Über die Liebe
Ähnlich nun wie "Haben" und "Sein", bilden auch die Begriffe "Sein" und "Werden" eine übergeordnete Polarität, in deren Spannung sich unser Menschentum entwickelt. Denn allein der Mensch unter den Wesen der Erde ist dazu fähig, solche Spannung zu erfühlen und sein Wollen und Tun an ihr auszurichten. Beachten wir auch weiter, daß beide Begriffspaare je ein separates Kontinuum markieren und daß beide Kontinua ebenfalls eine Polarität zueinander bilden. Wie könnten wir nun die beiden Kontinua benennen? "Haben" beruht auf dem Raum, denn alles was wir haben, wird im Kontinuum Raum angehäuft, es existiert im Raum. "Sein" findet ebenfalls im Raum statt; soweit es aber nicht bloß körperlich aufgefaßt wird, sondern auch Denken, Erinnerung, Wollen (also mentale Identität) einschließt, findet es ebenfalls in der Zeit statt, beansprucht also auch das Kontinuum Zeit. "Werden" aber enthebt sich dem Raum fast völlig (wenn es sich auch als Ereignis durchaus in ihm zeitigt) und ist somit ein fast reines Zeitwesen, es beansprucht primär das Kontinuum Zeit (die Alten sprachen in solchen Zusammenhängen von der 'Seele').
Dieses Werden in der Zeit, diese Liebe, die nicht etwas haben, sondern jemand werden will, hat zu ihrem Gegenstand stets etwas Personelles: Geld, Ruhm kann man nicht sein wollen, man kann sie nur haben wollen; sein wollen kann man nur eine Person. Es handelt sich hierbei also um die Liebe zu einer konkreten Person oder auch zu einem imaginierten(!) mentalen Wesen; es handelt sich um ein Identifikationserlebnis! Soweit sich solches Bedürfnis nach Identifikation in der Liebe ausdrückt, soweit jemand denjenigen liebt, der er selbst gern wäre (und in dem er sich gespiegelt sehen möchte), spricht man in der Psychoanalyse auch von der "narzistischen Liebeswahl". Und das Objekt solchen essentiellen Begehrens, das Wesen, zu dem man werden möchte, nennen wir ein "Vorbild". Solche Vorbilder kennen wir insb. aus verschiedenen philosophischen oder auch religiösen Schulen. Es sind die Gestalten, die entscheidende Intentionen beisteuerten und deren konsequente Durchführung vorlebten. Sie waren jene "Meister", die "Jünger" oder "Nachfolger" um sich sammelten. Im Kreise dieser Insider wurde eine solche Person dann auch sinnigerweise "Der Geliebte" genannt.
Nun müßten uns gewisse Begriffe allmählich bekannt vorkommen: So sprachen wir von einem "Identifikationserlebnis" in der Liebe zum begehrten Vorbild; Feministinnen sprechen von "Identitätsstiftung", also vom Erlangen eines noch nicht vorhandenen Wesensmäßigen. Feministinnen sprechen auch von "Vermännlichung", d. h. vom Werden zu einem Männlichen, vom Erlernen, eine "Aktivität mit männlichem Charakter" auszuüben. Die Rede ist also von Vorbildern, und so auch von der Liebe und - nicht zu vergessen - vom Haß! Könnte der Haß auf die Männer, sofern sich dieser in Feministinnen vorfindet, aus der Spannung zu den Männern als Vorbildern resultieren, d. h. die Umkehrung einer unerfüllbaren Beziehung zum ausgemachten Vorbild sein? Es wäre doch an dieser Stelle interessant zu wissen, was Feministinnen zu Vorbildern meinen, wenn sie darüber sprechen. Und siehe: Just zu der Zeit, in welcher diese Abhandlung über den Haß gegen die Männer entstand, entstanden auch dem entsprechende Gespräche! Sie stammen ebenfalls von der Person, die wir hier aus keinerlei persönlicher Fixierung, sondern lediglich wegen ihrer unbestrittenen Führerschaft in Sachen Frauenemanzipation am liebsten kommentieren: Wir nehmen uns im Folgenden eines dieser Gespräche vor:
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