DER MASKULIST
28.05.2002

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inmal im Jahr feiert in deutschen Schulen ein Teil der Schülerschaft seinen ganz speziellen, eigens zu seiner Förderung eingerichteten Tag. Es feiert nur der weibliche Teil der Schülerschaft, begangen wird an diesem Tag der bundesweite Mädchen-Zukunftstag, auch nach dem amerikanischen Girls' Day genannt.

Ziel der jährlichen Veranstaltungen um den Girls' Day ist, den Mädchen Berufsperspektiven zu eröffnen, in denen sich sonst besonders Jungen bzw. Männer hervortun. Zumeist geht es technische Berufe an. Zu den Institutionen, die bundesweit die Durchführung der einschlägigen Aktionen unterstützen, gehören: das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), die Bundesanstalt für Arbeit (BA) und andere Behörden, Vereine und Verbände. Die Aktionslandkarte ist so dicht bestückt wie die von Geldautomaten in einem westlichen Industrieland. Veranstaltungshinweise und Anzeigen werden in den lokalen Medien veröffentlicht, ferner wird um das Spektakel in den Berufsinformationszentren der Arbeitsämter mit Plakaten und Flugblättern geworben; Berufsberater der Arbeitsämter informieren in Veranstaltungen über den Girls' Day.

Die Aktionspläne dürften sich für technisch interessierte Jungen wie Leckerbissen ausnehmen:

Es wird Bekanntschaft mit dem Arbeitsalltag von Wissenschaftlern an Windkanälen, in Lehrwerkstätten, Schlossereien, Modellwerkstätten, Konstruktionsbüros und den Labors des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gemacht. In der Fertigung kleinerer Werkstücke wird das eigene Talent erprobt, Stolz und Genugtuung gezeugt. Es werden Sicherheitsbereiche von Rechenzentren besucht, und in der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen darf an diesem Tag erlebt werden, wie Politik gemacht wird. Es wird in Form von Workshops am Alltag von Online-Journalisten geschnuppert, es werden Artikel geschrieben, Fotos gemacht und ins Internet gestellt.

Doch Jungen müssen bei alledem draußen bleiben. Und es stellt sich die Frage, warum?

Denn sollten diese Aktionen bezwecken, daß Mädchen ein größeres Interesse für technische Berufe erlangen, - sind es nicht Berufe, die sich diese Mädchen und spätere Frauen einmal mit männlichen Kollegen teilen werden müssen? Selbst wenn es angebracht sein sollte, primär Mädchen solche Perspektiven zu eröffnen, weil die 'Eroberung von Männerdomänen' vorangetrieben werden muß, - wäre es nicht gerade deswegen wünschenswert, daß die angeblichen Noch-Inhaber dieser Domänen, die Männer (hier Jungen), dabei seien, um selbst von der Demonstration weiblicher Kompetenz zur rechten Zeit überzeugt zu werden und nicht weiterhin Alleinanspruch zu hegen? Sollen diese 'Domänen' etwa nicht 'erobert', sondern eher geklaut werden, daß deren bisherige Inhaber bei der Besichtigung abwesend sein müssen?

Und wie ist es mit der Verantwortung von Ausgrenzung? Wie kann Ausgrenzung, die als der psychologische Nährboden von Vorurteilen gilt, im Denken all der bildungsrelevanten Personen, die sich bei diesen Aktionen engagieren, als ein adäquates Mittel für die Behebung von Vorurteilen fungieren? Und wenn Separatismus geeignet zur Förderung von Mädchen wäre, stellte dies nicht das ganze System der Koedukation in Frage? Welche Gründe also sind es wirklich, die solche Apartheid ersinnen und durchsetzen?

Wir kennen die Antwort und haben diese schon an anderer Stelle auf diesen Seiten ausgeführt.1 'Frauenförderung' und 'Männerbehinderung' (wir wissen es von berufener Seite) sind im Denken jenes Geistes, der hier konsequent ein Ungeist genannt wird, Synonyme. Das rührt von der verdrängten Gewißheit der eigenen Unzulänglichkeit bei Feministinnen her, die dazu führt, auch ein jegliches als Gewinn für das Weibliche zu definieren, was an Verlust oder Hindernis dem Maskulinen zugefügt wird. Girls' Day ist wie alle feministischen Einrichtungen, die Männliches ausgrenzen, herabsetzen oder benachteiligen, von diesem Geist geprägt!

Dementsprechend fade ist das obligatorische Gewäsch der Mädchenzukunftsmacherinnen auf der Webseite von Girls' Day, wenn es darum geht, die Berücksichtigung der Jungen in ihrem Konzept zu beteuern: "Für die Jungen ergibt sich durch den Girls' Day ein außergewöhnlicher Schultag." Dem wollen wir ja nichts hinzufügen! "Mit vielen Themen und insbesondere auch mit Fragen zur Berufs- und Lebensplanung setzen sich Jungs unter sich anders auseinander als in der Gegenwart von Mädchen." Das klingt fast, als hätte man den Mädchen-Zukunftstag erfunden, damit die Jungen ihren geschlechtsspezifischen Anliegen ungestört nachgehen können. "Auch ihr Verhalten im Gespräch, ihre Strategien, Konflikte zu lösen (aha!), können die Schüler am Girls' Day in exklusiven Jungen-Gruppen (was frau nicht alles für die Jungen tut!) miteinander diskutieren und überprüfen. Sowohl im Unterricht als auch auf außerschulischen Veranstaltungen bietet sich somit am Mädchen-Zukunftstag den Jungen ebenfalls die Gelegenheit zu einer intensiven Auseinandersetzung mit persönlichen Berufs- und Lebenszielen."

Jungen haben also an diesem Tag "viele" Themen, denn "Berufs- und Lebensplanung" ist offenbar für Jungen kein Thema, dem sie sich explizit widmen sollten. Auch an diesem "außergewöhnlichen Schultag", nach welchem Mädchen ausschließlich über vergnügliche Kreativität zu berichten haben werden, sollen sich Jungen "mit vielen Themen", insbesondere wohl mit solchen über "Konflikte" auseinandersetzen, sich dabei in ihrem 'Verhalten überprüfen'.

Es paßt natürlich bestens dazu, wenn Jungen am Tag der Mädchenzukunft in den düsteren Räumen ihres Ausgegrenztseins etwas über die eigene Konfliktnatur und Aggressivität "unter sich" meditieren dürfen. Besser noch mit Parolen zu "Gewalt gegen Frauen" an Wänden und Tafeln, - ist das doch glatt die Thematik, die verantwortliche Ministerien demnächst europaweit in die Schulen hineintragen wollen! Nette Sprüche renommierter Bioethiker und wissenschaftliche Erkenntnisse namhafter Universitätsprofessoren über die biologische Bedenklichkeit, wenn nicht gar Nutzlosigkeit des männlichen Geschlechts könnten die Bereitschaft zu einer effizienteren Innenschau bei den jungen Männern erhöhen. Doch wir müssen leider die Zusammenstellung der Details den kundigen Experten überlassen.

Bei dem Versuch, Unternehmen für die Durchführung von Girls' Day-Aktivitäten zu gewinnen, wird unter anderem mit dem Spruch geworben: "Aufgrund der hohen Medienresonanz festigen Sie in der Öffentlichkeit Ihr positives Unternehmens-Image."

Doch eine besondere Resonanz erbrachte der Girls'Day-2002, am 25. April, nicht. Er verging sogar diesmal nahezu unbemerkt und das nicht weil die Aktionen weniger üppig als im vergangenen Jahr ausgefallen wären. Hauptgrund war eher, daß tags darauf ein Ereignis den deutschen Medienalltag und das Bewußtsein aller Bildungsverantwortlichen hierzulande vereinnahmte. Am 26. April betrat ein 19jähriger Mann und ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt bewaffnet seine ehemalige Schule und richtete dort ein Blutbad an, in welchem 16 Menschen und er selbst starben.

Was aber hat dies mit dem Girls' Day vom Vortag zu tun? Sicher nichts, solange man nach offensichtlich kausalen Zusammenhängen sucht, die das eine als Ursache oder Wirkung des anderen erscheinen lassen sollen. Wir werden es dennoch nicht unterlassen, eine Chronik jener Entwicklungen im Schulwesen der letzten dreißig Jahren zu skizzieren, die zu den sexistisch-apartheidlichen Förderprogrammen der Art Girls' Day führten, und diese in den während der gleichen Zeit entstandenen Rahmen des politischen Umgangs mit geschlechtsspezifischen Belangen zu betrachten, um etwaige Wirkungen auf Jungen und Mädchen, Männer und Frauen ersichtlich werden zu lassen.

Schließlich wurde der Brauch nach amerikanischem Vorbild eingerichtet, und das US-Original wandelte sich unlängst zum "Girls' and Boys' Day" um, eine Wandlung, die man als Wirkung nicht zuletzt US-amerikanischer Maskulisten ansieht, denen es allmählich gelang, die Öffentlichkeit von den destruktiven Folgen einer apartheidlich-femosexistischen Schulpolitik zu überzeugen. Und kennen wir das Etikett eines amerikanischen Vorbildes nicht auch in bezug auf die zuerst dort aufgetretenen Schulmassaker?

Es ist daher folgerichtig, die beiden Ereignisse nicht nur im Hinblick auf ihre zufällige zeitliche Nähe in Zusammenhang zu bringen. Sollte so der Leser in der hier folgenden Chronik2 Versäumnisse erkennen, die er in Beziehung zu den Geschehnissen jener beiden Tage bringen zu können meint, wären wir sicher die letzten, die ihm deswegen das Denken verbieten möchten.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Hier, "Essays", "Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus und den Folgen ihrer sozialpolitischen Kompensation"
2. Es handelt sich um den Beitrag "Chronik einer Miß-Bildung" ebenfalls hier unter "Essays"