DER MASKULIST
15.12.2003

D

as Phänomen Liebe hat bedeutendere gedankliche Manifestationen gezeitigt, als wir aus Film und Romanliteratur unserer Tage kennen. "Über die Liebe" fungierte bereits als Themenwahl bei Symposien, denen klassische Größen beiwohnten. Und früher noch, in den älteren intellektuellen Zeugnissen der orientalischen Veda wie in den frühphilosophischen Anfängen des europäischen Altertums, nahm Liebe als allgemeine Bindekraft die globale kosmogonische Bedeutung ein, die unsere modernen Zeiten bisweilen dem Denkmodell der Gravitation zuschreiben. Die Liebe band in diesen Anschauungen das, was zusammengehört, galt als die Kraft, welche die Welt zu einem großen Ganzen fügt.

Zwischenmenschliche Liebe beruht zwar zunächst auf Physischem, wie den hormonell bedingten Prägungsprozessen im Laufe einer Geburt. Wir sprechen dann von der Liebe der Mutter zum Kind. Physisch bedingt ist auch die gegebene Liebe zwischen Mitgliedern der gleichen Familie oder Sippe. Patriotismus ist eine umfassendere Ausführung dieser Liebe; sie ist insofern zusätzlich mit mentalen Elementen bereichert, als sie auch die Geschichte der jeweiligen Patris (= Vaterland) berücksichtigt, den Beitrag an die allgemeine Evolution der Menschheit, den das zugehörige Volk geleistet hat. Es kann dabei Nationalstolz entstehen. Die Prägungsprozesse allerdings, welche Heimatliebe, Patriotismus erwirken, finden nicht bei der Geburt, sondern während der Sozialisation statt; deswegen ist diese Art Liebe nicht bloß naturhaft, sondern zum Teil mental initiiert. Sie bildet eine Stufe zu außernatürlichen Formen der Liebe. Nationalhelden werden nicht nur wegen der Ergebnisse ihres konkreten Tuns verehrt, sondern weil sich ihr Einsatz auf einer überpersönlichen, nicht bloß naturhaften Basis vollzogen hat und teils geistigen Ursprungs ist.

Liebe kann aber auch ganz außernatürlich (metaphysisch) sein, d. h. aus dem Erkennen des geliebten Gegenstandes heraus entstehen, ohne die Wirkung natürlich vorhandener Bezüge. Diese letztere wurde stets in der Geistesgeschichte als eine 'höhere' erachtet; zu Recht, denn sie entspringt nicht einer physischen Notwendigkeit, sondern einer im gewissen Grad freien Wahl, die auf Kriterien beruht, welche der Liebende erst erarbeiten und anschließend einsetzen mußte. Die Freundschaft gehört dieser Art Liebe an. Auch die Vaterliebe wurde aus dem Grund, daß ihr keine natürlichen Prägungsprozesse vorausgehen, als eine höhere gehalten, wie in gewissen Dokumenten insb. religiöser Ausrichtung festgehalten wurde, in welchen ausdrücklich von der "Liebe des Vaters" die Rede ist. Eine Meditation über den Sinngehalt dieses 'frauenfeindlichen' Begriffs (hier bei Johannes) wäre dringend denjenigen zu empfehlen, die, unter dem Pantoffel feministischer Theologinnen in ihren Gremien, dabei sind, solche Textstellen politisch korrekt zu begradigen.

Von Belang in unserem Zusammenhang ist noch eine weitere Unterscheidung in der Liebe, die, anders als die eben vorangegangenen, weniger mit ihrem Ursprung als mit ihrem Ziel zusammenhängt. Wir können uns hierbei nach Erich Fromm an den Begriffen von "Haben" und "Sein" orientieren. Wo ersterer das Anliegen der Liebe bestimmt, ist sie vom Wunsch nach Besitz oder räumlicher Nähe gekennzeichnet, Ziel ist die körperliche Nähe zu der geliebten Person oder der Besitz des begehrten Gegenstandes. Der Liebende braucht das Geliebte zur Bereicherung oder Sicherung seines emotionalen oder materiellen Bedarfs; er braucht die Person, mit der er sich eine Vereinigung wünscht, oder die Karriere mit ihren Möglichkeiten eines Aufstiegs zur Geld-, Wohlstands- oder Machtposition.

Der Liebende bleibt dabei essentiell derselbe Mensch und beabsichtigt auch nichts anderes. Solche Liebe trachtet nicht nach einer Verwandlung des eigenen Wesens, sondern lediglich nach einer weiteren Ausstattung seiner Peripherie. Der Leser erkennt, daß sich der alltägliche Liebesbegriff unserer Kultur primär auf dieser Ebene bewegt.

Doch ist jedem Menschen ein ganz anderes Bedürfnis immanent, das je nach Tiefsinn des Individuums mehr oder weniger wahrgenommen wird. Unserem modernen Vokabular angepaßt, dürfen wir es ein 'evolutionäres' Bedürfnis nennen. Es ist das Bedürfnis nach Werden; danach, einmal ein anderer zu sein als derjenige, den die Natur mit unserer Geburt 'hingeworfen' hatte.

Ähnlich nun wie "Haben" und "Sein", bilden auch die Begriffe "Sein" und "Werden" eine übergeordnete Polarität, in deren Spannung sich unser Menschentum entwickelt. Denn allein der Mensch unter den Wesen der Erde ist dazu fähig, solche Spannung zu erfühlen und sein Wollen und Tun an ihr auszurichten. Beachten wir auch weiter, daß beide Begriffspaare je ein separates Kontinuum markieren und daß beide Kontinua ebenfalls eine Polarität zueinander bilden. Wie könnten wir nun die beiden Kontinua benennen? "Haben" beruht auf dem Raum, denn alles was wir haben, wird im Kontinuum Raum angehäuft, es existiert im Raum. "Sein" findet ebenfalls im Raum statt; soweit es aber nicht bloß körperlich aufgefaßt wird, sondern auch Denken, Erinnerung, Wollen (also mentale Identität) einschließt, findet es ebenfalls in der Zeit statt, beansprucht also auch das Kontinuum Zeit. "Werden" aber enthebt sich dem Raum fast völlig (wenn es sich auch als Ereignis durchaus in ihm zeitigt) und ist somit ein fast reines Zeitwesen, es beansprucht primär das Kontinuum Zeit (die Alten sprachen in solchen Zusammenhängen von der 'Seele').

Dieses Werden in der Zeit, diese Liebe, die nicht etwas haben, sondern jemand werden will, hat zu ihrem Gegenstand stets etwas Personelles: Geld, Ruhm kann man nicht sein wollen, man kann sie nur haben wollen; sein wollen kann man nur eine Person. Es handelt sich hierbei also um die Liebe zu einer konkreten Person oder auch zu einem imaginierten(!) mentalen Wesen; es handelt sich um ein Identifikationserlebnis! Soweit sich solches Bedürfnis nach Identifikation in der Liebe ausdrückt, soweit jemand denjenigen liebt, der er selbst gern wäre (und in dem er sich gespiegelt sehen möchte), spricht man in der Psychoanalyse auch von der "narzistischen Liebeswahl". Und das Objekt solchen essentiellen Begehrens, das Wesen, zu dem man werden möchte, nennen wir ein "Vorbild". Solche Vorbilder kennen wir insb. aus verschiedenen philosophischen oder auch religiösen Schulen. Es sind die Gestalten, die entscheidende Intentionen beisteuerten und deren konsequente Durchführung vorlebten. Sie waren jene "Meister", die "Jünger" oder "Nachfolger" um sich sammelten. Im Kreise dieser Insider wurde eine solche Person dann auch sinnigerweise "Der Geliebte" genannt.

Nun müßten uns gewisse Begriffe allmählich bekannt vorkommen: So sprachen wir von einem "Identifikationserlebnis" in der Liebe zum begehrten Vorbild; Feministinnen sprechen von "Identitätsstiftung", also vom Erlangen eines noch nicht vorhandenen Wesensmäßigen. Feministinnen sprechen auch von "Vermännlichung", d. h. vom Werden zu einem Männlichen, vom Erlernen, eine "Aktivität mit männlichem Charakter" auszuüben. Die Rede ist also von Vorbildern, und so auch von der Liebe und - nicht zu vergessen - vom Haß! Könnte der Haß auf die Männer, sofern sich dieser in Feministinnen vorfindet, aus der Spannung zu den Männern als Vorbildern resultieren, d. h. die Umkehrung einer unerfüllbaren Beziehung zum ausgemachten Vorbild sein? Es wäre doch an dieser Stelle interessant zu wissen, was Feministinnen zu Vorbildern meinen, wenn sie darüber sprechen. Und siehe: Just zu der Zeit, in welcher diese Abhandlung über den Haß gegen die Männer entstand, entstanden auch dem entsprechende Gespräche! Sie stammen ebenfalls von der Person, die wir hier aus keinerlei persönlicher Fixierung, sondern lediglich wegen ihrer unbestrittenen Führerschaft in Sachen Frauenemanzipation am liebsten kommentieren: Wir nehmen uns im Folgenden eines dieser Gespräche vor:

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