Aspekte des Phallischen
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ährend heute Que(e)r-PhilosophInnen in den USA und anderswo den 'lesbischen Phallus' in ihrer metaphysischen Linguistik fingieren, um damit die 'Morphologie des biologischen Geschlechts in die Krise zu stürzen', und während in London und noch sonstwo die ersten Frauenpissoirs (wie immer diese geartet sein mögen) entstehen, begnügen wir uns damit, einige Gedanken über den Phallus anzustellen, die geeignet sind, die Facetten seiner Symbolik und ihrer Wirkungsweise in der sozialen und mentalen Entwicklung der Menschheit zu verdeutlichen. Was ist das Phallische?
Die Tempelsäulen der Antike, aber auch die Wolkenkratzer in den Großstädten der Gegenwart sind es, die Obelisken des alten Ägypten wie die Weltraumraketen unserer fortgeschrittenen Technik sind es auch. Das Zepter des Königs und der Stab des Patriarchen, das Schwert des Kriegers, der Dolch des Mörders aber auch des Managers Halsbinde: das alles und - nach der überspitzten Sensibilität der Geschlechterkämpfer - noch vieles mehr sind Symbole des Phallus. Was aber ist der Phallus, daß er von solchen Errungenschaften, Erfindungen und Emblemen der Menschheit symbolisiert werden kann? Ist er tatsächlich das ultimative Ziel all dieser Reflexionen, ist er das Ding an der Endstation all dieser Projektionen, oder ist er vielleicht selbst ein Symbol für ein weit über ihn hinaus weisendes Etwas?
Der Phallus, dessen Wortursprung der gleiche wie der von Pfahl ist, hat als solcher wenig mit dem Organ zu tun, mit welchem Männer stehend ihre Blase entlasten. Das Wort Phallus bezieht sich speziell auf den erigierten, zeugungsbereiten Penis und wird in nahezu allen Wörterbüchern als Symbol von "Kraft und Fruchtbarkeit" gedeutet. Also doch selbst auch ein Symbol! Aber wessen? Wirklich nur von Kraft und Fruchtbarkeit? Denn soweit der Phallus Kraft und Fruchtbarkeit symbolisiert, entspricht dies seinen eigenen Potentialen: er besitzt Kraft und spendet Fruchtbarkeit. Warum aber sollen all jene Gegenstände das gleiche symbolisieren, bloß weil sie mit dem Phallus eine formale Ähnlichkeit teilen, nicht aber selbst immer kraftvoll und nicht fruchtbar sind? Liegt etwa bereits an der Form des Phallus und seiner Gemeinde länglich ragender Objekte eine Symbolkraft und - falls ja - für was? Was symbolisieren der Stab, der Pfahl, der Wolkenkratzer mit dem Phallus gemeinsam?
Ein Objekt, das auf der Ebene steht und von ihr aus ragt, verläßt die zweite Dimension, jene Dimension, die sich auf die Breite erstreckt und die wir als Fläche bezeichnen. Ein jeder Pfahl, eine jede Säule, seien sie jeweils real oder erdacht, bedingen und bewirken die Wahrnehmung der die Fläche erweiternden Dimension, die Wahrnehmung der dritten Dimension: des Raumes. Dieser wiederum ist nicht nur die Wohnstätte alles Seins. Er ist auch Bedingung für erkennende (kognitive) Wahrnehmung überhaupt. Erst im Raum werden Gegenstände als voneinander sich unterscheidende Entitäten wahrgenommen; in einem flächigen, nicht räumlichen Bewußtsein, fände solche Unterscheidung nicht statt; die Fläche als Basis von Bewußtseinsbildung erlaubt eine dreidimensionale räumlich-gegenständliche Wahrnehmung nicht. Menschliches Denken und der Raum gehören zusammen. Ohne die Erfahrung des Raumes gäbe es kein abstraktes Denken!
Damit ist aber nicht bloß der Raum da draußen gemeint, sondern auch der Raum als Idee, als mentaler Inhalt. Ähnlich wie jede andere Idee, ist auch die Idee des Raumes das Ergebnis einer Absorption unseres Bewußtseins, eine Verinnerlichung. So wie wir Gleichnisse der äußeren Gegenstände im Denken als Ideen einführen, um sie dann als Begriffe zu äußern (Logos), so führen wir auch den Raum in unser Bewußtsein ein; denn so wie die Gegenstände den Raum benötigen, um miteinander Zusammenhänge herzustellen und die Welt zu konstituieren, so benötigen auch die Begriffe im Inneren ein Kontinuum für ihre Strukturierung zu Sätzen, Beziehungen, Aspekten und Erkenntnissen. Der Raum ist in jedem Satz, den wir aussprechen, mitgemeint (a priori), er ist Bedingung für ein Denken, in dem Begriffe nicht bloß gespeichert vorliegen, sondern in Interaktion treten sollen, abstrakt (ohne sich jedesmal an die sichtbare Welt anlehnen zu brauchen) funktionieren müssen.


