DER MASKULIST
15.01.2006

"H

ollywood-Star Charlize Theron würde gerne mehr Filme mit starken Frauen sehen", gaben im vergangenen Februar allerlei Medien kund. "Sie selbst bringe dafür die nötigen Qualitäten mit", hieß es zuweilen direkt danach.1

Die Hollywood-Schauspielerin trat hier in der Tat in eigener Sache auf, denn sie dürfte in der Herstellung des von ihr favorisierten Frauentyps erwähnenswerten Beitrag geleistet haben. Sie ist nämlich die Hauptdarstellerin im verfilmten Fall jener lesbischen Prostituierten namens Aileen Wourno, die wir weiter oben ("Dorschfang in Schweden") als die Massenmännermörderin ausmachten, deren liederliche Morbidität in der hollywoodschen Industrialisierung der Charaktere den Filmglanz eines 'verzweifelten menschlichen Kampfes' verliehen bekam. Und auch mit Blick auf die unmittelbare Zukunft sollte Frau Therons Verlangen nach "starken Frauen" nicht ganz frei von Eigenwerbung verstanden sein, da kurz nach ihrem Eigennutz heischenden Auftritt ihr gerade fertiggestellter nächster Film ("Kaltes Land") über das Schicksal einer gegen Belästigung durch Männer kämpfenden Bergarbeiterin in die Kinosäle zog.

Der Streifen wurde in der ARD-Besprechung so kommentiert: "... Zwar sind fast alle Männer in "Kaltes Land" fiese Typen, dennoch gelingt der neuseeländischen Regisseurin mehr als nur Schwarz-Weiß-Malerei... [Die] Regisseurin... inszeniert ihr Plädoyer... ohne simple Gut-/Böse-Zuweisung."2 Das Kursive soll den kühnen Versuch des eben angeführten Kommentators markieren, den Gedanken an die Schwarz-Weiß-Malerei und an die simple Gut-/Böse-Zuweisung, die er selbst so offenbar in dieser Starke-Frauen-Geschichte konstatiert ("Zwar sind fast alle Männer in "Kaltes Land" fiese Typen"), zu marginalisieren.

So verwegen sich dieser Versuch hier plaziert zeigt, so richtig ist dennoch der Instinkt, der ihn zeugt. Denn Schwarz-Weiß-Malerei und simple Gut-/Böse-Zuweisungen an Frau und Mann oder auch schlicht das willkürliche Vernachlässigen der männlichen Wirkungsstärke sind unerläßliches Zubehör bei der Pflege des Gepräges 'Starke Frau' in feministischer Tradition.

Um dieses genauer zu erfassen, soll ein weiteres Filmereignis herangezogen werden, das im Jahr 2005 seine Premiere feierte, als deutscher Film beträchtlichen internationalen Erfolg verzeichnete und hierzulande von erstaunlich vielen politischen und kulturellen Institutionen gefördert, empfohlen und ausgezeichnet wurde: Es ist die Geschichte der letzten Tage jener studentischen Widerstandsgruppe gegen Adolf Hitlers nationalsozialistisches Regime, die sich "Weiße Rose" nannte und von den Studenten Hans Scholl, einem ehemaligen Mitglied der Hitlerjugend, Alexander Schmorell und anderen gegründet und getragen wurde. Der Film, um den es hier geht, widmet sich allerdings vordergründig der Schwester des Mitbegründers, Sophie Scholl, die sich später der Gruppe angeschlossen hatte und im Jahr 1943 wegen der Erstellung und Verteilung revolutionärer Flugblätter mit ihrem Bruder zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war.

Lassen wir es dahingestellt sein, ob der Regisseur des Films "Sophie Scholl – die letzten Tage", Marc Rothemund, auch aus einem Kalkül heraus gehandelt haben mag, das ihm die Lukrativität von Filmen heutzutage, die das Weibliche hervorheben, vorrechnete. Oder ob diese Voranstellung der weiblichen Person in der Nacherzählung des Geschwister-Scholl-Dramas Bedingung des ARD-Senders war, der den Film finanzierte (Bayerischer Rundfunk). Denn, wie es kürzlich von berufener Stelle zu vernehmen war, ist offensichtlich die auf diesen Seiten bereits deutlich angeprangerte geschlechterorientierte Propagandahaltung des öffentlich-rechtlichen Senders ausgemachte Vorgabe.

Das bestätigte gegenüber der Zeitung DIE WELT ein prominenter Drehbuchautor, dessen Melodram "Die Frau des Heimkehrers" Anfang März 2006 ausgestrahlt wurde, in einem Interview, in dem unerwünschte Einmischung der Sender und Regisseure in die Arbeit der Autoren thematisiert wurde. In Erwägung der Gründe für die Unzufriedenheit manchen Autors mit der Umsetzung seines Buches stieß der Interviewer mit der Frage vor: "Hat das auch was mit den Vorgaben des Sendeplatzes zu tun? Der Freitagabend im 'Ersten' soll doch so 'frauenaffin' wie möglich sein." Die spontane Zustimmung des Autors: "Bis hin zu der Forderung, die weibliche Hauptfigur so sehr ins Zentrum zu rücken, daß man ihr fast übermenschliche Qualitäten andichten muß."3

Gleich nun welche Einflüsse oder Zwänge wir zu vermuten berechtigt sind, die Frage nach dem Grund der gewollt einseitigen Titulierung des Dramas um die Geschwister Scholl sollte in erster Linie vom Regisseur selbst beantwortet werden. Und diese Frage wurde ihm auch gestellt und zwar in der Form: "Warum haben Sie sich nicht auf Hans Scholl konzentriert?" Herr Rothemund darauf: "Er ist der politische Kopf von Anfang an, ein Intellektueller, ein Kämpfer. Für mich war es spannend, herauszufinden, wie ein kleines Rädchen im Getriebe der Gestapo reagiert, wie die junge Frau damit umgeht, wie ihr Nervenkostüm beschaffen ist."4

Unsertwegen also "spannend" soll der Grund heißen, warum Sophie Scholl Hans Scholl am Ende im Filmtitel verdrängen sollte; es ist legitimer Gebrauch der künstlerischen Freiheit des Regisseurs, so etwas zu tun. Indes erkennen wir aber:

Eine 'starke Frau' währt demnach nicht unabhängig, 'starke Frauen' währen nie unter sich; sie bedingen sich stets durch Männer, die entweder negiert oder reduziert werden müssen, damit im blassen Hintergrund ihrer negativen, dubiosen oder abgeschwächten Präsenz die agierende Weiblichkeit um so prägender wirkt, damit ihre Stärke durch die konzipierte Schwarzmalung oder Ausblendung männlicher Stärke Alleingültigkeit erhält. Versuche, 'starke Frauen', gelungene weibliche Figuren also, innerhalb einer homogenen Gruppe, einer Gruppe aus nur Frauen eben, auch bösen und schwachen mitunter, zu plazieren, gibt es keine; bei Männern ist solches moralisches Ebenmaß gang und gäbe, immer kämpft mitten unter ihnen das Gute gegen das Böse, die Tugend gegen die Schwäche. Nie ist es nötig, Frauen zu negieren oder auszulassen, damit Männer in Kontexten, in denen sie als Helden fungieren, zu ihrem Glanz gelangen. (Im Gegenteil: Oft wird die urkundlich 'fehlende' weibliche Gestalt geradezu erfunden und in die Geschichte des Protagonisten zumeist als erdachte Geliebte positiv implantiert.)

Wo aber die 'starke Frau' stets nur abhängig von ihrem polaren Gegenpart, dem Mann, stark zu erscheinen hat ( in den Filmen etwa von Charlize Theron oder von anderen 'starken' 'mutigen' Filmstars) und dies in angeordneter Überlegenheit ihm gegenüber, kann dort die Frau an sich als stark gelten? Deutlicher gefragt: Fördert das feministische Denken, wie es von der Film-, Buch- und Unterhaltungsindustrie angewandt wird, am Ende die Vorstellung weiblicher Stärke, oder unterminiert es sie gänzlich, um an ihrer Stelle ein ritualisiertes Treten im Leergang, ein todtrauriges Klischee zu hinterlassen, todtraurig, weil es wie verflucht in der virtuellen Gegenwart herumlungert, ohne seiner greifbaren Entsprechung im Wirklichen zu begegnen?

Wir haben diese Frage nicht gestellt, damit wir uns damit befassen, sondern sie ergab sich im Lauf dieser Überlegungen und stellt sich als eine weitere selbstkritische Frage heraus, die wir dem Feministen gern empfehlen. Die Frage, der wir uns im Folgenden widmen, ist weiterhin die nach den Gründen der Bereitschaft, mit der heute das Männliche nicht nur von der Filmindustrie, sondern auch auf den anderen Plattformen des westlichen Kulturlebens gerne zugunsten des Weiblichen reduziert wird oder werden soll.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Z.B.: NETZEITUNG.DE, 3. Februar 2006, "Theron will mehr starke Frauen sehen"
2. ARD.DE, "Kultur", "Film & Kino", 8. Februar 2006, "Starke Frauen in 'Kaltes Land'"
3. DIE WELT, 2. März 2006, "Autoren werden zu Schreibknechten"
4. KINOFENSTER.DE, Filmpädagogische Website der Bundeszentrale für politische Bildung, Interview durch Margret Köhler am 20. April 2005