DER MASKULIST
30.08.2009

Die neue Werkstatt des Werdens

E

Erwägungen zu einem zukunftsrelevanten Evolutionsbegriff mit Blick auf die Seichtheit des feministischen Biologismus

s geht uns in diesem Beitrag darum, eine Debatte um Wesentliches zu ergänzen, die bisher nur halbwegs geführt wurde. Gemeint ist die Debatte um jenen feministischen Biologismus, nach welchem das weibliche als das evolutionär notwendigere Geschlecht propagiert wird, und der bereits im Ansatz scheitert. Doch dieses sein a priori Scheitern trat im bisherigen Disput kaum zum Vorschein, weil sich dieser auf argumentative Entgegnung einschränkte: auf die Widerlegung des feministischen Arguments. Diese defensive Haltung ließ untergehen, daß die feministischen Positionen, genauer besehen, das Gegenteil dessen implizieren, was sie beabsichtigen: Sie deklassieren das weibliche als das evolutionär minderwertige Geschlecht, indem sie seinen Trumpf auf der biologischen Ebene der Evolution fixieren, auf der Ebene nämlich, auf welcher Menschen als bloße Naturwesen vorkommen, deren Verdienste sich, nicht anders als bei den Tieren, im Reproduktionsprozeß erschöpfen. Mag dies mit jenem Zurück-zur-Natur-Aufruf übereinstimmen, mit dem die Natur- und Frauenbewegungen der Vergangenheit losgezogen sind; mit Evolution hat es nur negativ etwas zu tun.

Um dies genauer auszuführen, ist es sinnvoll, die defensive Ebene einmal zu ignorieren, uns also nicht um eine Widerlegung des feministischen Biologismus zu bemühen, sondern darum, den Begriff der Evolution zu korrigieren, auf welchen er sich bezieht.

Vergessen wir also einmal die Argumente, die seine Behauptungen entkräften oder, indem sie diese auch auf die Frau anwenden, neutralisieren, und konzentrieren wir uns eher auf das angewandte Schema seiner Evolution. Denken wir daran, daß es nur eine uns bekannte Evolution gibt, diejenige nämlich, die auf unserem Planeten bisher den Menschen als ihr ultimatives Wesen hervorgebracht hat. Ultimativ deswegen, weil er mit jenen Besonderheiten ausgestattet ist, die ihm erlauben, die natürliche Evolution, den Teil von ihr also, in welchem die Frau glorifiziert werden soll, in weitgehender Weise zu beeinflussen, ja zu bestimmen: Erstens dadurch, daß die Natur selbst vom Menschen umgestaltet werden kann und ferner, weil der Mensch sogar den Umgestaltungsfaktor der Natur, sich selbst also, bewußt zu gestalten, zu bilden und zu führen in der Lage ist. Durch jene Fähigkeit der Selbstreflexion nämlich, die wir Selbstbewußtsein oder Geist nennen.

Nun ist dieser Geist als Ergebnis der Evolution nicht von ihr zu trennen, denn die Evolution, die einzige uns bekannte, kann sowenig wie jede andere Entwicklung von ihren Ergebnissen getrennt werden. Evolution ist die Entfaltung ihrer Ergebnisse – was auch hätte sie sonst sein können?

Zu diesen Ergebnissen gesellt sich mittlerweile auch eine weitere Komponente desselben Geistes, dem wir die Selbstreflexion verdanken: der Wille. Damit ist natürlich nicht das Wollen oder das triebhafte Begehren von etwas gemeint, sondern jener bewußte, durch die Selbstreflexion geläuterte Wille, der gereifte und bis zur Selbstaufhebung (also auch bis zum Verzichten-Wollen) differenzierte Absichten verfolgen kann, und dies, wie etwa im Falle des Gewissens, bis zu seiner Einmischung im Denkprozeß selbst!

Wie neu diese evolutionäre Errungenschaft ist, wird bei der Klarstellung deutlich, daß der Wille in der gesamten antiken Philosophie keine besonders tragende Rolle spielte, während er in der neueren westlichen den Grundbegriff ganzer philosophischer Systeme bildet. Das korreliert mit einem zu beobachtenden Aufkommen ausgeprägter Ichhaftigkeit bei den schon frühen Stammesvölkern Nordeuropas, ausgedrückt durch die Voranstellung des Wörtchens "ich" in ihrem Satzaufbau, wie dies Franz Borkenau in seinen geschichtsanalytischen Essays belegt.1 Doch wie jeder neue Zug wurde auch dieser Übergang in die Willensperiode der Kulturevolution bereits früher von brillanten Individuen erahnt und regelrecht "geübt". "Yoga" wird entsprechend konnotiert.

Es mag dem fundamentalen Rationalisten etwas fragwürdig erscheinen, evolutionäre Zusammenhänge aus religiösen Kontexten herauszuschälen, für den objektiven Kulturanalytiker ist solches Verfahren selbstverständlich. Erahnte Zukunftsperspektiven kleideten sich schon immer in metaphysisches Gewand, denn das Künftige ist als Noch-nicht-Seiendes eben Nicht-Seiendes und so auf keiner physischen Ebene zu vergegenwärtigen. Zukunft kann nur in Bildern jenseits der Gegenwart erstmals aufsprießen: in der Transzendenz. Das ist der Grund, warum in der modernen Science Fiction der Umgang mit Kognition und Körperlichkeit oft Formen annimmt, die man aus religiösen oder psychotropisch erzeugten Erfahrungsberichten her kennt.

Eine Auswertung solcher Befunde, ob sie (wie im Osten) die kognitiven oder (wie im Westen) eher die psychisch-affektiven Prozesse betreffen, zeigt deutlich, daß es dabei um ein sehr konkretes Anliegen geht: Es geht um die Etablierung des Willens in diesen Prozessen. Ganz gleich ob es sich dabei um die Konzentration des Denkens (Östlich) oder um die stoisch-mönchische Ataraxie des Gemüts (Westen) geht: Worauf es beide Male ankommt, ist das willentliche Aufrechterhalten eines bestimmten Zustandes in jenem mentalen und psychischen Geschehen, das in vergangenen Evolutionsstufen dem unbewußten Sich-Umhertreiben oder Umhergetriebenwerden überlassen wurde.

Es ist, wie bei allen existentiellen Erfahrungen, schwer im voraus einzuschätzen, in welcher Weise eine solche Mutation den Wahrnehmungscharakter der inneren und äußeren Wirklichkeit zu modifizieren vermag. Es soll auch zunächst nicht von Interesse sein. Wichtig ist, festzuhalten, daß sich die Evolution offensichtlich im Menschen jene Mittel zusammenstellte, auf deren Basis sie nun fortgeführt zu werden trachtet; daß sie sich hinsichtlich des Menschen vom äußeren, bloß natürlichen Plan weitgehend zurückgezogen hat, und die weiteren Erfordernisse ihres Verlaufs auf ihr jüngstes Großprojekt, das menschliche Bewußtsein, zu einem großen Teil verlagert hat, vom Kreatürlichen also auf das Kreative. Sie schuf im Menschen ein Inneres, das auch als ihr eigenes Innere betrachtet werden kann. Darauf münzt ihr bisheriger Verlauf, um dann - wie die Achterzahl, das Symbol des Unendlichen an ihrem Wendepunkt - in eine neue, diametral gegenüberstehende Dimension einzugehen.

Annahmen darüber, ob es in Zukunft eine Rückkoppelung geben könnte, ob und inwieweit also dieser im Inneren verlagerte Evolutionsprozeß Implikationen in der physiologischen Beschaffenheit seiner Träger zeitigen würde, gehörten sicher heute dem Bereich der Spekulationen an, wenn auch keineswegs der unberechtigten. Ziemlich wahrscheinlich dürfte sein, daß es zwischen den evolutionär begabten, sich in Bewußtheit übenden Individuen, und jenen nach wie vor ihrer inneren und äußeren Berieselung verfallenen durchaus deutliche physiognomische Unterschiede geben könnte, die eine neue, sagen wir eine Geistes-Aristokratie, markieren würden. Das käme Platons Verheißung einer Regierung der Weisen zugute, gesetzt, die neuen Weisen fänden eine Veranlassung dazu, den Rest der Welt zu leiten oder gar zu regieren. Aber auch dieses wollen wir zunächst außen vor lassen.

Die Kontraevolutionären

Warum wir zu diesen Betrachtungen über plausible Wege der weiteren Evolution gelangt sind, ist, weil gegenwärtig sowohl die Annahme einer weiteren Evolution als auch die Relevanz ihres primären Vehikels, die Existenz nämlich eines freien Willens, von Vertretern des Zeitgeistes, die man zum Teil (siehe da!) auch aus der Geschlechterdebatte kennt, unter Beschuß genommen wurden.

Zu den prominenten Verkündern eines Endes der Evolution gehört immerhin kein Geringerer als Steve Jones, jener Männerhasser, der sich im Jahr 2003 nicht entblödete, mit einem Buch gegen die Träger des Y-Chromosoms zu wüten, dessen Thesen wenige Wochen zuvor aufgrund neuer Forschungsergebnisse reichlich revidierbar gemacht worden waren. Als einzige Motive zu seinem literarischen Amoklauf ließ er damals nur eine anstandsscheue Geschäftstüchtigkeit gepaart mit eben seinem blanken Männerhaß erkennen.

Später meldete er sich wieder: Die Evolution sei am Ende! In den letzten 100.000 Jahren sei sie, was Veränderungen am Menschen betrifft, richtig langweilig geworden, außerdem könne mittlerweile der Mensch durch seine Fertigkeiten Mängel kompensieren und so der "natürlichen Auslese" einen Streich spielen: Individuen nämlich, die an ihr gescheitert wären, überlebten und vermehrten sich heute. Und Jones stellte klar: "Unter Evolution verstehe ich 'natürliche Auslese'".2

Nun erwartet zum Glück niemand (außer vielleicht Frank Schirrmacher) widerspruchsfreie Statements von Steve Jones. So tut es halb so weh, ihn im selben Interview bestimmen zu hören: "Die Evolution fand in unserem Geist statt, nicht in unserem Körper." Eine allzu fromme Aussage - zweifelsohne! Doch der Zweifel folgt auf der Ferse. Denn warum sollten, Mister Jones, wenn die Evolution tatsächlich eine geistige Angelegenheit ist, jene ebenfalls geistigen Befähigungen, die die Evolution nach Ihrer Aussage heute so entscheidend mitbestimmen, diese beenden anstatt sie zu erweitern? Und ist nicht gerade das letzte Zehntel der genannten 100.000 Jahren eher atemberaubend als langweilig, wenn man die in dieser Zeit ausgelöste Evolution "in unserem Geist", die Kulturevolution in Betracht zieht?

Und angesichts der Gewißheit, daß wir von unserem Oberflächenpionier keine ernstzunehmende Antwort zu erwarten hätten, versuchen wir das dahintersteckende Dilemma, das übrigens nicht nur Jones' Denken heimsucht, anhand weiterer, ergiebigerer Befunde zu ergründen. Es geht hierbei um die Entscheidung, inwieweit die Evolution ihre Zelte im Geistigen aufschlagen darf, ohne deswegen als solche verkannt zu werden. Es ist eine wesentliche Frage unserer Zeit.

Die Wissenschaftsdisziplin, in der sich dieses Dilemma am prägnantesten niederschlägt, ist die Hirnforschung. Die Frage nach der Willensfreiheit, die auch die Frage nach der ontologischen Legitimation des menschlichen Selbst ist, eröffnete und trägt diesen Disput. Sie fragt, ob die Willensmanifestationen der Art Entscheidungen, die im Bewußtsein getroffen worden, frei heißen dürfen oder nicht.

Wolf Singer, Direktor am Max-Plank-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und zur Zeit vielleicht meistdiskutierter Forscher seines Gebiets, sieht die Ereignisse im Bewußtsein als Resultate von unbewußten "deterministischen neuronalen Prozessen", unter Einbezug des "deklarativen" Gedächtnisses, des Gedächtnisses für Fakten und Geschehnisse, die als erworbenes soziokulturelles Wissen gespeichert vorliegen. Auf den Einwand des Philosophen Habermas, er ließe so "das bewusste Leben… lediglich eine Nebenerscheinung der physischen Hirnprozesse sein", antwortete Singer in einem ausführlichen Interview: "Überhaupt nicht. Das Bewusstsein ist eine emergente Eigenschaft von Hirnprozessen und keine Nebenerscheinung, sondern etwas ganz Wesentliches." Diese Aussage bekräftigte er ebenda, indem er etwas weiter das Ich "eine emergente Funktion des Gesamtsystems" nannte.3

Es ist alles nicht so einfach in diesem Streit über neuronale Prozesse und mentale Manifestationen. Es handelt sich dabei um die moderne Version eines uralten Streits, des Streits um Materie und Geist, des Streits um den konstituierenden Urgrund der Welt oder um das Wesen des Seins. Wie bedachtsam, ja zögernd ein solcher Streit auch heute fortgeführt wird, macht sich darin deutlich, daß der Verfechter des materiellen Prinzips, Wolf Singer, einräumen muß, es liege seinen Resultaten inne, sich selbst auch in Frage zu stellen. Sein Wortlaut hierzu: "Vielleicht gibt es draußen in der Welt noch Dinge, die, wenn wir sie entdeckten, die Welt so umkrempeln würden, wie es die Quantenphysik mit der klassischen Physik getan hat… Unser Gehirn ist… nicht daraufhin ausgelegt, das Absolute zu erfassen… So ein System ist sicher nicht dazu angetan, die Welt so zu erfassen, wie sie möglicherweise wirklich ist."

Diese Zurückhaltung bei konsequenter Vertretung der Materialität der Welt ("Aber auch deterministische Systeme sind offen und kreativ, können Neues in die Welt bringen. Das kann Materie. Man muss der Materie ein bisschen mehr zutrauen.") ist freilich ein Beleg souveräner Objektivität. Derselben zuliebe vermeiden auch wir es, eine Position in diesem Streit zu beziehen, und dies nicht zum ersten Mal auf maskulist.de.

Was aber ist "eine emergente Eigenschaft von Hirnprozessen" oder "eine emergente Funktion des Gesamtsystems"? Was heißt "emergent"?

Emergenz - Der Mehrwert der Evolution

Emergenz ist ein Phänomen innerhalb von Entwicklungsprozessen und besteht darin, daß bestimmte Entwicklungsebenen mehr hervorbringen, als die beteiligten Elemente erwarten ließen. Der Emergenzgedanke begleitet das Wissen seit der Antike und hat sich auch als die populäre Erkenntnis artikuliert, eine Sache sei mehr als bloß die Summe ihrer Teile. Die Evolution entwickelt lauter solche "Sachen", wesenhaftes Wachstum ist nie bloß additiv, es erbringt stets mehr als die Summe der zusammengekommenen "Teile".

Offenbar liegen zwischen dem bloßen Zusammenkommen und dem aktiven Zusammenwirken, zwischen bloßer Anhäufung und Synergie wesensbestimmende Differenzen. Das Aufeinanderwirken von Elementen läßt so Systeme entstehen, die zwar kausal mit diesen Elementen zusammenhängen, nicht mehr aber wesenhaft. So ist etwa das Wesen des Wassers ein ganz anderes als das Wesen des einzelnen Tropfens. Steht letzterer kugelrund autark und selbstzentriert da, fließt eine Wassermenge formlos und ohne eigenes Zentrum dahin. Die vielen Tropfen, die sich zur Bildung dieser Menge zusammenfanden, emergierten zu Wasser. Dabei externalisierten sie ihr konstituierendes Zentrum von der eigenen Mitte auf die Erdmitte hin und überließen fortan ihre Form und ihren Lauf allein der Gravitation und weiteren äußeren Widerständen.

Solches spontane Bilden einer nächsten Einheit, auf der sich ein neues Wesen auftut ("emergere" heißt "auftauchen"), prägte gewiß in der Geschichte der Menschheit das Denken der Beobachter von Entwicklungsprozessen, das Denken also der Wissenschaftler und noch mehr das der Philosophen. Letzterer deswegen mehr, weil diese ohnehin interessierter nach dem Wesen der Dinge schauten als nach den offenbaren Eigenschaften derselben. Und ihre, das noch nicht Offenbare umarmende Stimmung, förderte jene Neigung zur Vision, die sich früher in Offenbarungen und Ideen als Prototypen einer auf Vergegenwärtigung harrenden Zukunft ausdrückte und heute wie angedeutet in der Science Fiction.

Auf diese Plattform der wissenschaftlichen Phantasie flüchten die Ahnungen eines abgebrannten Denkens, das ein Zeitalter bleiernen Materialismus zum Sklaven seelenwelkender Zweckgebundenheiten degradierte. Dies als Folge einer "Aufklärung", die sich als Kahlschlag gegen die Selbstreflexion des Geistigen erwies, das nur noch als Scheinwerfer zur Erkundung der Welt da draußen und als Karrierefaktor gebraucht werden soll. Doch vieles spricht dafür, daß wir ohnehin in eine Zeit eintreten, in der die semantische Transformation der Vision in den Kontext der Wissenschaft (Science) erfolgen wird, worin sich erstere nach dem Bankrott der in die Jahre gekommenen Religionen eine neue Bleibe sucht. Science Fiction wäre als Genre ein Vorbote dessen.

Wobei die Neurologie auch hier an erster Stelle steht.

Der Wille kehrt zurück

Zu den Heiterkeiten, die mir aus Kindeszeit erinnerlich sind, gehörte auch jenes Denkspiel, das in einer Aufgabe bestand, die man negative Apperzeption nennen könnte, nämlich: Ein bestimmtes Objekt durch Willenskraft aus dem Bewußtsein zu verbannen. Man wurde also aufgefordert, in den nächsten Sekunden nicht an einen bestimmten Begriff zu denken. Gerade dieser Vorsatz aber stellte den "verbotenen" Gegenstand derart heraus, daß er zum dominierenden Inhalt des Bewußtseins wurde. Sollte also dieser etwa "Frosch" heißen, dann handelte man sich garantiert sein Gequake wie einen Ohrwurm ein, und davon, daß man es geschafft hätte, nicht an einen Frosch zu denken, konnte keine Rede sein. Das Zugestehen dieses Unvermögens sollte am Ende als Erkenntnisgewinn das Spiel krönen.

"Kinder sind hierzu noch nicht in der Lage", sagte auch Wolf Singer in einem verwandten Zusammenhang. Er meinte die Lage, jene "Selbstkontrolle und Disziplin" aufzubringen, die notwendig wäre, um "mit willentlicher Kontrolle hirninterne Prozesse in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen." (Kursives v. Verf.) Daß Erwachsene in dieser Lage sein könnten, in der Lage sogar, durch solche innere "Selbstkontrolle und Disziplin" einen dynamischen "Zustand von Netzwerken im Großhirn" herzustellen, wurde Singer durch Untersuchungen nahegelegt, die Gehirnströmungen meditierender Mönche analysierten. In Veröffentlichungen, worunter ein Essay, das die FAZ im Jahr 2008 auch online stellte, zieht er das Resümee solcher Beobachtungen.4

Demnach sei Meditation kein Zustand der Entspannung, wie meistens angenommen, sondern ein "hochaktiver Zustand… etwas völlig anderes". Durch die Konzentration der Aufmerksamkeit setzte eine Synchronisation der oszillierenden Aktivität beteiligter Gehirnareale ein. Die Kohärenz dieser "Aktivitätswolke" erzeuge je nach Umfang eine Impression von Übereinstimmung und Wohlsein, die einem Zustand gefundener Lösungen gliche, mit allen erquicklichen Folgen, die "nach dem Auffinden einer Lösung" die Aktivierung der "Belohnungssysteme" des Organismus mit sich bringt.

Lösungen ohne Probleme sind zweifelsfrei besonders beglückend! Doch wir fragen: Kann es denn auch sein, daß, wenn Lösungen ohne Probleme möglich sind, und dies mittels "willentlicher Kontrolle", kann es dann sein, daß dieselbe willentliche Kontrolle auch ein Denken ohne Gedanken ermöglichen könnte?

Zum Glück ist Wolf Singer ein denkender Wissenschaftler, was, wie man häufig feststellt, keineswegs selbstverständlich in der reformierten universitären Landschaft unserer Tage ist. Und so spekuliert er anhand dieser Forschungsresultate: "Es wäre natürlich ein Faszinosum, wenn es möglich sein sollte, einen Zustand, der normalerweise bei der Herstellung eines bewussten Vorganges erzeugt wird, aufrechtzuerhalten, aber gleichzeitig von Inhalten zu entleeren." Wir sprachen hier eingangs über "das willentliche Aufrechterhalten eines bestimmten Zustandes" im mentalen Geschehen als potentielle neue Bewußtseinsform für unseren nächsten evolutionären Anlauf.

Aber "willentlich" kommt vom Willen! Doch, wie frei müßte er wohl sein, wenn seine "willentliche Kontrolle" nicht nur "hirninterne Prozesse in den Fokus der Aufmerksamkeit" nehmen, sondern diese Prozesse sogar zum Simulieren ihrer regulären Aktivität veranlassen könnte?

Dann wäre der Wille, diese neuere Errungenschaft unseres Werdens, zu einem supramentalen System emergiert, das sich den Raum "oberhalb" des Begrifflichen und Affektiven erschlossen hätte, also den reinen Raum, den Nur-Raum, das Raumbewußtsein an sich, ohne Objekte - Materialien oder Mentalien. Auch ohne Willensobjekte, ohne verhaltensbestimmende Begehrlichkeiten also. Es dürfte klar sein, daß der derart fortgeschrittene Mensch aus diesem durch "Selbstkontrolle und Disziplin" ergatterten evolutionären Stand heraus das eigene Leben und das der Gemeinschaft ganz anders konfigurieren würde, als unser gegenwärtiger Alltag widerspiegelt.

So dürfte aus dem hier Gewonnenen begründete Skepsis gegen die Ansichten hervorgehen, die aus zwielichtigen politischen Gründen die Evolution gern am Ende sehen möchten. Wir konnten nicht nur nahelegen, daß die Evolution auf einer neuen Bühne fortschreiten muß, sondern sogar ein anschauliches Profil ihrer weiteren Möglichkeiten dartun. Zu diesen Möglichkeiten scheint auch das "Auftauchen" eines sich befreienden, sich sogar über biologische Prozesse hinwegsetzenden Willens zu gehören, eine Ausgangsbasis neuer ungeahnter Applikationen für die Zukunft!

Demgegenüber scheint das Anliegen der Kontraevolutionären nur zu sein, einem Übervater Staat freie Hand in der alleinigen Weitergestaltung der Menschwerdung zu gewähren. Steve Jones zum Beispiel outete sich einmal diesbezüglich, indem er sich jemanden nannte, der "an die verändernde Kraft der Politik" glaubt.5 Und der verändernden Kraft der Politik, deren Erfolg stets mit Kollektivierung und Vermassung der Menschen einhergeht, steht nichts so sehr im Wege, wie das selbständig nach Werden strebende, bewußt wollende Individuum.

Es dürfte zudem auf der Hand liegen, daß dessen Werdegang hin zur Eroberung der Leere oder des reinen Raumes (und so des von ungewollt anhängenden Inhalten emanzipierten Ich) einen Umgang mit dem räumlichen Bewußtsein impliziert, einem Geschick, das, wie wir wissen, wiederum mit dem Wirkungsgrad des männlichen Hormons korreliert.

Womit wir eben geschlechtersensibel wurden. Runden wir es also ab, und schauen wir noch einmal wie zum Abschiedsgruß zurück nach der evolutionären Sensibilität, die dem anderen Geschlecht seine feministischen Vertreterinnen und Vertreter zuweisen.

Für Frauen und Mädchen

Etwas selbstkarikierend hierzu stellte sich einmal jene Politikerin der sogenannt Liberalen dar, als sie meinte, allein mit den Frauen evolvieren ("sich weiterentwickeln") zu müssen, uns Männer als halbe Wesen zurücklassend, was wir allerdings auch verdienten, da wir uns zuwenig um die Kinder und den Haushalt kümmerten. Nur ist leider Frau Pieper (so ihr Name), anstatt tatsächlich mit den anderen irgendwohin zu evolvieren, immer noch in ihrer Partei aktiv und unterstützt sie im Entwurf politischer Programme. Einer von deren Entwürfen sieht eine staatliche Zwangserziehung vor, die uns möglichst vom Kleinkindesalter ab unsere männlichen Stereotypien austreibt.6

Es ist schon erstaunlich, zu welcher Ankurbelung der Evolution es die Freien Liberalen bringen, wenn sie Feministinnen sind! Dabei kommen wir noch glimpflich davon, soweit wir uns eben einem gewissen Maß an Einsicht nicht verweigern.

Da sind die Herren Feministen radikaler: Die lassen uns in jedem Falle aussterben, sei dies, weil unser Chromosom verkommt, oder sei es, weil sich Frauen einst allein reproduzieren würden, und niemanden mehr brauchten, der ihnen "Spinnen im Schlafzimmer" tötete, wie Steve Jones, derselbe, der uns das Ende der Evolution anmahnte, in anderen luziden Momenten, von denen er offensichtlich häufig geplagt wird, kommen sah.7

Freilich ist es ein Indiz geistigen Verfalls, wenn solcher Unrat mit beachtlichem redaktionellem Aufwand von führenden Printmedien präsentiert wird, die sich offenbar des Peinlichen dabei kaum bewußt sind. Und es zeigt sich häufig, wie sehr die "Wissenschaft" solcher Erdgeister allein feministische Befindlichkeiten bedient.

So etwas trat auch in dem Artikel "Einsame Spitze" von Michaela Haas für das Magazin der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Frühjahr zum Vorschein. Darin interviewte sie den immer bereiten Balzverhaltensforscher Grammer, jenen Professor aus dem Institut für Anthropologie der Universität Wien, dem wir hier einst einen "Taxischein oder dergleichen" empfahlen, "damit er seinen Unterhalt etwas adäquater bestreiten kann".8

Mit "immer bereiten" ist hier übrigens keineswegs eine undezente Anspielung auf die vitalen Potenzen Prof. Grammers zu sehen. Bereit ist er vielmehr immer dazu, sein Erworbenes in Anthropologie mit der gehörigen Portion Gift zu vermischen, wenn es nur irgendwie Männer betreffen soll. So half er auch Frau Haas, ihren wirren Artikel über paarungsunglückliche "Super-Frauen" (sprich weibliche Arbeitnehmer akademischer Weihen), wirr deswegen, weil Haas darin enorme Krümmungen verzeichnet, bis sie endlich die Schuld für alles auf die Männer übertragen hat, glücklich zu Ende zu führen: "'Eigentlich', faßt Grammer darin zusammen, 'sind Männer überflüssig. Auch für die moderne Reproduktion brauchen Sie keine Männer mehr." Männer seien ohnehin ein "Auslaufmodell", dessen Tage gezählt wären.9

Das sind ja wahrhaft evolutionäre Aussichten!

Doch gemessen an den Zukunftsperspektiven, den Anforderungen und den Möglichkeiten, die wir im Rahmen so achtbarer Erwägungen haben sich aufzeigen sehen: Sind die kleindenkerisch gehässigen und evolutionär im primitiven Stadium des Biologismus zurückgebliebenen Prophetien des Feministen Grammer und seinesgleichen etwas anderes als ein Versuch, der Frau als einem oberflächlichen, störrisch-biestigen, zum tieferen Gedankengang unfähigen Kindskopf Gefallen zu verschaffen?

"Kinder sind hierzu… nicht in der Lage", sagte Wolf Singer. Nicht in der Lage, ihr Denken von ihrem selbstgezeugten Krötengequake wieder zu befreien, und somit evolutionäre Kinder sind vor allem die noch verbliebenen Ideologen gewisser Jahrgänge in Wien und anderswo. Die Einfalt des Evolutionsschemas, das manchem Gelehrten unserer Tage offenbar genügt, macht uns heute selbst über die Richtigkeit unseres einstigen Einfalls stutzig, solche Personen zu einer regeren Teilnahme am Straßenverkehr einer Metropole zu verleiten.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Franz Borkenau, "Ende und Anfang – Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes", Klett Cotta, Stuttgart 1991
2. "Genetik – Die Evolution ist am Ende", welt.de, 20. Oktober 2008
3. "Der freie Wille ist nur eine gutes Gefühl", sueddeutsche.de, 26. April 2006
4. Wolf Singer, "Hirnforschung - Das Abenteuer unseres Bewußtseins", faz.net, 29. April 2008
5. "Der Frauenzusammenführer", FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 22. 08. 2003
6. Vergleiche die Ansichten Cornelia Piepers in der BUNTE 9/2007
7. Siehe Text zur Verleihung der 1. Lila Kröte, im Jahr 2003
8. Siehe hier "Chronik einer Miß-Bildung" unter "Essays"
9. "Einsame Spitze", SZ-Magazin, 13/2009