Über die Liebe
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as Phänomen Liebe hat bedeutendere gedankliche Manifestationen gezeitigt, als wir aus Film und Romanliteratur unserer Tage kennen. "Über die Liebe" fungierte bereits als Themenwahl bei Symposien, denen klassische Größen beiwohnten. Und früher noch, in den älteren intellektuellen Zeugnissen der orientalischen Veda wie in den frühphilosophischen Anfängen des europäischen Altertums, nahm Liebe als allgemeine Bindekraft die globale kosmogonische Bedeutung ein, die unsere modernen Zeiten bisweilen dem Denkmodell der Gravitation zuschreiben. Die Liebe band in diesen Anschauungen das, was zusammengehört, galt als die Kraft, welche die Welt zu einem großen Ganzen fügt.
Zwischenmenschliche Liebe beruht zwar zunächst auf Physischem, wie den hormonell bedingten Prägungsprozessen im Laufe einer Geburt. Wir sprechen dann von der Liebe der Mutter zum Kind. Physisch bedingt ist auch die gegebene Liebe zwischen Mitgliedern der gleichen Familie oder Sippe. Patriotismus ist eine umfassendere Ausführung dieser Liebe; sie ist insofern zusätzlich mit mentalen Elementen bereichert, als sie auch die Geschichte der jeweiligen Patris (= Vaterland) berücksichtigt, den Beitrag an die allgemeine Evolution der Menschheit, den das zugehörige Volk geleistet hat. Es kann dabei Nationalstolz entstehen. Die Prägungsprozesse allerdings, welche Heimatliebe, Patriotismus erwirken, finden nicht bei der Geburt, sondern während der Sozialisation statt; deswegen ist diese Art Liebe nicht bloß naturhaft, sondern zum Teil mental initiiert. Sie bildet eine Stufe zu außernatürlichen Formen der Liebe. Nationalhelden werden nicht nur wegen der Ergebnisse ihres konkreten Tuns verehrt, sondern weil sich ihr Einsatz auf einer überpersönlichen, nicht bloß naturhaften Basis vollzogen hat und teils geistigen Ursprungs ist.
Liebe kann aber auch ganz außernatürlich (metaphysisch) sein, d. h. aus dem Erkennen des geliebten Gegenstandes heraus entstehen, ohne die Wirkung natürlich vorhandener Bezüge. Diese letztere wurde stets in der Geistesgeschichte als eine 'höhere' erachtet; zu Recht, denn sie entspringt nicht einer physischen Notwendigkeit, sondern einer im gewissen Grad freien Wahl, die auf Kriterien beruht, welche der Liebende erst erarbeiten und anschließend einsetzen mußte. Die Freundschaft gehört dieser Art Liebe an. Auch die Vaterliebe wurde aus dem Grund, daß ihr keine natürlichen Prägungsprozesse vorausgehen, als eine höhere gehalten, wie in gewissen Dokumenten insb. religiöser Ausrichtung festgehalten wurde, in welchen ausdrücklich von der "Liebe des Vaters" die Rede ist. Eine Meditation über den Sinngehalt dieses 'frauenfeindlichen' Begriffs (hier bei Johannes) wäre dringend denjenigen zu empfehlen, die, unter dem Pantoffel feministischer Theologinnen in ihren Gremien, dabei sind, solche Textstellen politisch korrekt zu begradigen.
Von Belang in unserem Zusammenhang ist noch eine weitere Unterscheidung in der Liebe, die, anders als die eben vorangegangenen, weniger mit ihrem Ursprung als mit ihrem Ziel zusammenhängt. Wir können uns hierbei nach Erich Fromm an den Begriffen von "Haben" und "Sein" orientieren. Wo ersterer das Anliegen der Liebe bestimmt, ist sie vom Wunsch nach Besitz oder räumlicher Nähe gekennzeichnet, Ziel ist die körperliche Nähe zu der geliebten Person oder der Besitz des begehrten Gegenstandes. Der Liebende braucht das Geliebte zur Bereicherung oder Sicherung seines emotionalen oder materiellen Bedarfs; er braucht die Person, mit der er sich eine Vereinigung wünscht, oder die Karriere mit ihren Möglichkeiten eines Aufstiegs zur Geld-, Wohlstands- oder Machtposition.
Der Liebende bleibt dabei essentiell derselbe Mensch und beabsichtigt auch nichts anderes. Solche Liebe trachtet nicht nach einer Verwandlung des eigenen Wesens, sondern lediglich nach einer weiteren Ausstattung seiner Peripherie. Der Leser erkennt, daß sich der alltägliche Liebesbegriff unserer Kultur primär auf dieser Ebene bewegt.
Doch ist jedem Menschen ein ganz anderes Bedürfnis immanent, das je nach Tiefsinn des Individuums mehr oder weniger wahrgenommen wird. Unserem modernen Vokabular angepaßt, dürfen wir es ein 'evolutionäres' Bedürfnis nennen. Es ist das Bedürfnis nach Werden; danach, einmal ein anderer zu sein als derjenige, den die Natur mit unserer Geburt 'hingeworfen' hatte.


