DER MASKULIST
12.08.2002

Adam, Eva und die Mathematik

N

achdem wir in den vorangegangenen Ausführungen den Feminismus gerade da zu fürchten gelernt haben dürften, wo er sich anschickt, Kulturarbeit, wie die Sprachgestaltung eine ist, zu leisten, wird es jetzt Zeit, ihm auch etwas Sympathie für diese seine Schwäche entgegenzubringen. Das gelingt uns vielleicht, indem wir ihm aus jeweils verschiedenen Gucklöchern zusehen, wie er sich mit der Sprache heroisch herumschlagen muß, um Aussagen zu erkämpfen, die seine Thesen tragen sollen; eine Aufgabe, bei welcher weder die Sprache noch der Feminismus es leicht haben, und die niemals vollbracht werden könnte, ohne jenen unersetzlichen Beitrag der Medien, der die 'Geschlechterdebatte' zum Diktiermonolog des Feminismus verfremdete.

Wir wollen Art und Ursprung des feministischen Widerspruchs etwas genauer analysieren und versuchen, die Methoden zu explizieren, mit welchen er sein Dilemma zu leugnen und seine widersinnigen Thesen in das Geistesleben der Gegenwart zu übertragen sucht.

Wo aber beginnen? In jenem Dickicht der Absurdität, in welchem Männer und Frauen gleich sind, Frauen aber besser; wo beide Geschlechter zwar gleiche Rechte haben sollen, die Frau aber eine Menge Sonderrechte dazu; wo Diskriminierung angeblich aufgehoben wird, die des Mannes jedoch allerorts stattfindet und sich täglich erweitert, haben bereits die Strukturen der Verwirrung solches Geäst geschlagen, daß wir gut daran täten, aus der verstrubbelten Krone des Baumes wieder den Abstieg einzuleiten, um beim eindeutigen Stamm unsere Untersuchung zu beginnen.

Und da, unter dem feministischen Baum der Verwirrung, stehen die beiden, Adam und Eva, das unschuldige Weib, an sich überlegen und erhaben, durch die Unterdrückung aber vom Manne - samt all der weiteren Untugenden des letzteren - in das Verderben mitgerissen.

"Unterdrückung", das ist das Zauberwort! Wahrlich ein sprachwissenschaftlicher und psychologischer Kunstgriff! Der beste, womit der Feminismus das Debüt seiner dramatischen Aufführungen geben konnte und woran er sich seither, gleich wie an einem kultischen Gegenstand, festklammert. Denn das Wort "Unterdrückung" besitzt mit seiner Bedeutung zugleich eine Funktion: Es ist ein Vektor! Eine mathematische Größe also, die auf eine Richtung hindeutet und so eine Zuweisung in der Vorstellung erzeugt. "Unterdrückt" kann nämlich nur der mit dem geringeren Potential sein, "Unterdrücker" dagegen der mit dem größeren. Der Schwache wird vom Starken unterdrückt, nicht umgekehrt.

Daß die "Unterdrückung" also vom Mann ausgeht und von der Frau erlitten wird, ist im Bewußtsein des Massendenkens mathematisch verankert! Der Vektor, der im oberflächlichen Denken zwischen Mann und Frau gesetzt wird, um das Verb "unterdrücken" zu veranschaulichen, wird sich mit der Gewißheit, mit welcher sich die Nadel eines Kompasses der Nordsüd-Richtung fügt, so zwischen den Geschlechtern positionieren, daß seine beiden Enden stets auf den Mann als den Unterdrücker, auf die Frau aber als die Unterdrückte hinweisen werden. "Unterdrückung" und "Frau" sind ein Paar, sie gehören zusammen wie "Skyline" und "Manhattan" oder wie "Akropolis" und "Athen".

Nur ist leider der Mathematik egal, was sie beweist, egal auch, was sie anstellt. Gegebenenfalls könnte sie uns sogar ziemlich exakt die Länge der Strecke vorrechnen, welche wir auf unserer Motorradtour zwischen Frankfurt am Main und New York zurückzulegen hätten. Um uns der Unmöglichkeit solchen Vorhabens zu vergewissern, müßten wir schon weitere Wissensgebiete heranziehen. Denn Mathematik ist zwar logisch; ob sie aber auch vernünftig angewandt wird, ist eine andere Frage.

Magnet- und Spannungsfelder

Irrt also die Nadel des Kompasses? Nicht für gewöhnlich. Allerdings dann, wenn man künstliche Magnetfelder in ihre Nähe bringt. Magnetfelder, das sind hier formende Wirkungen, die unser Denken - je nach Persönlichkeitsstärke des Einzelnen - zur Herstellung gewollter Muster veranlassen oder auch zwingen. Und was die abgedroschene Frauen-Unterdrückungs-Debatte (Feminismus) betrifft, sie bedient sich derartiger Felder und - entgegen aller Beteuerung ihrer Erneuerungsabsichten - gern auch solcher, die älter als sie selbst sind.

Denn wie man leicht feststellen kann, läßt Feminismus bei seiner Geschlechter-Modernisierung keineswegs alle "alten Klischees fallen", um sein "neues Geschlechterverständnis" zu etablieren. Vielmehr geht er selbstentblößend selektiv vor, und das so ungehemmt deutlich, daß niemand, der sich selbst bei aufrichtiger Selbstwahrnehmung ernst nehmen möchte, behaupten könnte, dieses nicht zu erkennen.

Ich erinnere mich an ein Plakat, das irgendwann in den Achtzigern im linken Frankfurter Club Voltaire gegen die Frauenwehrpflicht warb - einen Disput, von dem man immer wieder in Abständen so tut, als ob es ihn gäbe. Es war das Portrait eines hübschen Bauernmädchens, die 'Unschuld vom Lande' höchst persönlich - dick geflochtener, langer blonder Zopf, große blaue Unschuldsaugen - und ein Spruch dabei, der, wie ich mich erinnere, die Frage nahe legte: Welcher Unmensch würde auf die Idee kommen, das Kind in die Armee zu stecken? Ich hatte mich damals noch mit keinem einzigen Gedanken des Feminismus angenommen. Doch irgend etwas gefiel mir an dem Plakat nicht. Später wußte ich, was das war.

Es war das Pendeln zwischen den verschiedenen Darstellungen: Dem Bild der 'starken Frau', die eine angstvolle Männermenge verjagt, konnte ich immer noch augenzwinkernd zulächeln, wann immer ich an der kleinen Buchhandlung am Öderweg vorbei kam. Mit der Unschuld vom Lande hatte aber die rabiate Männerverscheucherin nichts gemeinsam. Bei dieser verlangte eben die Propaganda das Gegenteil der lieblich ländlichen Unschuld, und dieses war dann mit Selbstverständlichkeit auch da!

Freilich gibt es verschiedene Frauentypen. Bei diesen Abbildungen aber ging es nicht darum, unterschiedliche individuelle Präsenz bloß vorzuführen, sondern kollektive Formen, Schemata zu entwerfen, die je nach Gebiet und Bedarf für unterschiedliche gesellschaftliche Entwürfe und Entscheidungen plädierten. Grotesk, daß dergleichen im Namen einer "Gleichberechtigung" oder "Gleichstellung" geschah. Doch es geschah, und es sollte mehr zu denken geben, als man damals wie heute zu tun bereit wäre.

Denn wo war das Portrait des schüchternen, sich zurückhaltenden, lyrisch veranlagten, ja - warum nicht - ängstlichen Jünglings, der sich dem Befehl zu einer Zwangsselbstverwirklichung fügen muß, in welcher er als Instrument der Verteidigungsinteressen von Rechts- wie Unrechtsstaaten gezerrt und gepfercht, gebraucht, bei Bedarf dann konsumiert wird?

So dämmerte schon damals zwar die Vorstellung in mir auf, daß Feminismus eigentlich eine sozialethische Ungereimtheit darstelle, ich dachte aber, daß er eben deswegen keine Gefahr sei, und daß die Gesellschaft ernst genug wäre, um die Motive von Forderungen, die von solcher Seite gestellt wurden, zu durchschauen. Ich mußte darüber eines Besseren belehrt werden.

Nehmen wir nun unsere beiden unterschiedlichen Frauenbilder etwas näher in Augenschein: die liebliche Unschuld vom Lande und die gegen Männer rasende Furie. Sie beide werden uns als 'unterdrückt' vorgestellt. Erstere wäre dies zusätzlich, sollte sie für die Armee verpflichtet werden; sie ist es aber 'als Frau' auch ohnedies. Letztere, die Furie, ist ebenso im allgemeinen 'als Frau unterdrückt' und insbesondere wenn sie nicht in die Armee eingelassen wird, soweit sie dahin möchte. In diesem Beispiel werden zur Rechtfertigung des Unterdrückungsbegriffes zwei unterschiedliche Klischees gebraucht: Ein altes, das, obwohl es dem 'neuen Geschlechterverständnis' widerspricht, im Disput argumentativ verwendet werden darf, und ein neues, das extra für den Disput angefertigt wurde: Das erste ist das Klischee des 'schwachen' aber 'schönen Geschlechts', ein Klischee, das an die Beschützerfunktion ('Rolle') des Mannes appelliert, und das zweite ist ein Klischee neueren Datums, das von der resoluten, 'starken Frau', welches die Beschützerfunktion des Mannes gewöhnlich sogar verhöhnt.

Das macht insgesamt: Frauen müssen in die Armee dürfen, dürfen aber dahin niemals müssen. Nur so könnte die blonde Unschuld so gut wie die rasende Powerfrau zufrieden sein, allein die entsprechende Gesetzesänderung müßte noch her - wo liegt das Problem!

Unser verpflichteter junger Mann dagegen ist auch dann, wenn er - entgegen seiner Entscheidungsfreiheit - zu Handlungen gezwungen (moralisch wie physisch vergewaltigt) wird, die aus ihm einen Krüppel oder einen Toten machen könnten, nicht 'unterdrückt'. Er hat es nicht zu sein, er darf es nicht und das allein deswegen, weil er ein Mann ist, sprich, weil ein adäquates Denkmuster zu seiner Verteidigung fehlt! Es ist in den universitären Designerwerkstätten der politisch korrekten Geschlechter-IngenieurInnen nicht hergestellt worden. Die nagelneuen Lehrsätze, die dort mit der feinstmechanischen Spitzfindigkeit der intellektualistischen Pedanterie spätwestlicher Haarspalterei angefertigt werden und die, wenn es der 'Situation der Frau' dient, auch Hand in Hand mit 'veralteten, patriarchalen' Klischees gebraucht werden dürfen, sind allesamt 'nur für Frauen und Mädchen'.

Ansatz zu einer gültigen Geschlechterdebatte

Das Plakat der ländlichen Unschuld, das Buch über die Powerfrau; das alles erschien parallel in jener Zeit, da der heutige Außenminister Fischer im alternativen Frankfurter Strandkaffee des öfteren sein Frühstück nahm, und die damals noch junge Partei der Grünen ihre Programme auf Plakaten druckte, deren Header mit jener Botschaft ausgestattet waren, die Soldaten (auch unseren jungen, zwangsmilitarisierten Poeten) "Mörder" nannten. Es waren dieselben Schriftflächen, auf welchen weiter unten in Kleinbuchstaben die Veranstaltungen der Politlesben vorangekündigt wurden. Wie passend doch dies alles den Lesern dieser Seiten erscheinen muß!

Solche ...vorurteilsfreie Äußerungen begleiteten Grünen-Auftritte bis in die späten Neunziger, ja bis zu ihrem Eintritt ins Parlament und verstummten schlagartig nach eben diesem Erfolg. Die letzten 'Soldaten-sind-Mörder'-Belästigungen erlebte ich noch während einer politischen Aktion vor der Katharinenkirche in Frankfurt am Main. Es muß im Wahljahr selbst ('98) gewesen sein. Die Männerschelte spiegelte sich auf zig bedruckten Blättern wider, die in verschiedensten Formaten irgendwo standen oder lagen.

Ich näherte einen der Stände, stellte mich vor die dahinterstehenden Pazifisken und sprach mit leicht erhobenem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger einen einfachen Satz aus. Ich sagte: "Soldaten" (und legte eine dramatische Pause ein), "sind" (hiernach folgte eine erneute Pause, während welcher ich den Kopf bei zunickendem Auf-und-Ab bedeutsam vorstreckte) "Opfer"! Mein O sprang heraus rund wie der Satz selbst, und diese seine Form wurde zusätzlich von der meiner Hand unterstrichen, die sich mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger in leichter Berührung vorgestreckt hielt.

Die verlegen-verlogene Reaktion der MännerbelästigerInnen war wie erwartet: Ein verschluckter Lachversuch, ein Hinhalten, das jeweils anderen den Vorsprung in die argumentatorische Front überließ. Kein Zweifel, ich hatte die notorischen BesserwisserInnen mit einer einfachen Klarstellung überrascht! Allein ein dunkelhäutiger, schlanker Mann wollte das nicht auf sich nehmen: "Ja", stotterte er, "Opfer sind sie natürlich auch, die Soldaten." Ich: "Sie kommen sicher aus einem afrikanischen Land; was fühlen Sie für die Männer, die, auf der Flucht vor ihrer Zwangsrekrutierung, zu Hunderten im Nil ertrinken? Genug, wenn männliches Leid ignoriert wird. Muß es denn noch dazu kriminalisiert werden?"

Ich wußte, mit der Verdrängung des Mannes als Opfer wurde allzu Charakteristisches angesprochen. Wir werden dieser Tendenz heute überall dort begegnen, wo uns Darstellungen menschlichen Leidens entgegentreten. Und wir werden das mit zahlreichen Beispielen aus allen Bereichen des sozialen und politischen Lebens dokumentieren können.

Nicht aber, um - wie vielleicht mancher Leser vermutet - über die Ungerechtigkeit zu lamentieren, die Männern dadurch widerfährt. Wir wollen uns vielmehr den Strukturen im gegenwärtigen Denken widmen, die dazu führen, und den Konsequenzen, die unter einer solchen globalen Voreingenommenheit für die Gesellschaftssysteme in ihrer sozial- wie rechtsstaatlichen Funktion zu befürchten und bereits sogar deutlich festzustellen sind.

Dabei wird ein Begriff, der bisher Wirklichkeit nur vortäuschte, erstmals Substanz erhalten. Gemeint ist die sog. "Geschlechterdebatte".

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