DER MASKULIST
21.04.2003

D

er feministische Haß wie die Bereitschaft vieler Männer, ihn bewußt mitzutragen oder ihm weniger bewußt zu willfahren, beschäftigen immer häufiger das zeitkritische Denken. Besonders was das Verhalten männlicher Feministen aber betrifft, werden bei diesen Überlegungen kaum die Hauptursachen erfaßt. Der Grund ist, daß Haß als Emotion oder Affekt wahrgenommen wird und seine Gründe spontan - ohne analysierende Überlegungen - ebenso im Bereich der Emotion und des Triebes gesucht werden. Es ist, wie wenn bei der Erkundung des Wassers die Aufmerksamkeit sich allein auf seine flüssige Manifestation in Seen und Flüssen richtet und so übersehen wird, daß Wasser auch als Dunst und Wolke existiert, und man ihm so nicht bloß beim Baden begegnet, sondern auch beim gewöhnlichen Spazierengehen im vermeintlich Trocknen an einem herbstlichen Tag. Männerhaß liegt ebenso 'im Äther' und nicht nur in den damit gefüllten Eimern, über die man in der Frauenbuchhandlung, im Lesbenverein oder im frauenbewegten Abendprogramm der ARD stolpert.

Das Orten der Männerfeindlichkeitsquellen dort, wo Männerfeindlichkeit spontan auftritt, verkennt leicht ihre Wirksamkeit aus dem Subtileren heraus; das Ausspähen des emotionalen Gebietes als des einzigen Herkunftsortes dieses Hasses versperrt den Blick auf die geistig-intellektuellen Gefilde, in welchen seine Keime besonders effizient genährt und gezüchtet wurden.

Dennoch wird vielfach der Begriff "Muttersöhnchen" für Feministen gebraucht, um die erzieherische Hegemonie der Frauen und die so entstandene Mutter-Kind-Abhängigkeit des Mannes als die primären Gründe für die Feminismushörigkeit vieler Männer zu betonen. Ferner wird die während der von der Mutter inszenierten Erziehungsphase den Männern eingepfropfte Haltung, sich Frauen gegenüber hilfreich und galant-andienlich zu erweisen, als Motiv männlicher Selbstvernachlässigung aufgefaßt. Auch das übliche Konkurrenzbewußtsein zwischen Männern wird oft angeführt. Zu alledem wird spekuliert, daß die sexuelle Abhängigkeit des Mannes ("schwanzgesteuert") ihn dazu führt, privat oder als Politiker den Wünschen der Frauen zu entsprechen, um bei ihnen anzukommen. Oder es werden gar Abarten des sexuellen Verlangens wie etwa Masochismus als eine Ursache genannt, die entsprechend veranlagte Männer verführt, der Männerfeindlichkeit einen genießerischen Aspekt abzugewinnen.

Alle diese Gründe lassen sich aber stark relativieren, zum Teil sogar gänzlich aufheben. Sie können zwar in individuellen Fällen durchaus als begünstigende Faktoren einer gewissen Selbstverleugnung bei Männern herhalten. Um einen Zeitgeist aber heraufzubeschwören und zu tragen, wären diese Faktoren nicht in der Lage. Im folgenden eine kurze Erläuterung der Gründe:

Die Wirksamkeit der mütterlichen Erziehung beschränkt sich auf die Zeit vor der Einschulung, und diese Zeit liegt zugleich vor der bewußten Ich-Präsenz des Kindes. Dieses Bewußtsein, dessen Aufkommen vom - vor allem männlichen - Individuum ohnehin als eine Art zweiter Abnabelung empfunden wird, wird eher von der weiteren Erziehung in der Schule als von der Mutter geprägt, und erst hier, zur rechten Zeit also, setzen jene ideologisch motivierten Erziehungsweisen des Feminismus an. Der Schulgang ist die erste Erfahrung von Selbständigkeit, die erste vom Kind ernstgenommene selbständige Unternehmung. Sie wird als eine neue, sehr grundlegende Erfahrung erlebt, die völlig heterogen zu der in der Familie ist und eine neue entscheidende Phase insofern darstellt, als sich der junge Mensch erstmals außerhalb des gewohnten, sicheren Familienkreises auf sich selbst angewiesen erlebt. Sie ist bereits Sozialisation. Die Schule kann das noch ausbügeln, was 'die doofe Mami' angerichtet hat. Und sie, die Schule, ist es, die ebenso Verheerendes durch ideologische Unterwanderung anrichten kann.

Auch eine von Müttern geförderte Erziehung der Hilfsbereitschaft oder gar des Andienens gegenüber Frauen ist unbedenklich. Denn als Begründung solcher Erziehung wird gewiß nicht angegeben, daß Jungen minderwertig sind, sondern eher, daß Mädchen hilfsbedürftig, schwächer und unzulänglicher, aber dennoch begehrenswert seien, weil sie die Mamis von morgen sein werden - eher ein Dorn im Auge des Feminismus eigentlich. Selbst das Verhalten mittelalterlicher Ritter, wie wir es im Abschnitt "Mann und Frau im 'christlichen' Mittelalter" gedeutet haben, lag nicht primär an der temporären mütterlichen Erziehung dieser Männer, sondern an den grundlegenden Kulturimpulsen jener Zeit, welche durch die Einführung des Marienkultes geprägt wurde, dem Ereignis, daß die alte Historikerfrage darüber, wann das lähmende Mittelalter eigentlich begann, einmal endgültig beantwortet haben wird.

Und was das Konkurenzverhalten der Männer betrifft, dies hat nur selten und unter zusätzlichen Spezialumständen oder ungünstigen Charakterkonstellationen zum Haß führen können. Eher bewegt es zum gegenseitigen Respekt, zum Bewußtsein von Homogenität und Ebenbürtigkeit. Nichts anderes als dieses Nebeneinander von Konkurrenz und Anerkennung ist es, was Feministinnen oft mit 'Männerbündelei' bezeichnen.

Da blieben noch die sexuellen Vermutungen. Hier müssen wir in der Tat gelten lassen, daß die dem Mann zugewiesene Rolle des stets alleinig Begehrenden das größte Kapital der Weiblichkeit schon zu allen Zeiten ausmachte. Bereits in der Mythologie straften Göttinnen denjenigen hart ab, der die Lust auch der Frau ins Feld führte. Die Möglichkeit, einen einlösbaren Gutschein bei dem Mann zu haben, mit dem sich eine Frau eingelassen hat, konnte nur auf der Basis funktionieren, Frauen brauchten den Sex nicht, sie täten es nur für den begehrenden Mann, den sie lieben und für den sie sich bereit halten. Er soll der Konsument sein, der bezahlt, dankt, ausgleicht.

Es ist ein sehr schwieriges Thema, denn hier wurde der Mann jahrtausendelang nicht nur von den Müttern, sondern auch von der öffentlichen Erziehung gnadenlos auf den Leim geführt. Von den Müttern wegen des eben genannten Gutscheines, von den Gesellschaften, weil die Erhaltung und weitere Ausprägung der Animalität beim Manne stets den Rohstoff für den Bestand wie für die Erweiterung ihrer Systeme bot. Der Soldat und die Hure - wer ist hier tatsächlich das Opfer? Auf Grund dieser Kollaboration mit der Gemeinschaft ist das am besten geglückte Manipulationsspiel der Mütter mit ihren Söhnen eben jene Einflüsterung des angeblich ausgeprägteren sexuellen Verlangens der letzteren.

Immer wieder traten Genies auf, die auf diese Falle hingewiesen hatten. Und keine geringeren! Vielmehr waren es die namhaftesten männlichen Vertreter unserer Menschheit. Doch sie konnten ihre Ansichten nur in Gewänder einkleiden, in welchen die konventionell festgesetzte Herrschaft des Triebes über den Mann durch religiös-philosophische oder gar dogmatische Begründungen angegangen wurde. In theokratischen Systemen trat die Aufforderung gegen den Trieb als Gottgefälligkeit auf und das Erliegen als "Sünde". In atheistischen Systemen wie im Buddhismus wurde die Beherrschung des Triebes zur Bedingung des Übergangs vom mentalen Ich (Ego) in das "höhere" Selbst eines gedankenfreien, "Nirwana" genannten Zustandes. Parallelen finden sich in allen Geistesschulen und Religionen, welche den Stand der Naturreligion bzw. Naturweltanschauung überwunden hatten.

Trotz alledem ist nach Jahrtausenden der Nutznießung bei gleichzeitiger Reglementierung der männlichen Vitalität der Begriff von Männlichkeit so sehr mit dem eines unauflöslichen Verlangens nach sexueller Befriedigung identifiziert worden, daß es noch heute die größte Hürde für die meisten Männer darstellt, diesem Klischee zu widersprechen. Männer lieben ihre Männlichkeitsidentität (das ist wissenschaftlich beobachtet), und so werden ihnen leicht diejenigen Klischees zum Verhängnis, die ihnen fälschlicherweise als Bestandteile dieser Identität jahrtausendelang definiert wurden.

Denn im Grunde haben Männer auf der kreativen Ebene (räumliches Verstehen, theoretisch-abstrakte Vision, Konstruktion, außerwirkliches oder transzendentes Sinnieren, Erdenken und Erfinden) überragend mehr Möglichkeiten den kreatürlichen Bereich (Trieb, Empfindung, Affekt) zu kompensieren als Frauen. Gäbe es Untersuchungen darüber, wie viele Millionen Männer zu jeder Zeit weit entfernt von Frauen auf hoher See (man denke auch an See-, Entdeckungsreisen und die langjährigen Züge der Vergangenheit), auf zivilisationsfernen Expeditionen, auf wissenschaftlichen, militärischen, humanistischen oder sportlichen Exkursionen und Unternehmungen jeglicher Art unterwegs sind, ohne im Geringsten deswegen ein Problem zwischen ihren Beinen mit sich zu tragen, würde sich die Theorie des 'schwanzgesteuerten' Mannes, dessen angeblich einfältige Strategien stets nur die Paarung beabsichtigen und mit der Qualität von Waschmaschinenprogrammen ablaufen (Karl Grammer) als das wahrhaft plumpe Programm derer entpuppen, die es sich trotz Wissenschaftsstudiums versagten, jemals Wissenschaft zu betreiben.

Wen wundert es also, wenn die im fernen Ausland stationierten Soldaten das extra angereiste 'Spice-Girl' mitsamt Pop-Geklirre einer Fußballveranstaltung wegen sitzen lassen? Daheim mag es anders sein. Wo alles Alltagsmäßige läuft und wo alles Notwendige erfüllt ist, wo Fußballspiel schon gesehen, der PC wieder auf Vordermann gebracht ist und wo dann leere Zeit übrig bleibt, um den Klischee-Erwartungen vom aktiven Mann auf der Balz nachzugehen. Ein Luxus eben. Aber hier, in einer Situation, die bald vors existentielle Dilemma führen könnte? Wo man als Kanonenfutter abkommandiert wurde? Hier ist man ein Mann und gern unter Männern; Luxus und Not gehen nicht zusammen, fort also mit den schicken Mädels der englischen Hitparade - ein andermal, es gibt Wesentlicheres!

Wir denken hier auch an den Freund, der kürzlich im Fahrstuhl des russischen Hotels die Dame, die seine von ihr angenommene Einsamkeit gegen Bares abmildern wollte, mit dem Gegenangebot verblüffte: Er könnte es ihr für den von ihr genannten Preis besorgen, sollte es ihr danach verlangen; er selbst würde es aber keineswegs so sehr brauchen, daß er dafür zahlen würde. Die Hure überspielte die paradoxe Begegnung kichernd, und kichernd, aber betont freundlich begegneten ihm am darauffolgenden Tag auch ihre Kolleginnen. Freundlich wohl deswegen, weil sie den Mann anerkannten, der das wußte, was Frauen selten wollen, daß ein Mann auch weiß, daß nämlich sie, die Frauen, nicht das Monopol der Souveränität über den eigenen Trieb führen.

Es ist nur leider zum großen Nachteil des Mannes gediehen, daß ihm die Erziehung solche Souveränität als unmännlich deklariert und so fast verunmöglicht. Wenige Männer durchschauen die Suggestion. Aber schon mehr sind diejenigen, die aufgrund persönlicher Erfahrungen Abstand von ihrem Trieb gewonnen haben. Es können dies negative Erfahrungen mit Frauen sein, von welchen diese Männer ausgenutzt oder betrogen wurden, aber auch (und das ist der bessere Fall) positive Erfahrungen mit sich selbst, zumeist kreatives Erleben, welches Erfüllung beschert und welches den zeitaufwendigen Aufenthalt in den öffentlichen Balzplätzen zwecks einer wonnigen halben Stunde wie auch die daraufhin entstehenden Verpflichtungen gegenüber der 'eroberten' Frau als sträflichen Zeitverlust erachtet. Zumeist aber sprechen Männer über derartige Befreiung - wenn überhaupt - nur mit Personen ihres Vertrauens und hinter vorgehaltener Hand. Nein, schwanzgesteuerte Männer waren schon immer weniger weltbewegend als die sexuell besonnenen. Und zu allen Zeiten widmeten sich die tüchtigsten Männer gewiß nicht vorwiegend dem Sex. Der schwanzgesteurte Mann ist eine ähnliche Legende unserer Gegenwart wie die Powerfrau.

Auch hinsichtlich jener Abarten des sexuellen Verlangens der Art Sadismus / Masochismus (hier kommt letzterer in Betracht) wird es gerade nur in der Vorstellung einer stark feministisch beschädigten und reichlich naiven Domina zu der Annahme kommen, Männer, deren Lust sich nach dergleichen gelegentlich oder häufig öffnet, würden auch in ihrem anderweitigen Verhalten sich den 'Reizen' des Kontrollverlustes und der devoten Spielchen unterwerfen. Sowenig wie Liebhaber von Extremsport täglich schwierige Hindernisse auf dem Weg ins Büro überwinden möchten. Eher ist hier der Verdacht plausibel, daß gerade Masochisten den Alltag ohne den Ballast solcher psychologischer Fallschirmsprünge verrichten möchten, ja womöglich sogar streng und autoritärer noch als andere ihre Kontrolle ausüben, wobei ihnen zum Teil auch die Kehrseite der Medaille, Sadismus, zu Diensten stehen mag. Es ist dennoch durchaus verständlich, wenn ein männerdiskriminierender Mann bildhaft in die Nähe eines politisch-ideologischen Masochisten gebracht wird; ein bezeichnendes Gleichnis - mehr nicht.

Jener Haß, dessen Wirksamkeit erhebliche gesellschaftliche und politische Folgen zeitigt, findet nur zu einem unbedeutenden Teil auf der offensichtlichen emotionalen oder affektiven Ebene statt; nämlich als lediglich der Haß gewisser 'Naturemanzen' und diverser Frauenrächerinnen, die Sachlichkeit fürchten und ihre Ideologie zur Kultivierung des eigenen Unwesens gebrauchen. Bliebe es bei diesem Haß und würde er nicht auf weitere Bereiche transformieren, wäre er nicht einmal der Rede wert. Die betroffenen Damen würden sich lediglich an ihm selbstvergiften. Aber nicht diese Damen sind es, die Politiker wie Autoren, Wissenschaftler wie Regisseure, Forscher wie Programmdirektoren ansteckten. Weder diese Feministinnen sind der Grund des gesellschaftlichen Männerhasses, noch die etwaigen Triebe oder Zuneigungen diverser Herren.

Es ist wichtig uns darüber Klarheit zu gewähren, denn wir würden dem Männerhaß nicht adäquat begegnen, wenn wir ihn nicht begreifen würden, und wir würden ihn nicht begreifen, solange wir seine infantilen Erscheinungsformen in den Seelen jener Titanic-Nostalgikerinnen aus der lesbosexistischen Front oder in den Trieben und in der persönlichen psychologischen Extravaganz vereinzelter Herren suchen würden. Diese Ebenen befinden sich ganz unten. Sie wirken dort zwar am unmittelbarsten, dennoch zugleich kollektiv am uneffizientesten.

Es ist im folgenden beabsichtigt, die drei Ebenen des Hasses zu durchwandern, die wir als a) die emotionale Ebene des Emanzenhasses, b) die gesellschaftliche oder Medienebene und c) die intellektuelle oder ideologisch-politische Ebene definieren möchten. Erst die letztere dieser Ebenen ist es, welche die beiden anderen nährt, formt und zur Wirksamkeit befähigt. Bedenklich, daß sie innerhalb der vermeintlichen Männerbewegung kaum angegangen wird. Ein solches Angehen ist aber unerläßlich. Denn wer glaubt, seine berechtigte Wut als entsorgter Vater, verpflichteter Soldat oder Unterhaltssklave benötige keinen theoretischen Disput, müßte sich vielleicht mit der ersteren länger abfinden.

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