Chronik einer Miß-Bildung
Jungen in der nachachtundsechziger Koedukation
S
chon in den neunziger Jahren wurde ersichtlich, daß Jungen die Problemgruppe im Bildungswesen sind. Dies wurde damals an auffälligen Reaktionen von Politikern deutlich. Dieses spontane Interesse zeitigte jedoch keine weiteren Konsequenzen.
| Dank an Felix Stern für seine wertvolle Arbeit in "Penthesileas Töchter - Was will der Feminismus?", UNIVERSITAS Verlag. |
Die Fakten, die damals Aufmerksamkeit erregten, waren das bessere Abschneiden der Mädchen im allgemeinen, die höhere Rate an weiblichen Abiturienten wie ihre größere Präsenz in höheren Bereichen der Ausbildung. Dagegen boten Jungen die meisten Hauptschüler, über 60 Prozent der Sonderschüler und eine doppelte Anzahl fehlender Schulabschlüsse. Achtzig Prozent der Legastheniker und die weitaus größere Anzahl der Kinder mit Konzentrationsdefizite (ADM-Syndrom) fanden sich zudem unter den Jungen.
Für Feministen und Feministinnen schien die Sache klar zu liegen: "Irgend etwas muß schon an den Genen anders sein", meinte einmal eine Pädagogin gegenüber dem SPIEGEL,1 und Frauenministerin Bergmann tippte zur gleichen Zeit im Fernsehen auf die Überlegenheit des weiblichen Gehirns.2
Wären diese biologistischen Erklärungen aber richtig, so wären die Leistungen der Jungen in Forschungs- und Studieninitiativen außerhalb der Schule nicht so gravierend erfolgreich, wie sie sind. In einem Experiment der Universität von Los Angeles waren die Lernerfolge der Jungen besser als die der Mädchen, solange beide Gruppen Lesen und Schreiben durch den Einsatz einer Lernmaschine beigebracht bekamen. Das Ergebnis kehrte sich aber um, als die Kinder normalen Unterricht von Lehrerinnen erhielten! Und es ist beobachtet worden, daß die Leistung der Jungen an höheren Schulen in dem Maß abnimmt, in welchem die Anzahl der Lehrerinnen zunimmt.3
Zu Zeiten, da sich Mängel in der Leistung von Schülerinnen zeigten, begnügten sich die Verantwortlichen nicht mit biologistischem Unsinn, sondern starteten umfangreiche Mädchenförderungsprogramme. Dabei sollte die Gestaltung des Unterrichts den Bedürfnissen der Mädchen angepaßt und Fördermaßnahmen für Mädchen bundesweit durchgesetzt werden.
Um solche Forderungen zu formulieren, mußten sich Feministinnen zu Prinzipien bekennen, die gänzlich anders lauteten als jene, mit welchen sie ihr Debüt als Frauenrechtlerinnen und angebliche Gleichberechtigerinnen gaben. Der Trug einer Forderung nach Gleichberechtigung, die eigentlich eine Bevorzugung der weiblichen Klientel im Sinn hatte, wurde schon Mitte der Siebziger, also kurz nach dem Auftritt des neueren Feminismus sichtbar. Denn von da an ging es schon nicht mehr um eine geschlechtsneutrale Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen in den Schulen, sondern um eine geschlechterorientierte oder geschlechtsspezifische Jugendarbeit.
So war zu Beginn der Achtziger "Mädchensozialarbeit" bereits ein Begriff, Mitte der Achtziger schlüpfte diese Idee in die Jugendberichte der Regierung und brachte nach einer Tagung des Bundesverbandes Evangelischer Erzieher und Sozialpädagogen im Jahr 1988 ihr theoretisches Profil in die Fachliteratur ein. Etwas später, zu Beginn der neunziger Jahre, hatte sie sich im neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz als Programm manifestiert. Gut Ding will Dauer! Doch was ist schon ein Jahrzehnt, wenn es darum geht, die Vernunft einer ganzen modernen Nation so zu umgehen, daß sie gar nicht stutzig wird, wenn Gleichbehandlung nur vorgeschoben wurde, um dann ins Gegenteil umzuschlagen?
Es konnte so niemanden verwundern, wenn daraufhin gestartete Aktionen zu Themen wie "Sucht, Gewalt, Lebensplanung" nun diejenige Gruppe ausschlossen, die, insbesondere im Zuge des inzwischen veränderten Klimas in der Gesellschaft, am meisten das Augenmerk der Verantwortlichen hätte auf sich ziehen müssen: die Jungen.
Die Ausgrenzung der Jungen aus Aktionen und Einrichtungen der Jugendsozialarbeit, die ohnehin als pädagogischer Sündenfall angesehen werden muß, entzog dazu Unmengen sozialer Mittel, die vom separatistischen Mädchenförderungswahn vereinnahmt wurden (fünf Millionen Mark Sondermittel im Jahr 1991!). Welche Ironie, wenn wenige Jahre später DGB-Untersuchungen über Gewalt an Schulen ergeben: "Die Aggression von Jungen ... sei auch Reaktion auf die veränderte Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern"! Dennoch wird mit der durch Ausgrenzung zusätzlich erzeugten Aggression immer munter für weitere Ausgrenzung argumentiert - Frei- und Schutzräume für Mädchen werden angefordert.


