DER MASKULIST
21.02.2010

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ir alle kennen den populären Witz, in dem sich zwei Planeten im Weltall begegnen: Der eine beklagt sein Leiden namens "Homo sapiens", der andere versichert ihm sein Mitgefühl und tröstet ihn mit dem Hinweis, daß dieses Virus irgendwann wieder verschwindet. Je alberner diese Parabel jemand erscheinen muß, der sie als Satire über des Menschen Verhältnis zum eigenen Planeten sehen möchte, desto mehr gewinnt sie an Relevanz, wenn man sie als Parodie jener gewissen Selbstverachtungsneurose des westlichen Menschen betrachtet, die sich vornehmlich im Dogma des Umweltschützers eingenistet hält, und die in ihrer radikalen Ausprägung den Menschen als einen solchen Schädling seines Planeten diffamiert, daß man ihm das Aussterben durch Selbstvernichtung wünscht.

"Dogma", das gibt uns gleich ein sinniges Stichwort. Denn es weist auf religiöse Bindungen hin, und es ist nicht neu, daß man den Elan der Planetenerretter religiösem Eifer gleichsetzt. Vom Ökologismus als von einer Ökoreligion ist oft die Rede. Da er in den reichen Industriestaaten aufkam, wird dieser häufig als Kompensation der Schuldgefühle jener verstanden, die in diesen Staaten mit dem Aufschwung der Nachkriegszeit beschenkt wurden, und die ihr vermeintliches Glück schlecht verkraften konnten. Andere Interpreten sehen in der sog. Ökoreligion einen notwendigen Schritt säkularisierter Gesellschaften in Richtung Resakralisierung, weil "eine Gesellschaft ohne eine Religion nicht funktionieren kann", wie Norbert Bolz meint.1

Die hier angegangene Facette der neuen vermeintlichen "Religiosität", die uns aus ersichtlichem Grund auch an die Geschlechterdebatte erinnern wird, zeigte sich eklatant im vergangenen Dezember auf der grandios gescheiterten Weltklimakonferenz in Kopenhagen. Dort machte sich erstmals bei einer Veranstaltung dieser Art eine Kluft so deutlich bemerkbar, daß wir von der Bildung eines neuen historischen Dualismus sprechen könnten. Es war eine ethische Kluft, die zwei Arten von Völkern schuf und deren Entstehung vorauszusehen war, da sie in den Jahrzehnten zuvor sorgsam vorbereitet wurde: Die Kluft nämlich zwischen den westlichen Industrie- und den Entwicklungsländern, die mit Appellen und Vorwürfen ersteren als vermeintlichen Verursachern des "Klimawandels" sogar die Schuld eines Völkermords anlasteten. Damit formulierte sich der Dualismus zwischen Tätern und Opfern erstmalig auf multinationaler Ebene und auf einer Stufe, die höher als etwaige politische Differenzen lag.

Täter, Opfer, Schuld? Woher kennen wir bloß die Trilogie?

"Männer", befand Anfang des Jahres der Soziologe Gerhard Amendt im Interview mit welt.de, "hätten sich gegen vieles wehren müssen. Denn der Feminismus dreht sich letztlich nur darum, wer die Schuld für die Menschheitsgeschichte tragen soll und wer nicht. Die Männer haben sich das gefallen und alle Schuld zuschreiben lassen."2

Die Parallele, die sich nach diesem Zitat entlang feministischer und ökologistischer Positionen aufzeigt, kann um einen beträchtlichen Zusatz weiter akzentuiert werden: Sowohl die Männer als auch die Industriestaaten ließen nicht nur die Zuschreibung ihrer angeblich geschichtlich manifesten Schuld zu, sie erfanden sie sogar, diese Schuld, und sie prägten deren offizielle Abfassung gefügig mit! Die Narretei um den vom Homo sapiens befallenen Planeten entstammt westlich-industriellen Phantasien; die politische Forderung etwa der Sozialdemokraten hierzulande, das Männliche zu überwinden um das Menschliche zu erreichen, entstammt männlichen Köpfen. Somit ergeben sich in beiden Fällen erhebliche Fragen um das Warum dieser devoten Haltung.

Fassen wir aber zuerst das Bild zusammen, das den gesamten Sachverhalt umreißt, und einen weiteren Begriff (ebenfalls neueren Datums) aufruft, jedoch auf recht alte Denkschemata hinweisend: "Ökofeminismus", die Polarisierung des Mannes und seiner Kultur ("Patriarchat") einerseits, mit Frau und Natur auf der anderen Seite. Freilich knüpfen hier die Vorstellungen sogenannter Matriarchate an, mit ihrer wahrlich märchenhaften "Spiritualität" um die Große Mutter, die Gäa, das Weibliche. Und solche über die Männer, mit ihrer industriell-technischen Kultur und ihrem Zugeständnis einer Schuld, die nach Sühne vor der Natur und ihren Völkern wie vor der Frau verlangt.

Daß dieses Zugeständnis das schlechte Gewissen für den genossenen Wohlstand der modernen westlichen technisierten Menschheit ausdrücken soll, spricht uns wenig an. Erstens, weil die Ventile eines Gewissensausgleichs in Form aller nur erdenklichen organisierten Hilfs- und Solidaritätswerke zugunsten von Drittweltländern gegeben sind und bestens funktionieren. Zweitens, weil der sich ob seines Wohlstandes selbst rügende Mensch mit der Selbstbezichtigung aufhören würde, sobald ihn der Bedürftige angriffe, anstatt höflich und wohlwollenden Verhaltens um Hilfe zu bitten. Manieren aber und wohlwollendes Verhalten hatte sich ja der Feminismus weiß Gott früh abgewöhnt, und nun taten in Kopenhagen die "armen Länder" dasselbe.

Auch der Vorwurf der Kolonialisierung und sogenannter oder tatsächlicher Ausbeutung anderer Völker in der Vergangenheit hielten nicht mehr stand, da derselbe Westen der einstigen Kolonialherren heute dezidiert Menschenrechte verteidigt und diese (wenn auch oft verbunden mit ideologischen Ambitionen wie etwa dem Export des Genderismus) weltweit fördert und deren Durchsetzung einfordert. Ganz zu schweigen von den Vorteilen, die Kolonialisierung vielerorts auch bedeutete.

Eher also trifft die Vorstellung Norbert Bolz' (und anderer) zu, nach welcher das Ritual des "weißen Mannes" um Schuld und Sühne eine Ersatzhandlung dafür bietet, daß er, nachdem er seine Welt ungestüm und vollends profanisiert hatte, Wesentliches zu vermissen scheint, das er offensichtlich braucht. Aber warum gerade die "Sünde", die Schuld? War diese nicht das religiöse Moment schlechthin, das den aufgeklärten Abendländer am heftigsten von seinen Kulten abstieß? Und jetzt konstruiert er Sachlagen, die ihn durch eben jenes Tor der Selbstverwünschung führen, anstatt unbeschwert und selbstgefällig in die neuen Welten der tausend Wunder seines eigenen technischen Geschicks einzutreten! Warum?

Versuchen wir einmal, den Begriff der Sünde von dem ihm anhaftenden religiösen Kontext zu lösen, dann haben wir es mit einer Neigung des Unzufriedenseins mit dem, was man selbst ist, zu tun. Dieses Unzufriedensein, dieses Unbehagen am eigenen Wesen ist mit der Angst um die eigene Endlichkeit verbunden und suggeriert ein Mangelerleiden in dieser Endlichkeit, ein Zerplittert- oder Unfertigsein, das eine künftige Vervollkommnung erfordert, welche in Räumen jenseits aller bisherigen Vergegenständlichung der Evolution als Weitergestaltung des eigenen Wesens vonstatten gehen soll. Es hat also mit Werden-Wollen zu tun, mit dem Heraustreten aus der gegenwärtigen existentiellen Situation in eine eschatologisch-künftige; es drängt in Richtung Optimierung. Klingt das nicht wie ein Motor der Evolution?

Wir behaupten nun, daß die sogenannte Erbsünde anthropologisch gesehen eine evolutionäre Funktion besitzt, und daß der Mann als das vorrangig evolvierende menschliche Wesen (die Frau folgt ihm hierbei, soweit sie sich von ihm und der Evolution nicht gänzlich emanzipiert) ein ihm eigenes Verhältnis zu dieser Funktion unterhält. Diese Vorstellung mutet ziemlich neu an, trat jedoch bereits einmal auf diesen Seiten in Erscheinung. Im Beitrag "Die Materie bittet zur Kasse – Ursprünge des Mat(e)riarchats" und in den benachbarten Beiträgen aus dem Jahr 2004 wurde der Gedanke einer speziellen Beziehung des Maskulinen zur existentiellen Schuldhaftigkeit mit Bezug auf den frühen Menschen der ersten Hochkulturen behandelt, um zu zeigen, welche psychologischen Komplikationen damals zu den grausamen Riten von Menschenopferungen führten.

Aus dieser Perspektive der Schuld und Sünde ließen sich sowohl die religiösen Forderungen nach Sühne und Erlösung erklären, als auch die Anfälligkeit des modernen Industriemannes, williges Opfer ökofeministischer Anschuldigungskampagnen zu sein. Und dies ganz ohne masochistischen Hintergrund. Aus dieser selben Perspektive allerdings lassen sich auch die ursprüngliche Religiosität und die ökofeministische Ersatzreligiosität bequemer miteinander vergleichen und klassifizieren. So weit, bis der Vergleich sogar ziemlich zu wanken beginnt, ja reichlich fade anmutet.

Denn zur Religion gehört auch ein Jenseits, und so etwas hat der Ökofeminismus nicht. Wie immens sich das auswirkt, ergibt sich bei der Betrachtung der Grundstruktur eines klassischen Heilsplans – gerade am besten des westlichen: In diesem werden der Mensch und seine Welt gleich von zwei angrenzenden Jenseitsregionen umgeben: einem geistigen Urgrund, aus welchem die materielle Existenz als des Menschen Welt hervorging, um dann von diesem "Becken der Sünde" aus, wieder fort in die Transzendenz einzugehen. Freilich sind am Schluß beide, Urgrund und Ziel ein und dasselbe Reich, Alpha und Omega, Anfang und Ende, und so beißt sich die alte Schlange Uroborus ewiglich selbst in den Schwanz. In jenen Transzendenz-Gefilden aber bergen und entfalten sich sowohl alle Quellen der Besudelung wie auch die der Erlösung. Aus Ewigkeit zur Ewigkeit - das gibt viel Platz und bietet dem einmal Gläubigen einen prima Katalysator für die Auflösung seiner und anderer Sünden irgendwann vor dem "Ende der Äonen". Vor allem Völker und kulturelle Gemeinschaften brauchen solche Projektionsflächen um ihr geschichtlich heranwachsendes Wesen zu reflektieren und unterzubringen. Mythen sind Imaginationen einer Kulturgemeinschaft.

Was davon bietet die ökofeministische "Religion"?

Die Abschaffung von Hierarchien ist mit der Abschaffung geistigen Raumes und der Vision identisch! Alles Aufbegehren gegen die Vertikale erzeugt konsequent flächendeckende Nivellierung. So tummelt sich am Ende ein Konglomerat aus Nöten, Vorstellungen, Ängsten, Hoffnung und Verzweiflung nebst wissenschaftlichem Verkennen, politischer Verblendung und sich ethisch gebärdender Selbstkritik, die einmal zum Selbsthaß mutierte, alles auf einer Fläche. In einem Kino ohne Saal und Leinwand scharen sich Zuschauer um Bilder, die sie auf die Linse ihres kalten Projektors selber malten, um sie zu deuten. Moderne Kunst eben, die entstand, nachdem die bescheidenen Schöpfer, ihre Rechenschaft "von dreitausend Jahren" mit dem Etikett "patriarchales Konstrukt" versahen und ad acta meldeten.

Es gibt ein altes Doppelwort für Engräumigkeit, das heißt "Steno-choria". Das Besondere an diesem ist, daß es auch Depression bedeutet.

Ob und inwieweit nun die dämmrige Party der Verwirrten, dies Taumeln in ihrer engräumigen Immanenz ein Religionsersatz genannt werden kann, wird am besten derjenige beurteilen, der sich zuvor darüber klar wurde, ob auch das blindwütige Toben in einer Gummizelle mit gutem Recht ein Sportersatz heißen darf. Wir indessen sollten, solange die Genetiker noch nicht in der Lage gewesen sein werden, das Sünde-Gen neu zu programmieren, unsere politisch unkorrekte Aufklärung für weiterhin notwendig erachten.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Norbert Bolz im Interview über die "Klimareligion" im Internet-Portal "Alles Schall und Rauch", 4. Febr. 2010
2. Gerhard Amendt im Interview "Männer haben Kampf gegen Feminismus verpaßt", welt.de, 3. Januar 2010