DER MASKULIST
08.03.2004

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ährend heute Que(e)r-PhilosophInnen in den USA und anderswo den 'lesbischen Phallus' in ihrer metaphysischen Linguistik fingieren, um damit die 'Morphologie des biologischen Geschlechts in die Krise zu stürzen', und während in London und noch sonstwo die ersten Frauenpissoirs (wie immer diese geartet sein mögen) entstehen, begnügen wir uns damit, einige Gedanken über den Phallus anzustellen, die geeignet sind, die Facetten seiner Symbolik und ihrer Wirkungsweise in der sozialen und mentalen Entwicklung der Menschheit zu verdeutlichen. Was ist das Phallische?

Die Tempelsäulen der Antike, aber auch die Wolkenkratzer in den Großstädten der Gegenwart sind es, die Obelisken des alten Ägypten wie die Weltraumraketen unserer fortgeschrittenen Technik sind es auch. Das Zepter des Königs und der Stab des Patriarchen, das Schwert des Kriegers, der Dolch des Mörders aber auch des Managers Halsbinde: das alles und - nach der überspitzten Sensibilität der Geschlechterkämpfer - noch vieles mehr sind Symbole des Phallus. Was aber ist der Phallus, daß er von solchen Errungenschaften, Erfindungen und Emblemen der Menschheit symbolisiert werden kann? Ist er tatsächlich das ultimative Ziel all dieser Reflexionen, ist er das Ding an der Endstation all dieser Projektionen, oder ist er vielleicht selbst ein Symbol für ein weit über ihn hinaus weisendes Etwas?

Der Phallus, dessen Wortursprung der gleiche wie der von Pfahl ist, hat als solcher wenig mit dem Organ zu tun, mit welchem Männer stehend ihre Blase entlasten. Das Wort Phallus bezieht sich speziell auf den erigierten, zeugungsbereiten Penis und wird in nahezu allen Wörterbüchern als Symbol von "Kraft und Fruchtbarkeit" gedeutet. Also doch selbst auch ein Symbol! Aber wessen? Wirklich nur von Kraft und Fruchtbarkeit? Denn soweit der Phallus Kraft und Fruchtbarkeit symbolisiert, entspricht dies seinen eigenen Potentialen: er besitzt Kraft und spendet Fruchtbarkeit. Warum aber sollen all jene Gegenstände das gleiche symbolisieren, bloß weil sie mit dem Phallus eine formale Ähnlichkeit teilen, nicht aber selbst immer kraftvoll und nicht fruchtbar sind? Liegt etwa bereits an der Form des Phallus und seiner Gemeinde länglich ragender Objekte eine Symbolkraft und - falls ja - für was? Was symbolisieren der Stab, der Pfahl, der Wolkenkratzer mit dem Phallus gemeinsam?

Ein Objekt, das auf der Ebene steht und von ihr aus ragt, verläßt die zweite Dimension, jene Dimension, die sich auf die Breite erstreckt und die wir als Fläche bezeichnen. Ein jeder Pfahl, eine jede Säule, seien sie jeweils real oder erdacht, bedingen und bewirken die Wahrnehmung der die Fläche erweiternden Dimension, die Wahrnehmung der dritten Dimension: des Raumes. Dieser wiederum ist nicht nur die Wohnstätte alles Seins. Er ist auch Bedingung für erkennende (kognitive) Wahrnehmung überhaupt. Erst im Raum werden Gegenstände als voneinander sich unterscheidende Entitäten wahrgenommen; in einem flächigen, nicht räumlichen Bewußtsein, fände solche Unterscheidung nicht statt; die Fläche als Basis von Bewußtseinsbildung erlaubt eine dreidimensionale räumlich-gegenständliche Wahrnehmung nicht. Menschliches Denken und der Raum gehören zusammen. Ohne die Erfahrung des Raumes gäbe es kein abstraktes Denken!

Damit ist aber nicht bloß der Raum da draußen gemeint, sondern auch der Raum als Idee, als mentaler Inhalt. Ähnlich wie jede andere Idee, ist auch die Idee des Raumes das Ergebnis einer Absorption unseres Bewußtseins, eine Verinnerlichung. So wie wir Gleichnisse der äußeren Gegenstände im Denken als Ideen einführen, um sie dann als Begriffe zu äußern (Logos), so führen wir auch den Raum in unser Bewußtsein ein; denn so wie die Gegenstände den Raum benötigen, um miteinander Zusammenhänge herzustellen und die Welt zu konstituieren, so benötigen auch die Begriffe im Inneren ein Kontinuum für ihre Strukturierung zu Sätzen, Beziehungen, Aspekten und Erkenntnissen. Der Raum ist in jedem Satz, den wir aussprechen, mitgemeint (a priori), er ist Bedingung für ein Denken, in dem Begriffe nicht bloß gespeichert vorliegen, sondern in Interaktion treten sollen, abstrakt (ohne sich jedesmal an die sichtbare Welt anlehnen zu brauchen) funktionieren müssen.

Die frühere Menschheit konnte noch über solche intime evolutionäre Errungenschaften wie die des abstrakten Denkens und des abstrakten Raumes existentielle Freude empfinden! Sie erkannte das Wesen des Menschen, die Idee also, die im Bewußtsein von dem Wort "Mensch" vertreten wird, als unzertrennlich mit dem im Raum Hochragenden. Besonders deutlich wird dies in jenem Wort für den Menschen, das häufig von der Wissenschaft übernommen wird und dessen Etymologie (ano throskein) den Menschen als den Aufwärts-Schauenden, sprich Aufwärts-Strebenden definiert: im Wort "Anthropos". Freilich werden wir hierbei an den Sachverhalt des aufrechten Ganges denken müssen. Und wir wissen, daß dieser Entwicklungsschritt auf doppelte Weise die Entwicklung des Menschen bestimmte:

Zum einen stellte er ihn vor einen neuen Horizont, indem sich das Blickfeld derart verschob, daß seine äußerste Erfahrung nunmehr nicht in der Weite zu fixieren war, sondern am Zenit, in der Höhe, aufwärts Ein Koordinatendenken begann sich durch die nun vertikale Lage zur Erdoberfläche zu entwickeln, und das geometrische Erlebnis der Formen reifte durch das später erlangte abstrakte Denken dazu heran, auch abstrakte Formen, wie etwa die Streckenverhältnisse zwischen Himmelskörpern, wahrzunehmen, zu deuten und im schöpferischen Prozeß zu integrieren. Zum anderen trugen die durch den aufrechten Gang eingetretenen anatomischen Veränderungen im Bereich der Kehle zur Entstehung der Sprache bei, die zweifelsfrei mit der Errungenschaft des aufrechten Ganges zusammenhängt.

Über die Faktoren, die Menschen zum aufrechten Gang bewegten, herrscht noch immer in der Wissenschaft eine pluralistische Fülle von Spekulationen. Manche dieser Spekulationen setzen ökologische Veränderungen voraus, denen sich Menschen durch den aufrechten Gang anpaßten, andere wieder gehen von existentiellen Engpässen aus, die unsere Vorfahren durch den aufrechten Gang bewältigten. Mittlerweile stehen all diese Vorschläge ziemlich gleichberechtigt nebeneinander und ergeben folgendes Profil der von Wissenschaftlern angebotenen Gründe: Das veränderte Nahrungsangebot durch die Verwandlung der Wälder in Steppen erforderte das Tragen der Nahrung über weite Strecken und also die Befreiung der Hände von den Aufgaben der Fortbewegung. Zusätzlich soll der aufrechte Gang den späteren Steppenbewohnern auch durch den Überblick über die Landschaft zugute gekommen sein, da so Gefahren früher erkannt werden konnten. Überdies sei die geringere Fläche, die der menschliche Körper durch den Übergang in das aufrechte Gehen der Sonnenstrahlung bot, ein Umstand, der die Gefahr einer Überhitzung beträchtlich reduzierte. Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde zu alledem eine Theorie entwickelt (Owen Lovejoy), die den aufrechten Gang in die Nähe der ersten monogamen Familienbildungen bringt: Das Transportieren der Nahrung an einen zentralen Ort erleichterte dem Weibchen die Aufzugsphase des Nachwuchses, der nunmehr nicht bei der Nahrungssuche mitgetragen werden mußte, und machte es bereiter zum häufigeren Nachwuchs und so auch Sexualverkehr, wovon auch die Männchen profitierten. Doch schon als Baumbewohner waren Primaten dem aufrechten Gang geneigt, wie der Fingerknöchelgang mancher Menschenaffen vermuten läßt.

Es ist uns hierbei weniger von Belang, welche von diesen Thesen die ausschlaggebende sein soll, oder wie all diese Thesen einander gegenüber stehen. Sie alle berufen sich lediglich auf Vorzüge oder Wirkungen des aufrechten Ganges, die von den jeweiligen Verfassern als Ursachen angesehen werden. Auch eine Diskussion über die Berechtigung solcher Kausalschlüsse wäre an dieser Stelle nicht der Sinn unserer Erkundung.

Da allerdings eine jede Gangart (ob zwei- oder vierbeinig) ganz gewiß das sichere Stehen auf der entsprechenden Beinanzahl voraussetzt, dürfen wir die oben kurz vorgestellten Hypothesen um die Frage erweitern, ob wir etwas Konkreteres aus der Tierverhaltensforschung über die Anfänge des zweibeinigen Stehvermögens unter den Säugern erhalten können. Schon beim Aussprechen dieser Frage fällt uns vielleicht das Bild des aufgebrachten Bären ein oder jenes des an der mit 'Händen' gehaltenen Nahrung knabbernden Eichhörnchens, das Bild der hochspringenden Katze, des nach dem Ast über ihm strebenden Affen; alles Szenen aus dem Alltagsleben der Tiere, in welchen sich ein Strecken des Körpers nach oben (ano throskein) oder ein kurzweiliges Stehen auf zwei Beinen unter gleichzeitigem Gebrauch der 'Hände' rein gelegentlich zeitigt.

Solche Reaktionen sind dennoch Momente, die, wenn auch durchaus instinktiv, nicht obligatorischen Funktionen gehorchen, sondern eher das spontane, quasi zufällige individuelle Verhalten eines Tieres kennzeichnen. Ihre Unterlassung hätte das Leben des jeweiligen Tieres erschwert oder gefährdet, aber sie hätte das Leben der Spezies nicht berührt. Sie sind eher episodisch, nicht permanent, daher auch deren Ausführung nicht gewiß, was heißt: Nicht in jedem Fall wird sich das Tier gemäß unserer Erwartung verhalten und sich auf zwei Beine stellen, bloß weil in einem ähnlichen vorangegangenen Fall dies so geschehen war. Vor allem aber sind diese Momente des Aufrechtstandes bei Tieren nicht, wie wir gleich sehen werden, die ursprünglichsten.

So fahren wir also fort auf der Suche nach jenem Auftreten physischer Aufgerichtetheit, das sich bei den evolutionär fortgeschrittenen Spezies nicht wahrscheinlich, sondern gewiß einstellt und welches nicht ein vages individuelles, sondern ein konstantes und obligatorisches, speziesbezogenes Verhalten ist und zudem autochthoner als die Bewältigung spezieller Situationen der Individuen. Wir kommen so auf das Verhalten des Männlichen bei der Kopulation. Die Kopulation ist der die gesamte Spezies betreffende, dem Individuum übergeordnete Akt des Sich-Aufrichtens und zudem der ursprünglichste, da er wahrhaftig seit Anbeginn aller Zeugungsprozesse unter den Säugern und anderen Arten praktiziert wird!

Ist es nicht eine seltsam erheiternde Beobachtung, wenn wir das Treiben von Tieren gewahren, die sich gerade in solcher Stellung befinden? Stellt sich nicht eine leise Verwunderung ein, wenn sich dabei unweigerlich eine gewisse Menschenähnlichkeit aufzeigt, die sich durch die oft mühsam aufrechterhaltene Stellung des männlichen Tieres behauptet? Und je mehr die gesamte Anatomie der Spezies vom Menschen differiert, desto größer ist diese Verwunderung über das Entstehen einer solchen, allein von der Lage des Körpers herrührenden Verwandtschaft. Selbst Wesen, die aus keinem anderen Grund eine Veranlassung dazu hätten, sich jemals aufzurichten, sogar solche, die ein Fallen auf den Rücken mit dem Leben büßen könnten, tun es - und sei es auch minimal - bei der Kopulation. Krabbelnde Käfer etwa oder die ansonsten kriechende Landschildkröte.

Sex also als Förderer der Evolution? Das wäre so ja nicht die Frage. Denn, daß Fortpflanzung ein Instrument der Evolution ist und nicht umgekehrt, wie gewisse trübe Köpfe der Gegenwart verkünden, steht außer Frage. Sex ist ein solches Instrument schon dadurch, daß es die Vermehrung der Arten nach den Auswirkungen der evolutionären Selektionsprozesse trägt, welche die Spezies zu ihrer Optimierung oder zu ihrem Untergang hin leiten. Aber ist Sex schon als Praxis ein Symbol, eine Prophetie des evolutionären Aufstrebens der Spezies in Richtung Anthropos? Die Antwort auf diese Frage ist es, die uns evidente Einblicke in die spezielle Gestik und in die allgemeine Symbolik des Phallus gewinnen läßt. Diese Einblicke lassen uns auch die Fülle der Bedeutungen erkennen, die der Phallus in den Vorstellungen der Völker, von den Anfängen matrilinearer Barbarentümer (der Feminist nennt sie 'Matriarchate' und wähnt sie gern friedlich und 'spirituell') bis zu unserem Informationszeitalter, innehat.

Es mag verwundern, welche Verwandtschaft zwischen dem Phallus in seiner physischen Charakteristik und den neurobiologischen Faktoren besteht, die sich beim Entstehen des Phallus im Mutterleib beteiligen! Gemeint ist etwa folgende Parallele:

Der symbolische Phallus - wie die Säule oder der Obelisk - korreliert im Bewußtsein mit der Wahrnehmung der räumlichen Dimension. Der tatsächliche Phallus und so die Männlichkeit entstehen durch jene Wirksamkeit des Y-Chromosoms, die unmittelbar das männliche Hormon Testosteron einsetzt. Nun ist wieder dieses gleiche Hormon die Ursache für das räumliche Bewußtsein beim Mann, das bekanntlich erheblich ausgeprägter ist als bei der Frau. Eine weitere Parallele: Das den Raum erschließende Phallussymbol deutet aufgrund seiner vertikalen Lage zur Ausgangsfläche (Erdboden) zugleich auf Aufstieg hin. Das räumliche Bewußtsein bewirkt ebenfalls mentalen Aufstieg, indem es das abstrakte Denken bedingt und einsetzt und so den Menschen in der Evolution als Höheres herausstellt. Wir könnten weitere Parallelen dieser Art herstellen, die bekannte männliche Eigenschaften und Verhaltensmuster wie das sog. Imponiergehabe des Tiermännchens oder dessen ausgeprägteren Stimmgebrauch, die körperliche Größe u. ä. auf der symbolischen Ebene des Phallischen reflektieren. Wir würden erkennen, daß der Antrieb für all dies mit einer tatsächlichen Exposition im wirklichen Raum einher geht, die durch nichts anderes besser illustriert werden kann als durch den Phallus. Und im Tierreich ist die Revierverteidigung die augenfälligste Reaktion auf diesen Impuls, die bekanntlich den Männchen zufällt!

Doch nützlich für unsere weiteren Betrachtungen wäre es, einen gemeinsamen Nenner für alle bisherigen Aspekte des Phallischen zu erbringen. Wir lagen gar nicht falsch, als wir eben den Begriff "Exposition" in diesen Erläuterungen einbrachten. Sich exponieren heißt, sich aus-stellen, hervortreten, es heißt, aus der passiven Mitte zu treten um das Gegebene, das Erreichte oder Etablierte jenseits seiner selbst, in Richtung seiner Erweiterung, seines Transzendierens, seiner Evolution zu bewegen. (Tiere, da sie über keinerlei Transzendenzmöglichkeiten verfügen, müssen sich mit der Zusammenhaltung des Etablierten begnügen; ihre phallischen Impulse erschöpfen sich daher in der Verteidigung des Reviers und in der Vermehrung ihrer Art; sie trachten selbstverständlich nicht nach überschreitender Erweiterung, also Geschichtsherstellung. Würden wir mit den Begriffen Sigmund Freuds sprechen, hat sich die tierische Libido nicht über den Bereich der Sexualität zu jenem der Kreativität sublimiert.)

Die Verschmelzung des Maskulin-Phallischen mit der Transzendenz hat schon Feministinnen der ersten Stunde ziemlich beschäftigt, wenn nicht mächtig attackiert (Simone de Beauvoir). Die Versuche, die Kategorien abzuschaffen oder umzudeuten, auf denen Formeln wie: Mann/Frau = Kultur/Natur = Transzendenz/Immanenz begründet werden, setzen sich noch heute fort und erreichen immer absurdere Ausmaße in den Diskurskreisen jener Queer- und GenderstudentInnen dekonstruktivistisch-poststrukturalistischer Eingebung. Doch zu diesem Thema könnten spätere Seiten folgen. Erwähnenswert wäre übrigens hier noch folgendes Detail im Hinblick auf die hier bereits abgehandelte 'Stehpinkeldebatte': Für die Feministin ist die stehende Haltung des Mannes nämlich insofern kränkend als sie eine größere Unabhängigkeit des Mannes bei natürlichen Prozessen demonstriert. Sie ist phallisch-aufrecht, ein klein wenig naturüberwindend, ein klein wenig transzendent eben.

Diese Aspekte lassen uns sowohl erkennen, warum das Phallische eine so entscheidende Symbolkraft bei den verschiedensten Völkern und Kulturen erreichte als auch warum ihm unter gewissen ideologischen Einflüssen der Gegenwart soviel Ablehnung zuteil werden mußte; warum es heute so offenherzig gehaßt wird. Womit wir wieder bei unserer Haß-Analyse wären, und zwar dort, wo sie sich auf die "geistig-intellektuellen Gefilde" des Hasses erstreckt, "in welchen seine Keime besonders effizient genährt und gezüchtet werden", wie es hier einmal hieß. Allerdings geht es uns hier allein um die weiteren Aspekte des Phallischen, die seine Wirksamkeit während der Begründung, Festigung und Strukturierung von Gruppen, Gesellschaften und Sozialsystemen betreffen, seine Wirksamkeit also im Kulturprozeß.

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