DER MASKULIST
14.06.2004

D

er bindenden Realität des Vorhandenen gegenüber dem Künftigen im Entwicklungsprozeß der Menschheit bot stets Ausgleich die immanente Priorität des Künftigen, eine innewohnende Tendenz zum Werden entlang jener Einbahnstraße, die dem unnachgiebigen Fluß der Zeit in die eine Richtung namens Zukunft folgt. Ausgangspunkt war eine ursprüngliche Einheit mit der Umwelt, und in dieser Einheit war das Wesen, dem es beschieden war, einmal den modernen Menschen abzugeben, selbst Umwelt; ein vitalisierter Körper ohne Geist (Bewußtheit) nämlich, eine im raum- und zeitlosen Treiben organisierte Entität, die sich selbst dann gewahrte, wenn sich die Lust ihrer Triebbefriedigung oder der Schmerz äußerer oder innerer organischer Bedrängnis meldeten. Dies Einssein mit der Materie, so bescheinigt uns die moderne Entwicklungspsychologie, wiederholt sich individuell in der frühkindlichen Periode im Einssein mit der Mutter. Es ist hier passend, auf die etymologische Verwandtschaft der beiden eben kursiv dargestellten Begriffe hinzuweisen.

(Es erscheint an dieser Stelle auch wichtig zu betonen, daß die unterschiedlichen Profile, die den Geschlechtern im Prozeß der menschlichen Emanzipation während der Ich-Bildung zugeordnet werden, keineswegs den individuellen Menschen von heute als Mann oder Frau zu bestimmten Verhaltensregeln oder gesellschaftlichen Stellungen zwingen. Denn wozu sollte im Individuum die Natur überwunden werden, wenn es weiterhin gelten sollte, sich ihren Initiationen ohnmächtig zu fügen? So gibt es sicher manche Frau, die Stimmungen und Eigenschaften, die wir hier dem phallischen Prinzip zugeordnet haben, vielleicht besser erfüllt als mancher Mann! Das gilt natürlich auch umgekehrt. Allerdings sollte bemerkt werden, daß dies eben nur auf der individuellen Ebene gilt. Sobald wir diese verlassen und uns ein männliches Kollektiv gegenüber einem weiblichen vorstellen, dürfte klar sein, daß wir im ersteren weitaus mehr Individuen der 'phallischen Art' werden ausmachen können als im letzteren (und dies auch wieder genauso umgekehrt). Wir können diese Aussage mit einem Beispiel aus der Anschauung unterstützen: Es ist nicht gesagt, daß ein Mensch mit ausgeprägterer Muskulatur in jedem Fall auch kräftiger als einer ist, der eine weniger imposante Muskulatur besitzt; und es ist nicht gesagt, daß ein Mensch, der längere Beine hat, auch schneller als einer mit kürzeren Beinen läuft. Es ist allerdings sicher, daß wir aus einer Gruppe muskulöser Menschen ein größeres Potential physischer Kraft werden zusammenstellen können, als uns eine Gruppe weniger muskulöser ermöglichen würde; und aus einer Gruppe von langbeinigen eine größere Menge von Schnelläufern als aus Gruppen kurzbeiniger Menschen. In diesem Sinn sollte übrigens auch die Diskussion um das größere Gehirn des Mannes geführt werden. Daß aber solch klare Differenzierungen heute geflissentlich ausgelassen werden, hat rein mit dem Zeitgeist zu tun und nicht mit denkerischem Versagen.)

Unzeiten lang, so scheint es, rückte der Mensch evolutionär kaum von der Stelle. Sieben Millionen Jahre sollen es her sein, da sich des Menschen Stammeslinie von der seiner nächsten Verwandten trennte, vor über zwanzig, vielleicht sogar vor über dreißig Millionen Jahren soll dieser Vorgang bereits genetisch dadurch eingeleitet worden sein, daß die Primatenlinie entstand, in welcher der Mensch möglich wurde. Um die zwei Millionen Jahre beträgt auch schon die Zeit, in der Hominiden mit Erdachtem umgehen, Werkzeug, das eine Million von Jahren lang auf gleiche Weise angefertigt blieb!

Je weiter wir allerdings in den Bereich der erschwinglicheren Zahlen kommen, desto schneller scheint alles zu gehen. Eine Beschleunigung setzte sehr offensichtlich ein sobald der Mensch von den ersten vagen Impulsen in Richtung Persönlichkeit erfaßt wurde. 'Nur' zwischen zwei- bis dreihunderttausend Jahren vor unserer Zeit setzt die Wissenschaft den Zeitraum des Erscheinens des Homo sapiens an - des Menschen mit den ersten 'modernen' Geisteszügen. Vor etwa neunzigtausend Jahren betrat Homo sapiens-sapiens die Evolutionsbühne, ein Vorfahr, dessen geistige 'Reife' sogar das physiognomische Merkmal einer hohen Stirn aufwies; erst dreißigtausend sind die Jahre, nachdem der gröbliche Mitbewohner des Genien-Vorläufers, der Neandertaler, den Platz räumte, und schon steuern wir schnurstracks auf die Geschichte des Humanisten-Gottes, des 'Gottes der Erde' zu, auf die Geschichte des noch nicht von den alten Schlacken seines Werdeganges ganz befreiten modernen Menschen.

Unsere Geschichte nämlich, jene Phase unserer Entwicklung, die erst beginnen konnte, nachdem Aufzeichnungen möglich (und auch notwendig) für den Menschen wurden, ist recht jung. Sie begann während einer Stufe, in der sich das Bewußtsein nicht nur von dem bis dahin Vorhandenen, von der mütterlich-materiellen Natur, endlich emanzipieren konnte; sie begann damit, daß menschliches Bewußtsein nun sogar vermochte der Natur seine Intentionen aufzutragen, etwas, was am deutlichsten in dem Ackerbau und in der Viehzucht wurde. Vor etwa zwölftausend Jahren begann erstmalig solche Durchsetzung der Kultur über die Natur, wobei jene Prozesse aufgerollt wurden, die uns in der modernen Zeit nebst mancher zugestanden heikler Lage, in welche die Handhabung des Menschen seine natürliche Umgebung versetzte, auch jene sozialpolitische Hysterie der Erretterinnen und Erretter bescherte, die in ihren Natur- und Frauenbewegungen Weib und Natur von dem unbarmherzigen, zerstörerischen Griff des 'Patriarchats' zu befreien sich anschickten. Es sind nicht von ungefähr unsere 'besten Freunde', die Feministen, die beim Notieren dieses kulturhistorischen Datums aufhorchen und sich bemüßigt zeigen, uns zu erklären, daß es sich hierbei um die Zeit handele, da die kriegerischen Patriarchate die friedlichen, naturgebundenen und spirituell begabten Matriarchate ablösten, in denen eine ideale, auf Mutterrecht beruhende soziale Ordnung und eine glanzvolle, menschengerechte spirituelle Schulung das Bild des Alltags prägten - was wollte man eigentlich mehr!

Doch ganz so, wie dieser Feministen-Mythos es will, war es wohl in jener Zeit nicht. Vielmehr würde eine eingehende Darstellung der zwischenmenschlichen Verhältnisse, die den Zeitraum dieser frühhistorischen Epoche belegen, in Frage stellen, ob Feminismus sich allzu Gutes tut, ausgerechnet diese Zeit zu seinem Prototyp erklärt haben zu wollen. Lassen wir uns also jene Zeit einleiten, indem wir am unmittelbar Vorangegangenen ansetzen.

Die immensen Zeiträume, die wir eben besprachen und in welchen der Mensch wie im Leergang evolvierte, zeugen von der Schwierigkeit und Großartigkeit des eigentlichen menschlichen evolutionären Projekts: der Selbstdifferenzierung vom Rest der Phänomene, des Hervortretens aus der Materie. Unsäglich lang waren eben die Zeiten, in denen sich der Frühmensch zwar körperlich von der Natur unterschieden wußte oder spürte, aber ohne jede weitere Instanz im primitiven Gemüt auszumachen, die ihn mental dabei unterstützte, diesem Umstand Gegenwart, Bedeutung und Stabilität zu verleihen, ihn bewußt zu begleiten. Lange war der Raum nur als Ort der Gegenstände um den Menschen da, ohne daß der Mensch das Wesen der Leere und des Unendlichen als Hort von Vision und Möglichkeiten wahrnahm. Das Vorhandene hatte ihn, den Menschen, fest im Griff, das Mögliche, das Theoretische aber, war ihm ungreifbar. Doch hatte solche existentielle Ignoranz nicht bloß Nachteile. Das unbewußte Kreisen mit der Natur und dem Kosmos, ein Kreisen durch Tag und Nacht, durch warme und kalte Jahreszeit, durch üppige Vegetation und kahles Geäst, war traute Sphäre, behaglicher Aufenthalt - als Dach die Himmelskuppel und Grenze den jeweiligen Horizont.

Raum aber, das ist Distanz, und je mehr die eigene Distanzierung von dem Natürlich-Vorhandenen voranschritt, desto mehr gewann das Bewußtsein des Raumes an Bedeutung. Und der Raum an sich, der absolute Raum jeweils relativer Räumlichkeiten wie der einer Höhle oder einer Bebauung, das war eben der Himmel! Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, wann dieser Himmel dem Menschen als Idee zugänglich wurde. Tasten wir aber die Frühgeschichte mit jenem Sinn ab, der uns bemächtigt, Situationen nachzuempfinden, die wir nicht selbst erlebten, mit der Intuition, so müßte die Beziehung zum Unendlichen mit dem Austritt des Menschen aus jener Sphärenmitte natürlicher Zyklen und trauter Sphären zusammenfallen, denn Zyklen präsentieren ja das Endliche.

Was aber war es, was den Menschen aus der Mitte trauter Zyklen warf? Sicherlich entsprach dies der Dynamik der aufkommenden Ich-Instanz, die allmählich vom Individuum Besitz ergriff, und deren Eigenschaft es ohnehin ist, sich durch Abgrenzung zu erfahren und sich zunächst aus allem - auch aus den Zyklen der Natur - auszusondern. Hinzu kam aber eine Erfahrung, die man nicht anders als einen mächtigen Stoß nennen kann, einen Tritt, der das Ich unsacht aus dem Zyklischen schmiß und es fortan nötigte, sein Leben eher als Strecke zu begreifen, als Strecke, die leider auch nicht endlos, sondern nur Teil der allgemeinen Dauer war, eine Teilstrecke, die einen Anfang und ein Ende hatte: den Tod! Es ist die tragischste Ironie überhaupt, daß der Mensch mit Zunahme seiner Bewußtheit, mit dem Betreten der lichteren Regionen seines Wesens, der Regionen anfänglichen denkerischen Gewahrwerdens, sich auch mitten im Schmerz vorfand, dem Schmerz bewußter eigener Endlichkeit. Warum diese Strafe? Wer hatte den bösen Streich arrangiert, wer den scheußlich düsteren Fettnapf dahin gestellt? Kaum ein erster Schritt auf dem Weg bewußten Seins und Erlebens, kaum sich vor die Tür aus den kreisenden Endlichkeiten gewagt, kaum durch schmalen Schlitz das Endlose der Welt und der Zeit erschaut; schon klaffte der eigenen Endlichkeit pechfinstrer Schlund. Die Frage nach Tod und Schuld begleitete als ältestes Drama das Erwachen des Intellekts von Anbeginn, und die Not nach Wiederherstellung der Einheit mit dem Sein in der materiellen Natur stellte sich im aufkeimenden Kulturleben als 'magisches Bewußtsein' ein, als gröblicher Vorläufer aller späteren Transzendenz.

Der bewußte Umgang mit dem Tod, wie wir in der Herrichtung von Grabstätten oder ähnlichen Verrichtungen ablesen können, reicht bis tief in die Zeit früherer Jägergemeinschaften. Üblich wurden allerdings Gräber viel später erst, nämlich mit dem Anbruch jener Epoche am Ende der paläolithischen Zeit, die wir als die der ersten Hochkulturen bereits erwähnten. Wir werden später sehen, wie der Bezug auf den Tod und die diversen Formen des Umgangs mit ihm, wesentliche Antriebe bei der Gestaltung von Kultur lieferten.

Doch werden wir an dieser Stelle der Polarität einmal gewahr, die in Leben und Tod - noch besser: in Geburt und Tod - im Einbezug der Geschlechter waltete. Es wird uns klar, daß dieser weitere Dualismus, der Leben und seinen Beginn, die Geburt, ja mit dem Mütterlich-Weiblichen assoziierte, dem Maskulinen unweigerlich einen unschönen Streich spielte. Und das nicht nur solange, bis die biologischen Zusammenhänge der Zeugung gelüftet wurden. Die Verdrängung einer endgültigen Gewichtung des maskulinen Anteils am Reproduktionsprozeß bestand aus naiv-realistischen Gründen ("ich nehme nur so wahr, wie sich die Dinge meiner Anschauung hinstellen") weit bis in die Kulturen des Mesolithikums hinein, etwa bis vor wenigen, drei bis vier Jahrtausenden vor unserer Moderne. Sogar in manchem Familiengesetz der Gegenwart scheint solcher Naturalismus fortzuleben!

Diese, gegenüber der biologischen Leistung des Gebärens, dürftige Lage des Maskulinen zeitigte - je mehr sich das Denken entwickelte - verstärkt Konsequenzen und modifizierte die Frage nach der existentiellen Schuld geschlechterspezifisch. Denn die Schuld des Körpers und des Fleisches, das der Mensch der materiellen Natur zurückzuzahlen hatte, tilgte sich bei der Frau durch das Gebären. So ergab sich, daß diese 'Usurpation' der Materie, als welche der Mensch seine Körperlichkeit ansah, in vielfacher Hinsicht primär dem Mann angelastet wurde. Denn obwohl auch die Frauen starben, und der Mensch dies sah, war der Mann zusätzlich der im Hause der Großen Mutter Fremde und schnell Davongegangene. Dieser war es, der Zyklen und Wiederholungen mißachtete und von klein auf jener Diskontinuität huldigte, die ihn zum Mann machte; dieser gebar der Natur keine Kinder, sondern wurde nur selbst geboren; dieser entstieg bereitwillig ihrem Schoß und, frei von den biologisch-natürlichen Bürden des Weibes, sich ungestüm in die Welten begab, in die der Wälder, der Steppen, der Städte, der Staaten und später des Weltraumes.

Das allmähliche Aufkommen dieser Schuld trug früh bizarre Züge. Die Vorstellung, man müsse der Natur Teile des eigenen Körpers abgeben, bietet wohl das erste Motiv von Opferhandlungen in der Kulturgeschichte. "Es gehörte offensichtlich zu den typischen Ritualen des primitiven Menschen, ein Fingerglied zu opfern", schreibt Ken Wilber in seinem Buch "Halbzeit der Evolution", einer gekonnten Sammlung von Indizien jener Urzeiten, die (zwar vom Autor stark spiritualisiert) besten Einblick in die Mentalität der Urmenschen erlaubt, die den naturhaften Kult errichteten, den Feministen heute gern das 'Matriarchat' nennen. Wilber schreibt weiter: "Im rituellen Gebet der Crow-Indianer an die Morgensonne heißt es: 'Ich gebe dir ein Glied meines Fingers; gib du mir als Gegenleistung etwas Gutes'", und zitiert den renommierten Anthropologen und Indianer-Experten Robert H. Lowie mit den Worten: "Während der Zeit meiner Besuche bei den Crow-Indianern habe ich nur wenige alte Männer gesehen, deren linke Hände nicht verkrüppelt waren."

Diesem Aufwachen der Maskulinität im Bewußtsein einer speziellen Schuldhaftigkeit ging allerdings eine unschuldige Männlichkeit voraus, die in den Gemeinschaften, die vorwiegend aus der Jagd lebten, bestens ankam. Diesen Aspekt, wonach dem 'Matriarchat' eine Vorherrschaft des Maskulinen vorausging, vertreten auch Johann Jakob Bachofen (der Autor des epochalen Werkes "Das Mutterrecht") und Siegmund Freud. Nur gehen diese beiden davon aus, daß die männliche Vorherrschaft zu einer Unterdrückung der Frau führte, gegen die sich Frauen mit der Errichtung des 'Matriarchats' gewehrt haben sollen. Freud läßt die unterdrückten Söhne rebellieren, die sich im bekannten Vatermord rächten, womit sie sogar so nebenbei und rein zufällig die Religion angeblich erfanden, um ihr schlechtes Gewissen in der Vorstellung abzumildern, ihr ermordeter Vater lebe in einer anderen posthumen Dimension weiter. Eine Theorie, die wir, trotz allen Respekts vor dem Vater der Psychoanalyse, als den abstrusesten Gedanken der modernen Menschenkunde charakterisieren möchten! Nicht zuletzt deswegen, weil das Voraussetzen einer anderen Existenz-Ebene, auf welcher der erschlagene (und zu guter Letzt verspeiste) Vater seine jähe Beurlaubung absolvieren sollte, auch ohne jegliches familiäre Urdrama bereits Religion wäre.

Die Gründe, die aus der Maskulinität der Jäger zum hier besprochenen Bewußtsein von Schuld führten, liegen zu sehr auf der Hand, als daß wir es nötig hätten, allzu Verwegenes zur Erhellung des Sachverhalts zu rekrutieren: Es war eine körperliche Männlichkeit, die sich im Jäger feierte, eine, die ihre Identität (da ein mentales Ich erst noch unbeträchtlich in der Gesamtstruktur des Individuums wirkte), aus dem Körper, aus der Materie holte! Und dieser Körper gehörte wie alle Materie jener Natur an, welcher sich der Mensch als rebellisches Ich enthob. So geschah es der ersten Männlichkeit derart, wie oben schon beschrieben: Kaum im Bewußtsein ihrer selbst angelangt, und schon erkannte sie das eigene Selbst als Leihgabe; kaum den ersten Funken Geist erlangt, und schon stellte ihm die Materie eine erste Rechnung aus.

Geist und Materie - könnten wir dies Paar auslassen? Der Antagonismus dieser beiden Aspekte als Kontrahenten in der Kosmogonie oder in der Bildung von Prioritäten im Bewußtsein durchzieht die Geistesgeschichte der westlichen Welt von der Naturphilosophie der Vorsokratiker bis zum heutigen Disput über das Verhalten der Quanten im Experiment und des menschlichen Gehirns beim Agieren. Und es mußte sich eine ganze Menge Geist im Gemüt des Menschen manifestieren, bevor das Bedürfnis zur Einheit mit dem Sein der äußeren Materie durch ein neues ausgeglichen sein würde: das Bedürfnis zur Einheit mit dem theoretisch-subtilen Kontinuum gedanklicher Beschlüsse und Projektionen, zur Einheit eben mit dem Geist. Erst dieser letztere, der blinde Passagier im frühen Individuum, der, wie aus dem Nichts angetreten, seine wundersame Alchemie der Ich-Bildung bis hin zum Gold der gewordenen Person betrieb, bot den einzigen Ansatz einer möglichen Befreiung aus der durch bloß materielle Anschauung des Seins auferlegten Schuld. Denn nur im Geist veränderte sich Altes und Neues entstand, wirklich Neues, nirgends bis dahin Vorhandenes. Nur im Geist könnten Prinzipien, die in der Natur das eiserne Diktat des Immergleichen erfüllten, neu gesehen werden und Aspekte hinzu gewinnen, die den Menschen vom Fatum der gnadenlos stummen und starren Materie erlösen konnten. Und so geschah es, daß der Mensch dem Fluch seines Ich nicht anders begegnete als mit der Flucht nach vorn in Richtung immer weiterer Ich-Entfaltung.

Fast hätten wir die Begriffe errungen, die uns zum Verständnis jener Urzeit gereichen könnten, die in der ideologischen Schlampigkeit der Gegenwart das 'Matriarchat' genannt wird. Doch nur fast, denn ein weiterer, das Bewußtsein dieser paläologischen Strukturen prägender Sachverhalt, der in der Kultur-Anthropologie für gewöhnlich geringere Beachtung findet als er verdient, ist das Verhältnis von Licht und Dunkelheit, als Faktoren anfänglicher Bewußtseinsbildung. Der evolutionäre Gang des Menschen nämlich, jener Gang "aus den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit…, zu den lichten Höhen des abstrakten Gedankens", wie wir ihn hier genannt haben, war in der Tat auch im physischen Sinn ein Gang in immer mehr Licht; jede entscheidende Phase wurde von veränderten Lichtverhältnissen begleitet. Der aufrechte Gang wie das Verlassen der düsteren Wälder, beides Veränderungen, die den Menschen in neue Lichtverhältnisse stellten. Ähnlich aber, wie sich das Auge nach erfahrener Dunkelheit erst allmählich ans Licht gewöhnt, trug auch der Mensch das Dunkle lange in seiner Entwicklung nach; die letzten prähistorischen Phasen wie noch die ersten historischen waren geradezu nachterfüllt. Und diese Nacht brachte ihre Elemente dem jungen Bewußtsein nahe, und prägte es - ähnlich wie die Materie - mit ihrer schauerlichen Dialektik.

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