DER MASKULIST
22.05.2009

I

rgendwann im vergangenen April hörte ich kurz vor den Radionachrichten einen Werbetrailer, an dessen Ende Männer als "herumirrende Gockel" bezeichnet wurden. Er sollte Appetit auf eine neue "frauenaffine" Serie der ARD machen. Titel: "Eine für alle – Frauen können's besser". Ich mußte dabei lachen, während ich spontan sagte: "Oh, es gibt Ärger!" Und der Frohsinn steigerte, je klarer mir meine Reaktion wurde: Lachen über eine männerfeindliche Werbesequenz der ARD?

"Eine ähnlich lautende Kritik wie Ihre hat uns bislang nicht erreicht."

Die ARD-Zuschauer-redaktion im Mai 1999 auf Kritik des 'Maskulisten' an ihrem männerfeindlichen Programm.

Zehn Jahre war es her, auch diese Feststellung überraschte mich: Damals – es begann auch im Monat April - konnte ich nicht über dergleichen lachen. Verdruß und Frust, den ich geradeso in Ironie zu transformieren vermochte, flammten oft auf während einer wochenandauernden Aktion, die hier als "Korrespondenz mit der ARD" gespeichert ist.1 Ich protestierte in einem längeren Briefwechsel gegen die männerverachtende Schleimigkeit, mit der der öffentlichrechtliche Sender in einer Serie über "Lauter tolle Frauen" die Geschlechter mit Titeln wie "Nur ein toter Mann ist ein guter Mann" spaltete, um sich kriechenden Einlaß in den Allerwertesten minderbemittelter Weiblichkeit zu sichern.

Zehn Jahre waren also seither vergangen, in denen die ARD nichts gelernt hatte, was mir aber jetzt (und das war der Punkt) ihr Problem zu sein schien und nicht meines. Denn ich belächelte nun das Ganze, wissend, daß die Initiatoren der Werbekampagne, die, wie es sich herausstellte, auch weitere Nettigkeiten für Männer auf Lager hatten, nicht mit allem würden lachen können, was ihnen ihre kurzsichtige Anbiederei noch bescheren könnte. Anders als vor zehn Jahren, als die ARD meine Kritik außer mit einigen flachen Floskeln auch mit der Begründung abwehrte: "Eine ähnlich lautende Kritik wie Ihre hat uns bislang nicht erreicht."

Denn das Erste Deutsche Fernsehen erreichte jetzt Kritik; so viel davon, daß sie schon mal von anderen Medien wahrgenommen wurde. Zumal auch der Deutsche Werberat mit einer Beschwerde gegen die sexistische Werbung involviert wurde, die Männer außer mit "herumirrende Gockel" auch mit "Versager" und "lebende Verkehrshindernisse" betitelte. In der Vorausschau zu einem der Abende punktete außerdem der Satz: "Als sie alle [gemeint sind die Frauen] feststellen, dass Männer eigentlich Schweine sind, solidarisieren sie sich…" Luzid kommentierte diesen Satz im ARD-Online-Forum einer der sich dort eingefundenen Männer mit der Bemerkung: "'SIND' - also kein Konjunktiv, wie es bei indirekter Rede nötig wäre, sondern Indikativ, also eine 'Tatsachenfeststellung'".

Schön, zu erwähnen, daß als dieser Kommentar fiel, der kommentierte Satz bereits aus dem Text des Senders entfernt und durch den folgenden ersetzt worden war: "Als sie ihren Frust über die Männerwelt entdecken, solidarisieren sie sich…" Ein Armutszeugnis indessen für Herrn Herres, da ja hierbei die Leichtfertigkeit aufflog, nach der man beim Sender dieses Herrn von sich aus eher Männer Schweine nennt als Frauen frustriert.

Apropos Herres: das ist der zuständige Programmdirektor. Volker Herres wurde im November 2007 von den ARD-Intendanten zum Programmdirektor der Anstalten berufen und trat das Amt im November des nachfolgenden Jahres an. Zwei Monate vor seiner Berufung hatte Herres als damaliger Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks die im Jahr 2003 zur beliebtesten Moderatorin Deutschlands ermittelte Tagesschausprecherin Eva Herman entlassen. Eva Herman hatte sich bereits im Jahr 2006 ihren Vorgesetzten gegenüber als problematisch erwiesen, als sie ihr literarisches Eintreten gegen den Feminismus in Form der Publikation "Das Eva-Prinzip" vorgestellt hatte. Im August desselben Jahres wurde sie als Sprecherin der Tagesschau beurlaubt.

Wenige Monate zuvor, im April 2006, hatte die Zeitschrift EMMA die Entlassung Hermans deutlich angefordert und indirekt zu Massenprotesten in dieser Hinsicht aufgerufen: In einem Rundschreiben, das EMMA kurz nach der Veröffentlichung eines Herman-Interviews in der Monatszeitschrift CICERO versandt hatte, war über Umwege der Begriff "gefeuert" eingesetzt worden. Alsdann hieß es weiter: "Apropos gefeuert: Als Herman-Kollege Jens Riewa dem Playboy verriet, seine Frendin sei 'im Bett eine Bombe', musste er drei Monate lang von seinem Job zwangspausieren… Wir dürfen gespannt sein, welche Konsequenzen die sexistischen Sprüche von Tagesschau-Sprecherin Herman haben werden." Es folgten der Name, die Telefonnummer und die Mailadresse des "Verantwortlichen" (Chefredakteurs), damit der EMMA-Mob unmißverständlich zu den nötigen Schritten instruiert ist.

Der endgültige Rausschmiß Hermans gelang allerdings erst später. Als Anlaß diente eine Äußerung der Moderatorin bei der Vorstellung eines ihrer weiteren Bücher, mit der sie offenbar zum Ausdruck bringen wollte, daß die 68er-Bewegung Werte zerstört habe, die selbst der Zerstörungswut des Nationalsozialismus entkamen. Eine unglückliche Formulierung ließ solange Raum für gewollte Mißinterpretationen, bis der Fall im Jahr 2009 gerichtlich zugunsten Hermans geklärt werden konnte. Ihre in der Zwischenzeit erfolgte Entlassung durch Programmdirektor Herres (“Frau Herman steht es frei, ihren 'Mutterkreuzzug' fortzusetzen, aber mit der Rolle einer NDR-Fernsehmoderatorin ist dies nicht länger zu vereinbaren”) wurde jedoch nicht mehr rückgängig gemacht.

Just dieser Herr Herres war es nun, dem wohl beschieden war, als erster im ARD-Stall die Protestwucht jener neuen Männerbewegung - am eigenen Leib sozusagen - zu erfahren, einer Männerbewegung, die, anders als die alten angeblichen "Männerbewegungen" bis in die Neunziger, keine Niederlassung des Feminismus in "progressiven" Männerköpfen ist, sondern zu einem Großteil entschlossenes Auftreten gegen seine Auswüchse "in Medien, Kultur und Gesellschaft", wie es an bezeichnender Stelle heißt.

Das Konzept "Eine für alle" sollte offensichtlich kein gewöhnliches Projekt sein: "Die Kampagne für 'Eine für alle' ist die größte, die wir jemals für Das Erste gemacht haben. Sie übertrifft von der Länge und vom Volumen her jede unserer 'Sportschau'-Kampagnen", verriet Herres' Marketingleiter Pretzsch der Öffentlichkeit.2 Die Sendezeit des späten Nachmittags effizient zu füllen, scheint ein problematisches Unterfangen für den Fernsehsender zu sein. Warum eigentlich? Ist doch eine Frauenzeit! Hat Das Erste, frauenverstehend wie es sich gern gebärdet, noch nicht herausfinden können, was Frauen so wollen? Schlimm genug; und nun platzen mitten im ewigen Experiment mit dem holden Teil der Allgemeinheit auch noch diese beleidigten Männer hinein, die kurzerhand – ach Gott! ach Gott! – das Sexismus-Geschütz herausfahren. Was tun?

Vielleicht das: "Mit so einer Reaktion hätten wir niemals gerechnet, das übertrifft jede Fiktion an Lächerlichkeit", sprach Herres lt. SPIEGEL ONLINE zu den unliebsamen Protesten. Noch probierte dieser Herr, verwöhnt durch unsägliche Vergangenheiten, den Protest der Männer mit einer bloßen Geste des Verwerfens platt zu machen. Daß dies nicht mehr so einfach gelingen sollte, konnte so jemand ja nicht wissen. Woher auch? Abgeschirmt im Stimmungsvakuum jener medialen Raumstation, deren gleichgeschaltete Besatzung von Alice Schwarzer bis Harald Schmidt die reale Welt von oben herab mit Meinungsgewittern bombardiert, ist man wohl irgendwie verdammt, an die eigene Wirksamkeit zu glauben. Was kann dem abgehobenen Wahn das bißchen Realität anhaben, nach welcher Alice Schwarzer eine extravagante Singularität ist, die kaum je eine Wirkung auf "normale" Frauen ausgeübt hat, während Abertausende ihre Solidarität mit Eva Herman bekundeten? Das wird schon ein durchdachter Diskussionsabend in der Raumstation zurechtrücken, so einer mit der "Philosophin" Thea Dorn oder mit dem gewieften Moderator J. B. Kerner und eingeweihten Gästen, der dann von droben her den Erdlingen eingestrahlt wird, und schon wissen diese wieder, was sie zu meinen haben und was nicht. Das fehlte noch, daß die da unten eine eigene Meinung entwickeln und eines schönen Tages nicht einmal mehr an unsere Tatort-Kommissarinnen glauben…

Solche Rechnungen gehen aber immer nur eine beschränkte Zeit lang auf. Und Herres und andere Herren (wie Damen) verpassen bald auf tragische Weise ihre Gegenwart, wenn sie sich der Erkenntnis verweigern, daß ihre jahrzehntelange Beharrlichkeit als vierte Macht auf den überholten Rezepten ihrer politischen Sturheit Schäden angerichtet hat, die von keinerlei Meinung mehr geleugnet werden können.

Und so geschah es, daß wir gegen Herrn Herres und die ARD gewannen! Das ist, was hiermit festgehalten werden soll: Im Monat April des Jahres 2009 hat sich ein nennenswerter Erfolg unserer Bewegung verzeichnet. Schon mal unter dem besonderen Blickwinkel des Autors dieser Seiten mit seiner (nun eine Dekade alten) früheren Korrespondenz mit demselben Sender. Es ist mir daher angenehm, die Aspekte dieses Erfolgs abschließend zu explizieren. Nicht zu vergleichen mit denen im Winter 2004/2005, als es gegen den anfänglichen Vorstoß der Justizministerin Zypries ging, selbstbestimmte Vaterschaftstests rabiat zu unterbinden. Damals lag der Erfolg auch an Mitkämpfern, die mit der Männerbewegung an sich oft nichts am Hut hatten. Der jetzige Erfolg dagegen ist rein unserer. Ich habe ihn an folgenden Punkten ausgemacht:

1. Berichterstattung der Medien: Diese berichteten erstaunlich freiwillig. Man bekam den Eindruck, als hätten sie erstmals eine Art journalistischen Schnäppchens in unserem Protest gewittert. Offensichtlich hat sich in diesem Sinn ein Schritt vorwärts getan, und eine Aufwertung unseres Zugegenseins und unserer Aktivitäten hat bei den Medien stattgefunden. Sie scheinen zumindest damit zu rechnen, daß wir nunmehr unmöglich systematisch ignoriert werden können. Ferner: Sie haben zu einem nennenswerten großen Teil auch objektiv berichtet - vor allem die Fachmedien. Ironisierende Einschiebungen wie gewohnte Hinterhältigkeiten blieben auch mal aus. Selbst SPIEGEL ONLINE (außer daß er über eine 'angebliche Männerdiskriminierung' schrieb) ließ bei seiner Notiz jede Boshaftigkeit sein, und der ARD-Chef wurde bei dem Versuch, den gewohnten Modus durch seine Anspielung auf "Lächerlichkeit" des Männerprotestes aufzurufen, allein gelassen!3

2. Das ARD-Diskussionsforum: Im Forum der ARD waren plötzlich die "Maskulisten" zuhause. Die kärgliche Gegenargumentation der paar neurotisierten Online-Circen und ihrer wenigen devoten Versteher mußten kapieren, daß Mann sich nicht vertreiben läßt, womit ihr einziges Argument, das Forum der ARD sei kein geeigneter Ort des Protestes, auch schon versagte. Der stolze Widerstreit, die selbstbewußten Forderungen nach einem Rücktritt des verantwortlichen Programmdirektors, die verzweifelten Zensur-Manipulationen der Aufpasser, die oft nur stattfanden, um den Gegnern der Männer einen Argument-Vorsprung zu verschaffen (wie ich selbst feststellen konnte), ließen den Sender vor allem eines begreifen: Nie wieder wird er sagen können: "Eine ähnlich lautende Kritik wie Ihre hat uns bislang nicht erreicht."

3. Die ARD selbst: Als ich nach einwöchiger Reise Mitte Mai wieder deutsches Radio hörte, stellte ich erfreut fest, daß die "Gockel", die "Versager" und die "lebenden Verkehrshindernisse" aus der Werbung der Frauensendung verschwunden waren. Wunderbar: Die Allgemeinen Rundfunkanstalten Deutschlands sind samt ihres Ersten um eine Selbstverständlichkeit ärmer, was heißt: reicher. Denn es war ein böser, destruktiver und schändlicher Sexismus die Selbstverständlichkeit, die wir nun dem Sender genommen haben: die Selbstverständlichkeit zu jeder Zeit hirnlos gegen das Männliche auszuziehen.

4. Die Welt da draußen (oder da unten): Sie mochte die Sendereihe nicht! Aus ihren himmlisch-abgehobenen Agitprop-Gefilden herunterblickend mußten die verfehlten Zeitgeist-Züchter den Schwanz noch weiter einziehen. Offensichtlich lassen sich nicht einmal mehr weibliche Zuschauer mit feministischen Verheißungsformeln wie mit der technischen Versiertheit kecker Schweißerinnen (das ist der Beruf der Serienheldinnen) nach Hausfrauenart anlocken. Die Zuschauerquoten sanken mit jedem Tag, schon nach der dritten Woche wurde der ausführende Produzent gewechselt. Was nun, Herr Herres? Umdenken tut natürlich weh, wenn man sich zu gern des Vordenkens verpflichtet fühlt. Schöne Zeiten, wie wir meinen!

Eine Instanz blieb stumpf – der Deutsche Werberat. Er weigerte sich (wie erwartet übrigens) in der Herabsetzung der Männer einen Grund der Rüge zu sehen. Diese Institution müssen wir uns einmal explizit vornehmen. Die Zeit wird kommen, da der Deutsche Werberat begreifen muß, daß er sich entweder dem Zeitgeist oder dem ethischen Anspruch zu verpflichten hat. Wir kommen einmal darauf zurück.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Siehe hier "Korrespomdenz mit der ARD" unter "Briefe"
2. "Eine Woche 'Eine für alle': Positivdenken mit der ARD", FAZ.NET, 29. April 2009
3. "Beschwerde beim Werberat...", SPIEGEL ONLINE, 18. April 2009