DER MASKULIST
10.09.2012

Passiert Ihnen das auch so häufig? Sie sehen einen vielversprechenden Artikeltitel auf den Seiten eines Onlinemagazins, ermitteln als erstes den Autor, dessen Namen man schon kennt, und der in gewisser Hinsicht auch einiges verspricht. Sie sputen sich zu der verlinkten URL, scrollen dann wie selbstverständlich zum Artikelende hin und beginnen zu lesen. Nicht den Artikel, versteht sich (den hatten Sie ja beherzt überscrollt), nein: die Leserkommentare. Der Artikelinhalt interessiert Sie überhaupt nicht. Sie glauben nämlich ohnehin zu wissen, was der Autor dort geschrieben haben wird. Nein, Sie glauben es nicht - Sie wissen, daß Sie es wissen, die Kommentare der anderen Leser bestätigen Ihnen das jetzt. Nichts verpaßt also.

Warum Ihnen nun derartiges widerfährt, hat neulich ein SPON-Leser in seinem Kommentar ziemlich gut begründet. Dort urteilte er über einen Artikel des (in der beschriebenen Weise wirklich vielversprechenden) Spiegel-Kolumnisten Georg Diez über den hierzulande gutmenschlerisch instrumentalisierten Prozeß gegen die russische Frauen-Punkgruppe Pussy-Riots mitsamt Lesermeinungen und schrieb der journalistischen Armut folgende Zeilen ins Zeugnis: "Ich finde die Beiträge hier im Forum immer wieder klasse! Die Artikel im Spiegel sind so oft unglaublich einseitig… - das Echo im Forum gibt mir immer wieder Mut nicht den Glauben an den denkenden Menschen zu verlieren…" – Kommentar Nr. 6.

Was könnte man hinzufügen? Man wünscht spontan manchem Redakteur den Spruch auf dem Kopfkissen gestickt. Und während man sinnig und wortverliebt über die treffliche Stellungnahme schmunzelt, fällt einem sogar in den Sinn, den Artikel doch mal zu lesen, unter welchem die kleine Perle lag, und ihn so zum ersten Artikel des Kolumnisten zu erheben, den man je zu Ende gelesen hätte. Man scrollt also diesmal nach oben: "Kann es sein", beginnen wir dort unter einem Titel zu lesen, der weder auf Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin noch auf Lech Walesa jemals gemünzt worden wäre, nämlich "Revolution ist sexy"; "Kann es sein", setzt der Autor gleich als erstes zu einer Frage an, die sich gegen Ende des Absatzes ausformuliert haben wird, "dass Lehrer und Schuhverkäufer, Managerinnen und Hotelfachkräfte, Kellner und Raumfahrtingenieurinnen, Künstlerinnen und Künstler… usw…"

So gleich, Herr Diez? Schon beim allerersten Satz?, frage ich verwundert, und schon weiß ich wieder, warum ich den Kolumnisten noch nie ganze drei Absätze lang ertragen konnte: Die penetrantesten Umerzieher sind leider Gottes und gar nicht zufällig die Utopisten. Sie sehen sich stets vor so viel gesellschaftlichem Umsturz, daß sie es wohl gar nicht für verkehrt erachten, verbal schon mal welchen vorwegzunehmen. Herr Diez lädt uns nicht bloß gleich beim ersten Satz ein, Teil an seiner Welt zu haben. Nein, er schmeißt uns kurzerhand da hinein und sperrt die Tür hinterher zu. Und ganz gewieft weiht er uns dabei etwas in die Strukturen der Unwirklichkeit ein, in der er uns für den Rest seines unerbittlichen Schriftstücks stehen und darben lassen möchte. Nämlich über deren geschlechtsspezifische Aufschlüsselung in Berufen. Vermutlich wird diese im weiteren Text keine besondere Relevanz haben. Der beträchtliche wie auch themenfremde Aufwand einer geschlechtersensiblen Aufteilung von ganzen 6 Berufstypen bezweckte nur, "Managerinnen und… Raumfahrtingenieurinnen" in arglistiger Beiläufigkeit neben "Schuhverkäufern… und Kellnern" zu plazieren.

Ja, wo hat er das nur her?, könnte man verzweifeln. Der Wirklichkeit kann er niemals ein besonderes Interesse der Männer an Schuhen und jenes anderen Geschlechts an der Raumfahrt entnommen haben. Also? "Von drauß' von Utopia komm ich her / Ich muß euch sagen, es gendert sehr!" - Da gibt es kein Entkommen! Da gibt es nur die Notbremse: Lektüre beenden. Und so wurde wieder mal nichts mit Diez-Lesen. Wie verflixt ist das.

Der Vervollständigung halber dennoch runden wir hier den Inhalt des heimtückischen und immerhin zu Ende gelesenen ersten Absatzes mit der Ergänzung ab, daß uns sein Autor mittels rhetorischen Verhörs vom Zweifel befreien wollte, ob es nicht "schlimm" sei, daß die verschiedensten Berufsstände (mit besonderem Augenmerk wie gesehen auf Schuhverkäufer und Raumfahrtingenieurinnen), "sich gerade vor allem deshalb für Demokratie und Menschenrechte in Russland interessieren", weil eine der unmusikalischen Punk-Kröten der verurteilten Formation ansehnlich gewesen sein soll. Nein, dies sei nicht schlimm, läßt er uns dann aufatmen, Revolutionen seien eben "sexy".

Was nun die Erotik dieser Revolution betrifft, und wie sie von ihren Trägerinnen zum öffentlichen ästhetischen Event avancierte, darüber gibt es Peinliches genug in visueller Form zu ergoogeln. (Will man sein Display nicht besudeln, empfiehlt sich da der informative Artikel von Moritz Gathmann "Pussy Riot - Lady Suppenhuhn", vom 25. 8. 12 auf faz.net). Anders sähe es allerdings aus mit zu großen Hoffnungen auf genügend Raumfahrtingenieurinnen, die in der nächsten Zukunft dem Gros leidenschaftlicher Schuhverkäufer den meistverdienenden Lebenspartner bieten könnten. Daß die Mittel und Methoden der Frauenüberförderer in dieser Hinsicht stumpf geblieben sind, ist ein offenes Geheimnis, und der Grund jener Verzweiflung, mit der Politfeministen ihren überreizten Tanz um die Zwangsquoten exerzieren.

Schon im Jahr 2002 stellte DER MASKULIST gewisse "europäische Zahlen" zur Debatte, die, Zitat von damals: "so seltsam vorkommen". Es waren Zahlen, die das merkwürdige Phänomen zutage förderten, daß je feministischer die Politik eines europäischen Landes war, desto geringer auch der Anteil der Frauen an den von Feministen anvisierten Karrierefeldern gewesen ist! Sechs Jahre später war auf meinen Seiten erneut die Rede von diesem "Phänomen" anläßlich diesmal internationaler Zahlen, die uns eine Rezension von Susan Pinkers damaliger Neuerscheinung "Das Geschlechterparadox" in DIE WELTWOCHE lieferte. In beiden Fällen hob ich die Bedeutung einer Schlußfrage bezüglich dieses in der Tat merkwürdigen Sachverhalts heraus, die lautete: "Hindert Feminismus die Frauen, indem er sie in jeder Lage so begünstigt, daß sie diese gar nicht erst ändern wollen?" Das würde in Konsequenz bedeuten, daß die traditionellen Rollen, zu denen Frauen in den Wohlstandsstaaten trotz der dortigen emanzipatorischen Politiken "paradoxer" Weise neigen, echte Präferenzen der Frauen darstellen, entgegen den Behauptungen feministischer Scheinwissenschaften, die beiden Geschlechtern kognitive und psychische Gleichheit bescheinigen. Wirklich "paradox" wären aber demnach die feministischen Irrlehren.

So entbehrte meine Freude nicht eines amüsanten Teils, als ich dieser Tage erfuhr, daß die weitere Auseinandersetzung mit dem Geschlechter- oder (besser eigentlich) "Genderparadox" in einem der stockfeministischen Länder Skandinaviens, in Norwegen (Gender-Country Nr. 2 nach dem Global Gender Gap Index des Jahres 2011), Ereignisse auslöste, die allzu verständlicher Weise von den traditionellen Medien hierzulande unterdrückt wurden, und die dazu führten, die staatliche Gender-Forschung Norwegens, der 56 Millionen Euro für das Jahr 2012 angedacht waren, im Oktober 2011 mit Inkrafttreten am darauffolgenden Jahresbeginn zu schließen! Was war geschehen?

Zunächst war da ein junger norwegischer Fernseh-Komödiant und studierter Soziologe, ein in Norwegen sehr beliebter Darsteller. Spätestens dann wird er aber auch uns sympathisch, als er die Motivation zu seiner wohlgeratenen Tat beschreibt: Er fühlte sich während seines Soziologiestudiums von seinen Uni-Professoren betrogen! Kein im Privaten Betroffener also, sondern einer, der sich von der universitären Scharlatanerie der Genderisten belästigt, in seiner lauteren Wissenschaftlichkeit angegriffen sah. Beste Voraussetzung, um gegen den Ungeist des Gender-Wahns vorzugehen.

Und Harald Eia, so der Name unseres Mannes, hatte die Mittel dazu. Er konnte für eine eigene Fernsehserie nach dem sinnigen Motto "Gehirnwäsche" einen Film kreieren, in dem er abwechselnd norwegische Genderisten und seriöse, international anerkannte Soziologen zu grundlegenden Geschlechterfragen befragte, um anschließend die ersteren mit der Diskrepanz zwischen den eigenen Aussagen und denen der seriösen Wissenschaftler zu konfrontieren. Erst spät merkten die befragten Geschlechter-Pfuscher in welchen Fettnapf sie getreten waren; einige von ihnen beschrieben die Wirkung dieser Verstrickung auf ihre weitere Biographie mit dramatischen Sätzen.

Doch es war zu spät! Schnell tobte unter den Norwegern eine öffentliche Diskussion, deren antigenderistisches Gefälle trotz Interventionen der Systemmedien nicht mehr zugunsten der feministischen Lüge ausgerichtet werden konnte. Der öffentliche Druck hob eine jahrzehntelange intensive staatliche Programmatik jäh aus den Fugen und zeigte: So schnell kann es gehen, wenn einmal die berechtigte Empörung über den ideologischen Betrug namens Feminismus größere Bevölkerungsteile befruchtet hat.

Mögen auch alle Medien der Welt Ereignisse wie das von Norwegen verheimlichen: Daß der Feminismus immer weniger sakrosankt wird, zeigt sich allmählich selbst innerhalb der europäischen Politik. Unser Frühjahrswunsch, man möge endlich gegen "die unverblümte Willkür und die provokante Selbstdarstellung" der EU-Quoten-Kommissarin Reding vorgehen, scheint, angesichts des von 10 europäischen Staaten (darunter Schweden!) organisierten Widerstands gegen die Quoten-Pläne der Kommissarin, eine gewisse Erfüllung zu erfahren. Diese Verhaltensänderung gegenüber der feministischen Ideologie hängt sicher auch damit zusammen, daß der Vollzug ihrer Wünsche in der Vergangenheit das Spektrum ihrer noch artikulierbaren Forderungen ganz auf seine absurden letzten Ränder reduziert hat, auf Forderungen also, die immer deutlicher die Anmaßung und Destruktivität des Molochs demonstrieren. Man könnte Quoten für die Privatwirtschaft als die Schwelle zu diesem Bereich der Ansprüche sehen: Destruktiv ist die Aufhebung des Prinzips Qualität durch das Prinzip Geschlecht. Entsprechend anmaßend die Forderung nach einem solchen Vorrecht.

Deutlich innerhalb dieses suspekten Grenzbereichs befand sich etwa jene Entscheidung der Medizinischen Universität Wien, die Aufnahmekriterien für weibliche Bewerber einfach unter denen für männliche abzusenken. Hier wird Qualifikation unverhohlen verhöhnt. Das brachte aber immerhin mit sich, daß eine Hundertschaft männlicher Studenten erkennen mußte, daß Feminismus keine Schrulle schmallippiger Unilesben ist, sondern eben ein Machtapparat, der für ihre Vitas und die Reputation ihrer Wissenschaft konkrete destruktive Auswirkungen bereit hält. All diese Studenten sind potentielle Eias: "Ich fühlte mich von meinen Uni-Professoren betrogen."

Somit übernähme der Feminismus in dieser Spätphase durch immer krassere Selbstentblößung verstärkt unsere Arbeit, nämlich seine Aufhebung zu begründen. Eine Entlastung der Zukunft von seiner Beklemmung würde beiden Geschlechtern die Würde gestatten, ihren wahren Neigungen und Präferenzen nachzugehen im Maße ihrer individuellen Fertigkeiten und Qualifikationen. Dies sähe sicher für den immer gestrigen Genderisten etwas "paradox" aus. Und in der Tat hätte er dann, um der Zukunft genügend Raumfahrtingenieurinnen zu sichern, rechtzeitig welche einfrieren müssen.

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