Der bindenden Realität des Vorhandenen
gegenüber dem Künftigen im Entwicklungsprozeß der Menschheit bot
stets Ausgleich die immanente Priorität des Künftigen, eine innewohnende
Tendenz zum Werden entlang jener Einbahnstraße, die dem unnachgiebigen
Fluß der Zeit in die eine Richtung namens Zukunft folgt. Ausgangspunkt
war eine ursprüngliche Einheit mit der Umwelt, und in dieser Einheit
war das Wesen, dem es beschieden war, einmal den modernen Menschen
abzugeben, selbst Umwelt; ein vitalisierter Körper ohne Geist (Bewußtheit)
nämlich, eine im raum- und zeitlosen Treiben organisierte Entität,
die sich selbst dann gewahrte, wenn sich die Lust ihrer Triebbefriedigung
oder der Schmerz äußerer oder innerer organischer Bedrängnis meldeten.
Dies Einssein mit der Materie, so bescheinigt uns die moderne
Entwicklungspsychologie, wiederholt sich individuell in der frühkindlichen
Periode im Einssein mit der Mutter. Es ist hier passend, auf
die etymologische Verwandtschaft der beiden eben kursiv dargestellten
Begriffe hinzuweisen.
(Es erscheint an dieser Stelle
auch wichtig zu betonen, daß die unterschiedlichen Profile, die den
Geschlechtern im Prozeß der menschlichen Emanzipation während der
Ich-Bildung zugeordnet werden, keineswegs den individuellen Menschen
von heute als Mann oder Frau zu bestimmten Verhaltensregeln oder
gesellschaftlichen Stellungen zwingen. Denn wozu sollte im Individuum
die Natur überwunden werden, wenn es weiterhin gelten sollte, sich
ihren Initiationen ohnmächtig zu fügen? So gibt es sicher manche
Frau, die Stimmungen und Eigenschaften, die wir hier dem phallischen
Prinzip zugeordnet haben, vielleicht besser erfüllt als mancher Mann!
Das gilt natürlich auch umgekehrt. Allerdings sollte bemerkt werden,
daß dies eben nur auf der individuellen Ebene gilt. Sobald
wir diese verlassen und uns ein männliches Kollektiv gegenüber einem
weiblichen vorstellen, dürfte klar sein, daß wir im ersteren weitaus
mehr Individuen der 'phallischen Art' werden ausmachen können als
im letzteren (und dies auch wieder genauso umgekehrt). Wir können
diese Aussage mit einem Beispiel aus der Anschauung unterstützen:
Es ist nicht gesagt, daß ein Mensch mit ausgeprägterer Muskulatur
in jedem Fall auch kräftiger als einer ist, der eine weniger imposante
Muskulatur besitzt; und es ist nicht gesagt, daß ein Mensch, der
längere Beine hat, auch schneller als einer mit kürzeren Beinen läuft.
Es ist allerdings sicher, daß wir aus einer Gruppe muskulöser Menschen
ein größeres Potential physischer Kraft werden zusammenstellen können,
als uns eine Gruppe weniger muskulöser ermöglichen würde; und aus
einer Gruppe von langbeinigen eine größere Menge von Schnelläufern
als aus Gruppen kurzbeiniger Menschen. In diesem Sinn sollte übrigens
auch die Diskussion um das größere Gehirn des Mannes geführt werden.
Daß aber solch klare Differenzierungen heute geflissentlich ausgelassen
werden, hat rein mit dem Zeitgeist zu tun und nicht mit denkerischem
Versagen.)
Unzeiten lang, so scheint es,
rückte der Mensch evolutionär kaum von der Stelle. Sieben Millionen
Jahre sollen es her sein, da sich des Menschen Stammeslinie von der
seiner nächsten Verwandten trennte, vor über zwanzig, vielleicht
sogar vor über dreißig Millionen Jahren soll dieser Vorgang bereits
genetisch dadurch eingeleitet worden sein, daß die Primatenlinie
entstand, in welcher der Mensch möglich wurde. Um die zwei Millionen
Jahre beträgt auch schon die Zeit, in der Hominiden mit Erdachtem
umgehen, Werkzeug, das eine Million von Jahren lang auf gleiche Weise
angefertigt blieb!
Je weiter wir allerdings in den
Bereich der erschwinglicheren Zahlen kommen, desto schneller scheint
alles zu gehen. Eine Beschleunigung setzte sehr offensichtlich ein
sobald der Mensch von den ersten vagen Impulsen in Richtung Persönlichkeit
erfaßt wurde. 'Nur' zwischen zwei- bis dreihunderttausend Jahren
vor unserer Zeit setzt die Wissenschaft den Zeitraum des Erscheinens
des Homo sapiens an - des Menschen mit den ersten 'modernen' Geisteszügen.
Vor etwa neunzigtausend Jahren betrat Homo sapiens-sapiens die
Evolutionsbühne, ein Vorfahr, dessen geistige 'Reife' sogar das physiognomische
Merkmal einer hohen Stirn aufwies; erst dreißigtausend sind die Jahre,
nachdem der gröbliche Mitbewohner des Genien-Vorläufers, der Neandertaler,
den Platz räumte, und schon steuern wir schnurstracks auf die Geschichte
des Humanisten-Gottes, des 'Gottes der Erde' zu, auf die Geschichte
des noch nicht von den alten Schlacken seines Werdeganges ganz befreiten
modernen Menschen.
Unsere Geschichte nämlich, jene
Phase unserer Entwicklung, die erst beginnen konnte, nachdem Aufzeichnungen
möglich (und auch notwendig) für den Menschen wurden, ist recht jung.
Sie begann während einer Stufe, in der sich das Bewußtsein nicht
nur von dem bis dahin Vorhandenen, von der mütterlich-materiellen Natur,
endlich emanzipieren konnte; sie begann damit, daß menschliches Bewußtsein
nun sogar vermochte der Natur seine Intentionen aufzutragen,
etwas, was am deutlichsten in dem Ackerbau und in der Viehzucht wurde.
Vor etwa zwölftausend Jahren begann erstmalig solche Durchsetzung
der Kultur über die Natur, wobei jene Prozesse aufgerollt wurden,
die uns in der modernen Zeit nebst mancher zugestanden heikler Lage,
in welche die Handhabung des Menschen seine natürliche Umgebung versetzte,
auch jene sozialpolitische Hysterie der Erretterinnen und Erretter
bescherte, die in ihren Natur- und Frauenbewegungen Weib und Natur
von dem unbarmherzigen, zerstörerischen Griff des 'Patriarchats'
zu befreien sich anschickten. Es sind nicht von ungefähr unsere 'besten
Freunde', die Feministen, die beim Notieren dieses kulturhistorischen
Datums aufhorchen und sich bemüßigt zeigen, uns zu erklären, daß es
sich hierbei um die Zeit handele, da die kriegerischen Patriarchate
die friedlichen, naturgebundenen und spirituell begabten Matriarchate
ablösten, in denen eine ideale, auf Mutterrecht beruhende soziale
Ordnung und eine glanzvolle, menschengerechte spirituelle Schulung
das Bild des Alltags prägten - was wollte man eigentlich mehr!
Doch ganz so, wie dieser Feministen-Mythos
es will, war es wohl in jener Zeit nicht. Vielmehr würde eine eingehende
Darstellung der zwischenmenschlichen Verhältnisse, die den Zeitraum
dieser frühhistorischen Epoche belegen, in Frage stellen, ob Feminismus
sich allzu Gutes tut, ausgerechnet diese Zeit zu seinem Prototyp
erklärt haben zu wollen. Lassen wir uns also jene Zeit einleiten,
indem wir am unmittelbar Vorangegangenen ansetzen.
Die immensen Zeiträume, die wir
eben besprachen und in welchen der Mensch wie im Leergang evolvierte,
zeugen von der Schwierigkeit und Großartigkeit des eigentlichen menschlichen
evolutionären Projekts: der Selbstdifferenzierung vom Rest der Phänomene,
des Hervortretens aus der Materie. Unsäglich lang waren eben die
Zeiten, in denen sich der Frühmensch zwar körperlich von der Natur
unterschieden wußte oder spürte, aber ohne jede weitere Instanz im
primitiven Gemüt auszumachen, die ihn mental dabei unterstützte,
diesem Umstand Gegenwart, Bedeutung und Stabilität zu verleihen,
ihn bewußt zu begleiten. Lange war der Raum nur als Ort der Gegenstände
um den Menschen da, ohne daß der Mensch das Wesen der Leere und des
Unendlichen als Hort von Vision und Möglichkeiten wahrnahm. Das Vorhandene
hatte ihn, den Menschen, fest im Griff, das Mögliche, das Theoretische
aber, war ihm ungreifbar. Doch hatte solche existentielle Ignoranz
nicht bloß Nachteile. Das unbewußte Kreisen mit der Natur und dem
Kosmos, ein Kreisen durch Tag und Nacht, durch warme und kalte Jahreszeit,
durch üppige Vegetation und kahles Geäst, war traute Sphäre, behaglicher
Aufenthalt - als Dach die Himmelskuppel und Grenze den jeweiligen
Horizont.
Raum aber, das ist Distanz, und
je mehr die eigene Distanzierung von dem Natürlich-Vorhandenen voranschritt,
desto mehr gewann das Bewußtsein des Raumes an Bedeutung. Und der
Raum an sich, der absolute Raum jeweils relativer Räumlichkeiten
wie der einer Höhle oder einer Bebauung, das war eben der Himmel!
Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, wann dieser Himmel dem Menschen
als Idee zugänglich wurde. Tasten wir aber die Frühgeschichte mit
jenem Sinn ab, der uns bemächtigt, Situationen nachzuempfinden, die
wir nicht selbst erlebten, mit der Intuition, so müßte die Beziehung
zum Unendlichen mit dem Austritt des Menschen aus jener Sphärenmitte
natürlicher Zyklen und trauter Sphären zusammenfallen, denn Zyklen
präsentieren ja das Endliche.
Was aber war es, was den Menschen
aus der Mitte trauter Zyklen warf? Sicherlich entsprach dies der
Dynamik der aufkommenden Ich-Instanz, die allmählich vom Individuum
Besitz ergriff, und deren Eigenschaft es ohnehin ist, sich durch
Abgrenzung zu erfahren und sich zunächst aus allem - auch aus den
Zyklen der Natur - auszusondern. Hinzu kam aber eine Erfahrung, die
man nicht anders als einen mächtigen Stoß nennen kann, einen Tritt,
der das Ich unsacht aus dem Zyklischen schmiß und es fortan nötigte,
sein Leben eher als Strecke zu begreifen, als Strecke, die leider
auch nicht endlos, sondern nur Teil der allgemeinen Dauer war, eine
Teilstrecke, die einen Anfang und ein Ende hatte: den Tod! Es ist
die tragischste Ironie überhaupt, daß der Mensch mit Zunahme seiner
Bewußtheit, mit dem Betreten der lichteren Regionen seines Wesens,
der Regionen anfänglichen denkerischen Gewahrwerdens, sich auch mitten
im Schmerz vorfand, dem Schmerz bewußter eigener Endlichkeit. Warum
diese Strafe? Wer hatte den bösen Streich arrangiert, wer den scheußlich
düsteren Fettnapf dahin gestellt? Kaum ein erster Schritt auf dem
Weg bewußten Seins und Erlebens, kaum sich vor die Tür aus den kreisenden
Endlichkeiten gewagt, kaum durch schmalen Schlitz das Endlose der
Welt und der Zeit erschaut; schon klaffte der eigenen Endlichkeit
pechfinstrer Schlund. Die Frage nach Tod und Schuld begleitete als ältestes
Drama das Erwachen des Intellekts von Anbeginn, und die Not nach
Wiederherstellung der Einheit mit dem Sein in der materiellen
Natur stellte sich im aufkeimenden Kulturleben als 'magisches
Bewußtsein' ein, als gröblicher Vorläufer aller späteren Transzendenz.
Der bewußte Umgang mit dem Tod,
wie wir in der Herrichtung von Grabstätten oder ähnlichen Verrichtungen
ablesen können, reicht bis tief in die Zeit früherer Jägergemeinschaften. Üblich
wurden allerdings Gräber viel später erst, nämlich mit dem Anbruch
jener Epoche am Ende der paläolithischen Zeit, die wir als die der
ersten Hochkulturen bereits erwähnten. Wir werden später sehen, wie
der Bezug auf den Tod und die diversen Formen des Umgangs mit ihm,
wesentliche Antriebe bei der Gestaltung von Kultur lieferten.
Doch werden wir an dieser Stelle
der Polarität einmal gewahr, die in Leben und Tod - noch besser:
in Geburt und Tod - im Einbezug der Geschlechter waltete. Es wird
uns klar, daß dieser weitere Dualismus, der Leben und seinen Beginn,
die Geburt, ja mit dem Mütterlich-Weiblichen assoziierte, dem Maskulinen
unweigerlich einen unschönen Streich spielte. Und das nicht nur solange,
bis die biologischen Zusammenhänge der Zeugung gelüftet wurden. Die
Verdrängung einer endgültigen Gewichtung des maskulinen Anteils am
Reproduktionsprozeß bestand aus naiv-realistischen Gründen ("ich
nehme nur so wahr, wie sich die Dinge meiner Anschauung hinstellen")
weit bis in die Kulturen des Mesolithikums hinein, etwa bis vor wenigen,
drei bis vier Jahrtausenden vor unserer Moderne. Sogar in manchem
Familiengesetz der Gegenwart scheint solcher Naturalismus fortzuleben!
Diese, gegenüber der biologischen
Leistung des Gebärens, dürftige Lage des Maskulinen zeitigte - je
mehr sich das Denken entwickelte - verstärkt Konsequenzen und modifizierte
die Frage nach der existentiellen Schuld geschlechterspezifisch.
Denn die Schuld des Körpers und des Fleisches, das der Mensch der
materiellen Natur zurückzuzahlen hatte, tilgte sich bei der Frau
durch das Gebären. So ergab sich, daß diese 'Usurpation' der Materie,
als welche der Mensch seine Körperlichkeit ansah, in vielfacher Hinsicht
primär dem Mann angelastet wurde. Denn obwohl auch die Frauen starben,
und der Mensch dies sah, war der Mann zusätzlich der im Hause der
Großen Mutter Fremde und schnell Davongegangene. Dieser war es, der
Zyklen und Wiederholungen mißachtete und von klein auf jener Diskontinuität
huldigte, die ihn zum Mann machte; dieser gebar der Natur keine Kinder,
sondern wurde nur selbst geboren; dieser entstieg bereitwillig ihrem
Schoß und, frei von den biologisch-natürlichen Bürden des Weibes,
sich ungestüm in die Welten begab, in die der Wälder, der Steppen,
der Städte, der Staaten und später des Weltraumes.
Das allmähliche Aufkommen dieser
Schuld trug früh bizarre Züge. Die Vorstellung, man müsse der Natur
Teile des eigenen Körpers abgeben, bietet wohl das erste Motiv von
Opferhandlungen in der Kulturgeschichte. "Es gehörte offensichtlich
zu den typischen Ritualen des primitiven Menschen, ein Fingerglied
zu opfern", schreibt Ken Wilber in
seinem Buch "Halbzeit der Evolution", einer gekonnten Sammlung
von Indizien jener Urzeiten, die (zwar vom Autor stark spiritualisiert)
besten Einblick in die Mentalität der Urmenschen erlaubt, die den
naturhaften Kult errichteten, den Feministen heute gern das 'Matriarchat'
nennen. Wilber schreibt weiter: "Im rituellen Gebet der Crow-Indianer an die Morgensonne heißt es: 'Ich gebe dir
ein Glied meines Fingers; gib du mir als Gegenleistung etwas Gutes'",
und zitiert den renommierten Anthropologen und Indianer-Experten
Robert H. Lowie mit den Worten: "Während der Zeit meiner Besuche
bei den Crow-Indianern habe ich nur wenige
alte Männer gesehen, deren linke Hände nicht verkrüppelt waren."
Diesem Aufwachen der Maskulinität im
Bewußtsein einer speziellen Schuldhaftigkeit ging allerdings eine
unschuldige Männlichkeit voraus, die in den Gemeinschaften, die vorwiegend
aus der Jagd lebten, bestens ankam. Diesen Aspekt, wonach dem 'Matriarchat'
eine Vorherrschaft des Maskulinen vorausging, vertreten auch Johann
Jakob Bachofen (der Autor des epochalen Werkes "Das Mutterrecht")
und Siegmund Freud. Nur gehen diese beiden davon aus, daß die männliche
Vorherrschaft zu einer Unterdrückung der Frau führte, gegen die sich
Frauen mit der Errichtung des 'Matriarchats' gewehrt haben sollen.
Freud läßt die unterdrückten Söhne rebellieren, die sich im bekannten
Vatermord rächten, womit sie sogar so nebenbei und rein zufällig
die Religion angeblich erfanden, um ihr schlechtes Gewissen in der
Vorstellung abzumildern, ihr ermordeter Vater lebe in einer anderen
posthumen Dimension weiter. Eine Theorie, die wir, trotz allen Respekts
vor dem Vater der Psychoanalyse, als den abstrusesten Gedanken der
modernen Menschenkunde charakterisieren möchten! Nicht zuletzt deswegen,
weil das Voraussetzen einer anderen Existenz-Ebene, auf welcher der
erschlagene (und zu guter Letzt verspeiste) Vater seine jähe Beurlaubung
absolvieren sollte, auch ohne jegliches familiäre Urdrama bereits
Religion wäre.
Die Gründe, die aus der Maskulinität der
Jäger zum hier besprochenen Bewußtsein von Schuld führten, liegen
zu sehr auf der Hand, als daß wir es nötig hätten, allzu Verwegenes
zur Erhellung des Sachverhalts zu rekrutieren: Es war eine körperliche
Männlichkeit, die sich im Jäger feierte, eine, die ihre Identität
(da ein mentales Ich erst noch unbeträchtlich in der Gesamtstruktur
des Individuums wirkte), aus dem Körper, aus der Materie holte! Und
dieser Körper gehörte wie alle Materie jener Natur an, welcher sich
der Mensch als rebellisches Ich enthob. So geschah es der ersten
Männlichkeit derart, wie oben schon beschrieben: Kaum im Bewußtsein
ihrer selbst angelangt, und schon erkannte sie das eigene Selbst
als Leihgabe; kaum den ersten Funken Geist erlangt, und schon stellte
ihm die Materie eine erste Rechnung aus.
Geist und Materie -
könnten wir dies Paar auslassen? Der Antagonismus dieser beiden Aspekte
als Kontrahenten in der Kosmogonie oder in der Bildung von Prioritäten
im Bewußtsein durchzieht die Geistesgeschichte der westlichen Welt
von der Naturphilosophie der Vorsokratiker bis zum heutigen Disput über das Verhalten
der Quanten im Experiment und des menschlichen Gehirns beim Agieren.
Und es mußte sich eine ganze Menge Geist im Gemüt des Menschen manifestieren,
bevor das Bedürfnis zur Einheit mit dem Sein der äußeren Materie
durch ein neues ausgeglichen sein würde: das Bedürfnis zur Einheit
mit dem theoretisch-subtilen Kontinuum gedanklicher Beschlüsse und
Projektionen, zur Einheit eben mit dem Geist. Erst dieser
letztere, der blinde Passagier im frühen Individuum, der, wie aus
dem Nichts angetreten, seine wundersame Alchemie der Ich-Bildung
bis hin zum Gold der gewordenen Person betrieb, bot den einzigen
Ansatz einer möglichen Befreiung aus der durch bloß materielle Anschauung
des Seins auferlegten Schuld. Denn nur im Geist veränderte sich Altes
und Neues entstand, wirklich Neues, nirgends bis dahin Vorhandenes.
Nur im Geist könnten Prinzipien, die in der Natur das eiserne Diktat
des Immergleichen erfüllten, neu gesehen werden und Aspekte hinzu
gewinnen, die den Menschen vom Fatum der gnadenlos stummen und starren
Materie erlösen konnten. Und so geschah es, daß der Mensch dem Fluch
seines Ich nicht anders begegnete als mit der Flucht nach vorn in
Richtung immer weiterer Ich-Entfaltung.
Fast hätten wir die Begriffe errungen,
die uns zum Verständnis jener Urzeit gereichen könnten, die in der
ideologischen Schlampigkeit der Gegenwart das 'Matriarchat' genannt
wird. Doch nur fast, denn ein weiterer, das Bewußtsein dieser paläologischen
Strukturen prägender Sachverhalt, der in der Kultur-Anthropologie
für gewöhnlich geringere Beachtung findet als er verdient, ist das
Verhältnis von Licht und Dunkelheit, als Faktoren anfänglicher Bewußtseinsbildung.
Der evolutionäre Gang des Menschen nämlich, jener Gang "aus
den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit…, zu den lichten
Höhen des abstrakten Gedankens", wie wir ihn hier genannt haben,
war in der Tat auch im physischen Sinn ein Gang in immer mehr Licht;
jede entscheidende Phase wurde von veränderten Lichtverhältnissen
begleitet. Der aufrechte Gang wie das Verlassen der düsteren Wälder,
beides Veränderungen, die den Menschen in neue Lichtverhältnisse
stellten. Ähnlich aber, wie sich das Auge nach erfahrener Dunkelheit
erst allmählich ans Licht gewöhnt, trug auch der Mensch das Dunkle
lange in seiner Entwicklung nach; die letzten prähistorischen Phasen
wie noch die ersten historischen waren geradezu nachterfüllt. Und
diese Nacht brachte ihre Elemente dem jungen Bewußtsein nahe, und
prägte es - ähnlich wie die Materie - mit ihrer schauerlichen Dialektik.