Der Staat und seine Töchter in der Wende 2004/2005
I
n den letzten Wochen des Jahres 2004 gab es in Deutschland Töne aus dem Kreise der Armeeverantwortlichen zu hören, die das widerstandslose Hinnehmen ihrer Inhalte bei tätigem Verstand wieder einmal ziemlich erschwerten. Anlaß zu diesen Mitteilungen boten zwei die Armee betreffende Ereignisse, die nahezu zeitgleich geschahen, die man aber vermied, redlich in Bezug zueinander zu bringen. Eines dieser Ereignisse war die Aufdeckung von Mißhandlungen an Soldaten bei simulierten Gefangennahmen während der Ausbildung für Auslandseinsätze. Die Aufdeckungsserie dieser Skandalfälle begann in Coesfeld. Das zweite Ereignis war das Inkrafttreten des bereits verabschiedeten Gesetzes einer sog. Gleichstellung der Soldatinnen, welches inhaltlich eine Besserstellung garantiert, und zwar eine erhebliche, da es ab Januar 2005 Quoten für weibliche Soldaten in allen Bereichen der Armee durchsetzte, die ein Vielfaches des dort ansässigen Frauenanteils betrugen.
Als Erklärung solcher fragwürdigen Bevorzugung von Soldatinnen und Diskriminierung von Soldaten wurde die Absicht formuliert, den Frauenanteil in der Armee erhöhen zu wollen. Und weil auch diese Absicht einer Begründung bedarf, setzte kurz darauf eine kampagnenartige Mitteilsamkeit aus den einschlägigen Kreisen von Armee und Politik ein, in welcher u.a. die genannten Mißhandlungsvorfälle benutzt wurden, um die angebliche Notwendigkeit eines breiteren Einflusses und so auch einer größeren Präsenz von Frauen in den Bereichen der Armee als 'Zivilisatorinnen' derselben zu rechtfertigen: "Vielleicht müßten wir uns dann nicht mehr mit solchen Bildern auseinander setzen, wie wir sie jüngst aus Coesfeld gesehen haben", spekulierte Verteidigungsminister Struck angeregt von den Expertisen interessanter Militär-Psychologen, die - nach einer Meldung der Nachrichtenagentur ddp vom 12. 12. 2004 - die Erwartung zu hegen schienen, daß mehr Frauen im Truppenalltag die Männerwelt des Militärs "durchaus zivilisieren" könnten. Auch auf den Seiten des Bundesministeriums der Verteidigung wurde der Minister mit den Worten zitiert, "mehr Frauen würden der Bundeswehr gut tun", wie auch mit dem Kommentar wiedergegeben, daß die Leistungsfähigkeit der Soldatinnen ohnehin "uneingeschränkt" mit der ihrer männlichen Kameraden vergleichbar sei.
Ist nun ein Versagen des Gedächtnisses oder eine vorsätzliche Unterlassung der Grund, warum hier ein spekulativer Zusammenhang zwischen Soldatinnen und den Vorfällen von Coesfeld bemüht wird, anstatt jenen anderen des Herbstes 2003 in Abu Ghraib heranzuziehen, bei dem US-Armee-Folterinnen in mediogenem Bezug zu ihren männlichen Opfern weltweit dokumentiert wurden? Und da letzterer Zusammenhang zudem den Vorzug aufwiese, Tatsache zu sein, läßt seine Hintanstellung zugunsten einer bevorzugten Spekulation den Gedanken von Unredlichkeit durchaus aufkommen.
Wird hier behend nach Formulierungen gesucht, die der weiblichen Präsenz im Militär besondere Rechtfertigung bescheinigen sollten? Und haben möglicherweise die Entwicklungen der letzten Wochen - insbesondere das neue Soldatinnenbevorzugungsgesetz - bei den männlichen Soldaten mehr Unbehagen ausgelöst, als uns die Beteuerungen des Verteidigungsministers, nach welchem die Integration der Frauen in der Armee "hervorragend" liefe, weismachen wollen?
Die Berliner Zeitung DIE WELT warf im Oktober 2004 in einem mutig hinterfragenden Artikel1 kein beruhigendes Licht auf die geschlechtsspezifischen Zustände innerhalb der erst vor wenigen Jahren heterogen belegten Gemeinschaft der Armee; heterogen nicht nur im geschlechtsspezifischen Sinn, sondern, da sich bei den Geschlechtern dabei unterschiedliche Rechte geltend machen, auch im rechtsstaatlich-ethischen! Denn während Soldatinnen als Individuen behandelt werden, die sich für die Kasernen frei entscheiden und dort alle Rechte mitnehmen dürfen, die ihnen das Grundgesetz garantiert, werden bekanntlich Männer zur verfügbaren Masse degradiert und unter Aufhebung gleich mehrerer Grundrechte zwangsverpflichtet. Männerrechtlern ist längst ein Hohn, daß solche Ungleichbehandlung unter den Aufschriften 'Gleichberechtigung', 'Gleichstellung' oder 'Gleichbehandlung' ausgegeben wird.


