DER MASKULIST
19.12.2004

B

lut, solange es seinen gewohnten Bahnen, den Adern und den Venen entlang fließt, bedeutet Leben; es bedeutet aber das Gegenteil, wenn es sich anderweitig ausbreitet, gar wenn es aus dem Organismus hinaus strömt. Das wissen Menschen schon seit langem; das wußten auch schon die alten Jäger, die nach dem Erlegen ihrer Beute sahen, wie diese blutüberströmt verendete. Fataler aber als diese allgemeine Erkenntnis hatte ehemals jene Scheinerkenntnis gewirkt, die den Bezug auf Leben und Tod mit dem Menstruationsblut der Frau herstellte.

Diese zyklischen Blutungen geschahen nicht nur, wie wir schon erläuterten, in periodischer Entsprechung zu den Sterbe-Phasen des Mondes; es wurde zudem beobachtet, daß sie außerhalb der Schwangerschaft geschahen, zur Zeit also, da kein Gebären in Sicht war. Was wäre nun in solcher Zeit anderes zu tun, um die Fruchtbarkeit in Aufschwung zu bringen, als das Blut, welches dem Weib entronnen, durch anderes abzugleichen; die ausbleibenden Geburten der allmächtigen Natur durch Opfertod abzuringen? Das große Orakel der mütterlichen Nacht, der leibliche Teilnehmer am Himmel, der Mond, demonstrierte solchen Bezug von Sterben und Werden im eigenen Schwinden und Wiederkehren. Selbst wir Heutigen sehen ein, daß die Gesamtheit dieser Parallelen mit schauderlicher Stimmigkeit die Folge suggerierte: Die Große Mutter muß mit Blut gesättigt werden, damit sich das Leben erhält. Und von solchem Fazit aus haben jene ritualisierten Anordnungen zu makabren Blutspenden ihren Lauf genommen, die wir in primitiven Kulturritualen als den Brauch des Menschenopfers kennen.

Es ist nicht eindeutig zu bestimmen, wann diese Formen archaischer Religionsausübung begannen. Gewisse Anfänge haben wir sicher in den Gliederopferungen der Altsteinzeit-Jäger zu sehen. Was aber verblüfft, ist, daß die exzessiveren Riten einer mörderischen Praxis von unvorstellbarer Entfesselung erst später, nämlich mit den Anfängen der Zivilisation florierten; ja, es sieht so aus, als ob der Kult des menschlichen Blutopfers im Lauf des anfänglichen zivilisatorischen Fortschrittes in den sogenannten Hochkulturen erst recht zur Konjunktur gelangte!

Auffällig in diesen Praktiken war, daß der geopferte Mensch kein beliebiger Mann aus der Sippe oder dem Volk war, sondern das in der Gruppe herausragende Subjekt. Seine Opferfunktion war mit dem Amt des Repräsentanten und Machtinhabers in der Gruppe verbunden; das Opfer war der Prototyp des in der Gruppe entstandenen Individuums, es war der König! Denn allein der Beste konnte als Gefährte, sprich würdiges Opfer der Großen Mutter taugen. James George Frazer, der geadelte Anthropologe und Koryphäe in der einschlägigen Forschung des vergangenen Jahrhunderts, hat in seinem Buch "Der Goldene Zweig" belegt, daß in den frühen Kulturen des Nahen Ostens solche Opferungen von Gott-Königen stattfanden, und die Ausgrabungen der königlichen Gräber von Ur unter Leonard Woolley haben zutage gebracht, daß solche Praktiken im Stadtstaat des sumerischen Mondgottes Nanna mit der Hörnerkrone sogar noch bis zum Jahre 2350 v. Chr. andauerten.1 Die Kulturforschung geht heute davon aus, "daß jeder Teil der archaischen Welt während der verschiedenen Hochperioden seiner zahlreichen Kulturen irgendwann einmal von Opferwut geradezu besessen war... Was wir Zivilisation nennen und was wir Menschenopfer nennen, trat gemeinsam in Erscheinung", weiß nicht nur Ken Wilber zu erklären.2

Die Beteiligung hochstehender Personen als Opfer bei diesen Ritualen läßt auf das für uns kaum Annehmbare schließen: Daß es sich dabei - zumindest anfänglich - um freiwillige Selbstopferungen handelte. In der ungeschminkten Beschreibung eines solchen Rituals, wie es uns von Joseph Campbell im oben zitierten vierbändigen Werk nacherzählt wird, läßt ein solcher König zur gegebenen Zeit das hölzerne Schafott bauen, auf welches er sich nach einem rituellen Bad feierlich begibt, um dann mit "scharfen Messern... vor den Augen des Volkes Teile seines Körpers abzuschneiden - die Nase, die Ohren, Lippen, alle seine Glieder und so viel von seinem Fleisch, wie er imstande war. Er warf diese Körperteile von sich weg bis er so viel Blut verloren hatte, daß er ohnmächtig zu werden begann, worauf er sich die Kehle durchschnitt." (ebd.)

Die Rituale variierten regional wie epochal. In der Tendenz verlagerte sich der Opferstatus von den offiziellen Gefährten der Großen Mutter, den ersten Königen, auf 'auserwählte' Untertanen, später auch auf herbeigeschaffte Sklaven und menschliche Kriegsbeute. Wobei der Königsmord als bloße Formalie lange beibehalten wurde, etwa in der Aufführung einer symbolischen Auspeitschung des Königs während eines Tempel-Rituals.

Die geographische Ausbreitung solcher Kulte war total; lediglich die Zeiten, in welchen diese Phase körpergebundener Natur-Religiosität auf den verschiedenen Breitengraden des Planeten herrschte, sind unterschiedlich. So unterschiedlich, wie auch die Schwelle von der Alt- und Jungsteinzeit zu der historischen Menschheitsphase in den verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich erfolgte. Diese Interferenzen an den Übergängen der Epochen haben zu einer Unbestimmtheit der Grenze zwischen Mond- und Sonnenkult geführt, was unter anderem bewirkte, daß Menschenopfer-Praktiken gelegentlich auch im Rahmen einer bereits eingesetzten Sonnen-Verehrung noch stattfanden. Die archaisch-psychologischen Muster allerdings, die belegen, daß die Praktiken ritueller Tötung und auch rituellen Kannibalismus auf einem Mond-Mutter-Blut-Kult fußen, sind unbestritten.

Noch bei den Kelten, einem Volk, das mitten in Europa Spuren von Urkulturen aufwies, finden wir untrügliche Merkmale von Mutter- und Mond-Symbolik beim gehörnten Waldgott Cernunos (=der Gehörnte) etwa und seiner Unterordnung unter die Muttergöttin. Ein einschlägiges Ritual, dem diese beiden mond-kultischen Gestalten vorstanden, obwohl es der Sommersonnenwende gewidmet war, schildert uns Robert Graves in "Die weiße Göttin", einem in den Kreisen der Matriarchat-NostalgikerInnen viel gelesenem Buch: Der symbolische König wird in einen Kreis aus zwölf Steinen um eine Eiche geführt, die in der Form eines T-Kreuzes hergerichtet ist. Der vorher berauschte König wird gebunden, gepeitscht, geblendet oder kastriert, dann auf einen Pfahl gespießt und auf dem Altar zerhackt. Sein Blut wird über das versammelte Volk gesprengt und sein Leichnam anschließend von den Anwesenden gefressen. Ähnliche kannibalische Praktiken anderer Epochen sind uns als Pubertätsrituale bekannt, in welchen, nach orgiastischen Tagen und Nächten, das junge Paar, das am Ende der ausschweifenden Feierlichkeiten unter Trommelwirbel und Rinderhörner-Getöse seinen Geschlechtsverkehr gewaltsam beenden muß, weil es von einer herabfallenden Plattform schwerer Bambusstämme zermalmt wird, um anschließend "geröstet und aufgefressen" zu werden.3 Von der Göttin, die dem getöteten Gott in die Unterwelt folgt und ihn dort als Opfer verzehrt, um ihn anschließend wieder 'befreien' zu können, handelt auch das sehr populäre afrikanische Mysterium, von dem Leo Frobenius in "Monumenta Afrikana" berichtete und das mit Gesängen bei zahllosen Festlichkeiten in der Antike gefeiert wurde.

Die gegenwärtige Unsitte, alle Geschichte und Vergangenheit aus dem Blickwinkel eines Geschlechterkampfes zu betrachten, veranlaßt nicht nur theoretische Feministen in den heute 'Matriarchate' genannten Kulturen eine Zeit besonderer oder gar ausschließlicher Verfügungsbefugnis der Frau zu phantasieren. Auch Feminismuskritiker wurden oft etwas weinerlich über die erdrückende Grausamkeit, die sich in den trüben Zeitaltern der frühen Kindheit des Kulturmenschen über diesen legte.

Felix Stern läßt in seinem Buch "Und wer befreit die Männer?" die Mutter-Kulte oder "die Domestizierung des Mannes", wie er den Zweck solcher Praktiken nennt, kurz Revue passieren. Dabei entkräftet Stern den Anspruch des Feminismus, der aller archäologischen Befunde zum Trotz seinen plump gebackenen Eierkuchen angeblicher einstiger matriarchaler "Friedfertigkeit" von den editorischen Backstuben der Aufklärerinnen aus vertreibt. Er verweist unverblümt auf die blutigen Praktiken der kulturellen Anfänge unserer Zivilisation. Auf die "rituelle Tötung des Königs" in Ninive etwa, die jährlich der Göttin Anaitis (Anahita) den schönsten Knaben der Stadt als Sexopfer darbrachte, der, nach tagelanger sexueller Ausbeutung durch die Priesterinnen der Göttin mehrfach und bis zur gänzlichen Entkräftung vergewaltigt, "auf ein Lager mit Gewürzen, Edelhölzern und Weihrauch gelegt, mit einem Goldtuch bedeckt und bei lebendigem Leibe angezündet" wurde. Stern weist auf die archäologischen Entdeckungen der achtziger Jahre hin, die zutage brachten, daß selbst im minoischen Kreta, "einer kulturellen Wiege Europas" und beim forscherischen Feministentum ein Vorzeige-'Matriarchat', die Praxis von Menschenopferungen dem Kult angehörte. Er enthüllt uns die irische Praxis, nach welcher die "Oberpriesterin der Großen Mondgöttin ihr männliches Opfer eigenhändig, um es der 'Großen Mutter zurückzugeben' und sein 'Blut der Wiedergeburt' in einer Schüssel aufzufangen", enthauptete.4

Felix Stern vermerkt auch jene besondere Verehrung der physischen Maskulinität, von der wir im vorangegangenen Abschnitt sprachen, und die im kretischen Stier verkörpert wurde, mit dem sich die "unersättliche" Königin Pasiphae vermählte. Das alles aber führt er auf die Absicht der Frauen zurück, Männer zur versklaven und zu gebrauchen. "Die rituelle Tötung des Königs (Liebhabers) symbolisiert" lt. Stern "die gewaltige Sexualmacht der Frauen über die Männer." Diese Macht übt ihre Kontrolle über den Mann aus, sie unterwirft den Mann dem Weibe; Grund dazu, so Sterns Auffassung, sei "die männliche Sucht von der alles verschlingenden weiblichen Sexualität."

Es klingt doch ziemlich fatal! Denn sollte diese Sucht in der Tat so bestimmend sein, daß sie derart über den Erhaltungstrieb verfügte, wäre sie die oberste Instanz im Manne; und welcher Faktor vermochte dann noch, den Mann von solcher überragenden Sucht zu erlösen? Um die Frage Sterns selbst zu gebrauchen: Wer oder was befreite dann noch den Mann, wenn dieser derart unfähig wäre, als freie Person zu handeln? Solche Fragen mögen recht verwundern, wenn sie sich aus den Gedanken eines Menschen ergeben, der ja eigentlich die Befreiung des Mannes aus den Fängen gegenwärtiger politischer Programmatik intendieren möchte. Und noch etwas:

Der Autor rügt zu Recht die "Bedeutungslosigkeit", die der Mann in der sog. Matriarchatsforschung einnimmt; denn wirklich beachtlich ist die Geflissenheit, mit der diese besonderen Feministinnen in ihren 'Studien' der prähistorischen Vergangenheit das Dunkel jener Zeit nutzen, um ihr mitgebrachtes Licht gezielt und allein auf das eigene Geschlecht zu werfen. Indem aber der Mann auch beim Autor des hier besprochenen Kapitels eine kaum größere Rolle einnimmt als die des Trägers einer das Subjekt entwertenden biologischen Automation, widerfährt Felix Stern genau das, was er der Matriarchatsforschung vorwirft; auch er unterschlägt dem Mann jegliche weitere Bedeutung über sein vermeintliches biologisches Fatum hinaus. Derartige Prädestinationen taugen gewiß wenig als Quellen von Motivation. Vor allem aber, sie sind falsch!

(Wie kann geschehen, daß man als Kritiker der Geschlechterpolitik so unvermerkt der gegnerischen Auffassung auf den Leim geht? Die Beantwortung dieser Frage zeigt, daß es kein Ausweichen vom Thema ist, uns ihr an dieser Stelle kurz zu widmen. Felix Stern gebraucht ein gängiges, gewohntes Menschenbild, welches das heutige denkerische Verhalten bestimmt. Dieses Bild beruht auf Menschen- und Welttheorien, die in den intellektualistischen Umwälzungen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf der Basis positivistisch-materialistischer und tendenziös ausgelegter Freudscher Positionen entstanden. Dazu gehört jene Überbewertung des Sexualtriebes, die schon zu Freuds Lebzeiten Grund heftiger Auseinandersetzungen wurde und die uns heute nebst dem 'schwanzgesteuerten Mann' zahlreiche weitere Versuche beschert, mit denen Geist und Bewußtheit dem Trieb und dem 'Spaß' zum Fraß hingeworfen werden sollen. Die oft verwendete Kulmination solcher Denkweisen drückt sich am Ende in der Behauptung aus, alle Kultur sei allein aus dem Bedürfnis des Mannes heraus entstanden, seine Gene zu vererben (Trieb) und nicht etwa seine Gedanken (Geist) der Evolution einzuverleiben.

Die Vorstellung allerdings, daß die Wiederherstellung maskuliner Interessen auch aus der Abrechnung mit sich als selbstverständlich gebenden intellektuellen Erzeugnissen der jüngeren Vergangenheit bestehen müßte, könnte sich einmal als die am schwersten zu bewältigende Forderung innerhalb von Männergruppen herausstellen. Aus diesem Grund kann die Erstellung erster Versuche zu einem theoretischen Profil des 'Maskulismus' nicht früh genug geschehen. Dieses beabsichtigen die hier eingerichteten Beiträge immer gezielter, wenn auch viele sympathische Zeitgenossen unter den Männerrechtlern oft eine beredte Scheu gegenüber der Silbe '-ismus' walten lassen.)

Die Frage, die sich uns nach den schockierenden Schilderungen der Blutrünstigkeit jener Urzeiten bietet, in welchen die feministische Indoktrination ihre 'Matriarchate' ansiedelt, lautet: Haben wir es bei diesen makabren 'Techniken' wirklich mit Nachweisen einer Vorherrschaft der Weiblichkeit zu tun? Sind diese Handlungsmuster, die vorwiegend das Maskuline als Opfer-Kandidaten unbarmherziger Todes-Kulte vorsahen, im Rahmen eines Geschlechterkampfes zu verstehen, der in jenen Anfängen der Zivilisation sogar von der Frau gewonnen sein müßte? Oder wären die blutigen Rituale, die ihre symbolischen Formen durchaus aus dem Geschlechtsleben - insbesondere der gebärenden Frau - schöpften, als Umgang mit falsch verstandenen evolutionären Maximen - noch besser: Befindlichkeiten - zu bewerten, die mit einer Konkurrenz zwischen Mann und Frau nicht das Geringste zu tun hatten? Hier eine parallele Frage zur Verdeutlichung: War die Verehrung von Bäumen und Steinen bei primitiven Urvölkern ein Beleg für die Vorherrschaft oder sonstigen Vorzug von Bäumen und Steinen im tätigen Leben, oder war solche Verehrung lediglich Indiz einer unreifen Auffassung des Wesens der Dinge und des Selbst?

Die Begriffe, die wir brauchten, um eine klare und evidente Sicht der tatsächlichen Veranlassung zu erhalten, aus welcher heraus der Frühmensch jene kultischen Gepflogenheiten etablierte, haben wir in den hier unmittelbar vorangehenden Beiträgen erstellt. Wir haben gesehen, daß Mensch-Sein zu keiner Zeit als eine vom Evolutionsprozeß gelöste Daseinsform erfahren wurde, sondern daß dieser Prozeß auch in den Zeiten, in denen der Mensch noch nicht in der Lage war, sich ihn kognitiv zu vergegenständlichen, seinen Einfluß auf den Menschen ausübte.

Diesen Einfluß haben wir deswegen als entscheidender zu betrachten als die der Fortpflanzung dienenden direkt-biologischen Einflüsse, weil die "Fortpflanzung ein Instrument der Evolution ist und nicht umgekehrt", wie wir bereits konstatierten. In diesem gleichen Sinn erwähnten wir auch "die immanente Priorität des Künftigen, eine innewohnende Tendenz zum Werden entlang jener Einbahnstraße, die dem unnachgiebigen Fluß der Zeit in die eine Richtung namens Zukunft folgt."

Diese Priorität des Künftigen und des Werdens vor dem jeweils Erreichten oder dem Vorhandenen eröffnet einen Rahmen, in dem die Sexualität oder Fortpflanzung als Mittel enthalten ist, ohne Anrecht auf End-Gültigkeit zu besitzen. Als innerhalb eines umfassenderen Ganzen enthaltene, gewordene Dinge können Sexualität und Fortpflanzung, ja selbst der Mensch als Mann und Frau nur Symbole sein, die auf etwas hindeuten, das in diesem übergeordneten evolutionären Ganzen noch nicht aktualisiert worden ist. Ihre bio- bzw. physiologischen Attribute, so sahen wir in "Aspekte des Phallischen", finden erst auf dem ausgebreiteten Schirm der evolutionären Dimension jene Projektionsfläche, auf welche sie sich als Symbole einlassen können, um etwas anzudeuten, das über sie hinaus geht.

Ferner beschäftigten wir uns mit einigen Feldern evolutionärer Spannungen, mit Situationen also, in denen der Mensch innerhalb seines Werdens Unbehagen erlitt. Diese entstanden vordergründig entweder aus bilateralen Diskrepanzen zwischen Individuum und Gruppe, indem etwa die Erfordernisse der Gruppen-Gegenwart mit der Einsicht des Individuums in die Zukunft kollidierten; oder aus bilateralen Diskrepanzen innerhalb des Individuums, indem nämlich der Spagat zwischen dem aufsteigenden Ich und seinem materiellen Ursprung im animalisch empfindenden Körper durch Überspannung gefährdet schien. Solche Probleme konnten verständlicherweise erst mit der Entwicklung des Denkens bis zu einem entsprechenden Grad und mit der Manifestierung des Ich in diesem Denken, also mit seiner relativen Entfremdung vom Körper, entstehen.

Zu alledem konnten wir nachvollziehen, daß im Gesamtkomplex dieser Entwicklungspassion die Geschlechter, anders als uns die Gender-Didaktiker gern erklären, keineswegs neutral angesehen wurden. Im Gegenteil: Die Wahrnehmung von Mann und Frau erzeugte komplementäre Analogien, die sich an den wesentlichen biologischen Funktionsweisen und Erscheinungsformen der beiden Geschlechter orientierten und die das Männliche und das Weibliche als Symbole stets im Kontext einer polaren Gegensätzlichkeit einsetzten.

Wir wollen nun in diesem gedanklichen Ambiente weiter ziehen, um als Nächstes nach einer verbindlichen Antwort auf das "Was" der sog. Matriarchate Ausschau zu halten.

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Quellen, Anmerkungen:

1. Joseph Campbell, "Die Masken Gottes", Band 2, "Orientalische Mythologie"
2. Ken Wilber, "Halbzeit der Evolution", Kapitel "Die Große Mutter", SCHERZ Verlag
3. Joseph Campbell, "Die Masken Gottes", Band 1, "Primitive Mythologie"
4. Felix Stern, "Und wer befreit die Männer?", Kapitel "In den Fängen der 'Großen Unersättlichen'", ULLSTEIN Verlag