Evolution und Biologismus
Die neue Werkstatt des Werdens
E
| Erwägungen zu einem zukunftsrelevanten Evolutionsbegriff mit Blick auf die Seichtheit des feministischen Biologismus |
s geht uns in diesem Beitrag darum, eine Debatte um Wesentliches zu ergänzen, die bisher nur halbwegs geführt wurde. Gemeint ist die Debatte um jenen feministischen Biologismus, nach welchem das weibliche als das evolutionär notwendigere Geschlecht propagiert wird, und der bereits im Ansatz scheitert. Doch dieses sein a priori Scheitern trat im bisherigen Disput kaum zum Vorschein, weil sich dieser auf argumentative Entgegnung einschränkte: auf die Widerlegung des feministischen Arguments. Diese defensive Haltung ließ untergehen, daß die feministischen Positionen, genauer besehen, das Gegenteil dessen implizieren, was sie beabsichtigen: Sie deklassieren das weibliche als das evolutionär minderwertige Geschlecht, indem sie seinen Trumpf auf der biologischen Ebene der Evolution fixieren, auf der Ebene nämlich, auf welcher Menschen als bloße Naturwesen vorkommen, deren Verdienste sich, nicht anders als bei den Tieren, im Reproduktionsprozeß erschöpfen. Mag dies mit jenem Zurück-zur-Natur-Aufruf übereinstimmen, mit dem die Natur- und Frauenbewegungen der Vergangenheit losgezogen sind; mit Evolution hat es nur negativ etwas zu tun.
Um dies genauer auszuführen, ist es sinnvoll, die defensive Ebene einmal zu ignorieren, uns also nicht um eine Widerlegung des feministischen Biologismus zu bemühen, sondern darum, den Begriff der Evolution zu korrigieren, auf welchen er sich bezieht.
Vergessen wir also einmal die Argumente, die seine Behauptungen entkräften oder, indem sie diese auch auf die Frau anwenden, neutralisieren, und konzentrieren wir uns eher auf das angewandte Schema seiner Evolution. Denken wir daran, daß es nur eine uns bekannte Evolution gibt, diejenige nämlich, die auf unserem Planeten bisher den Menschen als ihr ultimatives Wesen hervorgebracht hat. Ultimativ deswegen, weil er mit jenen Besonderheiten ausgestattet ist, die ihm erlauben, die natürliche Evolution, den Teil von ihr also, in welchem die Frau glorifiziert werden soll, in weitgehender Weise zu beeinflussen, ja zu bestimmen: Erstens dadurch, daß die Natur selbst vom Menschen umgestaltet werden kann und ferner, weil der Mensch sogar den Umgestaltungsfaktor der Natur, sich selbst also, bewußt zu gestalten, zu bilden und zu führen in der Lage ist. Durch jene Fähigkeit der Selbstreflexion nämlich, die wir Selbstbewußtsein oder Geist nennen.
Nun ist dieser Geist als Ergebnis der Evolution nicht von ihr zu trennen, denn die Evolution, die einzige uns bekannte, kann sowenig wie jede andere Entwicklung von ihren Ergebnissen getrennt werden. Evolution ist die Entfaltung ihrer Ergebnisse – was auch hätte sie sonst sein können?
Zu diesen Ergebnissen gesellt sich mittlerweile auch eine weitere Komponente desselben Geistes, dem wir die Selbstreflexion verdanken: der Wille. Damit ist natürlich nicht das Wollen oder das triebhafte Begehren von etwas gemeint, sondern jener bewußte, durch die Selbstreflexion geläuterte Wille, der gereifte und bis zur Selbstaufhebung (also auch bis zum Verzichten-Wollen) differenzierte Absichten verfolgen kann, und dies, wie etwa im Falle des Gewissens, bis zu seiner Einmischung im Denkprozeß selbst!
Wie neu diese evolutionäre Errungenschaft ist, wird bei der Klarstellung deutlich, daß der Wille in der gesamten antiken Philosophie keine besonders tragende Rolle spielte, während er in der neueren westlichen den Grundbegriff ganzer philosophischer Systeme bildet. Das korreliert mit einem zu beobachtenden Aufkommen ausgeprägter Ichhaftigkeit bei den schon frühen Stammesvölkern Nordeuropas, ausgedrückt durch die Voranstellung des Wörtchens "ich" in ihrem Satzaufbau, wie dies Franz Borkenau in seinen geschichtsanalytischen Essays belegt.1 Doch wie jeder neue Zug wurde auch dieser Übergang in die Willensperiode der Kulturevolution bereits früher von brillanten Individuen erahnt und regelrecht "geübt". "Yoga" wird entsprechend konnotiert.


