Was wollten diese Frauen? Oder
fragen wir lieber: Wo kommen sie her; aus welcher Phase feministischer
Entwicklungen heraus erschließt sich ihr Auftritt? Wir wissen, daß feministisches
Vorgehen stets drei Phasen zu durchlaufen pflegt: Zuerst die angebliche
Gleichbehandlungsphase. Diese ist rein taktisch. Sie dient dazu,
eine Legitimationsplattform zu schaffen, auf welcher der Feminismus
seine Instrumentarien auspacken kann, um mit seinem gesellschaftlichen
Herumdoktern loszulegen. Diese Pionierarbeit besteht darin, Unterschiede
zu leugnen oder zu nivellieren. Historisch gesehen befinden wir uns
in den siebziger Jahren.
Im zweiten Aufzug, in den Achtzigern,
war nun alle 'Gleichbehandlung' fast schon 'Schnee von Gestern',
und die Funktionärinnen weihten bereits ihre Lehrlinge und sich selbst
in die 'geschlechterspezifische' Behandlung ein. Schon zu Beginn
jener Zeit flossen die ersten 'Nur-für-Frauen-und-Mädchen'-Gelder aus
den Etats. Parallel waren in der Gesetzgebung die Rechte für Scheidung
und Unterhalt so weit zugunsten der "unterhaltsberechtigten
Ehepartner" angepaßt, daß sie die Familientradition bereits
angriffen.
Lapidar zusammengefaßt sind in
den Siebzigern Mann und Frau 'eigentlich gleich', in den Achtzigern eben
nicht gleich, denn - so kam es uns endgültig in den Neunzigern
zu Ohren - "Frauen sind einfach besser". So einfach ging
das! Noch niemals hatte eine Weltanschauung die Menschheit
so plump und ungekonnt hinters Licht geführt wie die feministische,
und der Moment, an dem wir ernsthaft über die Gründe ihres nicht
leicht zu erklärenden Erfolges zu reflektieren begännen, wäre tiefes
Aufatmen im Kulturleben.
Nach der gründlichen Behandlung
des öffentlichen Bewußtseins durch jene zwei Phasen der siebziger
und achtziger Jahre konnten anschließend in den Neunzigern die Absichten
einer Besserstellung der Frau unverblümt vortreten. Politische Korrektheit
als Regelwerk im öffentlichen Verhalten und Gender-Mainstreaming als
politisch-intentionaler Leitfaden formten die Geschlechterbehandlung
in dieser Hinsicht.
Schnell wußten wir, daß Politische
Korrektheit Korrektheit nur gegenüber
der Weiblichkeit bedeutete. Denn mit ihrem Einzug erlebten wir auch
den Höhepunkt der Verächtlichmachung,
der Diffamierung und der Entwürdigung des Maskulinen und die öffentlichen
Meinungsquellen als Bastionen einer wahnhaften Impertinenz dümmlichen,
halbgebildeten, infantil-arroganten Männerhasses in 'Erfolgsromanen',
Sendungen, in der Werbung, in Artikeln quasiwissenschaftlicher und
anderer Medien.
Mit Gender-Mainstreaming, jenem Leitfaden zur Durchsetzung
der 'Gleichstellung' auf Biegen und Brechen in allen Gebieten des
Staates und der Wirtschaft, werden wir uns in späteren Seiten genauer
befassen. Wir werden feststellen, daß die Vorgabe, es handle sich
dabei um eine "differenzierte Politik für Männer und Frauen" (Deutscher
Städtetag, Beschluß vom Juni 2002) gar nicht verkehrt ist. Und eine
Kostprobe solchen Differenzierens können wir als Appetizer zu unseren
künftigen Erläuterungen jetzt schon anbieten. Der folgende Text ist
Teil der Kommissionsmitteilung der Europäischen Komission zur "Einbindung der Chancengleichheit in
sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft".
Dort heißt es (Kursives vom uns): "Die
Maßnahmen zur Gleichstellung erfordern ein ehrgeiziges Konzept,
das von der Anerkennung der weiblichen und der männlichen Identität
sowie der Bereitschaft zu einer ausgewogenen Teilung der Verantwortung zwischen
Frauen und Männern ausgehen muß." Also: Die "Gleichstellung" ist
bei der "Teilung der Verantwortung" nicht etwa gleich,
was auf Gleichverpflichtung münden würde, sondern "ausgewogen"!
Maßstab für solche "ausgewogene Teilung" sind weibliche und männliche Identität. Und wie diese Identitäten
beschaffen sind, dafür gibt es eben die ausgeklügelten Geschlechterstudien,
die von der gleichen Gilde der gewieften Frauenfunktionärinnen erstellt
werden, welche auch die Methode des Gender-Mainstreaming ersonnen und durchgesetzt haben. Damit
beabsichtigen sie, ihr Frauenvolk vom weniger vorteilhaften Wüstenland
bloßer Gleichstellung in die Milch und Honig spendenden Gefilde eines
gelobten Landes-Amazonien zu führen, in welchem - ganz im Gender-Mainstreamingschen Sinn 'ausgewogen' - Männer all
dies leisten, womit man Frauen jagen könnte (vom Städtebau bis zur
Kloakenreinigung), Frauen aber dafür, durch die installierten Machtapparaturen
des Gender-Mainstreaming, über all dies
verfügen, was Männer leisten müssen!
Einen Absatz später erhalten wir
Genaueres. In der kurzen Unterweisung darüber, wen die "Chancengleichheit" betrifft,
heißt es: "nicht allein die Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit
und ihre Selbständigkeit, sondern auch die Männer und die Gesellschaft
insgesamt..." Wohl gemerkt: In die "Gesellschaft",
den berüchtigten Gegenpol des Individuums, in die unpersönliche Allgemeinheit,
dahin werden die "Männer" in diesem Text abgeladen, unter
ferner liefen also, unter "insgesamt". Allein bei "Frauen" wird
Individuelles berücksichtigt, nämlich "die Entfaltung ihrer
Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit". Welche chancengleichheitverheißende
Wortauswahl!1
Glaubt irgendein besonnener Mensch,
insbesondere einer, der die bisherigen Seiten unserer Ausführungen
gelesen hat, daß solche Texte zufällig so formuliert sind, ohne wohl
erwogene Gestaltung der Inhalte, ohne gedanklichen Aufwand, ohne
Absichten? Viel mehr sehen wir in ihnen die kaum diskretere Formulierung
jener Auffassung von Geschlechtergleichstellung, die in den Grundsatzprogrammen
gewisser Frauenparteien zu der deutlicheren Formulierung "Die
Würde der Frau ist unantastbar" heranreifen zu dürfen glaubte.2
Ein weiterer wichtiger Aspekt
des Gender-Mainstreaming ist schließlich
das ausdrückliche Hervorheben seiner absoluten, ganzheitlichen Kontrollfunktion.
Dieser Anspruch begegnet uns in allen verfügbaren Texten als
die eindringlichste Erläuterung! Es gilt, "ausdrücklich sämtliche
allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen...
das rechtliche Instrumentarium, die Finanzmittel und
die Analyse- und Moderationskapazitäten der Gemeinschaft
zu mobilisieren, um auf allen Gebieten dem Bedürfnis nach
Entwicklung ausgewogener Beziehungen zwischen Frauen und Männern
Eingang zu verschaffen." Im Einführungstext des Bundesfrauenministeriums
zum Gender-Mainstreaming wird die Omnipotenz
des Verfahrens philosophisch begründet: "Da es keine geschlechterneutrale
Wirklichkeit gibt." Als ginge es den Geschlechtertechnokratinnen
jemals darum, die Wirklichkeit überhaupt zu konsultieren.
Die Urheberinnen der eben beschriebenen
Positionen, die von den Gleichberechtigungsdebatten der Siebziger
bis zur Durchsetzung des Gender-Mainstreaming den
politischen Feminismus der drei letzten Jahrzehnte des zwanzigsten
Jahrhunderts bestimmten und parallel dazu das gesellschaftliche und
kulturelle Leben durch die moralische Kontrolle der Politischen Korrektheit
entsprechend beackerten, unterließen es nicht, auch bei den Wissenschaften
anzuklopfen. Der Einlaß ist ihnen durchaus gelungen.