DER MASKULIST
15.12.2003

"M

enschen brauchen Vorbilder", beteuerte die in diesem Kapitel viel erwähnte Herausgeberin der Zeitschrift EMMA in DIE ZEIT. "Vor allem, wenn sie jung und in der Orientierungsphase sind. Denn sie werden nicht von abstrakten Erkenntnissen und hehren Zielen ermutigt, sondern vom Stoff des Lebens: von Menschen, die ihnen vorleben, was möglich ist und was nicht", sinnierte sie könnerisch weiter. Besonders benachteiligt allerdings, was den Zugang zu solchen Vorbildern angeht, seien - na? - die Frauen, denn: "Deutsche Frauen werden Fußballweltmeister, gebieten über Verlage und regieren auch sonst kräftig mit [Frank Schirrmacher läßt grüßen]. Als Vorbilder mag sie die Gesellschaft trotzdem nicht akzeptieren."1 Dies bedauerte die Herausgeberin des Emanzenblattes.

Daß aber die deutschen Frauen im Zitat ihrer Geschlechtsvorsitzenden "Fußballweltmeister" geworden sein sollen und nicht "Fußballweltmeisterinnen", erscheint in Anbetracht des im weiteren Artikel gepflogenen Sprachgebärdens der Autorin wiederholt fragwürdig. Dort etwa, wo sie die Nachlässigkeit der zum Empfang jener Fußballweltmeisterinnen auf dem Frankfurter Römer jubelnden Menge korrigiert, indem sie den Ausruf: "So sehen Sieger aus!" in "So sehen Siegerinnen aus!" umpräzisiert. Und auch dort, wo sie am Ende des Pamphlets ihre Geschlechtsgemeinde zur ewig weiblichen Identität mit den Worten ermahnt: "Frauen müssen so tüchtig sein wie Männer, ja tüchtiger [!] - sie dürfen aber nicht vergessen, dass sie Frauen sind."

Diese Methode des beliebigen Wechsels zwischen Geschlechtsneutralität und Geschlechtsbetonung als eine Praxis gezielter feministischer Sprachmanipulation haben wir auf diesen Seiten schon mehrmals beleuchtet. Es ist eben opportun, Frauen dort "Fußballweltmeister" zu nennen, wo suggeriert werden soll, daß Frauen trotz gleicher Kompetenzen nicht die gleiche Anerkennung zuteil wird (Opferkult). Und es ist auch wieder opportun, Frauen dort "Siegerinnen" zu nennen, wo belegt werden soll, daß Frauen "im Prinzip" alles sein können, was Männer sind (Gleichheitsanspruch), außer vielleicht Nicht-Opfer. Die Gesamtsuggestion ergibt dann: "Die neuen Frauen wollen... gleichzeitig ein weibliches und ein männliches Leben leben." Daß das aber bisher nicht verwirklicht werden konnte, liegt nicht etwa daran, daß Frauen kein Interesse zeigen, das zu sein, was ihre vermeintliche Kennerin neu nennt, wie alle aufgetragenen und privaten Untersuchungen immer wieder belegen, nein, schuld daran soll sein a) daß für Frauen in der Welt der Männerbünde ein "regelrechtes Verbot, sich als Vorbild zu begreifen oder gar darzustellen" verhängt worden ist und b) eine den Frauen innewohnende "Selbstverachtung", die "immer auch Verachtung des eigenen Geschlechts" implizieren soll!

Gehen wir doch einfach dem Vorschlag der Autorin nach, mit darüber nachzudenken, warum "Fußballweltmeisterinnen" es schwer damit haben, gültige Vorbilder abzugeben bzw. als solche angenommen zu werden. Und schauen wir während unserer Betrachtung, wo uns da genau ein mögliches Moment der Entstehung von Selbstverachtung auffallen könnte. Eine kleine Denkhilfe hatten wir ja mitgebracht. Gemeint ist jene in Form einer Frage formulierte Überlegung weiter oben in diesem Kapitel: "Ist die Emanzipation (und damit auch Würde) der Frau erst dann erreicht, wenn Frauen die Tat oder Leistung des Mannes vollbracht bzw. wiederholt haben, oder ist die Emanzipation (bzw. Würde) der Frau auch unabhängig von einer der männlichen gleichzusetzenden Leistung möglich?"

Die Vorsilbe im Begriff "Vorbild" umschreibt schon allein die Funktion eines Vorbildes genau. Es handelt sich um ein Bild, das vor uns liegt, das einen Ort markiert, an dem wir noch nicht angekommen, sondern erst auf dem Weg dahin sind oder sein sollten. Es ist das Paradigma einer Tat oder Leistung, die wir noch nicht erbringen konnten, sie aber erbringen wollen; einer positiven Tat, die schwieriger, aufwendiger als die Taten ist, die wir bisher unsere nennen durften. Ein Vorbild, dessen Gehalt nicht auf etwas hinweist, was wir nicht erst anstreben müßten, sondern längst erreicht haben, ist kein Vorbild, kann keines sein; das Ernennen solcher "Vorbilder" würde Bedeutung und Funktion derselben pervertieren.

Der Versuch, solche inflatorische Vorbilder zu installieren, ist mit Hintergedanken verbunden, die man leicht erkennen kann: Leistung und Einsatz sollen so weit nivelliert werden, daß Lohn und Anerkennung gleich hoch bei unterschiedlicher Leistung sind. Es soll eine Umverteilung der Anerkennung legitimiert werden, die zu Lasten der Kompetenteren ausfällt. Hinzu wird der Mißerfolg solchen Vorhabens programmatisch gegen die Kompetenteren gewendet, bloß weil sich diese weigern, geringere Kompetenz als ihr Vorbild anzuerkennen; sie sollen deswegen moralisch diskreditiert werden, weil sie nicht etwas tun, was sie objektiv niemals könnten!

Denn wie könnten die weiblichen "Fußballweltmeister" der Artikelautorin als die Vorbilder jener aus Jungen zwischen 14 und 16 Jahren bestehenden sogenannten B-Jugend Mannschaften fungieren, welche die Damen sowohl kurz vor ihrem Weltsieg als auch kurz danach das Fürchten lehrten? Wem also können die Fußballdamen als Vorbilder gelten, wenn nicht allein und ausschließlich Frauen?

Damit allerdings sind auch die Geschlechter-'Domänen' säuberlich getrennt. Es ist (über den Einsatz des folgenden Wortes wurde nachgedacht) dumm, den Erfolg von Fußballfrauschaften unter sich als Indiz dafür hinstellen zu wollen, daß "sie", die Spielerinnen, "Frauen sind, aber stark in einer Männerdomäne." In einer Frauendomäne - nämlich im Frauenfußball - sind diese Frauen stark und sonst nirgends! Grenzte es nicht an Realitätsverlust, als Politiker, die sich, wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch, sonst allzu nüchtern geben, für die Aufnahme der Damen in die Bundesliga plädierten, wo sie es mit erfahrenen Mannschaften im wahren Sinn aufnehmen müßten, um so ihr Selbstwertgefühl als ebenbürtige Gegnerinnen zu Grabe zu tragen; in das gleiche Grab nämlich, wohin auch das Selbstbewußtsein von Politessen, Soldatinnen, Feuerwehrfrauen oder Sanitäterinnen wandert, sobald Extremsituationen den Einsatz von Frauen in Frage stellen, verbieten oder stark reduzieren müssen?

Gerade ein das Geschlecht verkennender physischer Antagonismus mit den Männern wäre Gift für das Selbstbewußtsein dieser Frauen. Denn gerade diese erfahren im eigenen Leib und Leben, daß Männer und Frauen ihr souveränes ethisches Wesen, ihr Selbst, nicht erleben und entfalten können, indem sie die komplementäre Wirklichkeit der Geschlechter fliehen. Eher verlören sie es in einer blinden, zwanghaften Gleichschaltung aus den Augen.

Den Moment also der Selbstverachtung der Frau brauchen wir nicht dort zu suchen, wo sie sich neben den Mann als ihn ergänzendes (ganzmachendes) menschliches Wesen stellt; die Gefahr der Selbstverachtung lauert für Frauen dort, wo sie vergebens danach streben, den Nachweis einer wahnhaften Gleichheit zu erbringen, dort, wo sie die Tat oder Leistung des Mannes wiederholen zu müssen glauben, um Würde zu erlangen. Und das betrifft nicht bloß den populären Fußball, es betrifft alle Lebensgebiete.

Zwar gibt es auf allen Gebieten tüchtige und erfolgreiche Frauen. Allerdings nur soweit als bereits Plattformen geschaffen worden sind, auf welchen man/frau wirksam sein kann; im Fertiggestellten also, im bereits Vorhandenen, in der 'Mitte der Welt' sozusagen. Hier tummelt sich das allgemeine menschliche Potential des besseren oder schlechteren Mittelmaßes, hier begegnen sich auch die Geschlechter und überlappen sich im Wettbewerb der Qualitäten und Strebsamkeiten. Hier kann es durchaus auch die Managerin geben, die besser als ein männlicher Manager ist, die Musikerin, ja die Pilotin oder Matheprofessorin - das alles gibt es! Kaum verlassen wir aber die Mitte, so wird es dürr mit den Frauen an der Peripherie der Superlative. Die Fragen nach dem schnellsten Läufer, nach dem genialsten Mathematiker, nach dem größten Dichter, dem tiefsinnigsten Philosophen, dem bedeutendsten Erfinder oder auch dem waghalsigsten Abenteurer und dem leistungsfähigsten Gedächtnis; jede dieser Fragen wird mit dem Hinweis auf einen Mann beantwortet. So weiß die Welt ganz sicher, wo ihr Reservoir für Vorbilder liegt.

(Lassen wir uns hier nicht von der Frage nach dem Warum zu Erläuterungen der Gründe bewegen. Etwas bildhaft lauteten sie in aller Kürze: Weil der Mann die Mitte meidet und sich stets gern am Rande der Welt und der Dinge aufhält, um sich (nach Kräften und im Bann seiner abstrakt räumlichen Vision) deren Erweiterung zu widmen. Hier begegnen sich Kreativität und reine Macht, rein deswegen, weil sie die Welt, den Menschen und das Ich der Nöte des Natürlichen zu entreißen trachtet - zumindest ist letzteres immer die Absicht im Kern. Kreativität also, Macht und Einsamkeit sind vorwiegend männlich.)

Die Klage der Feministinnen gegen den Mangel an Frauen in der einsamen Vorbilderregion wird um so suspekter, je mehr wir uns mit ihrer Präsenz im Bereich der zugänglicheren Leistungsstufen befassen. Denn wo sind die Frauen, die (aufgrund unzureichender oder noch nicht abgeschlossener Bildung oder sonstiger biographischer Engpässe) permanent oder vorläufig eine anspruchslose Beschäftigung annehmen müssen und die ihre mannsgleiche aber vermeintlich gehinderte Einsatzbereitschaft an Baustellen, Räumungsdiensten, Straßenlegungen, oder Stadtreinigungsteams bieten? Kann es möglich sein, daß dort nur aufgrund längst widerlegter Klischees kaum eine einzige Frau anzutreffen ist, Frauen aber angeblich in ähnlich (wenn auch nicht körperlich) exponierten Stellungen der besseren Bildung erfolgreicher wären, 'wenn man sie nur ließe'?

Passendes Zitat: "Männer bevorzugen es, selber zu arbeiten und wollen nicht, dass die Frauen das auch tun. Soweit ganz praktisch, führt aber letztlich zur Entmündigung und Herabsetzung der Frau. Wer sagt denn, dass Frauen nicht auch einen Betonmischer bedienen können? Wer sagt denn, dass wir nicht auch nachts bei Regen Eisenbahnschienen verlegen können? Wer sagt denn, dass wir nicht auch jede Drecksarbeit erledigen können? Wir können das! Wir wollen bloß nicht. Wir wollen die guten Jobs, den Rest sollen die haarigen Nutztiere erledigen. Wir wollen in die Chefetage, an die Schreibtische der Macht! Das Dumme ist nur: Wenn frau das offen fordert, klingt das ein ganz klein wenig egozentrisch. Deshalb müssen wir leider bis auf weiteres so tun, als wollten wir wirklich dieselben Rechte in der Arbeitswelt wie Männer."2

Die "Selbstverachtung" der Frauen und die "implizierte Verachtung des eigenen Geschlechts" wurzelt nicht in der Anerkennung der besonderen Leistungsfähigkeit des Mannes, einer Leistungsfähigkeit, die ihm nicht nur über neunzig Prozent der Spitzenjobs, sondern auch nahezu hundert Prozent der miesesten Jobs und Aufgaben beschert. Einen geeigneteren Boden für ihr Wachstum findet diese Selbstverachtung in der infantilen Maßlosigkeit der Forderungen nach jener 'Hälfte des Himmels', die keine Hölle kennen will, und die allein durch ideologische Propaganda und Förderprogramme erobert werden soll. Kein Wunder also, wenn die "neue Frau" in ihrer medialen Ausstrahlung, wie diese von den weiblichen Vertretern in Werbung und Unterhaltung ausgeht, die des egozentrischen, feschen, rechthaberischen und rücksichtslosen Kleinbiestes ist, das seine Karikatur von Selbstverwirklichung häufig mit den Glossen einer Verpiss-Dich-Power und dem kindischen Gehabe hirnloser Anmaßung signiert. Auch das oben angeführte Zitat trägt in dieser Hinsicht untrügliche Merkmale: Der Offenheit, mit welcher die Gerissenheit der feministischen Strategien dargelegt wird, gesellt sich dort, wo die Rede von arbeitenden Männern als von 'haarigen Nutztieren' ist, die obligatorische Dummdreistigkeit kindsfraulicher Impertinenz.

Es ist die neue Version der Kindsfrau: die feministische. Die Differenz zu der Kindsfrau vergangener Jahrzehnte beruht darauf, daß die neuere nicht etwa mit ihrer Naivität prahlt, um sich die Hilfestellung des mitleidigen, aber entzückten Mannes zu sichern. Vielmehr handelt die neue Kindsfrau in der Gewißheit, den gesamten gesellschaftlichen und politischen Apparat hinter sich zu haben, der sie zum Maskottchen und Wahrzeichen seines progressistischen Alles-ist-möglich-Hirngespinsts benutzt. Das macht sie 'stark' und 'unabhängig'. Aber teilweise auch nicht weniger anwidernd.

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Quellen, Anmerkungen:

1. DIE ZEIT, Nr. 45/2003, "Nur Mutti hat die ganze Macht"
2. Wendelexikon ("Lexikon für Frauen/Lexikon für Männer"), Artikel "Arbeit", Verlag SCHWARZKOPF UND SCHWARZKOPF