Was Recht ist
Die verräterischen Hände
D
er Grund für das abendliche Sicherheitsaufgebot war eine für den kommenden Tag angekündigte Antiglobalisierungsdemonstration vor dem Unternehmen, das ich in spätabendlicher Stunde betreten sollte. Die kurze breite Straße zu seinen Toren war mit Polizeiautos und –personal flankiert; Silhouetten durchtrainierter Männer der Sorte Schrank, mit dem man lieber nichts zutun haben möchte, bevölkerten - Halbschatten schon in der fortgeschrittenen Dämmerung - beide Straßenränder, sie gingen umher, sie besprachen und berieten sich auf dem Gehweg und in ihren geräumigen seitlich offenen Fahrzeugen. Die obligatorischen Quotenkräfte sah man auch, hier und da.
Vorbei an der martialischen Aufstellung, hinter der gläsernen Fassade im Inneren des belagerten Hauses angelangt, stand ich vor auffälligem Gegensatz: Zwei weibliche Polizeikräfte infantiler Zierlichkeit standen einige Meter vom Eingang entfernt vor dem voluminösen Empfangsschalter, hinter welchem ein ebenfalls weiblicher Mitarbeiter der Haussicherheit saß, und genossen miteinander wortreiche Zugewandtheit. Etwas über die Besonderheit der Situation vermerkt man in solchen Fällen als Hinzugekommener, und so sprach auch ich nach einem Abendgruß die naheliegende Vermutung über den Grund des polizeilichen Aufmarsches aus, die selbstverständlich als richtig verifiziert und höflich bestätigt wurde: "Ja, NPD-Demo morgenfrüh, deswegen…"
Mein Blick hatte allerdings inzwischen längst seinen wahren Gegenstand ausgemacht und gebührte ihm auch unverwandte Aufmerksamkeit: Es waren die kleinen schwächlichen Händchen dieser jungen Frauen, wie sie schüchtern den durch Waffentracht und Uniform grotesk entstellten kleinen Körpern seitlich herabhingen, gleich müder Häufchen auf der dunklen Fläche des Empfangstresens übereinander ruhten oder mit talgigen Fingerchen verlegen in der Luft gestikulierten.
Ich mußte dabei an jene Stelle in einem von Alice Schwarzers Büchern denken, wo seine Autorin die Bedeutung des Gender-Mainstreaming damit begründet wissen will, daß erst im Rahmen von dessen Maßnahmen die Forderung nach der Herstellung passender Handwaffen für weibliche Polizeihände erfüllt werden konnte. Doch gerade die Hände dieser kleinen Frauen hier im Empfang des umringten Hauses schienen mir die eigentliche Bedeutung des Gender-Mainstreaming eindringlich zu veranschaulichen: Ein fragendes Wozu klaffte hier auf, ein Wozu in Großbuchstaben als unweigerliche Reaktion des Verstandes auf so sinnlose Vorkehrungen wie das Konzipieren von Polizeiwaffen für die Miniatur-Hände des Personals, das hier vor mir stand. Freilich würde es auch größere Frauenhän
de bei der Polizei geben; doch was änderte dies an der Tatsache, daß die politisch verübte Zumutung auch eben diese Hände, die sich hier so dürftig präsentierten, mit dem Trug ausstatten wollte, sich meine tauglichen Verteidiger wähnen zu dürfen?
Aus einem Wirrwarr der Befindlichkeiten schien endlich die Ironie sich durchzusetzen, und diese wollte sich, bevor ich weiterging, in einem heuchlerischen Dank für die Sicherheit ausdrücken, in welcher ich mich durch die Präsenz der "starken Frauen" angeblich sah. Doch dies mißlang, denn fix wich das Ironische zugunsten eines viel zu ernsten Grolls aus, eines nicht gegen diese Frauchen, sondern gegen die bedepperten Strömungen im Staate und in der Politik gerichteten Grolls, die mich zum Dissidenten und die Frauen hier vor mir und anderswo zu Objekten einer politisch konzipierten Lächerlichkeit machten. Ich zog weiter.
Einige Jahre später jedoch wollten sich diese Eindrücke auf makabrem Hintergrund wieder aktualisieren. Denn an die Hände, die mich einst im Foyer jenes Hauses so diskrepant berührten, mußte ich im vergangenen Herbst denken, als ich von der auf der Gorch Fock verunglückten Marineoffiziersanwärtin las, die auf der Fregatte aus einer Höhe von knapp 30 Metern in die Tiefe stürzte und starb.


