DER MASKULIST
14.09.2001

W

ie bewältigen israelische Jugendliche den Terroralltag in ihrem Land? Antwort auf diese Frage sollte uns das folgende kurze Interview der jungen Israeli geben, die von dem ARD-Radiosender als Repräsentantin der israelischen Jugend ausgewählt wurde.1

Anlaß zu der Reportage war eine in den vergangenen Wochen anhaltende Gewaltwelle, in deren Rahmen Anschläge junger palästinensischer Selbstmordattentäter auch an Orten stattfanden, an welchen sich vorwiegend junge Menschen aufhielten, wie z.B. in einer Diskothek. Es gab mehrere Opfer zu beklagen!

Daß man sich trotz des Terrors nicht zu Hause einschließen könne, sondern selbstverständlich weiterhin Unterhaltungsetablissements besuchen müsse, und daß nicht versucht werden solle, das Schicksal zu vermeiden, auch wenn dies das Opfer eines Anschlags zu werden abverlangt, war - in Kürze ausgedrückt - der Weisheit letzter Schluß der jungen Frau.

Aber damit nicht genug. Denn unversehens hörten wir den jungen Menschen weiter über etwas reden, das dem Kenner der Medienmanipulation, die auf dieser Webseite thematisiert wird, das leise Da-haben-wir´s-wieder-Lächeln entlocken mußte. Nämlich darüber, daß in deutschen Diskotheken die "Typen", also die männlichen Gäste, Mädchen angeblich "da anfassen, wo man nicht gern angefaßt werden möchte".

Mag ja nun solches Anfassen ganz ganz Schlimmes bewirken. Dieses soll uns aber nicht der Konsequenz entheben, hier eine jähe Mutation des Informationsinhaltes zu registrieren. Denn was hat das Bewältigen des Terroralltags in Israel mit dem Verhalten der "Typen" in bundesdeutschen Diskotheken zu tun? Richtig: Rein gar nichts!

Und selbstverständlich berechtigt uns dieser Sprung im informatorischen Verhalten des ARD-Senders (im Hinblick auf unsere gesunde Lust, gern denkende Wesen zu sein, verpflichtet er uns geradezu), naheliegende Spekulationen über die Hintergründe anzustellen.

Bevor wir jedoch mit unseren Annahmen loslegen, sollte klargestellt werden, daß unser Interesse am Ergründen dieses Sachverhalts keineswegs daran liegt, daß hier ein vom Autor dieser Zeilen ernstzunehmendes Männerfeindlichkeitsverhalten vorliegt. Da sind wir ja Deftigeres gewöhnt als die eher triviale Beschwerde über "Typen", die in Diskotheken, an jenen Orten nämlich, an welchen junge Menschen sich so dicht zusammendrängen wie Sardinen in der Büchse, Mädchen da "anfassen, wo man nicht gern angefaßt werden möchte"; wobei diejenigen Körperstellen gemeint sein dürften, die von der in den Diskotheken sich aufhaltenden weiblichen Jugend meistens durch eine allzu enge oder allzu knappe Umhüllung in aller Eindeutigkeit als die richtigen oder eben die falschen gekennzeichnet werden. Damit Mißverständnisse ausgeschlossen bleiben!

Nein, unser Interesse gilt eher dem Umstand, daß wir hier ein erquicklich typisches Exempel feministizistischer Verdrehkunst vor uns haben, so simpel improvisiert, daß mit ihm die einfältige Methodik 'frauengerechter' Bericht-erstattung wie ein fast schon wieder sympathisch-ungekonntes Kinderartefakt vor uns steht, wie eines, das von den Erwachsenen zwar mit Selbstverständlichkeit, aber nicht ohne die nötige Nachsicht angenommen wird, die Nachsicht desjenigen nämlich, der gezielt vermeiden muß, der Ungunst des störrischen und verhätschelten kleinen Mädchens zu verfallen, das solche Objekte schafft, der Ungunst des feministischen Geistes.

Wie leicht sich dieser, verwöhnt und durch die allgemeine Einhaltung seines Kritikverbotes all die Jahrzehnte unvorsichtig und immer leichtfertiger geworden, bloßstellen läßt, soll dem Leser dadurch deutlich gemacht werden, daß die Entstehungsschritte dieser Berichterstattung, in unserem spekulativen Wiederaufbau derselben, uns unübersehbar an auf diesen Seiten bereits Dargelegtes erinnern werden. Und jetzt zu unserem Versuch:

Das Projekt: Berichterstattung aus einem Land, in welchem Menschen einen von Krieg und Terror bestimmten Alltag erleiden müssen. "Erleiden" kommt aber von "leiden", und solches widerfährt in allererster Linie (wenn nicht sogar ausschließlich) Frauen. Also, Schritt Nr. 1: Eine junge Frau muß her. Erinnert sich der Leser vielleicht an die folgenden Worte unserer Einleitung: "Vom Boulevardjournalismus bis zur Gewerkschaftszeitschrift haben femosexistisch orientierte Berichterstatter ihr feministisches Lied vom Leid gut gelernt! Ob es sich um Naturkatastrophen oder Krisen anderer Art handelt, eine Flut von Bildern leidender Weiblichkeit ist stets die erste und meistens die einzige Botschaft, die uns erreicht..."?

Schade eigentlich! Es wäre doch so viel kompetenter, von einem männlichen Jugendlichen, der kurz vor der Übernahme seiner ihm aufgebürdeten Soldatenpflichten steht, zu hören, mit welchen Gedanken und Gefühlen er in Discos oder anderswo palästinensischen Jugendlichen begegnet, solchen vielleicht aus seinem Bekannten- oder Freundeskreis; wie er mit dem Verdacht umgeht, manche von ihnen könnten mittlerweile kämpfenden Organisationen angehören oder gar als mögliche Selbstmordattentäter dem Tod und dem Töten geweiht sein! Wie er die auf ihn wartenden Aufgaben betrachtet etc. Wäre das alles nicht substantieller, packender für den Hörer und allemal interessanter als das informatorisch so magere Seelchen-Gewäsch über das Schicksal, dem man nicht entgehen können wollen sollte, und die kokettierende Beschwerde darüber, daß man in einem anderen Land, wenn man denn mal da ist, in der Diskothek 'angefaßt' wird?

Nun ja! Das Mädchen wurde erkoren, und man kann sich des weiteren vorstellen, daß die selbstverständliche Frage "Was soll ich denn so erzählen?" sich als die nächste zu bewältigende Aufgabe hinstellte.

Was erzählen? Eine junge Frau, die fragt, was sie in einem Radiointerview erzählen soll? Lebt diese etwa hinter dem Mond? Was erzählen denn Frauen schon in den letzten Jahrzehnten, wenn ihre Gedanken öffentlich spazierengehen? Progressives, Emanzipiertes natürlich muß es schon sein, sonst hat frau ihre Chance am Mikrophon verpaßt. Am griffigsten für schnellere Einsätze empfiehlt sich da einfach irgendwas gegen die Männer. Das kann man (tschuldigung - "frau") leicht dahin klatschen und läßt sich zu jedem Stichwort erdenken. Wie heißt es noch mal im ersten Teil unseres Vorworts: "Kaum ein weiblicher Teilnehmer an Talkshow oder Interview, der nicht schon sein Sprüchlein gegen den Mann parat hält, um es bei Gelegenheit (oder notfalls auch ohne diese) loszuwerden..." Also, wie sind sie denn so zu Dir in der Diskothek, die jungen "Typen"? Noch nie angefaßt worden? Saubere Frage. Welche junge Frau würde da nein sagen?

An dieser Stelle jedoch deutet sich ein Zögern an: Die junge Frau gibt nämlich im veröffentlichten Interview zwar an, daß sie in Diskotheken angefaßt wird, dies geschehe allerdings nicht in Israel, sondern im deutschen Ausland, wenn sie sich dort aufhält. In Israel dagegen sei es in den Diskotheken "lockerer". Dort werde sie nicht angefaßt!

Wie ist das zu verstehen? Können wir wirklich annehmen, daß in Deutschland, im Land also mit einer der gediegensten sog. Frauenbewegungen, in welchem Männerverhalten aller Art, vom Denken bis zum Pippimachen, seit Jahrzehnten an den Pranger der öffentlichen Meinungsmache gestellt wird, in einem Land, in welchem noch dazu die Menschen, Männer wie Frauen, wesentlich weniger aus ihrem Temperament heraus agieren, als es in südlicheren Ländern der Fall ist, die jungen Frauen mehr 'da angefaßt werden, wo man nicht gern angefaßt werden möchte', als im südlicheren Israel? Trotz aller Belästigungsdiskussion hierzulande? Und trotz der ganzen Gesetzesflickerei? Dieses darf angezweifelt werden. Oder aber, es müßte den Feministen hinsichtlich der Wirksamkeit feministischer Bestrebungen zu denken geben.

Kann es eher sein, daß die Gestalter oder Gestalterinnen des Interviews aus Rücksicht auf das Gastgeberland die Männerbezichtigung lieber ins Ausland, und zwar dorthin, wo man derartiges schon lange gewöhnt ist, verlagert haben wollten oder daß die interviewte Person dieses vorgezogen hat, um nicht den Mangel an Wahrhaftigkeit ihrer Behauptung vor ihrem Bekanntenkreis daheim verantworten zu müssen?

Denn allzu unvermittelt fand die Wende nach Deutschland im Interview ohnehin statt! Diese wurde mit dem ziemlich gegenstandslosen Hinweis bewerkstelligt, daß die interviewte junge Frau "auch in Deutschland" gewesen sei (als sollten wir die junge Frau näher kennenlernen und nicht etwas über den Terroralltag in Israel erfahren), worauf die ausschlaggebende Frage folgte, welche Diskotheken sie nun besser finde, die deutschen oder die israelischen, und warum. Alles Fragen, die mit dem Thema und der darin enthaltenen Tragik nichts zu tun haben!

Können also die "Typen" in Deutschland die Schelte in der Annahme ignorieren, sie seien nur aus taktischen Gründen als die Adressaten einer konzipierten Rüge gewählt worden, damit das junge Geplauder, das uns eigentlich etwas über Mißstände in Israel zu berichten hätte, seinem kokettierenden, männerbezichtigenden Vorwurf, wenn schon keine Heimat, dann doch ein passendes Exil gewähren konnte? Durchaus möglich, sollte man meinen. Denn am Schluß des Interviews und zum verheißungsvollen Abschluß unserer Spekulationen hörten wir die junge Dame, die Begründung ihrer Vorliebe für israelische Diskotheken leise neutralisieren: Es könne ja sein, israelische Diskotheken gefielen ihr einfach deswegen besser, weil Israel schlicht ihre Heimat sei, sprich: Der Grund ihrer Vorbehalte gegenüber deutscher Diskotheken ('angefaßt werden') sei wohl (wie die Heimatliebe) eher subjektiv. Ganz subjektiv vielleicht? Vielleicht sogar erfunden?

Wir wollen es dabei belassen. Ist ja auch schwierig! Wie soll man in der Beschreibung von Situationen, in welchen Männer genau so gut wie Frauen in die Luft gesprengt werden können und ihnen Vergleichbares - laut trauriger Statistiken - auch um ein vielfaches öfter als den Frauen widerfährt, die Benachteiligung der aus ideologischen Absichten zur leidenden Spezies erklärten Weltweiblichkeit nachzeichnen können?

Mit System: Das vorangegangene Interview nämlich, geführt mit einem jungen Mann, der als Türsteher in den hier gemeinten Etablissements tätig ist, könnte schon gut den Weg für eine Assoziation zwischen Macht und Mann ebnen. Sprach dieser doch schließlich von seiner Aufgabe, das Publikum für die verschiedenen Parties zu selektieren, Zutritt zu gewähren oder zu verweigern! Damit wurde die Verbindung des anderen prominenten Paares im feministischen Denken, Ohnmacht (Unterdrückung) und Frau, so gut wie gesichert. So einfach geht das! Pfiffig, oder?

Und wir, die ARD-Zuhörer? Nun, wir sind informiert. Zwar weniger über die Bewältigung des Terroralltags von seiten der Jugend in Israel, aber um so mehr über die Weise, in welcher Berichte darüber hergestellt sein könnten! Insbesondere dadurch, daß wir auf die Absichten hinter den Berichten aufmerksam werden. Das aber ist schon eine kleine Kunst! Will da noch einer behaupten, daß öffentliche Medien nicht zur Verschärfung unserer Aufmerksamkeit beitragen?

_____________________

Quellen, Anmerkungen:

1. B5-Aktuell, 18. 08. 2001 "Wie bewältigen israelische Jugendliche den Terroralltag in ihrem Land?"