Rassismus und Ohnmacht - Zum geschlechterrassistischen Element im Feminismus
Vorwort
D
arüber, daß ihre "Machtlosigkeit" den Frauen auch Gutes brachte, wurde Anfang Mai prominente Zuhörerschaft in der Frankfurter Paulskirche belehrt. Zu hören war dies in der Dankesrede der EMMA-Herausgeberin und nachhaltigen Feministin Alice Schwarzer, die sie anläßlich der Entgegennahme des höchstdotierten Literaturpreises für Essay, Kritik und Reportage im deutschsprachigen Raum, des Ludwig Börne-Preises, gehalten hatte. So konnten Frauen in der Vergangenheit nicht in Korruption abdriften, hieß es etwa dort, weil ihnen kaum Millionen-Bestechungen angeboten würden; statt dessen entwickelten sie durch ihre Verpflichtung "auf Mütterlichkeit und Liebe" eigene "weibliche Qualitäten": Mitgefühl zum Beispiel.
Die Theorie, Laster und Tugend ließen sich jeweils mit männlich und weiblich gleichsetzen, wähnt sich hier ihrer sexistischen Ambition deswegen entledigt, weil sie sich nicht der Biologie bedient, sondern der sozialen Stellung der Geschlechter. Das entspricht dem gender-theoretischen Prinzip. Auch entfaltet sich hier eine denkwürdige Anthropologie. In ihr erscheint Mitgefühl als Mutation aus einer verpflichtenden Zwangslage, die auch "Mütterlichkeit und Liebe" erzwang. Wozu braucht der Mensch eine Befreiung, wenn der Zwang so viel Gutes entstehen läßt, könnte man ironisch fragen.
Aber wir stellen eine andere Frage, nämlich: Lassen "Machtlosigkeit" und Schwäche nur Gutes entstehen, welches die Machtlosen bereichert und auch den anderen zugute kommen kann, oder lassen sie auch Verwerfliches entstehen, das dem Schwachen anhaften und das bei seiner künstlichen Ermächtigung das gesellschaftliche Feld ethisch-moralisch belasten könnte? Die Mittel nämlich, mit welchen die als "Machtlosigkeit" angesprochene Abstinenz der Frauen von Entscheidungsprozessen und Exekutivhandlungen in der Vergangenheit überwunden werden soll, umfassen heute eine Unmasse von staatlichen Eingriffen und Maßnahmen und von gesellschaftlichen Regelungen der politischen Korrektheit. Entfaltet sich unter den Fittichen dieses überdimensionierten Plans etwas völlig anderes als die im Rahmen desselben in Verruf geratene "Mütterlichkeit und Liebe"? Gibt es im Feminismus Anzeichen einer Pervertierung des schwachen und "machtlosen" Geschlechts? Anzeichen einer misanthropischen Entwicklung, eines Rassismus von unten?
Die Tugend des Schwachen
Im Versuch die im Vorwort gestellten Fragen anzugehen, strukturieren wir zunächst den Entwurf folgendermaßen: Ist der Feminismus rassistisch? Sind Frauen die besseren Menschen? Und was haben diese beiden Fragen gemeinsam?
Gemeinsam haben sie zunächst, daß wir sie beide durchaus mit einem ambivalenten "Ja, aber" beantworten könnten: Frauen stellen der Form nach und in dem Sinn bessere Menschen dar, als sie von keiner Gesellschaft jemals in Anspruch genommen wurden, um sich bei der Abwehr unzuträglicher, feindlicher, gefährdender oder sonstwie aggressiv anzugehender Einwirkungen auf die äußere oder innere Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu exponieren. Auf solche Dienste des weiblichen Geschlechts verzichteten die Gesellschaften dieser Erde erstens, weil die Funktion des Austragens und Betreuens der Nachkommen (die besagte "Mutterschaft") zu Recht als ebenso wesenhaft angesehen wurde und zweitens, weil Frauen eine wenig sinnvolle Alternative gegen eine Gegnerschaft böten, die selbstverständlich auf die schnelleren, stärkeren und gegenüber dem Reproduktionsprozeß unabhängigeren Männer gesetzt hätte.
Auch in Sachen öffentliche Gewalt bewahren Frauen die Tugend ihrer kultisch umsorgten Friedfertigkeit weiter und mit ihr ihre Frauenparkplätze. Und auch dies aus nur zwei Gründen: Erstens, Frauen waren als nicht materielle Versorger ihrer Familien nicht dem gesellschaftlichen Antagonismus um Ressourcen gleichermaßen wie Männer ausgesetzt und sind es auch heute nicht, sondern ziehen selbst als Gutverdienende in aller Regel einen noch besser verdienenden Mann vor. Zweitens wirkt sich auch hierbei ihre physische Unterlegenheit – siehe oben – tugendhaft aus. Verbrechen nämlich neigt in den meisten Fällen leicht dazu, in Knochenarbeit auszuarten, die einem Einsatz im Bau oder auf hoher See ähnlicher käme, als dem warmen Posten im öffentlichen Dienst.


