DER MASKULIST
12.12.2008

Die das Tor machen – Ästhetik der Differenz

"I

ch finde es nicht schön, es regt mich immer wieder auf... ich wehre mich dagegen... ich schalte einfach aus..." und schließlich: "Mit mir sollen sie es nicht machen können." Solche Worte gebrauchte ein Freund und Leser dieser Seiten einmal, um seinen Ärger auszudrücken, und es klang als gäbe es ihn, den Ärger, gleich in doppelter Gestalt: Einmal in der Gestalt des Gegenstandes, der den Freund unmittelbar trübte, und einmal in dem Umstand, daß dieser Ärger irgendwie neu war und erst in Worte gefaßt werden mußte, bevor er ausgetragen werden konnte; ein Umstand, der den Betroffenen einsam macht und mit verstimmter Unbeholfenheit verhöhnt. Und das ist der zweite Ärger. Das Problem dieses Mannes, der – anders als ich - auch ein Fußballfreund ist, war, daß immer mehr Kommentatorinnen, Moderatorinnen und sonstig zur Wortführung erkorene weibliche Zeitgenossen in audiovisuellen Medien die Fußballereignisse moderieren und auslegen.

Da dies kein Problem ist, das sozialpolitische Reaktionen unmittelbar auf den Plan ruft, dennoch eines, das ich bestens nachvollziehen konnte, bescheinigte ich dem Freund kurzerhand ein "ästhetisches Problem", welches auch ich kennen würde. Erst einige Tage später zeigte sich, daß ihm meine Definition nicht zusagte. Er war nicht damit zufrieden, sein Problem mit den fußballbemühten Fernsehfrauen auf der ästhetischen Ebene zu belassen. Hatte er damit recht? Wir wollen es untersuchen.

Doch zunächst: Woher kannte ich, der Nicht-Fußballfan, dasselbe Problem, das ich prompt als ein ästhetisches eingestuft hatte?

Ebenfalls vom Fernsehen: Ich pflegte einst in der geräumigen Eingangshalle eines Unternehmens, in der ich mich täglich vorübergehend aufhielt, die Nachrichten, die aus einem der dort installierten überdimensionalen Bildschirme ständig herabrieselten, bei einer Tasse warmen Getränks "mitzunehmen". Den Sportteil am Ende der News leitete der Sender mit einem Bild ein, in welchem die forsche Truppe einiger drahtiger Kerlchen im anfänglichen Teenager-Alter sich selbst und ihren heiligen Ball ungestüm durch einen Hinterhof manövrierten, um sich dann, an einer Art Garagentor angekommen, das offensichtlich als ihr "Tor" im Spiel dienen sollte, mit dem selbstbewußten Ausruf "Wir machen das Tor!" kampfbereit vor dem Fernsehzuschauer zu positionieren. Das paßte einfach, der Auftritt dieser Kinder war vollkommen, es war "schön"!

Es sollte aber nicht "schön" bleiben. Und eines Tages waren die Kerlchen verschwunden! Statt ihrer bevölkerten jetzt Mädchen zum selben Zweck das Bild, und man wußte gleich: Die Frauenbeauftragte des Senders hatte zur Ausweitung ihrer dubiosen Tätigkeit eine weitere Benachteiligung der Frauen entdeckt...

Nun war es ja wirklich nicht mehr "schön". Ein ausdruckslos fader Mädchenmob trieb sich formlos im Bild bis hin zum bewußten Tor, und man glaubt, dies war auch den Filmmachern bewußt geworden, denn sie akzentuierten sogar diesen unumgänglichen Eindruck des Faden, Kraftlosen und Unzulänglichen durch den Einbezug von weiblichen Kleinkindern, die, sportlich gesehen gerade noch zu ersten Erfahrungen mit dem Kinderdreirad fähig, auf eben diesem Gefährt zum Endziel fuhren, um sich so auch beim Machen des Tors zu beteiligen (wie immer so etwas gehen sollte). Das war nicht nur "nicht schön". Und es wirkte auch nicht nur wie eine schlechte Nachahmung des Films mit den in ihrem Selbstverständnis beheimateten Jungen. Es war schlicht und deutlich die angestrebte Pervertierung dessen.

Allerdings ist Pervertierung in der Tat keine allein ästhetische Kategorie, und insofern hatte mein Freund recht. Sie weist auf den ethischen Bereich hin, wo Dinge nicht mehr als "schön" oder "nicht schön", sondern eher als "gut" oder "schlecht" empfunden und identifiziert werden. Um die Schelte der Pervertierung also aufrecht erhalten zu können, müßten wir den Grund nachweisen, warum etwa der Einfall, Mädchen anstelle von Jungen für diesen Fernsehstreifen zu nehmen, kein guter war.

Auf der Suche danach durchschreiten wir allerdings ein zweites Mal eine Kurve. Ähnlich wie wir, indem wir das "Nicht-Schöne" erkundeten und es am Ende als Pervertierung erkannten, zugleich die Perspektive wechselten und vom ästhetischen zum ethischen Aspekt übergingen, so werden wir jetzt vom ethischen zum kognitiven, erkennenden Aspekt überzuwechseln haben. Dort sind die Dinge "wahr" oder "unwahr".

Es ist aber wohl nicht anzunehmen und somit eben nicht wahr, daß die Mädchen aus dem Video-Spot diejenigen sind, die jemals das Tor werden machen können. Nicht das eine, singuläre Tor. Sie mögen bestenfalls als künftige Fußballerinnen Tore einmal nach Können und nach Herzenslust in ihren Kämpfen gegen andere Fußballfrauschaften schießen und sollten damit glücklich werden können. Denn das Tor, das eine, das Tor schlechthin, das absolute, ideale Tor, welches einmal in die Weltgeschichte als ein solches (man mag es sich vorstellen, wie man will) einzugehen hätte, würde sicher ein extremes Tor sein, eines aus jener Peripherie des menschliches Könnens stammend, welche sowohl im mentalen wie im physischen Sinn von Männern besetzt ist.

Und so befinden wir, daß die schlaffe Mädchenszene, die im Fernsehstreifen des Nachrichtensenders den Sportteil mit dem verwegenen Ausruf "Wir machen das Tor!" einleiten sollte, weder schön, noch wahr im Sinne von wahrhaftig ist. Kann sie gut sein? Künstlerisch schon mal nicht.

Das Schnöde im Unwahrhaftigen

Ich wäre vielleicht gar nicht dazu gekommen, Gedanken über eine sinnige Weiterführung der ästhetischen (beziehungsweise unästhetischen) Ausdrucksformen des Feminismus hier zu explizieren, wenn mir nicht vor ein paar Tagen eine weitere Person aus meinem Bekanntenumfeld gezeigt hätte, daß mein Freund und Fußballfan von weiter oben mit seinen Vorbehalten gegenüber der fußballverständigen Fernsehweiblichkeit offenbar gar nicht so allein war: Ein Arbeitskollege, der meinen antifeministischen Auszug kennt, trat neulich an mich heran und kommentierte wie aus heiterem Himmel etwas, das er "seltsam" nannte. Seltsam sei es, meinte er, daß sich in der letzten Zeit eine Zunahme weiblicher Fußballkommentatoren im Fernsehen verzeichnete. Wie um seine Objektivität zu unterstreichen, fügte er hinzu, daß zwar durchaus auch männliche Kommentatoren "viel Unsinn verzapfen" können, daß ihn aber dennoch die Tatsache der wundersamen Vermehrung dieser fußballerpichten Damen als Phänomen beschäftigte.

Da lächelte ich natürlich erst einmal innwendig und dachte an mein hier erwähntes Gespräch von einstmals, ließ es aber mit meinem ästhetischen Aspekt der Sache auf sich beruhen. Doch dies nur, weil mir diesmal ein anderer Begriff völlig unvermittelt und dementsprechend prompt über die Lippen ging: "Gehirnwäsche", sagte ich, "das ist Gehirnwäsche!"

Die Herangehensweise meines Gesprächspartners hatte wohl diesmal gleich den ethischen Aspekt der Sache in den Vordergrund gebracht. Während sich im ersten Gespräch mit dem Maskulisten-Freund deutlich Unbehagen über etwas aussprach, das als "nicht schön" bezeichnet wurde, drückte sich diesmal eher eine Art Ratlosigkeit darüber aus, was man denn von der Methode der Fernsehanstalten halten sollte, Frauen verstärkt als Fußballkommentatoren einzusetzen. Ja, "Methode" ist das richtige Wort.

Die Methode der Fernsehanstalten besteht darin, eine Domäne, in welcher physisch, aufgrund also der Natur des Geschlechts, Männer und Frauen niemals "gleichgestellt" sein werden, mit den Mitteln der Kultur des Genderismus um so vehementer mit Frauen besetzen zu wollen. Es handelt sich um die Kompensation eines feministischen Zieles auf einer Ersatzebene als Ausgleich für die Unmöglichkeit seiner Verwirklichung auf der originären Ebene.

Doch halt! Das ist kein bloßes Damendelikt. Was wir eben formulierten, beschreibt die destruktivste Unart des Feminismus. Sie mag keine Katastrophe verursachen, wo sie die Berichterstattung aus Fußballstadien betrifft. Doch in ihr steckt dasselbe Prinzip, nach welchem Jungen in der Bildung vor die Hunde gehen sollen, weil noch nicht 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen sitzen, oder nach welchem genozidartige Verfolgungen von Männern ausgeblendet werden, weil in den selben Orten die Frauen immer noch das Wasser nachhause tragen oder Ähnliches erleiden müssen.

Die diversen Hypostasen des gleichen Prinzips auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen (hier der ästhetischen, ethischen und kognitiven ganz im Sinn des Klassikers über "das Schöne das Gute und das Wahre") müssen also, wo der Übergang zueinander ausbleibt, zu einer Spaltung der Wahrnehmung des auf nur einer dieser Ebenen festgemachten Undings führen. Das erzeugt eine Unsicherheit oder Ratlosigkeit darüber, wie man diversen Phänomenen der feministischen Gegenwart zu begegnen hätte, wie jene, von meinem letzteren Gesprächspartner zum Ausdruck gebrachte Ratlosigkeit über Wesen und Grund der vielen öffentlichrechtlichen Fußballfrauen (und auch der vielen Polizeikommissarinnen zum Beispiel). Übrigens war ich mit der kalten Dusche meiner rasch erfolgten Interpretation als "Gehirnwäsche" offenbar gar nicht erfolglos. Zumindest nahm sie mein Gegenüber unkommentiert auf.

Fazit

Um also nicht im Dilemma eines namenlosen Unbehagens stecken zu bleiben, sollte man beim Aufkommen eines ästhetischen Widerwillens unbedingt die Sicht um die jeweils weiteren Aspekte des auffälligen Gegenstandes erweitern. So kann man erkennen, daß etwas, was zunächst als Geschmackssache ("nicht schön") daherkommt, prinzipiell nicht nur Geschmackssache ist, sondern auf Praxis-Strukturen hinweist, die anderswo für ein kulturpolitisches Ungemach stehen könnten. Das ist wichtig für eine selbstsichere Abwehr.

Freilich darf niemand den Anspruch hegen, die Welt nach Prinzipien neu ordnen zu wollen, die er "schön" findet. Niemand darf auch erwarten, andere allein durch Klarstellung seiner ästhetischen Empfindungen zu überzeugen. Ganz aber ohne die Welt und fern jeden Bezugs auf andere kann man, ja man soll, angespornt von seinen zunächst unpolitisch erscheinenden Empfindungen und darauf vertrauend, daß Empfindungen gegen feministisch geprägte Szenarien auf authentischen Grundsätzen beruhen, diese bewußt bis zu der Erkenntnis verfolgen, die ihm den Bezug zur politischen Praxis bietet.

Denn was bestimmt unsere Ästhetik anderes als Prinzip, Gesetz, Ordnungsmuster? Und was sind die Absichten des hegemonialen Bessermenschentums, aus welchem auch der Feminismus hervorging, anderes als die Aufhebung der kulturellen Ordnungsmuster jenes einst so gebräuchlichen "Kapitalismus", der heute in seiner zweckgefärbten Wandelbarkeit das "Patriarchat" genannt wird?

Erst kürzlich konnte ich dem anfangs erwähnten Freund erklären, daß ich diesen Ästhetikbegriff gebrauchte, als ich sein "Problem" ein ästhetisches nannte. Er war jetzt einverstanden.

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