DER MASKULIST
15.07.2012

Es ist ja eigentlich ein klerikaler Spruch, der da vom "lebendigen Wort" redet, und natürlich das "Wort Gottes" meint. Nun soll ja Lebendiges gewiß darin lebendig sein, daß es sich auch verändert, und wo sonst wäre der Lebensraum eines sich entfaltenden Wortes Gottes zu verorten, außer im Reiche der evolvierenden menschlichen Vernunft? Und diese hat sich längst für einen säkularen Stand entschieden, was jeder (auch gerade der spirituell "musikalische" Mensch) begrüßen muß, dem theokratische Archaik als barbarische Reminiszenz erscheint.

Sicher bergen Säkularisierung und Individuation auch Gefahren, die wir hier nicht erörtern sollen. Doch sie beide gibt es wohl, weil wir Werte entdeckt haben müssen, die uns höher erschienen als das Bestimmungsrecht einer Religion über eine Kultur. Diese Werte nennen wir Menschenrechte, und sie umfassen auch die Religionsfreiheit, was sie, die Menschenrechte, größer macht als die religiösen Präferenzen einzelner Gesellschaftsteilnehmer.

Nun hat kürzlich das Urteil einer deutschen Instanz, welches den jahrtausendealten Brauch der Jungenbeschneidung unter Strafe stellt, weil er einen irreversiblen Eingriff vorschreibt, den nach geltenden Vorgaben des Grundgesetzes nur ein zur Mündigkeit herangewachsenes Individuum an sich vornehmen lassen dürfte, eine Diskussion in Männerrechtler-Kreisen erregt, die ihren Umfang nicht verdient. Denn die Sache ist an sich vollkommen klar: Das vom Landgericht Köln ausgesprochene Urteil ist trotz etwaiger Formulierungsschwächen notwendig und überfällig, wenn auch durchaus konfliktgeschwängert. Doch notfalls müßte etwas ausgetragen und nicht zu Lasten der wehrlosen betroffenen Kinder und Neugeborenen tabuisiert werden, wobei auch die Möglichkeit einer kollektiven Selbstreflexion der Anhänger des Rituals verspielt wäre.

Zwar bin ich persönlich durchaus bereit, den Gerichtsvorstoß unabhängig von männerrechtlichen Interessen zu betrachten, obwohl die Ungerechtigkeit der Politik bezüglich Jungen- und Mädchenbeschneidung zum Himmel schreit. Aber was änderte dies in der ethischen Gemengelage des Konflikts an sich? Ist es nicht höchste Zeit, das gerichtliche Urteil als Chance zu begreifen, grundlegende Gedanken über den geistigen Verbleib von Bräuchen zu machen, die sich noch buchstabengebunden geben, und dies in einer Zeit, in der solche Gebundenheit uns fast täglich desaströs berührt?

Doch lassen wir diese Fragen auf maskulist.de als themenfremd beiseite. Wenn aber jemand den Befürwortern dieses Gerichtsurteils, das Erwachsene bestraft, die ihren Schützling aus rituellen Zwängen teilverstümmeln, eine Neigung zur "Unfreiheit" und jene feministische "Lust" am Staat und "am Eingriff in das Leben anderer" bescheinigt, dann möchte man demjenigen etwas Auszeit empfehlen, um über das eigene Denken nachzudenken. Denn solange es Staaten gibt (und das Verhältnis der allermeisten Menschen zur "Freiheit" belegt, daß es sie noch eine Weile geben wird), werden auch wir die Intention und Auswirkung von Gesetz und Urteil nicht ignorieren können.

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