Ein ausdrucksreiches Beispiel
für den Drill der Männer auf die Bedürfnisse der Weiblichkeit dürfte
die mittelalterliche Minne sein. Der Minnesang, der
seinen Höhepunkt im zwölften Jahrhundert erreichte, entfaltete sich
in den wichtigsten Kulturpflegestätten der damaligen Zeit, in den
fürstlichen Höfen, und widmete sich zunächst dem "liebenden
Gedenken" im sozial-wohltätigen, religiös motivierten Sinn,
wandte sich aber schnell der geschlechtlichen Liebe zu und wurde
im Minne- oder Frauendienst zur tätigen Ausführung
dieses "liebenden Gedenkens" erweitert.
Dabei wurde zwischen der "niederen" und
der "höheren Minne" entschieden differenziert. Erstere
umfaßte diejenigen Gesänge und Texte, die den Liebestrieb besangen,
also von der Liebe als von einem Aktivitätsfeld ausgingen, welches
auch das vitale Bedürfnis des Verfassers selbst (des Mannes) berücksichtigte.
Letztere, die "höhere Minne", ignorierte sämtliche Anliegen
des verfassenden Subjektes (des Mannes), und ließ "den Dienst
für die unerreichbare und im Lobpreis idealisierte Geliebte
zu einer den Liebenden zum höchsten Ethos verpflichtenden Aufgabe werden"!1
Im Sagenepos "Parzival",
in welchem "das Urbild des christlichen Ritters, der in schweren
Kämpfen Ritterpflicht und Pflicht gegen Gott, Frauen- und Gottesminne zu
vereinigen sucht", wird nicht nur der Hauptheld an der Erfüllung
dieser Anforderungen, welche den selbstlosen Dienst an Frauen neben
den Gottesdienst stellen, gemessen.2 Diese
Dressur war tatsächlich so unbarmherzig, wie es sich eben anhörte,
und mittelalterliche Damen schlugen offensichtlich bei ihren Forderungen
oft maßlos zu.
Die Unentrinnbarkeit der Erfüllung ihres Wunsches wurde manchem Mann
zum Verhängnis, während Männer ohnehin im Alltag als die Ehrengarde
von Seelen- und Leibwächtern der 'holden Weiblichkeit' herumzuschwadronieren
hatten - wollten sie ihre gesellschaftliche Relevanz und so ihr Daseinsrecht
zumindest in den 'höheren' Kreisen der Gesellschaft abgesichert wissen.
Verhaltensforderungen solchen
Musters wurden all der darauffolgenden Aufklärungszeit zum Trotz
bis in unsere Gegenwart variiert, in mancher Hinsicht sogar durch
die Einflüsse jener späteren Kultivierung der Empfindsamkeit während
der Zeit der Romantik verstärkt. Das Bestehen von Mut- und Mannbarkeitsproben
gilt noch heute gleichermaßen als Garant der Wehrfähigkeit junger
Männer, also ihrer Verfügbarkeit gegenüber dem Staat, wie der Eignung
für die Ehe, ihrer Verfügbarkeit gegenüber der Frau. Der Galan,
der Kavalier oder der Gentleman, die Musketiere, John
Wayne oder Spiderman, sie alle fristen ihre abenteuerlichen Lebensläufe,
nicht ohne sich nebenbei aber unbedingt der Bestrafung jener "Schurken" anzunehmen,
welche die Unantastbarkeit der Vorrangstellung weiblichen Wohles
nicht stets mit dem gebührenden ethischen Eifer fördern. Auch außergewöhnliche
Taten wie Jules Vernes Reise in das Erdinnere wurden gern als die
Einlösung eines Gelöbnisses an die Geliebte dargestellt.
Die hysterische Sublimierung der
Weiblichkeit, welche Umgangsformen gegenüber Frauen verlangte, wie
sie sonst nur gegenüber der Geistlichkeit - also dem Transzendenten
- üblich waren (kriecherischer Kniefall beim Heiratsantrag, Handkuß als
Grußform etc.), hat oftmals selbst das Leben manchen Mannes - darunter
prominenter Söhne der abendländischen Zivilisation - im Duellieren
um eine Frau oder bei anderen Bewährungsproben draufgehen lassen.
Die aufopfernden Einsätze ritterlichen Kavaliertums - erfolgten diese,
um das Ansehen einer Frau oder des schlechthin Weiblichen zu verteidigen,
um ihre Wehleidigkeit zu rächen oder schlicht um 'ein richtiger Mann'
zu sein - stehen als charakteristische Motive eines beträchtlichen
Teils der Romanliteratur.
In der oben genannten Dichtung
muß gleich zu Beginn der Held Isenhart sterben, weil er die von seiner
erkorenen Herrin auferlegte Pflicht, ohne Schutzrüstung in den Kampf
zu ziehen, erfüllen mußte! Seine Verwandten belagern daraufhin die
Stadt der Verursacherin seines Todes. Zu Hilfe eilt ihr der Ritter
Gachmuret. Vor ihm beteuert sie ihre Unschuld wie ihre Liebe zu dem
Getöteten. Als Motiv ihres unglückseligen Auftrags gibt sie sexuelle
Scheu an: "Ihm in Liebe mich zu einen / Verschob ich, ihm und
mir zu Leid, / Schamhaft zögernd all die Zeit." Diese Erklärung
genügt offenbar zur Rehabilitierung Belakanes - so der Name der mittelalterlichen
Diva -, obwohl sich in den darauffolgenden Reimen eine allzu dämonische
Lust egomanischer Selbstüberhebung aus ihrem Mund kund gibt: "Er
sollte mir, das wollt ich sehn, / Die schwerste Probe noch
bestehn." Diese "Probe" bestand nicht allein darin,
den Ritter ohne Harnisch in den Kampf zu schicken, sondern ihm noch
seinen Scharfrichter hinterher: "So traf ihn einer meiner Degen,
/ Ein Fürst, der auch auf Kampf entbrann. / Im Walde rannten sie
sich an / Und stachen sich durch Schild und Leib."
Und dann, zum Schluß der fragwürdigen
Apologie, erfahren wir noch, wer als der Verlierer des infantil-morbiden
Arrangements zu gelten hat: "Ach, so ward mir armem Weib /
Mein spröder Sinn zu Gram und Reue, / Und Jammer blüht aus meiner
Treue.-" Wir sehen: Die Nadel unseres Kompasses hat ihre
hastigen Runden gedreht; nach dem gebührenden, obligatorischen Mitleid
für die geschlachteten Männer läßt sie diese im Frieden des blutdurchtränkten
Waldbodens ruhen und wendet ihre auf das 'Opfer' hin justierte Spitze
in Richtung Frau, der Anstifterin - wie kann es anders sein!
Gachmuret vertreibt Belakanes
Belagerer. Das bißchen weitere Männersterben: kultische Ehrensache
im ritterlichen "Frauendienst mit Schild und Speer". Gachmuret
sollte glänzen, er wurde nämlich der Vater Parzivals, und sollte
als solcher natürlich ein 'richtiger Mann' sein.2
Es ist nicht unser Thema, wie
die Figuren Wolfram von Eschenbachs ethisch bewertet werden sollten.
In der Fortsetzung wird uns von Belakanes begierigem Blick berichtet,
den sie auf den Zuhörer ihrer dubiosen Schmerzensbeichte wirft, und
darüber, daß sie darauf hin Wein bringen läßt. Doch lassen wir es
stehen, ob diese Dame ein naives Seelchen, ein blutrünstiger Vamp
oder sonst etwas ist. "Feinsinnige" Psychologisierer unserer
Tage können sich ohnehin jede erdenkliche Interpretation zurechtbiegen.
Auch geht der Autor des Parzival-Epos aufgrund der inhaltlichen Konsequenz
seines Werkes etwas befremdend mit der Schuldfrage um (Parzival erreicht
selbst sein Ziel über den Weg durch die unbewußte Schuld). Dies ist
also nicht unser Streit.
Auch ist es klar, daß es sich
im mittelalterlichen Alltag nicht so zugetragen haben mag, wie in
der Dichtung beschrieben. Ähnlich wie man heute nicht überall den
Klischee-Frauen und Männern begegnet, die in Unterhaltung oder Werbung
auftreten. Im Parzival-Epos aber haben wir eines jener Werke der
Weltliteratur, deren kultische und kulturgeschichtliche Bedeutsamkeit
uns zum Verständnis einer Epoche, einer Bewußtseinsphase der Menschheitsgeschichte
gereicht. Ähnlich den Werken Homers, den Dramen des Altertums, den
Mythen archaischer Zeiten. Darin werden nicht private Menschen beschrieben;
diese fungieren vielmehr als Figuren, um menschliche Archetypen vorzustellen,
die das jeweilige Zeitalter prägten und repräsentierten.
Von der bis zur Morbidität überspitzten
Kulanz, mit welcher die Herren Ritter ihre riskantesten Taten, ihre
Turniersiege, ja ihr Lebensrecht selbst den Damen hier aushändigen,
von der religiösen Wahnhaftigkeit, mit welcher der an sich biologisch
initiierte Minne- oder Frauendienst geboten wurde, wimmelt es in
diesem Werk geradezu. Das Motiv des um Minnedienst flehenden Ritters
und der oft garstig ablehnenden Begehrten wiederholt sich so oft
wie jenes des zur Sühne eines Vergehens gegen die Dame seines dienenden
Herzens durch das Erschlagen des schuldhaften Gegners sich rächenden
Adels. Das Geschlechterbild Wolfram von Eschenbachs ist - für unsere
moderne Empfindung - bis zu Unerträglichkeit polarisiert; polarisiert
zunächst in dienenden Männern und gebietenden Frauen und - bezüglich
der Gunst der letzteren - zwischen gewinnenden und verlierenden Männern.
Männer umwerben Frauen und konkurrieren brutal untereinander, es
sei denn ihre Einstellung hinsichtlich der Frauenehre und / oder
dem Heiligen sind konform. Auch was die Herstellung öffentlicher
Meinung betrifft, wird uns die Macht der Frau dokumentiert: "Von
Frauenmund mit Ruhm genannt. / Ja, Weibeslob macht weltbekannt."3
Wie konnte solches entstehen?
Wie konnte in einem ausgesprochen religiösen Epos des christlichen
Mittelalters (im Parzival geht es um den Erlösungsprozeß und wie
dieser durch die Suche nach dem Gral, jenem Gefäß, in welchem einmal
das Blut des Gekreuzigten aufgesammelt wurde, erreicht werden sollte)
so viel weltliche Weiblichkeit mit allen Schwächen, Tücken und Hemmnissen
solch hervorragenden Eminenzstatus erlangen, daß die Bedienung dieser
Weiblichkeit neben dem Dienst an Gott zur höchsten ethischen Bedingung
avancierte?
Die Antwort der Historiker auf
unsere Frage ist nicht ganz ausreichend: Im Mittelalter lebten über
mehrere Jahrhunderte hinweg etwa fünfzehn Prozent mehr Frauen als
Männer in Europa. Durch innere Kriege, Seuchen, Kreuzzüge und das
Zölibat wurden Männer rar. Dieses sozialökonomische Mißverhältnis
erwirkte für die Frauen einen Einstieg in das wirtschaftliche Leben,
in welchem sie sich bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein erfolgreich
hielten. In den Klosterschulen konnten sich adelige Mädchen bilden.
Der Eintritt von Frauen in die Gewerbe hatte sich vollzogen; in nichtzünftigen
Bereichen war sogar der Erfolg der Frauen stark. Manche traten auch
in wissenschaftlichen Berufen hervor; besonders geschätzt wurden
sie in der Heilkunde. Vor allem aber war aufgrund der fehlenden Männer
auch die Kindererziehung mehr als sonst in Frauenhand.
Das alles kann uns aber allein
nicht als Erklärung dienen. Schließlich wurden Frauen nicht aufgrund
ihres Fleißes Objekte jener Verehrung im Mittelalter, nach deren
Gründen wir hier fragen. Solcher Fleiß hätte lediglich den Eintritt
der Frauen in die 'Männergesellschaft' gewährleistet, nicht aber
ihre Sublimierung zur zweithöchsten ethischen Instanz neben Gott,
und das innerhalb eines Kulturkreises, dessen religiöse Prämissen
so androzentrisch formuliert waren, wie es in der jüdisch-christlichen
Tradition nun einmal der Fall ist.
Oder war es im Mittelalter gar
nicht mehr der Fall? Falls nicht, seit wann nicht? Gibt es Gründe,
von einer - vor dem Mittelalter stattgefundenen - Mutation in den
christlich-religiösen Entwicklungen zu sprechen, die das Weibliche
verstärkt in die Richtung des Heiligen oder Transzendenten rückte?