Ein Sommerloch für alle Jahreszeiten - Porträt einer Geschlechterdebatte à la FAZ
Dämmerung
E
ine hitzige Debatte kann man sie höchstens aufgrund der Rekordtemperaturen nennen, die zu der Zeit, im Juli 2003, hierzulande herrschten. Denn wie aus weiblichem Mund gute zwei Wochen nach dem Artikel in der FAZ konstatiert wurde: "Niemand antwortete." Mit "niemand" ist "kein Mann" gemeint, denn Frauen antworteten schon; zum Teil sogar sehr richtig. Worum aber ging es? Worauf hätten Männer antworten sollen und warum unterließen sie das?
Wir sprechen gerade von den zum Teil ausgebliebenen Reaktionen auf einen Artikel des Mitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, einen Artikel, der sich mit der dramatischen Opulenz einer "Männerdämmerung" zu betiteln vorwagte.1 Warum aber meldeten sich die Männer nicht? Warum war den Männern ihre eigene Dämmerung so wenig von Interesse? Es ist zu vermuten, daß diese Abstinenz weniger an den Männern als an dem Artikel des FAZ-Herausgebers lag. Denn das Zusammenwirken der vielversprechenden Betitelung mit den eher mageren Begründungen einer "Männerdämmerung" ließ wohl die allermeisten Männer wie vor einem Kind stehen, das uns - mit einem Laken über dem Kopf - herumfuchtelnd als Gespenst beängstigen möchte. Was stellen oft verständige Erwachsene nicht alles an, um die erheiternde Illusion des Kindes zu bestätigen, indem sie sich schicklich furchtsam zu zeigen suchen. Doch Männer reagierten auf den Artikel des Herrn Schirrmacher nicht so gnädig; allein Frauen taten das! Ob dies mit einem stärkeren Bezug zu überspannter Kindlichkeit zusammenhängt?
Nun kurz etwas zum Inhalt der Monumental-Warnung des FAZ-Artikels: Das Denken und mit ihm alle Meinung werde heute fast zu achtzig Prozent von Frauen bestimmt. Erkennen könne man es schon daran, daß "in den Kampffliegern der amerikanischen Luftwaffe" eine weibliche Computerstimme spricht! Der Grund ist, daß "Menschen im Streß" - dies legten "psychiatrische Untersuchungen" nahe - "von einem gewissen Grad an am verläßlichsten auf die Stimme von Frauen" reagierten. Und warum? "Womöglich ist es die Stimme der Mutter, die zu ihnen spricht, oder der Geliebten oder die der Ehefrau." (Gott bewahre heutzutage was letztere dieser Stimmen betrifft!)
Falsch, geehrter FAZ-Herausgeber! Es ist schlicht und einfach die Stimme der Frau, die da spricht, und wir brauchen keine biologischen Bezüge, um ihr Privileg inneren Befriedens zu erklären, sondern rein gesellschaftliche. Auch ist das kein neuer Sachverhalt. Die Stimme der Frau ist nämlich die Stimme jenes Wesens, das aufgrund seiner jahrtausendelangen Schonung und Bevorzugung (van Creveld) vor allen Streßsituationen bewahrt, allen Gefahren ferngehalten wurde; es ist die Stimme des Wesens, das nie in Kriege ziehen mußte, nie Städte, Schiffe, Brunnen, Straßen schuf, nicht hunderttausendfach am Bau eines Sueskanals krepierte, nie zu schmelzenden Reaktoren befohlen wurde, nie Bomben entschärfte, sich kaum im Inneren der Erde aufhielt als Stollen stürzten, kaum auf hoher See mit Schiffen sank und, wo letzteres geschehen sein mag: nie wurde ihm die Pistole auf die Brust gesetzt, damit es die Rettungsboote für andere freiläßt. Um die Stimme der Frau als lebendes Symbol bergender Sicherheit und Beschaulichkeit, als eines urtypischen Attributes ungestörter, garantiert gefahrfreier Innerlichkeit zu entdecken, brauchten wir gewiß nicht die Psychiatrie. Etwas Psychologie brauchten wir bestenfalls, um die Gründe zu beleuchten, warum Frank Schirrmacher eine solch triviale Selbstverständlichkeit als einen "Punkt der gesellschaftlichen Evolution" und damit als etwas großartig Neues hinstellen möchte.
(Und selbst wenn die Stimme der Frau bei "Menschen im Streß", aber erst "von einem gewissen Grad an" (also nur beim großen Streß) eine besondere Wirksamkeit hätte, müßte dies nicht heißen, daß sie in allen anderen Situationen, die nicht mit der Überwindung akuter Gefahren zu tun haben, auch einen anderen Stellenwert einnimmt?)
Sodann eröffnet uns der FAZ-Redakteur einen weiteren Anhaltspunkt seines Befundes einer "Männerdämmerung": dies sei die Verweiblichung der Medien. Denn durch ihre enorme Präsenz in den Medien seien Frauen dabei, die "Bewußtseinsindustrie" zu übernehmen. Es werden nun die Namen von Moderatorinnen, Literaturkritikerinnen und Erbinnen von Verlagen angeführt, allen voran die erfolgreiche Moderatorin der gleichnamigen Sendung, Sabine Christiansen. Es wird dazu der redegewandte CDU-Politiker Friedrich Merz zitiert, wie dieser zur zweihundertfünfzigsten Folge der Sendung das Kompliment offeriert: "Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mehr als der Deutsche Bundestag." Nicht nur daß dies, wie Komplimente und Beteuerungen schon immer gewesen, eine liebenswerte Überspitzung war. Es beschrieb außerdem ein Ergebnis, das keineswegs dem Wirken der Moderatorin zu verdanken ist (Frau Christiansen hätte vermutlich alleine nicht das Geringste im Bundestag zu veranlassen), sondern dem Stellenwert ihrer Gäste, für deren biologisches Geschlecht Frau Christiansen einst vom feministischen Verbund der Medienfrauen mit der 'Sauren Gurke', einer Negativauszeichnung der Feministinnen, gestraft wurde.


