DER MASKULIST
19.04.2011

Die verräterischen Hände

D

er Grund für das abendliche Sicherheitsaufgebot war eine für den kommenden Tag angekündigte Antiglobalisierungsdemonstration vor dem Unternehmen, das ich in spätabendlicher Stunde betreten sollte. Die kurze breite Straße zu seinen Toren war mit Polizeiautos und –personal flankiert; Silhouetten durchtrainierter Männer der Sorte Schrank, mit dem man lieber nichts zutun haben möchte, bevölkerten - Halbschatten schon in der fortgeschrittenen Dämmerung - beide Straßenränder, sie gingen umher, sie besprachen und berieten sich auf dem Gehweg und in ihren geräumigen seitlich offenen Fahrzeugen. Die obligatorischen Quotenkräfte sah man auch, hier und da.

Vorbei an der martialischen Aufstellung, hinter der gläsernen Fassade im Inneren des belagerten Hauses angelangt, stand ich vor auffälligem Gegensatz: Zwei weibliche Polizeikräfte infantiler Zierlichkeit standen einige Meter vom Eingang entfernt vor dem voluminösen Empfangsschalter, hinter welchem ein ebenfalls weiblicher Mitarbeiter der Haussicherheit saß, und genossen miteinander wortreiche Zugewandtheit. Etwas über die Besonderheit der Situation vermerkt man in solchen Fällen als Hinzugekommener, und so sprach auch ich nach einem Abendgruß die naheliegende Vermutung über den Grund des polizeilichen Aufmarsches aus, die selbstverständlich als richtig verifiziert und höflich bestätigt wurde: "Ja, NPD-Demo morgenfrüh, deswegen…"

Mein Blick hatte allerdings inzwischen längst seinen wahren Gegenstand ausgemacht und gebührte ihm auch unverwandte Aufmerksamkeit: Es waren die kleinen schwächlichen Händchen dieser jungen Frauen, wie sie schüchtern den durch Waffentracht und Uniform grotesk entstellten kleinen Körpern seitlich herabhingen, gleich müder Häufchen auf der dunklen Fläche des Empfangstresens übereinander ruhten oder mit talgigen Fingerchen verlegen in der Luft gestikulierten.

Ich mußte dabei an jene Stelle in einem von Alice Schwarzers Büchern denken, wo seine Autorin die Bedeutung des Gender-Mainstreaming damit begründet wissen will, daß erst im Rahmen von dessen Maßnahmen die Forderung nach der Herstellung passender Handwaffen für weibliche Polizeihände erfüllt werden konnte. Doch gerade die Hände dieser kleinen Frauen hier im Empfang des umringten Hauses schienen mir die eigentliche Bedeutung des Gender-Mainstreaming eindringlich zu veranschaulichen: Ein fragendes Wozu klaffte hier auf, ein Wozu in Großbuchstaben als unweigerliche Reaktion des Verstandes auf so sinnlose Vorkehrungen wie das Konzipieren von Polizeiwaffen für die Miniatur-Hände des Personals, das hier vor mir stand. Freilich würde es auch größere Frauenhände bei der Polizei geben; doch was änderte dies an der Tatsache, daß die politisch verübte Zumutung auch eben diese Hände, die sich hier so dürftig präsentierten, mit dem Trug ausstatten wollte, sich meine tauglichen Verteidiger wähnen zu dürfen?

Aus einem Wirrwarr der Befindlichkeiten schien endlich die Ironie sich durchzusetzen, und diese wollte sich, bevor ich weiterging, in einem heuchlerischen Dank für die Sicherheit ausdrücken, in welcher ich mich durch die Präsenz der "starken Frauen" angeblich sah. Doch dies mißlang, denn fix wich das Ironische zugunsten eines viel zu ernsten Grolls aus, eines nicht gegen diese Frauchen, sondern gegen die bedepperten Strömungen im Staate und in der Politik gerichteten Grolls, die mich zum Dissidenten und die Frauen hier vor mir und anderswo zu Objekten einer politisch konzipierten Lächerlichkeit machten. Ich zog weiter.

Einige Jahre später jedoch wollten sich diese Eindrücke auf makabrem Hintergrund wieder aktualisieren. Denn an die Hände, die mich einst im Foyer jenes Hauses so diskrepant berührten, mußte ich im vergangenen Herbst denken, als ich von der auf der Gorch Fock verunglückten Marineoffiziersanwärtin las, die auf der Fregatte aus einer Höhe von knapp 30 Metern in die Tiefe stürzte und starb.

Erst im Lauf der darauffolgenden Tage beantwortete der Blätterwald die Frage, die sich mir als erste gestellt hatte - wie groß die verunglückte junge Frau wohl gewesen sein mag. Und sie war in der Tat ebenso klein wie die "Sicherheitskräfte" im erzählten Fall: 1,57 Meter groß soll sie gewesen sein, wurde in den Berichten enthüllt. Dieser Größe etwa hatten auch die Hände der jungen Frauen von damals entsprochen, bedachte ich, und Bilder stiegen auf, Bilder von solchen Händen wie aus meiner Erinnerung jenes Abends, und wie sie sich vergeblich mühten, das rauhe Tauwerk sich himmelhoch türmender, prekär in den Lüften zitternder Takelagen zu umklammern.

Sind die nicht verrückt, dachte ich, die Politiker alle?

Homogenität und Gerechtheit vs. "Diversity" und "Gleichberechtigung"

"Frauen sind im Allgemeinen nicht geeignet, um in gleicher Weise wie ihre männlichen Kameraden in der Takelage von Schiffen zu arbeiten oder im Sanitätsdienst Verletzte zu bergen", befand gerade im vergangenen Februar, einige Monate nach dem Fall der verunglückten Offiziersanwärterin, eine Zeitung,1 der man so klare Position in Geschlechterfragen eigentlich gar nicht zugetraut hätte. Denn man assoziiert sie mit gewissen Traditionen, die das Männliche überwinden wollen, um das Menschliche zu erreichen, und das ginge wohl schlecht mit dem Überwinden, solange es, das Männliche, unersetzlich ist.

Die Sache allerdings mit der Bergung von Verletzten ist altbekannt und trübte den Glanz des weiblichen Sanitäters bereits in Zeiten, da Frauen noch nicht in sämtliche anderen Gebiete der Armee zugelassen waren. Um so verwegener ist es, wenn das erst danach formulierte "Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr" einen Vorrang weiblicher Bewerber bei der Vergabe von Offiziersposten in diesem Bereich so lange vorsah, bis der Quotenanteil von 50 Prozent an Frauen erreicht sein würde. Denn nichts mehr ist hierbei stimmig:

50 Prozent Kräfte in einen Bereich - auf welche Art auch immer - zu hieven, dessen sie nur bedingt mächtig sind, vermindert die allgemeine Effizienz des betroffenen Bereiches unabdingbar und überträgt die Aufgabe, an der die Frauen scheitern, auf die Männer, auf diejenigen also, die nicht gefördert werden sollen, solange die Unfähigeren unterrepräsentiert sind! Absurd genug? Es geht aber weiter, denn dadurch entstehen ja zwei unterschiedliche Qualifikationsprofile, die wesenhaft differieren (Bergen ist nun mal eine wesentliche Tätigkeit des Sanitätsdienstes), was gemäß der Prämisse nach gleichem Lohn bei gleicher Arbeit einen niedrigeren Lohn für weibliche Soldaten in den Sanitätsbereichen privater Armeen schlußfolgern müßte! Und was würden dazu wohl die Frauenfunktionärinnen und sog. Gleichstellungsbeauftragten der Heere sagen?

Und noch ein anderer Begriff aus demselben ideologischen Becken demaskiert sich hierbei eklatant, der von Diversity, was Vielfalt heißen soll, aber in der gewohnten Tradition des Genderismus anglizistisch daher kommt. Gerade dort, wo Kompetenz und Inkompetenz augenscheinlich werden, nämlich wo es ums Praktische geht, erweist sich das Geplärre von "Diversity" als solches. Vielfalt der Vielfalt willen ist eben keine Qualität. Höchstens eine Vielfalt der Qualitäten könnte eine willkommene Vielfalt sein. Jene aber, die Qualitäten, müssen sich anhand faktischer Effizienz nachweisen lassen können und nicht durch die bloße Konnotation mit dem weiblichen Geschlecht. Denn sind es nicht die Genderisten selbst, die, um den Geschlechterunterschied zu tilgen, behaupten, daß die Unterschiede der Menschen innerhalb eines Geschlechts größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien? Somit aber hätte "Diversity" auch ohne Frauenquoten kaum etwas an Umfang zu verlieren.

Ausgehend also vom Begriff der Gleichstellung entsteht durch den feministischen Übergriff (hier in Armeen und auf Marineoffiziersschulfregatten) ein bizarres Szenarium von Ungleichbehandlungen, deren krasseste auf der Benachteiligung der Kompetenz baut, um ihre formale Gleichstellung mit der Inkompetenz durchzusetzen.

So wie zudem Vielfalt keine Qualität für sich ist, so ist es auch die Gleichberechtigung nicht, außer eben vor dem Gesetz. Ausgerechnet dort aber muß sie aufgehoben werden und sich in "Positive Diskriminierung" oder "Affirmative Aktion" verwandeln, um Gleichstellung - Unwort der "modernen" Politik – zu werden. Doch außer vor dem Gesetz ist Gleichberechtigung keineswegs überall rechtens. Vielmehr unterliegt sie einer ihr übergeordneten Gerechtheit.

Gerechtheit, das ist die adäquate Zuordnung von Potentialen, das ist die passende Behandlung von Mensch und Ding. Ihre Legitimität bezieht Gerechtheit aus dem Einklang und der Evidenz innerhalb der Bezüge, die sie in der Sache herstellt. Gerechtheit ist das der Sache Gerecht-Sein, und erst auf der Basis dieser Gerechtheit können etwaige weitere Rechte, Berechtigungen, Verbote oder Ungerechtigkeiten in dieser selben Sache legitim artikuliert oder konstatiert werden.

Wenn etwas Wahres dran sein soll, daß "Frauen… im Allgemeinen nicht geeignet" sind, "um in gleicher Weise wie ihre männlichen Kameraden in der Takelage von Schiffen zu arbeiten oder im Sanitätsdienst Verletzte zu bergen" (und da ist viel Wahres dran), dann haben sie nach dem Gebot der Gerechtheit in der Sache, der Sachgerechtheit, auch kaum etwas in diesen Sachgebieten verloren. Ob man sie dort haben will oder man sie dort haben zu müssen glaubt, um der Menschheit ein neues Geschlechterbild zu vermitteln (sie also umzuerziehen), all dies wären Absichten jenseits aller Sachgerechtheit, und somit Ansichten ohne eigentliche rechtliche Basis, auch dann ohne, wenn ihre Durchsetzung wieder mal mittels eines neuen Gesetzchens "auf die Wege geleitet" worden sein mag.

Und so müssen wohl in Zukunft sowohl all diejenigen bitterlich enttäuscht werden, die einsehen werden müssen, daß sich die Welt am Ende doch nicht nach den Bildern aus ihren ideologischen Laboren umgestalten läßt, als auch diejenigen, die einsehen werden müssen, daß die meisten Frauen zum Glück nicht anspruchslos genug sind, um sich Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl aus den Fetzen zusammenflicken zu wollen, die ihnen ein von wirklichkeitsfremden Individuen geleiteter politischer Zeitgeist hinwirft.

Hilfreich für Politfeministinnen könnte indessen sein, wenn sie, bevor sie das nächste Lamentoso über ihre Unterrepräsentation beim Bergeversetzen anstimmen, einen geruhsamen Blick auf ihre Hände werfen würden mit anschließendem Versuch mal nachzudenken.

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Quellen, Anmerkungen:

1. René Heilig, "Mast- und Knochenbruch", NEUES DEUTSCHLAND, 11. 02. 2011