"Schwester Mond..." - Nacht in der Kulturentwicklung
J
e mehr Gegenstände uns die Lichtfülle wahrzunehmen befähigt, desto reichhaltiger, aber auch desto gespaltener ist die Welt unserer Wahrnehmung. Denn Licht spaltet, indem es auf Unterscheidung und Vereinzelung hin wirkt. In der Dunkelheit aber tritt die irdische Umwelt zwar unscharf doch einheitlich vor, gehüllt in den 'Mantel der Nacht' und augenscheinlich ist alles in der großen Natur wieder eins. Aus diesem Zustand der täglich zur dunklen Zeit wiederhergestellten Einheit entsteht erneut der Tag mit seinen vielen, unterschiedlich in Gestalt tretenden Phänomenen und Gegenständen. Zum einen also verheißt die Nacht, indem sie in der Undurchdringlichkeit ihres Dunkels materielle Ganzheitlichkeit suggeriert, jenen Zustand der Einheit mit dem materiellen Sein, zu welchem die Menschen der Urzeit erste magisch-religiöse Ambitionen pflegten. Zum anderen leitet sie das tägliche Drama der Wiedergeburt aller Dinge aus ihrem Schoß ein. So faszinierte sie den frühen Menschen und wirkte auf ihn zugleich wie eine ergreifende Metapher der mächtigen gebärenden materiellen Mutter Natur; die Nacht, sie war weiblich!
Wir schlagen vor, das Obige als den wichtigsten Grund anzusehen, warum in den Frühkulturen der Nacht eine besondere Bedeutung zugeschrieben wurde und sich die nächtlichen Ereignisse so besonders prägend auswirkten. Denn es gab auch weitere Gründe aus dem mentalen wie aus dem praktischen Leben: Die Anregung etwa, die Menschen durch die in der Nacht feststellbaren Bahnen und Phasen der Himmelskörper erhielten, Formverhältnisse daraus zu erlesen, die Prinzipien vermitteln sollten, nach denen sich auch das Leben auf der Erde richtete, hat uns bis heute ihre Spuren in den uns obskuren Postulaten der Astrologie hinterlassen. Zudem dürfte der kultische Umgang mit dem Feuer die Nacht, die Zeit, in der sich sein kostbarer Besitz am besten präsentieren und sichern ließe, mit besonders bedeutenden Aktivitäten und Ritualen verbunden haben. Später waren auch die praktischen Anweisungen zur Navigation, die der nächtlichen Himmelskonfiguration abgelesen wurden, von Bedeutung für die Seefahrt. Und bei den frühen Anbautechniken der Ackerbaukulturen spielte offensichtlich die Beobachtung des Mondes eine entscheidende Rolle. J. J. Bachofen sieht im "Mutterrecht" Urvölker nachts sogar ihren ganzen 'Alltag' bis hin zu Kriegshandlungen vollziehen.
Große Bedeutung bekamen aber die nächtlich-himmlischen Abläufe für die Einbindung des Menschen in Zeitstrukturen, denn die unterschiedlichen Ereignisse und Konstellationen am nächtlichen Firmament boten konkrete Formen der Festlegung von Jahresabschnitten, und aus dem Durchlauf der Mondphasen resultierte die Einteilung des Jahres in Monaten. Freilich bot auch die Sonne in ihrem täglichen Lauf wie mit ihren unterschiedlichen Positionen im Jahreszyklus Möglichkeiten der Zeitbestimmung. Und sie bot auch täglich das Schauspiel von Sterben und Wiederwerden aus dem Schoß der Nacht. Aus Gründen aber, die uns im Weiteren eröffnet werden, war die Präsenz der Sonne weniger intim für den frühen naturhaften Menschen, ihr 'Drama' weniger anthropomorph, der Himmel am Tage strukturen- und tiefenarm; der Zusammenhang des Lebens mit dem Licht war weitaus nicht so evident wie der mit der Materie. Fest steht, daß zuerst die Nacht zur Erstellung eines Kalenders diente, und daß sich die frühen Hochkulturen eines solchen Mondkalenders bedienten und sogar nach Nächten statt nach Tagen zählten. In Legende und Geschichte wurden daher besonders tragende Vorkommnisse - die Entstehung selbst der Welt in den Mythologien der Völker, der Auszug aus Ägypten im Alten Testament, die Geburtsstunde zu Weihnachten - gern als nächtliche Ereignisse aufgefaßt. Und zahlreich sind auch die Hinterlassenschaften in Kunst und Kultur, in welchen Nacht und weibliches Wesen auf einander hinweisen oder sich gegenseitig symbolisieren.


