DER MASKULIST
29.10.2004

J

e mehr Gegenstände uns die Lichtfülle wahrzunehmen befähigt, desto reichhaltiger, aber auch desto gespaltener ist die Welt unserer Wahrnehmung. Denn Licht spaltet, indem es auf Unterscheidung und Vereinzelung hin wirkt. In der Dunkelheit aber tritt die irdische Umwelt zwar unscharf doch einheitlich vor, gehüllt in den 'Mantel der Nacht' und augenscheinlich ist alles in der großen Natur wieder eins. Aus diesem Zustand der täglich zur dunklen Zeit wiederhergestellten Einheit entsteht erneut der Tag mit seinen vielen, unterschiedlich in Gestalt tretenden Phänomenen und Gegenständen. Zum einen also verheißt die Nacht, indem sie in der Undurchdringlichkeit ihres Dunkels materielle Ganzheitlichkeit suggeriert, jenen Zustand der Einheit mit dem materiellen Sein, zu welchem die Menschen der Urzeit erste magisch-religiöse Ambitionen pflegten. Zum anderen leitet sie das tägliche Drama der Wiedergeburt aller Dinge aus ihrem Schoß ein. So faszinierte sie den frühen Menschen und wirkte auf ihn zugleich wie eine ergreifende Metapher der mächtigen gebärenden materiellen Mutter Natur; die Nacht, sie war weiblich!

Wir schlagen vor, das Obige als den wichtigsten Grund anzusehen, warum in den Frühkulturen der Nacht eine besondere Bedeutung zugeschrieben wurde und sich die nächtlichen Ereignisse so besonders prägend auswirkten. Denn es gab auch weitere Gründe aus dem mentalen wie aus dem praktischen Leben: Die Anregung etwa, die Menschen durch die in der Nacht feststellbaren Bahnen und Phasen der Himmelskörper erhielten, Formverhältnisse daraus zu erlesen, die Prinzipien vermitteln sollten, nach denen sich auch das Leben auf der Erde richtete, hat uns bis heute ihre Spuren in den uns obskuren Postulaten der Astrologie hinterlassen. Zudem dürfte der kultische Umgang mit dem Feuer die Nacht, die Zeit, in der sich sein kostbarer Besitz am besten präsentieren und sichern ließe, mit besonders bedeutenden Aktivitäten und Ritualen verbunden haben. Später waren auch die praktischen Anweisungen zur Navigation, die der nächtlichen Himmelskonfiguration abgelesen wurden, von Bedeutung für die Seefahrt. Und bei den frühen Anbautechniken der Ackerbaukulturen spielte offensichtlich die Beobachtung des Mondes eine entscheidende Rolle. J. J. Bachofen sieht im "Mutterrecht" Urvölker nachts sogar ihren ganzen 'Alltag' bis hin zu Kriegshandlungen vollziehen.

Große Bedeutung bekamen aber die nächtlich-himmlischen Abläufe für die Einbindung des Menschen in Zeitstrukturen, denn die unterschiedlichen Ereignisse und Konstellationen am nächtlichen Firmament boten konkrete Formen der Festlegung von Jahresabschnitten, und aus dem Durchlauf der Mondphasen resultierte die Einteilung des Jahres in Monaten. Freilich bot auch die Sonne in ihrem täglichen Lauf wie mit ihren unterschiedlichen Positionen im Jahreszyklus Möglichkeiten der Zeitbestimmung. Und sie bot auch täglich das Schauspiel von Sterben und Wiederwerden aus dem Schoß der Nacht. Aus Gründen aber, die uns im Weiteren eröffnet werden, war die Präsenz der Sonne weniger intim für den frühen naturhaften Menschen, ihr 'Drama' weniger anthropomorph, der Himmel am Tage strukturen- und tiefenarm; der Zusammenhang des Lebens mit dem Licht war weitaus nicht so evident wie der mit der Materie. Fest steht, daß zuerst die Nacht zur Erstellung eines Kalenders diente, und daß sich die frühen Hochkulturen eines solchen Mondkalenders bedienten und sogar nach Nächten statt nach Tagen zählten. In Legende und Geschichte wurden daher besonders tragende Vorkommnisse - die Entstehung selbst der Welt in den Mythologien der Völker, der Auszug aus Ägypten im Alten Testament, die Geburtsstunde zu Weihnachten - gern als nächtliche Ereignisse aufgefaßt. Und zahlreich sind auch die Hinterlassenschaften in Kunst und Kultur, in welchen Nacht und weibliches Wesen auf einander hinweisen oder sich gegenseitig symbolisieren.

Nun ist wohl das dem Menschen nächste und so auffälligste nächtliche Ereignis der Lauf des sich wandelnden Mondes. Daß der Mond mit seinen Phasen die Vorstellung eines aus ihnen bestehenden Jahres, eines Mondjahres, vermittelte, und daß diese Phasen aufgrund ihrer Periodik eine Parallele zum weiblichen Menstruationszyklus aufweisen, sind zentrale Aspekte jener Dispute, die den Gedanken des 'Matriarchats' abhandeln. Als aussagekräftigste Dokumentation solcher speziellen Beziehung zwischen Mond und Frau im Kunsterbe des frühen Menschentums gilt das aus Laussel in Frankreich stammende bekannte Kalksteinrelief, das man die "Venus (oder Frau) mit dem Horn" nennt und das eine schwangere Frau darstellt, die in der einen Hand ein Rinderhorn mit dreizehn Einkerbungen hält, welche die dreizehn Monate des alten Mondjahres darstellen, während ihre andere Hand auf ihrem Bauch über dem Genital ruht. An der Figur haften Reste von Bemalung mit rotem Ocker.

Diese Entsprechung der Mond-Phänomene zu den biologischen Besonderheiten der weiblichen Organisation ist Grund, warum in der feministischen Mythopoetik der Mond als weibliches Wesen oder Prinzip definiert wird. Kaum ein Gedanke wird darüber verschwendet, ob nun solche Vereinnahmung des Mondes ein voreiliger Trugschluß sein könnte, voreilig auch deswegen, weil solche Zuweisung, wie wir im Lauf unserer Erläuterungen erkennen werden, sich kaum zur Sicherung allzu großen Vorteils für das Wesen des Weiblichen eignet. Schon deswegen nicht, weil die Entfaltung der verschiedenen Mondphasen, die in der Paläologik des Urmenschen als das Leben und Sterben des Mondes gedeutet wurden, gar keine eigene Wirkungsweise des Trabanten repräsentieren, sondern bloße Spiegelungen eines fremden Lichts - des der Sonne - sind, und ein Anlehnen der eigenen Persönlichkeitsmerkmale an derlei Spiegelung eines Anderen eher dem Gedanken von Fremdbestimmung als dem von Emanzipation dient. Dennoch beharren feministische Linguistinnen, wie die auf diesen Seiten schon früher bestaunte Professorin Pusch, auf der Wiedereroberung der 'Mondin' und bezichtigen in ihrer pubertären Gelehrsamkeit die angebliche Überführung der 'Göttin' an die ihr 'patriarchalisch' aufgepfropfte Männlichkeit eines 'Mondes': "Was schert's die Mondin, daß der Deutsche sie maskulinisiert hat, sie ist trotzdem weiblich!"

Dabei wäre heute das Wissen leicht zu erwerben, daß der Mond nur in wenigen späteren Sprachen männlich ist. Und daß oft in denselben Sprachen die Sonne, das eigentliche Gestirn des 'Patriarchats', weiblich ist, veranlaßt zu ganz anderen Fragen, als die feministische Gelehrsamkeit stellt. Wir werden uns hier diesen Fragen nicht zuwenden; wir wollen eher Klarheit über das 'wahre Geschlecht' des Mondes verschaffen. Es fällt dabei auf, daß gerade in den alten Hochkulturen, in den Zeiten also, in welchen Mutterrechtler und -rechtlerinnen gern Ausschau nach einem 'Matriarchat' halten, der Mond als männlich verstanden und mit männlichen Göttern identifiziert wurde. In den späteren, klassisch europäischen Kulturen dagegen, dort also, wo man heute das bereits etablierte 'Patriarchat' sieht, verweiblichte (mit wenigen Ausnahmen wie die der deutschen Sprache) der Mond!

Stellen wir nun die Frage nach den Bedingungen solcher Geschlechtsumwandlung, dürften wir keine allzu harte Nuß zu knacken haben. Das Schema nämlich, nach welchem die Alten ein männliches und ein weibliches Prinzip definierten, ist denkbar einfach; es macht sich lediglich das Typische zunutze, das die Geschlechter bei ihrer primären gemeinsamen Aufgabe, der Zeugung, kennzeichnet. So war also männlich das, was ein Phänomen oder eine Situation von außerhalb des betroffenen Bezugssystems erwirkte; und weiblich war das, was innerhalb des Bezugssystems die Wirkung des äußeren Männlichen empfing. (Von dieser Parallele des Männlichen und Weiblichen zum Äußeren und Inneren war weiter oben bereits die Rede, dort allerdings mit Blick auf die gesellschaftliche Einbeziehung und auf das Verhalten der Geschlechter.) Kurz, das alte gute Schema des 'aktiven' und des 'passiven' Prinzips, des 'Schöpferischen' und des 'Empfangenden' - um gewisse Standardbegriffe in diesem Kontext zu gebrauchen. Herrschte so eine Wahrnehmung des Mondes, die ihn vorwiegend als eine vom Weltraum aus auf die Erde wirkende Kraft begriff, was bei den Jägergemeinschaften und bis zur neueren Steinzeit hinein sicher der Fall war, war jener männlich. Herrschte dagegen eine Wahrnehmung des Mondes, nach der dieser selbst als empfangender Klient innerhalb eines größeren Bezugssystems wahrgenommen wurde, wie es später - im Zeitalter des solar-orientierten Bewußtseins - der Fall war, wurde der Mond weiblich.

Doch zur Ur-Männlichkeit des Mondes gibt es weitere Aspekte, die auch dort gelten können, wo die Differenzierung der Geschlechter als einem zeugenden und einem empfangenden aus fehlender Kenntnis noch nicht das Denken bestimmten. Und diese Aspekte dürften uns aufgrund der besonderen Art, mit der sie die alten 'Matriarchate' beleuchten (richtiger wäre es, wir würden hier anstelle von "beleuchten" "verdunkeln" sagen) auch besonders interessieren. Gewiß ist der Mond der einzige Himmelskörper, dessen Erscheinungsform in der bloßen Wahrnehmung ihn auch als solchen, als Körper, ausweist. Nicht eine reine Lichterscheinung ist der Mond, wie Sterne und Planeten es in unserer direkten Wahrnehmung sind, sondern eine dem Irdischen allzu verwandte Ausgestaltung in Materie stellt er dar - ein klobig geschliffener Brocken zwischen Erde und Sternenzelt. Wie ein Teil der Natur, der abgesondert; gleich einem Sohn, der, herangewachsen - alles Mütterliche abgelegt - sich der Sphäre der naturhaft Gebärenden enthob, um aus meteorischer Ferne in die düstere Kluft zwischen Himmel und Erde, Licht und Materie, Geist und Natur hinein zu leuchten, wurde er wahrgenommen.

J. J. Bachofen rundet im 'Mutterrecht' diesen Gedanken in erquicklich altertümlicher Poetik ab: "Denn mit dem Monde ist das Reich der Stofflichkeit nicht verlassen, er gehört ihm so gut als die Erde, er fällt wie diese in das Gebiet der corruptiblen Natur. Die Sonne aber liegt außerhalb dieser Grenzen; sie ist unkörperlich, gänzlich unstofflich, unverderblich und völlig rein. An ihre Erscheinung knüpft sich die Idee von Geist und geistigem Leben, wie an den Mond, mag er weiblich oder männlich gedacht werden, jene von stofflicher Zeugung und leiblichem Gedeihen." Als "Gefährten" der Erde stellt sich daher auch Ken Wilber, der Autor des bereits erwähnten Buches "Halbzeit der Evolution", den Mond im Bewußtsein der Urzeit vor; der Mond, er war männlich genug, um sich von der mütterlichen Natur abzutrennen, aber auch stofflich genug, um als kosmisches Mutter-Natur-Söhnchen zu fungieren!

Doch nicht, daß die 'Machos' unter unseren Lesern allzusehr gegen ihn lästern. Denn wir haben gesehen, daß die Materie, oder besser das Bewußtsein, das noch zu stark an sie gebundene, unerbittlich mit jenen verfährt, die sich anschicken, ihre Behausung bei der Großen Mutter aufzukündigen. Auch der Mond mußte daher sterben! Das tat er dann auch, und das pünktlich in Perioden immer wieder. Er zahlte in jenen dunklen Nächten den Tribut für seine abgehobene Existenz, in welchen seine Gestalt, nachdem sie erst zur dünnen Sichel abgemagert, gänzlich vom Firmament verschwand. Drei Tage, oder eher drei Nächte lang währte sein Tod, doch 'am dritten Tag' erstand er neu. Wir könnten jetzt - das Sterben des Mondes in Betracht ziehend - erneut jene aus dem paläolithischen Milieu uns bekannte Dame, die Frau oder Venus mit dem Horn, mustern: Sie hält an der seitlich ausgestreckten Rechten ein Horn, auf welchem die dreizehn Monde oder Monate eines alten Mondjahres aufgezählt sind. Wir haben es hier gleich mit einer doppelten Andeutung des Mondes zu tun: Zum einen ist er präsent durch den Vermerk der dreizehn Mondphasen, zusätzlich ist er aber in dem Horn symbolisiert, da Horntiere, der Stier etwa oder der Büffel, als Mondtiere galten, weil man in ihren Hörnern ein Symbol der Mondsichel sah, des Mondes also in seiner kritischen Phase des Übergangs vom Leben in den Tod und erneut ins Leben. Stiere, Bisons, auch Steinböcke und anderes Horngetier bieten schon in den Höhlenmalereien der prähistorischen Welt ein beträchtliches Arsenal an Motiven.

Sehr rar, zurückhaltend und etwas verstohlen sind dagegen Zeichnungen aus jener Zeit, in welchen Männer vorkommen. Es fällt auf, daß männliche Figuren nicht besonders kunstvoll, sondern in Strichen gemalt sind, die kaum besonderen Aufwand erforderten. Etwas fortgeschrittener sind Männerbilder, in denen Männer in Tier-Mensch-Assoziationen treten; ein Grund, der manche Forscher glauben macht, daß es sich dabei um Abbildungen von Schamanen handelt. Von den Handabdrücken an Felswänden, einer weiteren Kunstform der Steinzeit, wird ersichtlich, daß die Hände dieser Männer Spuren von Verstümmelungen trugen, ähnlich wie sie bei Ritualen der Gliederopferung, wovon weiter oben die Rede war, entstehen könnten. Überhaupt werden Männer fast stets in Gefahr- und Todessituationen dargestellt. Die Frauenhistorikerin Annette Kuhn (bis zu ihrer Emeritierung 1999 an der pädagogischen Fakultät der Uni Bonn tätig, Begründerin dort des Lehrgebietes Frauengeschichte), schildert diese Beobachtung in ihrem Buch "Die Chronik der Frauen" so: "Erst in der Endeiszeit werden Männer überhaupt zum Thema der Kunst. Sie sind oft als Tier-Mensch-Mischwesen dargestellt, häufig sind sie sterbend oder tödlich bedroht gezeigt. Auffallend ist, dass die männlichen Abbilder in einem anderen, oft ungeübt wirkenden Stil gehalten sind als die in jahrtausendelanger Tradition durchstilisierten Frauenbilder." Daher schließt die Autorin: "Die Vorstellungen über Herkunft und Tod, über die zeitliche und räumliche Einbettung der menschlichen Existenz wurden in Frauenkörpern begreifbar gemacht." Letzteres stimmt so nicht; denn was den Tod in der "zeitlichen... Einbettung der menschlichen Existenz" betrifft, wurde dieser vor allem in den Körpern "begreifbar" gemacht, welche die Wissenschaftlerin kurz davor als "häufig... sterbend oder tödlich bedroht" in den Darstellungen wahrnimmt; und das waren Männerkörper.

Man kann so während dieser langen und fernen Kunstphase der Menschheit eine nachdrückliche Intention nicht übersehen, die die Geschlechter säuberlich nach dem Schema von Tod und Leben zuordnet, und zwar so, daß die Frau lebt und gebiert, der Mann aber stirbt oder tötet. Dennoch Vorsicht! Bevor der kindisch-kreischende Triumph mancher 'Matriarchatsforscherin' an dieser Stelle zu den peinlichen Superioritäts-Gesängen greift, die mittlerweile das Netz in den diversen 'Matriarchat-Seiten' belästigen, wäre folgendes zu erwägen: Die betont üppigen Abbildungen der Großen Mutter, wie sie in den verschiedensten sog. Venus-Figuren dargestellt wurde, sind erste Abstraktionen eines vielfachen Konkreten (der gebärenden Frauen überall und der in diversen Weisen erzeugenden Naturvorgänge) in ein allgemeines Symbol, daher auch die eingehaltene Kunstfertigkeit dieser Gebilde; die Szenen aber der bei der Jagt oder sonstwie sterbenden und Gefahr laufenden 'Kameraden' der Urjäger stellen konkrete, vereinzelte Ereignisse individueller Geltung dar, Ereignisse von denen die Künstler aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrem Beisammensein nicht aus weltanschaulichem Interesse, sondern aus privater Betroffenheit berichteten. - Hier also Mensch, Mann und Individuum, dort Prinzip, Frau und Kollektiv! Ist dies von Bedeutung?

Das ist insofern von Bedeutung, als auch die Frage von Bedeutung ist, die wir hier bereits stellten: "Die Gruppe als ein Weibliches, das Individuum aber als ein Männliches? Wie kommt es zu solcher Zuteilung? Welche Spuren hat diese Gegenüberstellung in der Vergangenheit hinterlassen...?" Wir haben eben eine erste dieser Spuren beschrieben. Und die Bedeutung "solcher Zuteilung" wird sich demjenigen erschließen, der die Entwicklung des Menschen und der Menschheit als jenen Wandlungsprozeß begreift, den wir (um nochmals aus den eigenen Seiten zu zitieren) den "Aufstieg des Empfindens einer isolierten individuellen Ganzheit aus den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit... zu den lichten Höhen des abstrakten Gedankens eines 'Ich bin'", nannten.

Das Bedeutet, daß sich diese Geburt, die Geburt des Ich aus der Materie, als das Übergreifende Ereignis aller Evolution zumindest auf unserem Planeten präsentiert, und daß bei diesem Prozeß, schon in den lichtlosen Vorstellungen der primitiven Kulte, der Mann als der Träger dieser Entwicklung angesehen wurde! Es ging in den 'matriarchalen' Darstellungen nicht, wie feministische Interpretinnen behaupten, um die Verehrung der Frau als der Gebärenden, sondern es ging um die Verheißung des Sohnes bei diesen Geburten; des gleichen Sohnes, dessen Kontur sich in späteren transzendenten Religionen weiter konkretisierte. Diese Ausrichtung der gebärenden Gegenwart an einem künftigen Sohn macht sich in den Mythologien der Frauenkulte darin geltend, daß dort primär Mütter von Söhnen verehrt wurden. Aber auch darin, daß der Ritus auf männlicher Symbolik beruhte, etwa auf dem Phallus, der nirgends so präsent wie im 'Matriarchat' war, oder dem Stier.

Wie kein anderes Mondtier trägt er in Gestalt und Gehabe, in der gebieterischen Masse und seiner bezwingenden Trägheit die Attribute der maskulinen Naturkraft, jener Kraft also, die im Zuge der Ich-Entwicklung der Natur entwachsen würde. Nicht bloß weil der Stier ein Mondtier war, wurde er also verehrt. Und nicht bloß weil er die Naturkraft repräsentierte. Auch nicht, wie oft behauptet, weil die Anatomie seines Hauptes der des weiblichen Gebär-Apparates ähnelt. All diese Attribute erfüllte auch die Kuh. Doch sie war leider weiblich. Der Stier wurde verehrt, weil er männlich war, weil er werdende Naturkraft war; er war Sohn, er war Vater, Mond, Ego und so gar Sonne. Pasiphae, Minos' Gemahlin und Minotaurus' Mutter, war sicher dem Meeresgott sehr verpflichtet, daß er für sie keine Kuh vorgesehen hatte...

Wir sind nun in diesen Betrachtungen einigen Elementen aus dem symbolisch-mythologischen Inventar der Frühzeit soweit angenähert, daß wir in der Lage wären, etwas Licht auch auf die psychologischen Strukturen und Praktiken jener Zeit zu werfen, was dem feministischen Gelehrtentum unserer Tage wenig gefallen könnte. Denn es wird sich zeigen, daß die Geschichte der 'Matriarchate' eigentlich die Geschichte jener Barbarei ist, die sich der Mensch zum Beginn seines Aufstieges in die mentalen Räume seines Wesens selbst antat, indem er seinen Abschied von den instinkthaften Niederungen seiner Existenz mit aller repressiven Gewalt nahm, die ein durch den Gedanken des Todes erschüttertes Bewußtsein von Eigenschuld in ihm zeugte.