DER MASKULIST
24.08.2003

O

b es Frau Susi Erdmann und ihrer gewichthebenden Bremserin heute (längst zwei Jahre nach der geäußerten Zuversicht) gelingt, ihr Bob-Gefährt allein, ohne die Hilfe vermeintlicher "Machos", zu heben, wissen wir nicht. Falls es noch nicht der Fall sein sollte, hätten die Damen vielleicht nicht fleißig genug geübt. Doch was würde das auch bringen? Schwere Sachen, die frau nicht heben kann, wird es immer geben; auch solche, die man nicht wird heben können. Und sollten einmal besonders erpichte Damen ihr 200-Kilo schweres Gefährt oder auch andere Lasten der Gravitation zu entreißen vermögen, was dann?

"Identitätsstiftung", so nennt EMMA-Chefin jenen mystischen Vorgang, der Frauen dadurch ein höheres Selbstwertgefühl vermitteln soll, daß sie ihre Unzulänglichkeiten im Licht des Vergleichs mit männlicher Überlegenheit betrachten dürfen! So sollen nach der Theorie der Herausgeberin etwa Soldatinnen seelischen Aufwind dadurch bekommen, daß sie in den Kasernen wie im Einsatz erleben dürfen, wie sehr sie besonderen Schutz benötigen und annehmen müssen, um ihre Beteiligung an der Tat des Mannes zu überleben. Nicht, daß EMMA dies so darlegt; kann aber vom denkenden Leser nicht anders verstanden werden.1

Nun sind wir der zentralen Frage, der wir bisher nachspürten, nah. Wir haben nämlich in unserer Analyse des Emanzenmännerhasses den delikaten Problempunkt und Kern des kollektiven weiblich-emanzipatorischen Dilemmas erreicht. Und dieses Dilemma stellt sich in der Frage dar: Ist die Emanzipation (und damit auch Würde) der Frau erst dann erreicht, wenn Frauen die Tat oder Leistung des Mannes vollbracht bzw. wiederholt haben, oder ist die Emanzipation (bzw. Würde) der Frau auch unabhängig von einer der männlichen gleichzusetzenden Leistung möglich?

Der etwas ältere Feminismus war klug genug oder aber weniger verwöhnt, um sich bedenkenlos Widersprüchen auszuliefern. Der Feminismus der siebziger Jahre ging in seinem Disput zwar vom Gedanken einer defizitären Präsenz und Leistung der Frau in gewissen Bereichen aus. Er lehnte aber rigoros und zu Recht das Leistungsprinzip als Bedingung einer Geschlechtergleichwertigkeit ab! Er zeigte sich damit klug, weil er so Würde und Gleichheit der Frau unabhängig von Großtaten einer Lara Croft, einer Jessica Lynch oder furchterregender ARD-Kommissarinnen beanspruchen durfte. Wir haben an vorangegangener Stelle beschrieben, wie sich in den achtziger und neunziger Jahren die Ikone der 'neuen Frau' wandelte und über Gebiete als kompetent zu geistern begann, die bis dahin typisch männliche hießen. In der Comic-Industrie, in welcher die bizarren Überweltheldinnen einen explosiven Boom erlebten, der klassische männliche Comic-Helden fast verdrängte, hat sich dieser Wandel am besten dort gezeigt, wo er hin gehört und wo er einzig gedeihen kann - in der Paranormalität der Fantasy-Welten.

So scheint die heutige Situation auf dem Gebiet vorsätzlicher Überschätzung und hemmungsloser Euphemie der weiblichen 'Stärken' weit jenseits der Realität angelangt zu sein. Wir werden einige Beispiele erwähnen und auch der Frage nachgehen, was das den Frauen zubringt. Zunächst aber wollen wir zum Zwecke unserer Analyse weiterhin die Sicht der Feministinnen darüber im Visier behalten. Hilfreich dazu ist jener Artikel aus EMMA-Online vom April 2003, der die muskulöse Frauenfußballweltmeisterin von 1999 Brandi Chastain feierte, wie diese, indem sie "ihr Trikot über den Kopf reißt", nicht nur ihren "schwarzen Sport-BH zeigt" (schon ärgerlich, daß sie ihn nicht nach dem Geheiß der frühen Emanzen verbrannt hatte; die Zuschauer wären sicher noch entzückter gewesen), sondern noch dazu "Quadrizeps, Bizeps und Latissimus dorsi" - so die fachlichen Bezeichnungen gewisser Muskelpartien.

Folgen wir dem Text der von des Weibes testosteronischem Aufbau berauschten EMMA, handelt es sich hier um erste evolutionäre Indizien eines bahnbrechenden Mutierens der Weiblichkeit zu herkulischem Titaninnentum; eines Vorganges, der ein "Sprung über die dritte Hürde" genannt wird. "Die erste Hürde", die hier von der postfeministischen Weiblichkeit als bereits genommen gilt, war die von "Bildung und Wissen", werden wir unterrichtet. "Die zweite Hürde waren Besitz und Geld."

"Bildung und Wissen" - das hat EMMA richtig erkannt - stellen in der Tat (neben Familie und Vaterschaft) die erste Station staatsfeministischer Verwüstungen dar, nach EMMA die erste überwundene "Hürde" im Ansturm des Feminismus gegen die Integrität der westlichen Systeme. Warum war das so? Weil diese Gebiete von den politischen Hütern in der Meinung, nicht viel damit zu zerstören, als erste zum Experiment progressistischer Neuerungen freigegeben wurden. Es ist nicht von ungefähr, daß das Familien- und Jugendministerium in den letzten Jahrzehnten zu einer traditionellen Frauendomäne bei allen Parteien avancierte. Und wir dürfen vermuten, daß Bildung und Justiz weitere Kandidaten für diese Tradition liefern. Die Kultusministerkonferenz hat an ihrer Spitze traditionell nur Frauen, selbst die Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft ist frauengeführt. Das Klischee der mütterlich erziehenden Frau mag man sich dabei rechtfertigend zunutze gemacht haben.

So wurden diese Posten bisher von der jeweiligen Legislative und den verantwortlichen Instanzen als eine Art Ersatzopfer dem Feminismus feilgeboten, offenbar in der Meinung daß frau dabei weniger anrichten könnte, als in anderen Führungssegmenten wie etwa in solchen von Wirtschaft und Finanzen. Man spricht ja auch von 'weichen' Ministerien oder gar, wie Kanzler Schröder es einmal ausdrückte, vom "Ministerium für Frauen und Gedöns". Es hat nun wenig Sinn, den Schlaf jener Genossen unterbrechen zu wollen, die schon in den Neunzigern Anfragen an ihre Landesregierungen darüber stellten, ob nun die Jungen dümmer als die Mädchen seien, oder was sonst in der Erziehung falsch liefe, und die noch heute nicht kapiert zu haben scheinen, daß jene Hürde der Bildung und des Wissens nicht deswegen vom Mädchentum genommen wurde, weil letzteres zur geistigen Supermacht mutiert wäre, sondern weil die Bildung so weit pervertierte, und die Jungen so weit vernachlässigt wurden.

Und darüber, daß "Bildung und Wissen" exakt während jener Zeit, da Mädchen das Herz des Staates und der Erziehung gewannen und sich an den Universitäten Frauenbibliotheken und an den Ministerien Frauen- und Mädchenförderprogramme mit 'Jungen-Popokneif-Aktionen' einrichteten, den Bach runter gingen, haben wir auf diesen Seiten schon einige Trauerlieder singen können. Besonders ist diese sukzessive Schwächung mentaler und ethischer Grundlagen bis zum Jahr 2002 in Beiträgen unter "Zeitgeschehen" beschrieben, und in der Reihe "Die Brunnenvergiftung" wurden die Wirkungen frauenorientierter Maßnahmen in wissenschaftlich-technischer Berufsausbildung als zersetzende Faktoren aufgezeigt.

Während also Frauen die Hürde Bildung "ganz... genommen" haben, erklärt EMMA weiter, wurde "die Hürde Geld halb" von den Frauen "genommen". Damit ist sicher das alte Lamento darüber wieder aufgetischt, daß Frauen heute immer noch nicht die Hälfte der Chefsessel in der Wirtschaft besetzen. Das Thema hatten wir schon und warum die Politik lieber einen Teufel täte, als ihr eigentliches Heiligtum, die Wirtschaft, auch noch der experimentierfreudigen Gender-Sibyllen anzuvertrauen, dürfte geklärt sein - wir gehen hier nicht weiter darauf ein.

Interessant im hiesigen Zusammenhang ist vielmehr EMMAs "dritte Hürde", die von den Frauen als letzte eingenommen werden soll. Diese "dritte und letzte" Hürde heißt dort "die Körperhürde"! Verweilen wir etwas bei diesem Ausdruck und erinnern uns an jene Stelle im Vorwort dieser Ausführungen, an der wir das Problem Körper als ein essentielles Problem insbesondere lesbischer Feministinnen aufzeigten. Der Schlußsatz jener Überlegungen im zweiten Teil unseres Vorwortes (veröffentlicht knapp drei Jahre vor dem hier kommentierten EMMA-Artikel) lautet: "Denn selbst wenn es [den Feministinnen] gelingen sollte, die Allgegenwart des Mannes auf einer Erde, auf welcher seine Städte stehen und von welcher aus seine Visionen bereits das All bereisen, zu verdrängen: Eine Erinnerung, eine sehr derb manifestierte gar, ja eine geradezu körperliche bliebe da immer bestehen, nämlich der Körper selbst!"

Der Körper (des Mannes und der Frau) ist keineswegs - wie EMMA weiter vorgibt - "eine Tatsache, die die Anhänger eines natürlichen Unterschieds zwischen den Geschlechtern in Zeiten grassierender Emanzipation ["grassierender" ist gut und könnte von uns stammen!] als allerletzten Joker aus dem Ärmel ziehen." Denn so wenig, wie sich "die Anhänger eines natürlichen Unterschieds zwischen den Geschlechtern" solchen "Joker" selbst in die Ärmel stecken mußten, sondern dies die Natur besorgte, so wenig müssen sie ihn auch vorsätzlich "aus dem Ärmel ziehen", um etwa die Anhänger einer natürlichen "Geschlechtergleichheit" damit zu betrügen. Der Körper des Menschen ist keine von irgendwelchen Anhängern erdachte "Tatsache", sondern eine ohne alles dümmliche Beiwerk des zweiten Teils des EMMA-Satzes bestehende "Tatsache", und zwar "eine sehr derb manifestierte gar", wie hier schon trefflich ausgedrückt.

Der Körper nämlich des Menschen mit seinen existentiellen, zu Intentionen erwachenden Impulsen, die den mühseligen evolutionären Weg vom Trieb zur Empfindung und von dort zum Gedanken und darüber hinaus - über Bewußtheit und Reflexion - bis hin zur Idee in der Lage sind zurückzulegen, um sich so legitim mit dem noch nicht Erschauten zu verbinden, ist der Garant aller relevanten anthropologischen Entwicklung und zugleich das Grab all jener blutleeren Intellektualismen, die, ohne diesen legitimen Weg geistigen Werdeganges gehen zu wollen, uns von Zeit zu Zeit aus den vernebelten Luftschlössern der Ideologien heraus attackieren. Der Körper und sein zum Individuum aufgekeimtes Ich waren das Grab des Kommunismus wie aller Totalitarismen, und dieses Team, der Körper und das Ich von Mann und Frau, werden auch das Grab des Feminismus werden!

Wenn auch anzuzweifeln ist, daß 'Naturemanzen' das eben Aufgeführte begreifen, ahnen werden sie es schon. Deswegen das bemüht zuversichtliche Angehen der "Körperhürde" als einer letzten, bald genommenen.

Doch wenden wir uns dem weiteren EMMA-Text zu; schon sehr aufschlußreich der folgende ganze Satz: "In dem Hürdenlauf auf dem Weg zur Gleichberechtigung ist deshalb nachdem die Frauen im letzten Jahrhundert die Hürden Bildung ganz und die Hürde Geld halb genommen haben das dritte und letzte von den Frauen zu überspringende Hindernis vor der Zielgeraden zur wirklichen Geschlechtergleichheit die Kraft, die Körperhürde. Und die Frauen sind auf dem Sprung."

Konventionelle "Gleichberechtigung" wäre also gar nicht das Ziel des Feminismus. Weitere Hindernisse müssen übersprungen werden bis hin "zur wirklichen" (gemeint kann in diesem Kontext nur die körperliche sein!) "Geschlechtergleichheit". Da diese "wirkliche Geschlechtergleichheit" über das Überspringen auch der "Körperhürde" genommen zu werden hat, bleibt kein Zweifel darüber bestehen, daß EMMA erst dann zu ihrer vollen Würde und Emanzipation gekommen sein will, wenn es zwischen Mann und Frau keine den Körper betreffende männliche Überlegenheit mehr geben wird! Zwar wird in einem anderen Satz das Wort "vielleicht" vorsichtig zitiert: "Es drängt sich... der Verdacht auf, dass vielleicht letzten Endes überhaupt kein nennenswerter Kraftunterschied zwischen Männern und Frauen besteht", schreibt die Autorin. Doch dieser Anflug von Nüchternheit, welchen das flüchtige "vielleicht" dem Leser vielleicht vortäuscht, neutralisiert sich im übrigen Text vollständig.2

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Quellen, Anmerkungen:

1. EMMA Nr. 2, 2000, Editorial
2. EMMA ONLINE im April 2003, "Der Sprung über die letzte Hürde"