DER MASKULIST
Erschienen im COMPACT-Magazin, Ausgabe Juli 2011

 

Alice Schwarzer und 373 weitere Geschlechtsgenossinnen gaben vor vierzig Jahren der Menschheit kund, daß sie abgetrieben hätten. Nicht wirklich hatten die alle abgetrieben, aber wirksam. Zumal für Schwarzer, denn der Bericht darüber in jener Ausgabe des Magazins DER STERN vom Juni '71 katapultierte die damals junge Journalistin an die Spitze der sogenannten Frauenbewegung und in die Mitte einer gerade ideologisch mutierenden Medienwelt. Wobei jener obskure Widerspruch zwischen Wirksamkeit und Wirklichkeit, zwischen dem Errungenen und dem Faßbaren, den Weg der Journalistin seither kennzeichnen sollte.

Und diese Diskrepanz, die im Lauf ihres Siegeszuges immer auffälliger wurde, nährte denselben Widerwillen, der sich auch immer dann regte, wann Alice Schwarzer jene zwei gewissen Wörter von sich gab, mit denen sie die Vertretung einer Gemeinschaft suggerierte, deren Betreuung und Führung sie durch unsichtbare Hand erhalten haben wollte: die Wörter "wir Frauen".

Denn sie weiß, daß Frauen in Wirklichkeit das meiste von dem abweisen, was sie ihnen eingeben will. Nicht selten ließ das Unbehagen der aufdringlichen Frauenflüsterin über den kärglichen Gehorsam ihrer vermeintlichen Schutzbefohlenen Frust in der EMMA raus. Sie kann sich wohl errechnen, daß sich das Gros der Frauen eher hinter den Thesen Eva Hermans wiederfände als im eigenen exotisch-progressistischen Minderheitenkult.

Im großen Mediendorf aber und in den Parallelwelten der Eliten und der Politik war sie die Amazonenkönigin, das "Sturmgeschütz des Feminismus". Und das genügt, auch wenn der Frauen Mehrzahl weniger Amazonen, sondern eher "Männinnen" sein möchten, die ihr Geschlecht "verraten", Kinder haben wollen und Männer, die Geld nach Hause bringen, wie Erhebungen immer wieder (zuletzt die vom österreichischen Familienministerium gerade dieser Tage) reichlich belegen. Frauen also, wie man sie in der Welt kennt und erwartet, wie sie da draußen, fernab von Emmas skurrilen Biotopen den Tag leben.

Doch wen schert die Wirklichkeit, wenn Schwarzer im Scheinduell mit Frank Schirrmacher ihre Illusionen auf dem Podium passieren lassen, ja über sie "streiten" darf wie man es sonst über Tatsachen tut? Und wen bekümmern letztere noch, wenn Meinungen heute auch ohne sie oder gar gegen sie in den keimfreien Laboren autorisierter Herausgeber fabriziert werden können?

Und mittendrin in diesen Betrieben thronte sie bislang mit jener selbstgefällig selbstverständlichen Üppigkeit ihrer Präsenz - Made im Speck des Mainstreams -, die den Daimler-Chef zum kleinen reuigen Jungen schrumpfen ließ, als er vor Madame mit treuem Seehundsblick sein Weltunternehmen dafür rügte, nicht genug Chefinnen zu generieren, und Besserung versprach. Zu solchen Würden wurde ihr einst jener rote Teppich ausgerollt, dessen flauschiges Geleise sie auch durch all die Orte führte, in denen eine Kulturnation ihre Huldigung artikuliert und Orden, Preise, wieder Orden und Stadttürme schenkt.

Glück gehabt hatte sie, sie sagte es einmal selbst. Das Glück, einer Epoche anzugehören, fügen wir hinzu, deren politischer Grundzug in der Rache jener Söhne gegen ihre Väter bestand, die auch den Laufsteg des Feminismus aufbauten. Erst in diesem Zwist will der beispiellose, beispiellos widersinnige Erfolg der EMMA-Chefin kausale Basis erhalten. Erst in diesem Streit der Söhne, die ihre Männlichkeit herunterfuhren, um sie neu zu initialisieren und ganz anders als die ihrer Väter auszugestalten, entstand jene Lücke, durch welche die "geistloseste Ideologie aller Zeiten" (DER MASKULIST), die Ideologie Alice Schwarzers, in die Kulturwelt eines vielbewegten Zeitalters eindrang.

Das Private und das Politische oder von Menschen und Frauen

Nur ist es nicht die Rache der Söhne, wenn die Feministin in blutrauscherischem Jubel der Amerikanerin gedenkt, die ihren Mann in einem Akt von Selbstjustiz entmannte, und über den weiteren Ausbau solcher Zweckentfremdung des Küchenmessers reißerisch frohlockt: "Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen…"

Es ist auch nicht der Söhne Rache, wenn EMMA, die Grenze zum Schäbigen mißachtend, eine Bilderreihe unvorteilhafter Gemächte den Konterfeis prominenter Männer zugesellt und zum "totaaaaal verrückten" Pimmelraten aufruft. Als Gegenschlag auch noch dafür, daß die Zeitung, für die sie heute schreibt, dasselbe einmal mit Frauenbusen betrieben haben soll.

Zehn ganze Male kam das Wort Tyrann in einem Artikel Schwarzers gegen Ex-Kanzler Schröder vor, der sich selbstbewußt aufführte, weil er sich im Wahlergebnis gestärkt gegenüber seiner politischen Rivalin sah! Solchen Vorwurf so fett aufs Papier schmieren, ließe genug von dem erahnen, was Schwarzer ihrem Tyrannen-Helden vorwarf: Haß gegen das andere Geschlecht.

Nein, das Politische war es nicht, was Alice Schwarzer zu jener Umtriebenen machte, die das bloße mediale Sichtbarwerden der Kategorien Mann, Geschlecht und Frau mit dem libidinösen Drang des Messianischen in die rauhe Antifrauenwelt sendet, um die Pamphlete freizusetzen, die dem Mann Wahrheit und Würde nehmen sollen, um sie der Frau auszuhändigen.

Es muß privat sein, daß keine Karriere, keine Biographie, kein Familiendrama, keine Gerichtsverhandlung, keine medial wahrnehmbare Regung, die nach Geschlecht formatiert werden kann, dem Schicksal entkommt, ein Schwarzer-Fall zu werden. Sehr privat!

In Bascha Mikas Alice Schwarzer-Biographie, die von ihrer Autorin eine kritische genannt wird ("Alice Schwarzer - Eine kritische Biographie", Rowohlt Verlag, Reinbek), fand ich einmal Elemente, die meiner Auffassung  über mögliche Hintergründe des feministischen Männerhasses sehr entgegen zu kommen schienen:

"Anders als üblicherweise angenommen wird", erläuterte ich damals meinen Ansatz in maskulist.de, "muß der Haß auf die Männer bei Feministinnen nicht auf schlechten Erfahrungen mit Männern in der Kindheit beruhen. Das Gegenteil kann sogar der Fall sein: etwa zu gute Erfahrungen mit dem Mann, die im kindlichen Gemüt eine Fixierung auf das Maskuline als das schlechthin Menschliche bewirken und so beim Heranwachsen die Selbstliebe blockieren, weil frau kein Mann ist!"

Bascha Mika zeigt nun in ihrem Buch die kleine uneheliche Alice in einer frauendominierten Umgebung aufwachsen, in der jedoch der Großvater ihre Kindererziehung übernommen hatte und - Zitat Schwarzer - "hiermit gezeigt, daß auch Männer Menschen sein können."

Nun hat das "auch" gerade in diesem Satz etwas Dubioses, denn während der Großvater Mutter- und Vaterrolle liebevoll und geduldig übernimmt, befleißigen sich die weiblichen Teilnehmer in dieser "ungewöhnlichen Familie" ziemlich lasch mit der Bezeugung allzu erpichter Menschlichkeit.

Nicht nur gegenüber Alice, deren Dasein als uneheliches Kind die Großmutter als "eine ungeheure Schande" empfindet, während der Mutter die Abstinenz von der Erziehung ihres Kindes keine Probleme zu bereiten scheint.

Auch nicht nur gegenüber dem Großvater, über dessen Martyrium Schwarzer selbst folgendermaßen berichtet: "Er hat sie (ihre Großmutter – Anm. d. V.) ertragen, wenn auch um einen hohen Preis. Fast nie habe ich ihn ihr gegenüber heftig werden sehen. Dabei hätte es Grund genug gegeben. Sie machte Szenen, quälte ihn, machte ihm das Leben zur Hölle."

Vor allem sich selbst gegenüber standen die Frauen in desaströser Beziehung: "Wir hatten starke Berührungsängste voreinander", läßt Bascha Mika Alice Schwarzers Mutter über ihre eigene Mutter berichten. "Ich durfte sie nie anfassen." Oder an anderer Stelle: "Sie schrie oft, sie schrie und schrie, dafür haßte ich sie." Und auch: "Intellektuell erkannte sie mich an, aber als Mensch und als Frau verachtete sie mich, so wie sie sich selbst verachtete".

Diese Frauenhölle, über welche Bascha Mika mehr berichtet als hier skizzenhaft wiedergegeben werden kann, scheint wohl mütterlicherseits einen Generationen lang anhaltenden Modus von Haß und Verachtung darzubieten, denn auch die Großmutter wird von ihrer Tochter als "das kleine Mädchen" beschrieben, "um das sich niemand kümmerte, das von der Mutter abgelehnt wurde."

Könnte es also sein, daß Alice Schwarzers frühes Menschenbild eines von Menschen und Frauen war, und sie dies den Menschen nie verzeihen konnte? Übrigens, von Menschwerdung ist später bei Alice Schwarzer viel die Redel!

Angesichts des Prägungscharakters, den diese frühen geschlechterspezifischen Erlebnisse für das Kind Alice gehabt haben müßten, erscheint es suspekt und bewußt ablenkend, wenn Schwarzer in Erzählungen ihr feministisches Schlüsselerlebnis auf die "Scham" zurückführen will, die sie später beim Tanzunterricht angeblich darüber empfand, daß die rituelle Tanzaufforderung von den Jungen ausging.

Emanzen "in Salzsäure"

Wer wird nicht bei dem Gedanken schmunzeln, daß Jörg Kachelmann, der neuerliche "Schwarzer-Fall", jener bereits berühmte Meteorologe im Januar 1999 war, den die BERLINER ZEITUNG in einem Artikel mit dem Titel, der uns heute ominös erscheinen müßte: "Männer-Tief und Frauen-Hoch", als eine Art Himmels-Emanzipator feierte, weil er Wetterhochs und Wettertiefs erstmals im deutschsprachigen Raum "geschlechtergerecht" benannte und sich so der zuvor häufig artikulierten Forderung der Feministinnen annahm, auch Hochdruckgebiete weiblich zu benennen (und umgekehrt Tiefdruckgebiete männlich). Das war zweifellos genderpolitisch, doch nun sollte jenes Tief, das sein Privates in den vergangenen Monaten zerrupfte, ganz in Natur weiblich sein, unbeschreiblich weiblich!

Dieser Moderator aber, dessen intimes Leben seit vergangenem Jahr von den Justizsälen aus direkt an den medialen Voyeurismus geliefert wurde, ließ Schwarzer erst richtig Schwarzer sein:

Mit Kampagnen gegen einen Mann, dessen sexuelles Betragen sie in bester Manier des Moralheuchlers verteufeln durfte, wobei "ihre eigenen Vorurteile… die Hauptrolle spielten", wie es eine andere Journalistin kürzlich ausdrückte (Michèle Binswanger, "Das Ende des Feminismus", tagesanzeiger.ch, 27. 5. 2011).

Mit suggestiven Angriffen auf die Lebensführung ihres ausgesuchten Opfers, mit gewohnt dilettantischen Psychologismen und abstrakten ethischen Anschuldigungen, die Kachelmann ebenso abstrakte Täterschaft anlasten sollten, "und zwar allein deshalb, weil er ein Mann war", lt. derselben Journalistin von vorhin.

Mit unreflektierten Zuweisungen, die ebenso bei umgekehrtem Vorzeichen bestünden, wie: "Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann." Auch nette Frauen lügen manchmal, Feministin Schwarzer!

Wie muß sie ihn gleich gehaßt haben, den Mann mit den roten Socken, der als späterer Verteidiger Kachelmanns antrat und alsbald das Kind beim Namen nannte, und fragliche Auslegungen "radikalfeministische Theorien" nannte! Das ist der richtige, dachte ich, der ich mich seit langem dafür einsetze, Antifeminismus zur Artikulation zu verhelfen (anstatt bloß Unrecht gegen Männer zu beklagen). Ja, er wird's richten - arme Schwarzer, er trägt die Wirklichkeit in den Saal. Und diese ist für den Feminismus Salzsäure.

Und ja, apropos Salzsäure, kennen Sie den EMMA-Dauerbrenner? Frage: "Was ist ein Mann in Salzsäure?" Antwort: "Ein gelöstes Problem"? Was haben wir gelacht!

Und als das Lachen vorüber war, Gedanken über jene Forderung aus Alice Schwarzers erster Stunde gemacht, die da lautet: "Das Private ist politisch". Denn zuweilen sieht es aus, als verstünde frau darunter die Instrumentalisierung staatlicher Instanzen für die Umerziehung des Mannes nach den Ansprüchen und Befindlichkeiten jener zweckviktimisierten Klientel der larmoyanten Schwesternschaften Alice Schwarzers.

Der Fall Kachelmann hat einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt, daß die Sorge darüber Not tut. Und daß Schwarzers notorische Verbissenheit sie allmählich auch Zähne kosten kann. Richtig so! Dem Wettermann mit den männlichen Tiefs und den weiblichen Hochs wünschen wir wiedereinsetzenden Erfolg und die aus dem Fall resultierende Neubesinnung hinsichtlich gewisser moderner Strömungen und Ideologien.

Und wenn die noch laufenden Fälle von Strauss-Kahn und Julian Assange dazu beitragen würden, daß auch international berechtigte Sorge um die verursachten Defekte in Justiz und Gesellschaft aufkeimt, dann wäre dies ein gutes Jahr: Der Damm wäre gebrochen!

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