DER MASKULIST
03.04.2012

Anläßlich des laufenden Verfahrens gegen den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik, den Massenmörder von Oslo und Utøya im Sommer 2011, untersuchte kürzlich Autor Matthias Hannemann für die FAZ die gegenwärtige Stimmungslage in der norwegischen Hauptstadt. Dabei konzentrierte er sich auf Fragen und herrschende Sichtweisen, die dort zur Bewältigung oder zumindest zur  Einordnung der "Katastrophe im Menschlichen", wie das entsetzliche Geschehen des Vorjahres genannt wird, herangezogen werden.

Ich möchte im folgenden die angebotenen Perspektiven und Begründungen als Ganzes umreißen, als globale Skizze also, unabhängig von deren expliziter Urheberschaft. Die Namen der dabei zur Sprache kommenden norwegischen Intellektuellen kann sich der Interessierte selbständig aus dem FAZ-Artikel holen. Die wesentlichen Aussagen füge ich als Originalzitate an. Es kommt folgendes dabei heraus:

Breivik könnte als das Produkt einer Kultur verstanden werden, die sich die "Ausgrenzung radikaler Meinungen zur Immigrationspolitik" vorwerfen lassen muß. Auch die hohlen Beteuerungen von "mehr Demokratie" und "mehr Offenheit", die nach dem Drama des Vorjahres kursierten, blieben folgenlos, man habe "nicht vermocht, 'nach diesen Substantiven auch über die zugehörigen Verben' nachzudenken".

In diesem Sinn sei nicht nur Breivik von der Realität abgekapselt gewesen, sondern auch Norwegen als Gesellschaft lebte "seit Jahrzehnten in einer Art Blase fern der Wirklichkeit", doch die "Chance, diese Blase zum Platzen zu bringen", wurde nicht genutzt.

Etwas seltsam wirkt in dem Artikel, daß die "Ausgrenzung radikaler Meinungen zur Immigrationspolitik" in der weiteren Analyse als Problem verschwindet und für ein anderes Platz macht: für Norwegens "mentale Abkapselung vom übrigen Europa". Dieses willkürlich in den Erwägungen eingepflanzte Europainteresse ist wohl eher das Gegenteil zu dem Nationalinteresse, welches in der Sorge um die Immigrationspolitik Norwegens steckte! Zumal ja Breiviks Immigrationsproblem im Rest Europas genauso existiert wie in des Attentäters eigenem Land. Der Leser bekommt so den Eindruck, daß hier der Gedankenfluß gewollt umgebogen wird. Keineswegs das einzige Mal in diesem in der Tat riskanten Artikel.

Denn die anfangs konkreten Befunde werden durch einen weiteren Satz untergraben, einen ebenfalls zweifelhaften natürlich, dessen Verdienst allerdings ist, den "Staatsfeminismus" (wörtlich!) in diese Zusammenhänge zu involvieren. Zweifelhaft ist dieser Satz dennoch, weil er nicht geradeaus verständlich werden läßt, was er eigentlich moniert. Während nämlich die anfängliche Anprangerung fehlender Offenheit und Demokratie als Grund für die Anhäufung von (Breiviks) Aggression einleuchtet, erscheint der Appell in diesem Satz, ein Appell nach "mehr Vielfalt", ziemlich deplaziert. Es heißt wörtlich: "Vor allem sei niemand auf die Idee gekommen, 'mehr Vielfalt' zu rufen - was dringend nötig gewesen wäre, um den unaufhaltsam verbreiteten Äußerungen des Terroristen entgegentreten, ja die Fremdenfeindlichkeit und den Hass auf den Staatsfeminismus eindämmen zu können."

Deplaziert erscheint nun diese Forderung, weil die Propaganda größerer "Vielfalt" ohnehin tägliche Geste des Mainstream-Diskurses und allgemeines Bekenntnis westlicher Politik ist. Eine weitere Intensivierung dieser Forderung, und speziell in ihrer Ausprägung als Multikulturalismus, wäre ja nichts weiter als eine Intensivierung jener "Ausgrenzung radikaler Meinungen zur Immigrationspolitik", die zum Artikelbeginn als Hauptursache für Breiviks Motivation gedient hatte!

Dieser Widerspruch läßt den Eindruck gelten, es handele sich dabei um ein Zugeständnis gegenüber der Politischen Korrektheit zur Beschwichtigung aufkommender Besorgnis darüber, daß man sich mit der vorherigen Gesellschaftskritik zu weit aus den Fenstern der "Anständigen" hinausgelehnt haben könnte. Dennoch: Den dominierenden Gedanken, Breivik sei das Ergebnis einer Gesellschaft, die auf wichtigen Fragen ein Schweigegelübde eisern walten läßt, vereiteln diese Widersprüche nicht.

Und der Artikel verbleibt nicht bei der norwegischen Gesellschaft allein. Er identifiziert des weiteren den Attentäter als Erzeugnis "eines internationalen Gesprächs, das die Öffentlichkeit verdrängt habe." Doch wieder einmal ist innerhalb dieser Kritik als beschwichtigendes Element die Rede von "einem dunklen Netz europäischer Rechter", die in ihren "Echokammern" islamkritische Beiträge mit "immer mehr Rassen- Verschwörungsdenken" beladen und auf welche "die traditionellen Medienhäuser" mit der Einschränkung ihrer Kommentarfunktion reagieren. Mit Zensur also.

Hiermit wächst nun der Widerspruch in diesem Bericht zu solchem Ausmaß an, daß er den Wirtsgedanken gänzlich aufzufressen droht: Anfangs wird eine Offenheit gepredigt, und die "Ausgrenzung radikaler Meinungen zur Immigrationspolitik" als mögliche Ursache eines Anders Breivik verdächtigt, um dann die Ächtung dieser selben Offenheit als Gepflogenheit in jenen suspekten "Echokammern" im "dunklen Netz europäischer Rechter" zu diskreditieren. (Man beachte auch unbedingt die exemplarische Verschwörungsrhetorik im eben Zitierten!) Zu solchen Unstimmigkeiten scheinen System-Schreiber irgendwie verdammt zu sein. Nicht aber wir. Außerdem sind wir viel schneller!

DER MASKULIST damals

Deswegen enthielt der nur wenige Tage nach dem tragischen Anschlag erfolgte Kommentar des Maskulisten zur Person Breivik zwar die volle Begründung des FAZ-Artikels. Doch rein und widerspruchsfrei, ohne ängstliche Zugeständnisse oder Rücksichten auf den Überwachungsanspruch des "traditionellen", sprich linken Mainstreams. Frei eben!

Frei, um das zu tun, was auch ein guter Dramaturg seinen Figuren schuldet und ihnen zugleich verdankt: den Einstieg in fremde Gemüter zum Zwecke der Erkennung und Darstellung anderer Seelenlagen, objektiver Zwänge, subjektiver Motivationen. Mitten ins Panorama aber der Verwüstung zu geraten, die eine kultivierte Sprachlosigkeit namens Politische Korrektheit als gesamtgesellschaftliches Programm - mit Feminismus als Speerspitze - verursachte, läßt sich nicht so milde dartun, wie es wohl ein "traditioneller" Berichterstatter soll.

Sondern es wird zur Anklage gegen jene "Okkupation der Schaltstelle Sprache" kommen, die "das Individuum zu der Schizoidität nötigt, sich über zwei widersprüchliche Ausgaben seiner selbst zu verstehen und zu äußern", und die "das Fanal von Norwegen… als das blutige Zerplatzen einer kulturpolitischen Blase zu begreifen" lehrt. Es ist das Begreifen eines inneren Un-Falls und seiner fatalen Außenwirkung gemeint. Das Begreifen des Dramaturgen, dessen Kunst "ein Stück Leben" sein will, eine Innenschau in nicht immer unproblematische Gemütslandschaften.

Dieses Begreifen, dasselbe nun, das der FAZ-Autor - wenn auch mit der heiklen Vorsicht des abhängigen Publizisten - vorschlägt, sollte in meinem Falle, ginge es nach dem Willen einiger Fuselerzeuger in wirren Spelunken des Weltweitenwebs, dazu gereichen, mich zum Breivik-Versteher im Sinne eines "Sympathisanten" zu überführen.

Da heute jedoch die "traditionellen Medienhäuser" sich mit ziemlicher Verspätung – aber immerhin - allmählich getrauen, meine Perspektive einzunehmen, findet wohl eher eine ganz andere Überführung statt: Die meiner Denunzianten als ebensolche oder aber als vom Geschehen stets überrumpelte Gestikulierer im magischen Wind eines rudimentären Erfassens von Wirklichkeit. Ohne Haltung, Sinn und Charakter.

Dagegen ergötzt sich ein Maskulist in dem Gefühl, immer merklicher vom Hauch der Avantgarde, des Verstehens seiner Zeit, umweht zu sein.

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