EIN JAHR DER FRAU?
Die Frauen-Karte in der Politik 2008
Gleich ein ganzes Jahrhundert würden bodenständige Maskulisten der Frau nicht unbedingt widmen wollen. Aber ein Jährchen, so ein klitzekleines einzelnes Jahr, nämlich das allmählich zur Neige gehende aktuelle, könnte man, rückblickend auf die resonanzreichsten Events in der nationalen und internationalen politischen Landschaft, durchaus und gewissermaßen ein "Jahr der Frauen" nennen. Und was für eines!
Eines zum Beispiel, welches die Parteien (hingen nicht an ihren Füßen die verklumpten Ideologiebrocken der politischen Korrektheit fest) schon mal in Sachen Geschlechterpolitik hellsichtig machen könnte. Kein Jahr zuvor bot Politikern eine so deftige Chance zu begreifen, daß sie Opfer jener vierten Macht, der Medien, sind, die sich in den letzten Jahrzehnten listig an die Stelle des kompetenten Bürgers zauberten, obwohl ihr brünstiger Klan aus zwei Drittel zurückgebliebener Utopisten besteht, die sich ihre eingebildete "Progressivität" gegenseitig rückbestätigen.
Hellsichtig, wie sich etwa DER MASKULIST gleich zu Beginn des Jahres und zum Antritt der beiden demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Hillary Clinton gab, als er die engstirnige und von jenen Medien hinterhältig instand gehaltene Vorstellung, Frauen wählten Frauen oder Politiker, die feministischen Vorgaben folgten, nicht zum ersten Male berichtigte.
2008 erbrachte aber nicht nur eine nochmalige Bestätigung der maskulistischen Ansicht am Beispiel Obama/Clinton. An den Ereignissen um den Kandidaten der Republikaner John MacCain, der Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska, zu seinem Vizen erkor, zeigte sich eindringlich hinzu, daß der Zwang zu feministischen Gesten, Politikern sogar den Erfolg kosten kann.
Palin wurde zu MacCains Vize gekürt, eindeutig um Frauen bzw. "Frauenfreunde" zu ködern. "Um den Wahlkampftrend zu drehen", hatten dabei die verantwortlichen Berater so kopflos gehandelt, daß sie ihrer Partei zu dem gravierenden Wahl-Mißerfolg auch wohl innerparteiliche Risse bescherten. Sie hatten offensichtliche Unzulänglichkeiten Sarah Palins hinsichtlich ihrer politischen und sonstigen Bildung mit dem Charisma Frau aufwiegen wollen, was die Kandidatin "für viele Komiker zum Gespött des Wahlkampfs" machte, und hatten weibliche Allüren Palins (wie ihre 150.000 Dollar Wahlkampf-Garderobe während einer Finanzkrise) hinnehmen müssen, was viele vergällte. ("Schwere Vorwürfe - McCain und Palin rechnen miteinander ab", SPIEGEL ONLINE, 6. 11. 08).
Und hierzulande? Ypsilande! Oder war das Ypsilanti? Ja, wohl!
Auch so ein typisches "Frau an die Macht, mache es was es wolle"-Event: Kaum hatte die ausgehende deutsche Sozialdemokratie im Oktober 2007 in ihr Parteiprogramm den sagenhaften Sinnspruch jenes greisen Scheinweisen aufgenommen, wonach sie das männliche zu überwinden gelobte, um das menschliche zu erreichen, schon war es ein Weibliches, was nur ein paar Monate später daher kam, um den wohl zermürbendsten Richtungsstreit der letzten Jahre innerhalb der Partei zu entfachen.
Frau Ypsilanti, eine Politikerin, die in sehr kurzer Zeit zur SPD-Kandidatin für den hessischen Ministerpräsidenten-Posten avancierte, warf nach der Landtagswahl im Januar 2008 ihr Wahlversprechen über Bord, nicht mit der Partei der Linken kooperieren zu wollen. Den beinahen Wahlsieg Ypsilantis bei den Landtagswahlen (sie unterlag geringfügig ihrem Gegner, dem Ministerpräsidenten Koch) sahen Feministinnen gern als einen Sieg der jungen Frauen an.
Da aber die ambitionierte Powerfrau nur mit den Stimmen jener Linken zu ihrem Ziel hätte gelangen können, deren Kooperation sie in Übereinstimmung mit ihrer Bundespartei vehement abgeschlagen hatte, setzte nun eine ganze Reihe von politischen Eiertanz-Episoden ein, die zu einer Revidierung des übereilten Wahlversprechens bei stetiger Zunahme der Antipathie gegen die machtbesessene Politikerin plus Turbulenzen innerhalb ihrer Partei führten. Am Ende, nur einen Tag vor ihrer Inthronisierung, kündigten ihr letztlich vier hessische SPD-Abgeordnete die Gefolgschaft auf und gaben bekannt, daß sie aus Prinzipientreue Ypsilanti nicht wählen würden. So platzte das Ganze!
Drei der vier Abweichler waren Frauen! Wohl nicht so jung wie jene, über die sich EMMA im Frühjahr wieder mal vergebens freute. Aber dafür so alt, wie Frauen wohl erst einmal werden müssen, um nicht EMMA zu lesen und nicht Ypsilanti zu wählen. Und so alt werden zum Glück die allermeisten von ihnen.
Also, wie gesagt: Ein Jahrhundert wäre uns entschieden zu viel. Aber ein kleines Jährchen, dieses 2008 eben, könnten wir, wie ich finde, durchaus als Jahr der Frau verkraften. Es geht ja auch bald zu Ende.
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