Bluthochzeit und Königsmord - Vom Kult der Großen Mutter
Diese Priorität des Künftigen und des Werdens vor dem jeweils Erreichten oder dem Vorhandenen eröffnet einen Rahmen, in dem die Sexualität oder Fortpflanzung als Mittel enthalten ist, ohne Anrecht auf End-Gültigkeit zu besitzen. Als innerhalb eines umfassenderen Ganzen enthaltene, gewordene Dinge können Sexualität und Fortpflanzung, ja selbst der Mensch als Mann und Frau nur Symbole sein, die auf etwas hindeuten, das in diesem übergeordneten evolutionären Ganzen noch nicht aktualisiert worden ist. Ihre bio- bzw. physiologischen Attribute, so sahen wir in "Aspekte des Phallischen", finden erst auf dem ausgebreiteten Schirm der evolutionären Dimension jene Projektionsfläche, auf welche sie sich als Symbole einlassen können, um etwas anzudeuten, das über sie hinaus geht.
Ferner beschäftigten wir uns mit einigen Feldern evolutionärer Spannungen, mit Situationen also, in denen der Mensch innerhalb seines Werdens Unbehagen erlitt. Diese entstanden vordergründig entweder aus bilateralen Diskrepanzen zwischen Individuum und Gruppe, indem etwa die Erfordernisse der Gruppen-Gegenwart mit der Einsicht des Individuums in die Zukunft kollidierten; oder aus bilateralen Diskrepanzen innerhalb des Individuums, indem nämlich der Spagat zwischen dem aufsteigenden Ich und seinem materiellen Ursprung im animalisch empfindenden Körper durch Überspannung gefährdet schien. Solche Probleme konnten verständlicherweise erst mit der Entwicklung des Denkens bis zu einem entsprechenden Grad und mit der Manifestierung des Ich in diesem Denken, also mit seiner relativen Entfremdung vom Körper, entstehen.
Zu alledem konnten wir nachvollziehen, daß im Gesamtkomplex dieser Entwicklungspassion die Geschlechter, anders als uns die Gender-Didaktiker gern erklären, keineswegs neutral angesehen wurden. Im Gegenteil: Die Wahrnehmung von Mann und Frau erzeugte komplementäre Analogien, die sich an den wesentlichen biologischen Funktionsweisen und Erscheinungsformen der beiden Geschlechter orientierten und die das Männliche und das Weibliche als Symbole stets im Kontext einer polaren Gegensätzlichkeit einsetzten.
Wir wollen nun in diesem gedanklichen Ambiente weiter ziehen, um als Nächstes nach einer verbindlichen Antwort auf das "Was" der sog. Matriarchate Ausschau zu halten.
_____________________


