DER MASKULIST
08.11.2011

Einige mediale Aufregung bescherte in den letzten Tagen die Entlassung des vom Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum der Universität Trier zunächst als Gastdozenten engagierten israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld. Grund waren vor allem die unliebsamen geschlechterspezifischen Ansichten des Historikers, die allerdings, gemäß den bisherigen Veröffentlichungen des Wissenschaftlers, auch nicht anders zu erwarten wären.

Daß seine Ausladung, erfolgt nach den ebenso erwartungsgemäßen Protesten weniger linker Studentenaktivisten (van Creveld sei „frauenfeindlich, militaristisch, latent antiisraelisch… vulgärwissenschaftlich und methodisch primitiv“), der Uni-Führung ein Armutszeugnis ausstellte, ist bereits thematisiert worden und hat den Hochschulverantwortlichen seitens van Crevelds den Vorwurf der Feigheit und manche weitere öffentliche Bezichtigung eingebracht.

Hier geht es mir darum, auch etwas Kritik an van Crevelds Sichtweise auszuüben, die seiner Methodik zwar nicht Primitivität, jedoch eine gewisse Fahrlässigkeit nachweist:

Der Wissenschaftler ordnet Spiele überhaupt und Kriegsspiele im Besonderen dem Reich der Freiheit und Freiwilligkeit zu, da sie sich ja zeitlich wie gestalterisch "abgesondert von den Regeln des 'gewöhnlichen' Lebens" abwickeln. Die auf dieser Freiheit basierende Kreativität mache Spiele (van Creveld führt hier den Marxkritiker Huizinga an) sogar zu entschiedeneren Grundlagen von Kultur als es die ökonomischen Notwendigkeiten sind. Anders als Huizinga jedoch beachtet van Creveld auch den unterschiedlichen Bezug der Geschlechter zu den Spielen und stellt fest, daß hier der geschlechtsspezifische Verhaltensunterschied quer durch die Vergangenheiten über die Stammesgesellschaften hinaus bis hin zu den Primatenhorden reicht, was biologische Hintergründe durchscheinen ließe. Auf Ähnliches wiese auch der geringe Erfolg bei Versuchen, Frauen für das Schachspiel (lt. van Creveld das "Kriegsspiel par excellence"!) interessiert zu machen.

Nach einer raschen Rückschau kulturgeschichtlicher Momente, die, von der Ilias bis zum Parsifal, den aktiven und passiven Bezug von Mann und Frau zum Kriegsspiel nach der Schablone von Sieger und Trophäe auslegen, gerät van Creveld zu dem fatalen Schluß, daß "Spiele, vor allem Kriegsspiele… dazu da sind, Frauen zu imponieren."

Daß dies nicht sein kann, jedenfalls nicht durchweg durch alle Epochen und Kulturen, liegt dort auf der Hand, wo Frauen sogar die bloße Anwesenheit an Leistungserbringungsorten der Männer strengstens verweigert wurde, wie etwa in den antiken olympischen Spielen. Von den Kriegsschauplätzen selbst ganz zu schweigen. Ferner wäre nach van Crevelds Interpretation jedes Schachtournier der Männer ("Kriegsspiel par excellence") und eigentlich auch jeder Computerspiele-Wettbewerb der erotisch eher unbedarften Nerd-Gemeinde ein Imponierspektakel der beteiligten Männer gerichtet an das andere Geschlecht. Doch kann sich ein jeder ohne besondere Anstrengung vorstellen, daß es beiden Gruppen herzlich gleichgültig wäre, ob sich in des Kampfes Zone Vertreter auch des anderen Geschlechts verirrt haben sollten oder nicht.

Wie haben wir also dieses Phänomen zu verstehen? Ich schlage vor, so: Nicht nur die Spiel- oder Kampfhandlung allein, sondern auch die Funktion und Positionierung des Geschlechts ihr gegenüber gehört dem Gesamtspiel an! So wie nun die spielerische Handlung auf etwas jenseits ihrer Selbst hinweist, so weist auch die (gelegentlich weibliche) Trophäe auf etwas jenseits ihrer Selbst hin. Dieses Jenseitige oder Transzendente bezieht sich auf das innerste Bedürfnis des Menschen, seine Zeit - etwa durch Erwerben von Ruhm - zu überdauern, und der allgemeinen Geschichte einen Teil der eigenen einzuverleiben. (Inwiefern aber dieses Transzendente von einer Frau oder von dem Umsäumen des Hauptes mit einem Lorbeerkranz am besten repräsentiert wurde, hing von jeweiligen kulturellen Dispositionen ab, die hier nicht weiter beleuchtet werden sollen.)

Das Gewinnende dieser Sichtweise ist, daß sie zwar die Evolution als innerste menschliche Gewißheit durchleuchten läßt (überdauern in einem allgemeinen Werden), ohne jedoch vulgär evolutionistisch zu sein. Vulgär evolutionistisch dagegen ist der Feminismus, wo er die positiven geschlechtsspezifischen Besonderheiten des Männlichen (ob Hirschgeweih, Pfauenschweif, Löwenmähne, Vogelgesang oder eben kämpferische und intellektuelle Virilität) mit der unredlichen Argumentation dem Weiblichen umwidmet, sie dienten allein seiner Einstimmung.

Van Creveld tritt in dieses Fettnäpfchen voll rein! Und meine hiesige Erklärung sollte bewirken, daß dieses wichtige Detail nicht in der Hitze des Gefechts gegen die politische Feigheit der für seine Entlassung Verantwortlichen umkommt. Sie sollte auch zeigen, wie aufmerksam man sein muß, um eine von feministischen Denkeinflüssen bereinigte Betrachtungsweise zu wahren.

Schließen möchte ich daher mit einem Zitat über das Verhältnis des Männlichen zur Freiheit, die sicher auch als Freiheit vom Weiblichen verstanden sein sollte. Das Zitat begegnete mir neulich bei der Lektüre eines Buches, das ich zur Zeit deswegen ein zweites Mal etwas systematischer studiere, weil es mir im Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte gezielt vernachlässigt erscheint, verdrängt, möchte ich lieber sagen, verdrängt aus uns vertrauten Gründen. Es ist Thomas Manns "Lotte in Weimar". Im aufschlüsselnden langen Monolog des siebenten Kapitels läßt der Autor den Dichterfürsten etwas über jenen sagen, den er "einzig ebenbürtig" nennt, und dem der belesene van Creveld in seinem anstößigen Vortrag das Verdienst zukommen läßt, das Spielen als "Reich der Freiheit" identifiziert zu haben. Über diesen, Friedrich Schiller, der in Goethes morgendlich meditativem Nachsinnen als "Aristokrat des Geistes und der Bewußtheit", als "der große, rührende Narr der Freiheit" auftritt, fallen gleich darauf auch die Worte: "Nun, er war Mann gar sehr, Mann im Übermaß und bis zur Unnatur, denn das rein Männliche, Geist, Freiheit, Wille ist Unnatur..."

Demnach kann sich die Freiheit des Spieles wohl kaum der Begehrlichkeit des Natürlichen so unterordnen, wie van Creveld und andere meinen, und der Maskulist hält da eher zu Thomas Mann und seinem Goethe. Vielleicht beginnen wir so auch zu erahnen, warum "Lotte in Weimar" und manches Andere aus der verwandtschaftlichen Umgebung Hedwig Dohms wiederentdeckt werden sollte.

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