolitischen Strukturen der darauffolgenden Generationen sah. Die Piraten sind darin als die Erben der letzteren Plattform vorgezeichnet. Schon zu ihren ersten Auftritten amüsierte mich daher die Tolpatschigkeit des jungen Welpen, wissend nämlich, daß die Zeit gar nicht so weit sein könnte,  um den kulturhistorischen Hintergrund, den ich skizziert hatte, faktisch zum Zuge kommen zu lassen. Die Voraussetzungen dafür müssen erst vom gesamten westlichen Mann eingeleitet werden. Er ist gerade erst dabei aufzumerken. Und das wurde ihm durch eben jene entscheidende Revolutionierung der Kommunikation und natürliche Heimat der Piraten, das Internet, ermöglicht!

Zieht man in Betracht, daß die Grünen als feministisches Urvieh und Gäa-Priestertum bis in die Neunziger hinein (zum Teil sicher noch später) den Computer ablehnten, erschaudert es einen ob der dramaturgischen Schicksalhaftigkeit des kulturanthropologischen Spiels, das die beiden Parteien gegenwärtig vorführen. Historische Leckerbissen für die Erkennenden.

Doch würde man sich nicht durch die Gewißheit trösten können, daß die Zeit definitiv nicht reif genug für Freibeuter ist, die sich schon jetzt eine überschaubare Exploration unserer Epoche und ihres Vorspanns zu erbeuten vermögen, würde es einem leid tun, diese jungen Leute mit dem naiven Eifer der Neuentdecker des Gutmenschentums randalieren zu sehen und sich mit "modernen" Gefälligkeiten so vollzustopfen, daß ihnen der Gang erschwert wird.

Anstatt ihre genuine Zeitgemäßheit als das Maß aufzustellen, an dem eventuelle Irrtümer der langsam vermodernden 68er falsifiziert werden könnten (ist das Geschlecht wirklich ein Konstrukt, oder eher die Theorie, daß das besagt?), verzetteln sich die Neuen darin, sich als Postgender auszugeben, bei denen das Geschlecht längst und gemäß den Satzungen des Mainstreams keine Rolle mehr spielt. Warum eigentlich nicht, ihr PiratInnen? Schließlich gibt es das ja, das Geschlecht, oder besser: die Geschlechter. Als biologische Wahrheit nämlich. Ist das wirklich nichts?

Damit, gleich zu Beginn dem Sog politischer Zwangsvorstellungen anheimgefallen, die dann suggerieren, daß wenn das Geschlecht keine Rolle spielen soll, dann beide Geschlechter gleich positioniert sein müßten, strudeln sie immer geschwinder den Untiefen entgegen, in denen die Skelette der Ahnherren jener Gleichheitsutopien lagern, die allen allen Zugang zu allem schaffen wollten, und die mit der damit einhergehenden Verachtung von individueller Leistung und Verdienst nur bittere Not für alle schufen. Man kann keinen Staat so frei-beuten, wie es die Polit-Altruisten aller Zeiten gern vorführen wollten. Sozialkreuzfahrten auf Utopia endeten stets in Havarie!

Daher könnte nur ein glücklicher Impuls der Besinnung auf die eigene Bedeutung und der Selbstermächtigung als politisch moralischer Trendsetter die Piraten vor der Selbstaufhebung bewahren, zu welcher das Kollektiv durch die List der Medien geleitet werden soll, die alles Neue in das Hamsterrad links populistischer Banalität zwängt. Andernfalls könnte die neue Partei in den kommenden 100 Jahren, nach Ausschlafen ihrer ärgsten Illusionen, als "Realos", wie es dann hieße,  den Grünen ernste Konkurrenz um die Stelle des "Züngleins an der Wage" rotsozialistischer Wahlhoffnungen bieten. Aber so lange währt dies System nicht mehr. Schade ist das nicht.

Übrigens hat sich Frau Weisband inzwischen zurückgemeldet, um nach ihrem erholsamen Aussetzen (lt. Wikipedia ward ihr der unverhoffte Erfolg ihrer Partei zuviel und gönnte sich wohl zwischendurch etwas Urlaub von der Verantwortung) der Parteibereinigung von rechtsradikalen Umtrieben zu frommen, mit Verlautbarungen der Art: "Wir werden mit allen politischen und juristischen Mitteln gegen dieses Schwein vorgehen."

Hach, wie scharf, Marina! Macht gespannt, was noch alles Frau an Bord den Piraten bescheren könnte.

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