DER MASKULIST
01.01.2004

D

ie Frauenverachtung eines Feminismus, der Frauen auf dem Prokrustesbett erzwingt, ihre weibliche Identität zwanghaften Ausdehnungsversuchen zu unterziehen, muß seinen Ursprung in den Gemütern von Feministinnen haben, die früh begannen, ihr Geschlechtswesen als Mangelerscheinung wahrzunehmen. Diese Erfahrung mag auf mannigfaltigen Wegen entstanden sein. Doch offenbar sitzt diese Wahrnehmung sehr tief und sehr fest. Sie kann nicht bloß aus der späteren Erwachsenenerkenntnis einer 'Unterdrückung der Frau' herrühren, auch nicht aus den theoretischen Erwägungen tendenziöser Geschlechterstudien. Erinnern wir uns an jenes Frohlocken über das Aufkommen maskuliner Züge in der Körperlichkeit 'neuer' Frauen; erinnern wir uns an das Liebäugeln mit den "Quadrizeps, Bizeps und Latissimus dorsi" der amerikanischen Athletin. Solche Merkmale einer Vermännlichung werden untrüglich als Merkmale von Vermenschlichung bewertet.

Anders als üblicherweise angenommen wird, muß der Haß auf die Männer bei Feministinnen nicht auf schlechten Erfahrungen mit Männern in der Kindheit beruhen. Das Gegenteil kann sogar der Fall sein: Etwa zu gute Erfahrungen mit dem Mann, die im kindlichen Gemüt eine Fixierung auf das Maskuline als das schlechthin Menschliche bewirken und so beim Heranwachsen die Selbstliebe blockieren, weil frau kein Mann ist! Könnte solche Enttäuschung die Liebe zum Vorbild in Haß oder Abneigung umkehren? Wäre solches mehr als ein nachvollziehbarer Selbstschutz und -behauptungseffekt? In ihrem Buch "Alice Schwarzer - Eine kritische Biographie" beschreibt die Autorin Bascha Mika Details aus der Kindheit der Großemanze, die uns in solcher Hinsicht interessant erscheinen könnten. Nach den Aussagen Schwarzers selbst wird dort als "Schlüsselerlebnis" ihres Aufbegehrens gegen die Männer die "Scham" erwähnt, die sie angeblich beim Tanzunterricht dadurch erlebte, daß Jungs den aktiven Beitrag bei der Aufforderung zum Tanz leisteten. Wenig überzeugend eigentlich!

Erstens deswegen, weil hier zwar die Wahl zunächst den Jungen oblag, das Begehren aber auch, womit ja die jungen Frauen als das Erstrebens- und Begehrenswerte definiert wurden, ein Etikett, welches die Frauen-sind-besser-Feministinnen sich am liebsten auf ihre Stirn klebten. Die Gefahr, ein Mädchen würde von den Jungen sitzengelassen, gliche sich prächtig mit der anderen Gefahr für die Jungen aus, ein Mädchen könnte ja auch ablehnen. In solchen Bräuchen wird nichts anderes demonstriert als jenes Prinzip, das wir hier als die von Frauen gewollte und im gesellschaftlichen Leben zementierte Verschiebung der Verantwortung auf den Mann genannt haben: 'Du mußt bitten, damit du auch haftest!' Zweitens war offensichtlich die für Pubertierende ausgedachte Demutsübung mehr als geschlechtergerecht verteilt, wie wir den Worten der damaligen Tanzlehrerin dort entnehmen können, wo sie die Reaktion der Jungen auf das Startzeichen beschreibt, wonach "die Jungs durch den Saal geflitzt" sind "und... sich manchmal vor ihrer Angebeteten richtig auf die Knie geschmissen" haben.

Nicht also in der Tanzstunde scheinen uns die Gründe für den rebellischen Initialpunkt dieser Biographie zu liegen. Angesichts sogar der wesentlich prägnanteren Vorläufer einer späteren Krise mit dem eigenen Geschlecht, die wir in der frühen Kindheit der hier besprochenen Person zu erkennen glauben, scheint uns die Angabe der relativ späten Tanzstunde einem Verwischen von Spuren gleich. Denn die Art Familie, in der Frau Schwarzer die ersten Schritte in der Bekanntschaft der Menschen und des Menschlichen machte, war in der Tat schon vor ihrer Geburt eine erhellend besondere: "Eine ungewöhnliche Familie", befindet Bascha Mika in ihrem Buch. "Eine, in der die Frau fürs Denken, der Mann fürs Abwaschen und die alte Tante [von Alice Schwarzer wohl nicht mehr erlebt, Anm. d. V.] für Zärtlichkeit zuständig war", beschreibt die Autorin das Ambiente, in welchem Erika Schwarzer (später Schilling), die Mutter der EMMA-Herausgeberin, lebte. Der "Mann fürs Abwaschen" brachte übrigens mehr zustande als nur den Haushalt zu schmeißen. Er übernahm auch die Pflege und Erziehung des kleinen unehelichen Mädchens, wofür er später von seinem Zögling zum "Menschen" geadelt wird: "Mein Großvater... hat vorwiegend die Arbeit gemacht mit der Kindererziehung und hiermit gezeigt, daß auch Männer Menschen sein können", spricht eine Person, die jene Lizenz zum Menschsein, die sie hier penetrant unterstreicht, sich selbst versagte!

Die Frage nach den Menschlichkeitsmerkmalen der weiteren, ausschließlich weiblichen Mitglieder der Familie Schwarzer zeigt sich etwas komplizierter. Während der Großvater "nicht nur offiziell die Vormundschaft für seine kleine Enkelin" übernimmt, sondern "auch gleich die Rolle des Vaters" und "der Mutter noch dazu", empfindet die Großmutter Margarethe das uneheliche Kind "eine ungeheure Schande". Tochter Erika berichtet, von ihrer Mutter abgelehnt worden zu sein, von ihr "keine Zuwendung, keine Geborgenheit" vermittelt bekommen zu haben. "Wir hatten starke Berührungsängste voreinander. Ich durfte sie nie anfassen." Oder an anderer Stelle: "Sie schrie oft, sie schrie und schrie", und sie fügt hinzu, "dafür haßte ich sie." Die Atmosphäre im reinen Frauenhort, in welchem die kleine Alice aufwuchs, malt uns Autorin Bascha Mika mit den erschreckenden Farben gegenseitiger Verachtung unter den Frauen und eines Hasses, der sich bis zum Berührungsverbot steigerte! "Intellektuell erkannte sie mich an", berichtet die gleiche Person an anderer Stelle über ihre Mutter, "aber als Mensch und als Frau verachtete sie mich, so wie sie sich selbst verachtete". Alice Schwarzer selbst zu ihren Großeltern: "Er hat sie ertragen, wenn auch um einen hohen Preis. Fast nie habe ich ihn ihr gegenüber heftig werden sehen. Dabei hätte es Grund genug gegeben. Sie machte Szenen, quälte ihn, machte ihm das Leben zur Hölle."

Die Mutter Alice Schwarzers, Erika Schilling, scheint sich mit der "unorthodoxen Aufgabenverteilung" in der Erziehung des Kindes und dem eigenen Fernbleiben ohne große Mühe abgefunden zu haben: "Das mußte ich akzeptieren", wird sie zitiert. "Aber muß nicht ihre Tochter geglaubt haben, ihre Mutter liebe sie nicht und lehne sie ab?", fragt Bascha Mika in ihrem Buch mit Recht. Der zu dieser Zeit nicht unproblematische, vaterlose Status der Kleinen wurde aufgrund einer ablehnenden Haltung der Mutter zu den Männern in Kauf genommen. "Sie wollte keinen Mann und schon gar kein Kind", weiß Bascha Mika über sie zu sagen und zitiert sie selbst, wie sie uns erklärt, warum sie ihre Schwangerschaft dem Vater des Kindes verschwieg: "Wo ein Mann Pflichten hat, hat er auch Rechte". Sie wollte also dem Vater seine Rechte als solchem nicht gewähren. Wie prophetisch doch dieses Zitat auf die heutige Situation hinweist, in der eine jahrzehntelang ausgeweitete Rechtspraxis es wahrlich erreichte, den Wünschen exakt solcher Frauen dadurch entgegenzukommen, daß die Vaterrechte beinahe abgeschafft, die Pflichten aber verlassener Väter und Ehemänner über die Schmerzgrenze hinaus vermehrt worden sind!

Doch das zwischenfrauliche Desaster der Beziehungen scheint in dieser Familie ganze Generationenfolgen zu umfassen und sich stets mütterlicherseits fortzusetzen! Denn auch Großmutter Margarethe wird von ihrer Tochter Erika einmal als "das kleine Mädchen" beschrieben, "um das sich niemand kümmerte, das von der Mutter abgelehnt wurde." Von ihrem Vater Ernst, Alice Schwarzers Opa und hingebungsvollem Pflegevater, dem Opfer und stillen Märtyrer des Frauenlagers, sagt sie, "er war eigentlich ein schwacher Mann." Recht wird sie da schon haben! Ein Mann, der seiner Frau die "Zuwendung und... Geborgenheit", die sie brauchte, nicht geben konnte, weil "er selbst auf der Suche nach einer Mutter, nach mütterlicher Zuneigung" war.

Genug der Konturen dieses verwunderlichen Familienpsychogramms. Ist es aber nicht naiv, angesichts der Dichte, in welcher hier Charaktere und Ereignisse auftraten, die bestens geeignet scheinen, in einem Kindesgemüt geschlechtsbezogene Vorbilder zu fixieren, zu glauben, das "Schlüsselerlebnis" für die eigene Positionierung im Geschlechterverhältnis läge für eine Feminismus-Ikone in den Jugenderlebnissen eines viel späteren Tanzunterrichts?1

Die 'neuen' Frauen, "die Töchter der Emanzipation" wollen nicht mehr Frau sein, sondern "einfach nur Mensch". Man lasse diesen rhetorischen Hokuspokus, in welchem "Mensch" wie eine dritte Kategorie neben Mann und Frau erscheint, auf sich wirken. Wo denn steckt nun dieser neutrale Dritte, fragt man sich. Der geschlechtsneutralen Formulierungen mangelt es zwar in unserer Zeit nicht! Wo aber in der Amtssprache von "unterhaltspflichtigen" oder von "unterhaltsberechtigten" Ehepartnern die Rede ist, von "dienstpflichtigen" oder von "freiwilligen" Soldaten, von "mildernden Umständen" oder von "Höchststrafen", von "Gefallenen" oder "Flüchtlingen", von "lebensgefährlichen Berufen" oder von "lockeren Teilzeitjobs", von "Förderung" oder "Forderung", "Kosmetik" oder "Maloche"; hinter all diesen Formulierungen stecken die beiden Geschlechter als bestimmende Kategorien deutlich aufgeteilt. Und die Aufteilung sieht so aus, daß es mit der Herstellung dieses dritten neutralen Menschen kaum die Frauen sein dürften, die es eiliger haben müßten. Nur scheint leider dieser Mensch ein Konstrukt zu sein, das immer dann eingesetzt wird, wenn die Dringlichkeit der Ansprüche nur eines der beiden Geschlechter propagiert werden soll. In Magazinen "für Frauen von Frauen" etwa oder an anderen suspekten Orten.

Nein, wir nehmen nicht an, daß die angeblich ersehnte Angleichung der Geschlechter einem Streben nach Gerechtigkeit entstammt. Die Geschlechter stören grundsätzlich, a priori. Sie stören schon bevor Unrecht geschehen ist, und sie stören auch nachdem Recht geschaffen wurde. Das Übel scheint eher zu sein, daß es ein anderes Geschlecht überhaupt gibt, welches klare Unterscheidungsmerkmale trägt und ein Profil zeigt, vor welchem das eigene verblaßt! Das Problem ist eine Blockade im eigenen Selbstentfaltungsprozeß, die jenen Frauen, welche wie Andrea Dworkin meinen: "Weiblich sein in dieser Welt heißt, daß wir der Möglichkeit einer menschlichen Wahl beraubt sind", ihre Menschwerdung streitig zu machen droht. Es sind Menschen, deren gestörter Bezug zum eigenen Ich und Geschlecht und die daraus resultierende Selbstverachtung eine Identitätskrise bewirkt, die seit den Achtundsechzigern unter dem fragwürdigen Anspruch, das Private sei politisch, Politik machen darf.

Wo ähnliches Unbehagen bei Menschen agiert, die sich - wie die Feministinnen übers Geschlecht - ausschließlich über ihre nationale oder kulturelle Zugehörigkeit definieren, entstehen nationenübergreifende Kulturkämpfe. Wir hatten schon einmal auf diesen Seiten den Radikalfeminismus Geschlechtspatriotismus genannt; eigentlich müßten wir ihn Geschlechtsnationalismus nennen. Sind Nationalisten nicht Menschen, die allenthalben die Glanzpunkte und Vorzüge ihrer Nation preisen und es für selbstverständlich hielten, wenn ihr Land eine Vorzugsstellung in der Welt besetzte? Wir machen gerade eine Zeit durch, in welcher gekränkte oder überhebliche Nationalismen in Ost und West dabei sind, einen Krieg der Kulturen entfachen zu wollen. Die Kränkung der einen entsteht zum großen Teil daraus, daß die vom Westen geprägte Gegenwart die Kulturerrungenschaften der Gekränkten nicht als Vorbilder anerkennt! Die Menschen leben im Westen zu verändert als es die Vorsätze einst gedeihlicher Kulturen fordern, und dieses Andersleben dringt verstärkt bis in die Regionen auch jener Kulturen vor, deren Helden so um ihre Gültigkeit gebracht werden. Helden, das sind identitätsstiftende Vorbilder, und die sollen nicht abgestritten werden. Können wir Kulturkämpfe anders als kollektive Identitätskämpfe verstehen?

"Weiblich sein in dieser Welt heißt, daß wir der Möglichkeit einer menschlichen Wahl beraubt sind, und zwar durch Männer, die es lieben, uns zu hassen." Männer "lieben" es gewiß nicht, Frauen zu "hassen". Frauen, das sind ihre Mütter, ihre Schwestern und die Mütter ihrer Kinder. Der hier gemeinte Haß ist eine Übertragung des eigenen, und ihm genügt als Grund die bloße Existenz des Mannes mit seiner Kultur, mit seinem Handeln und seiner vorrangigen Vorbildstellung. Einer "menschlichen Wahl beraubt" zu sein, wird deswegen als so empfunden, weil diese Wahl an der Feministin selbst scheitert: Indem sie die komplementäre Aufeinanderbezogenheit von Mann und Frau ablehnt, um mit einer ideologisch zurechtgezimmerten Geschlechtergleichheit zu fahren, kommt sie nirgends an. Unbezweifelbar eine Frau, die allerdings für ihre Identitätsutensilien (Vorbilder, Leistungsmerkmale etc.) auf den Weltenerbauer und Sternenfahrer Mann schielt. Der Widersinn dieses Dilemmas drückt sich in jenen feministischen Unterweisungen aus DIE ZEIT aus, nach welchen eine Frau keine Frau, sondern einfach nur Mensch sein wollen sollte, zugleich aber nicht vergessen darf, das er eine Frau ist! - Kapiert?2

Was Wunder wenn die Kränkung bald zum Geschlechterrassismus reift: "Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen, mit einem hochhackigen Schuh in seinen Mund gerammt wie ein Apfel in dem Maul eines Schweins", lautete das Zitat zu Beginn dieser Betrachtungen über den Haß gegen die Männer. Und klar ist 'nur ein toter Mann ein guter'. Männlichkeit soll es entweder gar nicht geben, oder - wenn schon - nur als etwas Böses und Überwundenes.

Als die Rettungskräfte des 11. September 2001 in New York, die ihre Schützlinge mit dem eigenen Körper gegen die herunterbröckelnden Türme bargen, in den Lobreden der Geretteten wie Halbgötter verehrt wurden, verkündete Peggy Nooman, eine ehemalige Beraterin Ronald Reagans: "Die Männer sind wieder da"! Was mag dieses bedeuten? Waren jemals die Männer verschwunden? Wohl nicht, aber für die Reagan-Beraterin und viele andere, etwa die Feministin Susan Faludi, scheint es so gewesen zu sein. Auch Frau Faludi, die noch 1999 in ihrem Buch "Männer - Das betrogene Geschlecht" den bereits vollbrachten Untergang des Mannes anhand von Gesprächen mit Arbeitslosen, Vietnam-Veteranen und männlichen Pornostars belegt zu haben glaubte, bewunderte nun "Buschs männliche Gelassenheit." Dabei sind beide Zugeständnisse an die doch noch vorhandene Männlichkeit souveräner und ehrenvoller als die von anderen Feministinnen zu jener Zeit weltweit debattierte Befürchtung, der mannhafte Einsatz der Feuerwehrmänner, ein Einsatz den etwa 300 von ihnen mit dem Leben zahlten, sei als Gefährdung der internationalen Frauenbewegung anzusehen, weil durch ihn Männlichkeit wieder hoch im Kurs stehen könnte! Männer könnten wieder entgegen den Zielen jener politisch korrekten Schäbigkeit, mit der ihre ethische Präsenz beschädigt werden soll, im ehrenrettenden Erretterlicht erscheinen, und das gäbe, obwohl mit dem eigenen Leben bezahlt, kein willkommenes Aufwallen in den brodelnden Seelchen der femirassistischen Penisneiderinnen weltweit.

Im Privaten unternimmt der Feminismus gegenwärtig bei Frauen den Versuch einer Gemütstransplantation: Die Frau des berühmten Architekten, des erfolgreichen Athleten oder des bahnbrechenden Wissenschaftlers, die bisher glücklich abgesichert die gemeinsamen Kinder großzog und den Haushalt führte, soll - will sie eine 'neue' Frau sein - ihre Zufriedenheit durch den Argwohn ersetzen, sie selbst könnte das Genie oder Talent sein, mit dem sie lebt, hätte sie das 'Patriarchat' ihres Mannes nicht "der Möglichkeit einer menschlichen Wahl beraubt". Sofern Familien die Zellen einer Gesellschaft sind, sterben heute so in den Organismen westlicher Gesellschaften eine ganze Menge derart vergifteter Zellen ab. Viele erkennen bereits den Verfall.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Bascha Mika, "Alice Schwarzer - Eine kritische Biographie", ROWOHLT Verlag
2. DIE ZEIT, Nr. 45/2003, "Nur Mutti hat die ganze Macht"