Feminismus in der ästhetischen Reflexion
Die das Tor machen – Ästhetik der Differenz
"I
ch finde es nicht schön, es regt mich immer wieder auf... ich wehre mich dagegen... ich schalte einfach aus..." und schließlich: "Mit mir sollen sie es nicht machen können." Solche Worte gebrauchte ein Freund und Leser dieser Seiten einmal, um seinen Ärger auszudrücken, und es klang als gäbe es ihn, den Ärger, gleich in doppelter Gestalt: Einmal in der Gestalt des Gegenstandes, der den Freund unmittelbar trübte, und einmal in dem Umstand, daß dieser Ärger irgendwie neu war und erst in Worte gefaßt werden mußte, bevor er ausgetragen werden konnte; ein Umstand, der den Betroffenen einsam macht und mit verstimmter Unbeholfenheit verhöhnt. Und das ist der zweite Ärger. Das Problem dieses Mannes, der – anders als ich - auch ein Fußballfreund ist, war, daß immer mehr Kommentatorinnen, Moderatorinnen und sonstig zur Wortführung erkorene weibliche Zeitgenossen in audiovisuellen Medien die Fußballereignisse moderieren und auslegen.
Da dies kein Problem ist, das sozialpolitische Reaktionen unmittelbar auf den Plan ruft, dennoch eines, das ich bestens nachvollziehen konnte, bescheinigte ich dem Freund kurzerhand ein "ästhetisches Problem", welches auch ich kennen würde. Erst einige Tage später zeigte sich, daß ihm meine Definition nicht zusagte. Er war nicht damit zufrieden, sein Problem mit den fußballbemühten Fernsehfrauen auf der ästhetischen Ebene zu belassen. Hatte er damit recht? Wir wollen es untersuchen.
Doch zunächst: Woher kannte ich, der Nicht-Fußballfan, dasselbe Problem, das ich prompt als ein ästhetisches eingestuft hatte?
Ebenfalls vom Fernsehen: Ich pflegte einst in der geräumigen Eingangshalle eines Unternehmens, in der ich mich täglich vorübergehend aufhielt, die Nachrichten, die aus einem der dort installierten überdimensionalen Bildschirme ständig herabrieselten, bei einer Tasse warmen Getränks "mitzunehmen". Den Sportteil am Ende der News leitete der Sender mit einem Bild ein, in welchem die forsche Truppe einiger drahtiger Kerlchen im anfänglichen Teenager-Alter sich selbst und ihren heiligen Ball ungestüm durch einen Hinterhof manövrierten, um sich dann, an einer Art Garagentor angekommen, das offensichtlich als ihr "Tor" im Spiel dienen sollte, mit dem selbstbewußten Ausruf "Wir machen das Tor!" kampfbereit vor dem Fernsehzuschauer zu positionieren. Das paßte einfach, der Auftritt dieser Kinder war vollkommen, es war "schön"!
Es sollte aber nicht "schön" bleiben. Und eines Tages waren die Kerlchen verschwunden! Statt ihrer bevölkerten jetzt Mädchen zum selben Zweck das Bild, und man wußte gleich: Die Frauenbeauftragte des Senders hatte zur Ausweitung ihrer dubiosen Tätigkeit eine weitere Benachteiligung der Frauen entdeckt...
Nun war es ja wirklich nicht mehr "schön". Ein ausdruckslos fader Mädchenmob trieb sich formlos im Bild bis hin zum bewußten Tor, und man glaubt, dies war auch den Filmmachern bewußt geworden, denn sie akzentuierten sogar diesen unumgänglichen Eindruck des Faden, Kraftlosen und Unzulänglichen durch den Einbezug von weiblichen Kleinkindern, die, sportlich gesehen gerade noch zu ersten Erfahrungen mit dem Kinderdreirad fähig, auf eben diesem Gefährt zum Endziel fuhren, um sich so auch beim Machen des Tors zu beteiligen (wie immer so etwas gehen sollte). Das war nicht nur "nicht schön". Und es wirkte auch nicht nur wie eine schlechte Nachahmung des Films mit den in ihrem Selbstverständnis beheimateten Jungen. Es war schlicht und deutlich die angestrebte Pervertierung dessen.
Allerdings ist Pervertierung in der Tat keine allein ästhetische Kategorie, und insofern hatte mein Freund recht. Sie weist auf den ethischen Bereich hin, wo Dinge nicht mehr als "schön" oder "nicht schön", sondern eher als "gut" oder "schlecht" empfunden und identifiziert werden. Um die Schelte der Pervertierung also aufrecht erhalten zu können, müßten wir den Grund nachweisen, warum etwa der Einfall, Mädchen anstelle von Jungen für diesen Fernsehstreifen zu nehmen, kein guter war.


