"Schwester Mond..." - Nacht in der Kulturentwicklung
Das ist insofern von Bedeutung, als auch die Frage von Bedeutung ist, die wir hier bereits stellten: "Die Gruppe als ein Weibliches, das Individuum aber als ein Männliches? Wie kommt es zu solcher Zuteilung? Welche Spuren hat diese Gegenüberstellung in der Vergangenheit hinterlassen...?" Wir haben eben eine erste dieser Spuren beschrieben. Und die Bedeutung "solcher Zuteilung" wird sich demjenigen erschließen, der die Entwicklung des Menschen und der Menschheit als jenen Wandlungsprozeß begreift, den wir (um nochmals aus den eigenen Seiten zu zitieren) den "Aufstieg des Empfindens einer isolierten individuellen Ganzheit aus den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit... zu den lichten Höhen des abstrakten Gedankens eines 'Ich bin'", nannten.
Das Bedeutet, daß sich diese Geburt, die Geburt des Ich aus der Materie, als das Übergreifende Ereignis aller Evolution zumindest auf unserem Planeten präsentiert, und daß bei diesem Prozeß, schon in den lichtlosen Vorstellungen der primitiven Kulte, der Mann als der Träger dieser Entwicklung angesehen wurde! Es ging in den 'matriarchalen' Darstellungen nicht, wie feministische Interpretinnen behaupten, um die Verehrung der Frau als der Gebärenden, sondern es ging um die Verheißung des Sohnes bei diesen Geburten; des gleichen Sohnes, dessen Kontur sich in späteren transzendenten Religionen weiter konkretisierte. Diese Ausrichtung der gebärenden Gegenwart an einem künftigen Sohn macht sich in den Mythologien der Frauenkulte darin geltend, daß dort primär Mütter von Söhnen verehrt wurden. Aber auch darin, daß der Ritus auf männlicher Symbolik beruhte, etwa auf dem Phallus, der nirgends so präsent wie im 'Matriarchat' war, oder dem Stier.
Wie kein anderes Mondtier trägt er in Gestalt und Gehabe, in der gebieterischen Masse und seiner bezwingenden Trägheit die Attribute der maskulinen Naturkraft, jener Kraft also, die im Zuge der Ich-Entwicklung der Natur entwachsen würde. Nicht bloß weil der Stier ein Mondtier war, wurde er also verehrt. Und nicht bloß weil er die Naturkraft repräsentierte. Auch nicht, wie oft behauptet, weil die Anatomie seines Hauptes der des weiblichen Gebär-Apparates ähnelt. All diese Attribute erfüllte auch die Kuh. Doch sie war leider weiblich. Der Stier wurde verehrt, weil er männlich war, weil er werdende Naturkraft war; er war Sohn, er war Vater, Mond, Ego und so gar Sonne. Pasiphae, Minos' Gemahlin und Minotaurus' Mutter, war sicher dem Meeresgott sehr verpflichtet, daß er für sie keine Kuh vorgesehen hatte...
Wir sind nun in diesen Betrachtungen einigen Elementen aus dem symbolisch-mythologischen Inventar der Frühzeit soweit angenähert, daß wir in der Lage wären, etwas Licht auch auf die psychologischen Strukturen und Praktiken jener Zeit zu werfen, was dem feministischen Gelehrtentum unserer Tage wenig gefallen könnte. Denn es wird sich zeigen, daß die Geschichte der 'Matriarchate' eigentlich die Geschichte jener Barbarei ist, die sich der Mensch zum Beginn seines Aufstieges in die mentalen Räume seines Wesens selbst antat, indem er seinen Abschied von den instinkthaften Niederungen seiner Existenz mit aller repressiven Gewalt nahm, die ein durch den Gedanken des Todes erschüttertes Bewußtsein von Eigenschuld in ihm zeugte.


