DER MASKULIST
04.05.2004

D

ie zeugende Dynamik des Phallischen, deren extrovertierte Beanspruchung des Raumes heute ausschließlich unter dem Etikett des Aggressiven beschrieben wird, ist in der Tat kein Potential, das in der Geschichte nur Spaßiges erzeugte! Vielmehr ist die Geschichte, soweit wir sie als Geschichte der Zivilisierung des Planeten betrachten, zum großen Teil eine Chronik der Formung, der Regulierung und der Läuterung dieses Potentials, eine Chronik der Kulturentwicklung eben. Die Notwendigkeit solcher Zügelung, Formung oder Läuterung ergab sich innerlich aus dem Streben nach weiterer Entwicklung und äußerlich aus dem Zusammenleben der Menschen. Diesen beiden Faktoren verdanken wir alle Kultur. Das Zusammenleben verlangte gewisse Standards, die bewahrt werden mußten, um den Teilnehmern eine Plattform zu gewährleisten, die ihren physischen und mentalen Bedürfnissen gerecht sein konnte. Und wo etwas bewahrt werden soll, dort wird die Skepsis gegenüber dem Neuen wirksam und die weitere Entwicklung anhaltender.

So pulsiert eine jede Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen zwei Antrieben, die sich gegenseitig bedingen und sich gegenseitig auszugleichen streben: Zwischen dem Bewahren, Ausdehnen und Verwalten des bis dahin Erreichten, das sich als Fundament des Gemeinschaftslebens etabliert hat, und dem Streben nach Erweiterung, nach gesellschaftlicher Evolution, nach dem Neuen. Diese beiden Antriebe werden nebeneinander befolgt und sind in bezug auf ihre Wirkung förderlich in ihrer Ausgeglichenheit, aber destruktiv in der dekadenten Übergewichtung eines von ihnen.

Wir wenden zunächst unseren Blick auf die verschiedenen Instanzen und Faktoren, die dieser spannungsreichen Polarität Aktionsfelder und Ausdrucksformen verschaffen. Wir beginnen mit der allgemeineren dieser Ambivalenzen und stellen fest, daß es sich dabei um die grundlegende Spannung einer jeden Gegenwart handelt, die ihren konstitutiven Konsens zwischen dem sicheren weil gewissen Erbe ihrer Vergangenheit und den unsicheren weil ungewissen Forderungen ihrer Zukunft sucht. Es ist der Kampf des Vorhandenen mit dem Künftigen, des Erreichten mit dem Möglichen, des Alltags mit der Vision.

Weil das Künftige für den sich im schmalen Kreis seiner privaten Interessen bequemenden und gegenüber allgemeinen Prozessen desinteressierten Alltagsmenschen noch nicht in der Welt des Vorhandenen sichtbare Attribute trägt, hat seine Vertretung stets in den Händen einiger weniger gelegen, zu Beginn sogar meist in den Händen eines einzelnen Menschen. Es ist bei den Stationen der Kulturentwicklung zu beobachten, daß immer ein Individuum der Initiator einer Bewegung, einer jeden Schule, eines jeden folgenreichen Gedankens gewesen ist! Die gerade oben erwähnte Spannung der jeweiligen Gegenwart im Mittelfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft, Vorhandenem und Kommendem, öffnet uns so einen weiteren Aspekt ihrer Erscheinungsformen innerhalb der Kulturentwicklung: das Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Individuum.

Dieses weitere Spannungsfeld aktualisiert sich zwar erst dann auf dramatische Höhen, wenn ein epochemachendes Individuum die berühmte Bühne der Geschichte betritt und Intentionen unterbreitet, die den bis dahin praktizierten kulturellen Modus revolutionieren oder beträchtlich modifizieren wollen. Kleine Portionen aber dieser Spannung erleben viele Menschen der Art Individualist für sich. Es sind jene oft unannehmlichen kleinen Gewißheiten über die Auffälligkeit des persönlichen Andersseins gegenüber den üblichen Verhaltensweisen in der soziokulturellen Interaktion. (Ganz nebenbei sei hier erwähnt, daß dieses Feld der Spannung zwischen dem Kollektiv und dem Einzelnen die bedeutendsten Inspirationen an die Weltliteratur und -dramaturgie lieferte: Die Geschichte des am Widerstand seiner Zeit gescheiterten Märtyrers oder die des trotz solchen Widerstandes die Welt erobernden Genies, die Erzählung vom Hirten, der zum König wurde, oder vom mittellosen Lehrling, der später die Branche beherrschte, vom verspotteten Künstler, dessen Kunst am Ende neue Maßstäbe setzte; sie alle schildern Biographien, die im Kampf mit ihrer standardgemäßen Gegenwart siegten oder scheiterten.)

Dieser Aspekt des Individuums, das, phallisch aufsteigend, die Gesellschaft, von der es stammt, mitzureißen sucht, interessiert uns hier etwas eingehender. Denn die Deutung dieser beiden Instanzen (des Kollektives und des Einzelnen) als gegensätzlicher Faktoren in Parallele zu männlich und weiblich bietet ein ergiebiges Anschauungsspektrum der beiden letzteren Normen. Die Gruppe als ein Weibliches, das Individuum aber als ein Männliches? Wie kommt es zu solcher Zuteilung? Welche Spuren hat diese Gegenüberstellung in der Vergangenheit hinterlassen, wie entstand sie und vor welchen Hintergründen erweist sie Legitimität?

Die Gruppe ist für die allgemeine Kultur- wie auch für die persönliche Fortentwicklung des einzelnen Menschen eine unverzichtbare Plattform! Unter anderem deswegen, weil das gemeinsame mentale Leben als Speicherorgan für die kommenden Generationen dient, die so nicht jede einzelne Erfahrung neu machen müssen, sondern sie durch Tradition und Bildung überliefert bekommen können, um sie weiter aufzubauen und fortzuführen. Gäbe es nicht das Zusammenleben in der Gruppe, hätte jede neu entstandene Generation auch neu anfangen müssen, Elementares zu erwerben. Die Menschwerdung wäre ein mühseliges, hoffnungsloses Sisyphusdrama.

Doch die Gruppe benötigt eine konsolidierende Gemeinsamkeit, die den Zusammenhalt gewährleistet, und das war in den ursprünglichen Sippen die Verwandtschaft der Mitglieder, eine Beziehungsform, deren Nachweis anhand der Geburt nachvollzogen wurde, anhand eines Tatbestandes also, dessen Träger die Mutter allein war! Bedenken wir, daß der Akt der Zeugung, an welchem sich die Beteiligung des Vaters biologisch erschöpft, zeitlich ins Minimale begrenzt und vom Zeitpunkt seines Ergebnisses, der Geburt, verschwindend weit entfernt ist. Zudem entzieht sich ihr Bezug zu der Geburt des gezeugten Menschen dem anschaulichen Denken, dem Denken also, das nicht auf abstrakten Schußfolgerungen, sondern auf der bloßen Wahrnehmung von Ereignissen beruht, und zu welchem allein unsere frühen Vorfahren fähig waren. Die Zeugung bot somit dem anfänglichen Denken der Menschheit kaum stichhaltige Merkmale, um sie im Fluß der Vorkommnisse, die zu der Geburt führten, als wesentlich zu realisieren und so als tragenden Nachweis von Verwandtschaft wahrzunehmen. Ferner wäre die Festlegung einer Vaterschaft in Gruppen kaum möglich, die in Promiskuität lebten. Die einzige sichere Verifizierung der Angehörigkeit zu der Sippe rührte also von der mütterlichen Geburt her, und so bildeten sich die ersten Gemeinschaften um die Mutter, sie waren mutterzentriert. (Die Verschmelzung der Mutter mit der Gemeinschaft setzte sich allerdings auch später in der monogamen Familie fort, in der Mütter wesentlich präsenter waren als Väter, die in der Regel den härteren Außendienst übernahmen.)

Dieser Bezug des Gemeinschaftlichen zum Weiblichen ist offensichtlich der Grund, warum in vielen Sprachen die generalisierte Form des Plurals mit dem weiblichen Artikel eingeleitet wird, warum Städten der Antike weibliche Götter vorstanden, und vielleicht auch warum weibliche Allegorien wie Justitia oder die Musen für kulturelle Ausdrucksformen und Einrichtungen stehen, die dem Kollektiv zugute kommen. Bis in die Visionen individueller Grenzerfahrungen ist solche Symbolik eingedrungen: Rom oder Babylon als Huren, das Neue Jerusalem als Himmelsweib, die Gemeinde der Gläubigen als die liebliche Braut Gottes oder als die Geliebte in Salomons Hohelied - alles Archetypen im gleichen Symbolismus.

Die Neigung zum Vorhandenen in den alten Sippen und ersten Gesellschaften bedeutete vor allem Naturgebundenheit, denn solange es an menschlichen Errungenschaften fehlte, waren die Natur und deren Einrichtungen alles, was vorhanden war. Und die Natur, das war nicht nur die Umwelt um den Menschen, sondern das war auch die Natur des Menschen selbst - wir sprechen heute von seiner Biologie. In dieser Biologie, deren bedeutsamstes Ereignis in der Reproduktion des Menschen offenbar wurde, war die Frau, eben aufgrund ihrer intensiveren Beteiligung stärker involviert als der Mann. Diese besondere Eingebundenheit des weiblichen Organismus im natürlichen Reproduktionsprozeß erhielt eine zusätzliche Betonung durch die Ähnlichkeit dieses Prozesses mit den sonstigen produktiven Naturphänomenen wie etwa dem wundersamen Aufsprießen der Pflanzen aus dem Mutterboden. Faktisch und symbolisch verschmolz so die Vorstellung von der Frau nicht nur mit jener von der Gemeinschaft, sondern auch mit jener von der Natur zusammen.

War nun die Natur alles, was der Mensch der Urzeit kannte, oder gab es da ein zweites Etwas, ein weiteres Kontinuum jenseits aller Natur und alles sinnlich Vorhandenen; einen anderen Raum auf welchen er, der frühe Mensch, hätte seine noch fahle Aufmerksamkeit richten können? Ja, es gab so etwas wohl, und dieses Etwas schien sich der Natur gegenüber ähnlich zu verhalten wie die ungewisse Zukunft gegenüber der robusten Gegenwart, wie das innehaltende Individuum gegenüber der getriebenen Masse oder wie der dezent-wirksame Augenblick der Zeugung gegenüber den sichtbaren Abläufen der langwierigen Schwangerschaft und der blutbeschmierten Geburt. Subtil und eindringlich zugleich war dieses Andere, nirgends wirklich präsent und irgendwie über alles bestimmend; ein alles durchdringender Hauch, der aber auf seine Weise die Wirklichkeit stärker zu beanspruchen und zu vereinnahmen schien als selbst die groben Steine oder die mächtigen fernen Berge: Es war das Denken!

Wobei wir das eben ausgesprochene Wort gleich wieder revidieren müssen. Denn ein Denken in unserem heutigen Sinn war dies damals noch nicht. Wie der geistige Prozeß in jenen Vorzeiten vonstatten ging, können wir heute anhand von Untersuchungen erahnen, die sich mit Zuständen unseres Denkorgans befassen, in welchen das begriffliche abstrakte Denken des gegenwärtigen Menschen ausgeschaltet wird, wie es etwa in der Hypnose der Fall ist. Doch ein jeder von uns kann sich auch ohne wissenschaftliche Experimente den denkerischen Modus des frühen Menschen etwas vergegenwärtigen. Man achte an manchen Tagen, an welchen uns die Wonne der Trägheit unser Bett etwas länger zu hüten verführt, als uns unser Wecker erlauben wollte, auf die eigenen mentalen Vorgänge: "Ich muß aufstehen!", erklingt in uns ein säuberlich in Begriffen gefaßter Vorsatz. Wir aber drehen uns noch einmal um und geben uns der Wollust eines erschlichenen Wiedereindämmerns hin. Doch wir haben ohne den Wirt gerechnet! Denn unversehens stellen sich Bilder in uns ein. Bilder vielleicht, in denen wir die kantige Rolltreppe zu unserer Bahn hastig hinunter walzen, an deren Ende uns noch dazu ein zwei Meter großer Unsympath von einem Hund, hinter dem eine überdimensionale Uhr mit verbogenen Zeigern zu sehen ist, böswillig anknurrt. Wir wachen sofort wieder auf, denn es war unser Chef, der zum Glück eigentlich nur demonstrativ auf die Uhr zu schauen pflegt, wenn wir zu spät unsere Dienste bei ihm abliefern. Unser Denken hatte eben Bilder benutzt, um uns an jenen Vorsatz drastisch zu erinnern, den wir kurz davor in passendem Wort artikuliert hatten; denn im abgedämpften Gang ist unser Bewußtsein der Begriffe nicht mächtig! Bilder dagegen sind billigere Importe, Fertigprodukte von der Welt da draußen, von der Welt der Anschauung, die uns durch die bloßen Sinne geliefert werden und leichter aufzustellen sind, als Gedanken erzeugt werden. Gedanken nämlich sind recht aufwendige Produktionen einer komplexeren Aktivität, die von uns mehr als unser Erinnerungsvermögen verlangt. In verinnerlichten Bildern, Vorstellungen, vollzog sich daher auch das Denken der frühen Menschen, das also mehr ein Schauen war, ein Schauen jener Bilder etwa, die uns in den Mythen überliefert werden sollten, welche uns auch tatsächlich über lange Zeiten hinweg erreichten.

Solches mythische Bewußtsein hatte zwar schon begonnen, sich als Subjekt vereinzelt in einem andersartigen Ganzen wahrzunehmen, was bereits ein Fortschritt im Vergleich zu früheren Stufen gewesen war. Von einem individuellen Selbstbewußtsein im heutigen Sinn kann jedoch nicht die Rede sein. Und für die Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft war seine Bilderlast sperrig und dazu noch viel zu vage. Denn, wie sollte man dem Anderen die Bilder vermitteln, die man selbst gerade erlebte? Analog ging das schlecht. Die Bilder müßten in ein komfortableres Übertragungs-Format umgewandelt werden, das der kompatible Empfänger, der über das gleiche Umwandlungs-Modul verfügte, mühelos wieder in das ursprüngliche Bilder-Format umsetzen konnte. Das ging durch Worte, d.h. Denken und Sprache, durch die größte Erfindung aller Zeiten also! So fing der Mensch an, seine Bilder anhand ihrer ausgemachten Ähnlichkeiten in Ideen zu rationalisieren. Alles, was einen Stamm mit darauf wachsenden Ästen und Blättern aufwies, wurde unter der Idee "Baum" aufgeführt und alles, was nachts am dunklen Firmament leuchtete, unter "Stern".

Freilich wurde zu Beginn fleißig geübt: Man sagte "Stern", wenn da ein Stern zu sehen war, und zeigte auf ihn, man sagte "Baum" und zeigte auf den Baum. (Wir kennen das Verhalten vom Kleinkind, das erst eine Sprache erlernt.) Bis die Ideen, die in den Worten steckten, die Begriffe, sich von der Anschauung emanzipierten und auch ohne diese zu funktionieren begannen. Erst durch den später angewandten Artikel konnten Substantive so weit isoliert werden, daß sie der jeweiligen beliebigen Situation, der sie das Bewußtsein unterwarf (Kasus), entsprechen konnten, unabhängig von der Lage, welche die durch sie repräsentierten Gegenstände in der Natur einnahmen (die 'Signifikanten' im Sinne moderner Linguisten). Die Symbole trennten sich von dem in ihnen Dargelegten und bildeten eigenständige Konstellationen; der Mensch wurde theoretisch, d.h. anschauend auch bei fehlender Anschauung - richtig gelehrt schon!

Es muß ein immenses Vergnügen für Adam gewesen sein, fröhlich durch den Garten Eden zu schlendern und den Wesen Namen zu vergeben. Als erkennender Ideenschöpfer, als schöpferischer Geist, erlebt der Mensch sein höchstes Vergnügen. Wo diese Ader vernachlässigt wird, gibt es kaum noch tragende Aufbauprozesse. Die drolligen Fakten-Schlepper unserer modernen Biologie wollen als höchstes Bestreben selbstbewußter Wesen die Kopulation zwecks Verteilung der eigenen Gene definiert wissen - welches Armutszeugnis fürs Zeitalter! Das ist, warum man deren Lektüre bald nicht mehr wird ertragen können, die Mythen der Völker aber auch in den kommenden Jahrtausenden zu seinen 'heiligen' Büchern wird erklärt haben wollen.

Nur ist aber leider auch Adam, der Frühmensch, bei seiner fröhlich kreativen Aufzählung nicht lang unbeschwert geblieben. Denn es ging ihm nur so lange gut dabei, bis er auf jenes Wesen stieß, dessen Benennung sich nicht mehr ganz so unproblematisch bot wie die der anderen. Es machte Spaß, der Natur ihre Wesen zu entreißen, sie in Begriffen zu abstrahieren und so - fern alles Naturzwanges - sein Bewußtsein mit Bedeutungen (für moderne Linguisten mit 'Signifikaten') zu füllen! Das machte auch ehrlich den Wesen gar nichts aus, daß Adam sie für sich der Natur enthob und in Ideen umwandelte. Dann aber, als es so weit kam, daß der alles Benennende sich selbst dran sah, als er zum ersten Mal bewußt das kleine hübsche Wörtchen "Ich" aussprach und ihm klar wurde, daß dieses Ich seinen Hang zu Namen und Abstrakta daher hatte, daß es selbst längst kein solider Teil der Natur mehr war, sondern eine zwischen Himmel und Erde hängende Blässe; da verdunkelte sich der Himmel über Adam beträchtlich und die Erde unter seinen Füßen begann zu wanken! Etwas sehr Tragisches trug sich mit der Erkenntnis zu. Der Mensch verließ daraufhin den biblischen Kurort und begann in weniger erfreulichem Ambiente an seiner Kulturgeschichte zu schreiben. Hat dieser Vorfall viel mit unserer Geschlechterdebatte zu tun? Wohl schon, denn Adam war ja nicht allein. Vor allem aber wurden auch in diesem Fall Mann und Frau - fern aller Gendergerechtigkeit - unterschiedlich betroffen. Warum das?

Die Erlangung eines mentalen Ich, d.h. der Aufstieg des Empfindens einer isolierten individuellen Ganzheit aus den chthonischen Regionen unbewußter Körperlichkeit, deren Innenleben lediglich zwischen Lust und Unbehagen oszillierte (Sigmund Freuds "Es"), zu den lichten Höhen des abstrakten Gedankens eines "Ich bin", verlief bei beiden Geschlechtern in unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlichen Konsequenzen. Denn wir haben gesehen, daß auch der Ausgangspunkt dieses Fluges, die anfängliche Naturgebundenheit, von jedem der beiden Geschlechter in unterschiedlichem Maß empfunden und gelebt wurde. Und das hatte faktische wie psychologische Hintergründe:

Zum einen wurde - wie schon erwähnt - die Frau biologisch vom Reproduktionsprozeß beansprucht, und dieser – "Umstände" genannter - Umstand verlangte gravierende Anpassungen ab, die nahezu die gesamte Jugend eines weiblichen Menschen bestimmten! Die labile Situation des Zweier-Organismus einer werdenden Mutter, der so der Gemeinschaft den biologisch nennenswertesten Dienst bot, ließ keine politisch allzu korrekten Spekulationen hinsichtlich der Positionierung von Mann und Frau im gesellschaftlichen Umfeld zu. Der Mann war (und ist) körperlich der äußere Mensch, der an den Peripherien einer Gesellschaft weilte, der die Beschützer-Exekutive ausführte. In dieser Umtriebenheit aber übte er sich in vielem, was zwar primär darauf hinzielte, diese seine Aufgabe wahrzunehmen, was aber in Erweiterung auch zu den erquicklichen Entdeckungen der Wissenschaften wie auch zu weiteren Erfahrungen führte, die nur außerhalb der alltäglichen Mitte gemacht werden konnten. (Noch in unserer Zeit sind wichtige Errungenschaften wissenschaftlich-technischer Natur oft Nebenprodukte militärischer Betätigung - man denke nur an die Entstehungsgeschichte des Internet!) Und all dies wiederum stärkte und prägte jenen Mechanismus des Aufnehmens, Differenzierens und Abstrahierens, der auch den Prozeß der Individuation bedingte. Für letzteren - wie Adam schmerzlich erfuhr - ist nämlich die Neigung förderlich, die Bestandteile der Wirklichkeit und so auch sich selbst zu vereinzeln; Selbstvereinzelung und Abstraktion sind nur weitere Aspekte der Individuation. Wir wollen hier auf die neurologischen und hormonellen Bedingungen, die nach der heutigen wissenschaftlichen Sachlage diese Spezialisierung des Mannes im räumlich-abstrakten Bewußtsein bestätigen, verzichten. Zum einen, weil die Evidenz der hier eher theoretisch angelegten Betrachtungen diese Studien überflüssig macht, zum anderen aber auch, weil die populistische Einfalt, mit der solche Ergebnisse heute auf dem Büchermarkt herumgereicht werden ('Männer parken ein, Frauen hören zu…' etc.) schlicht zu dämlich ist, um die Lust am Gebrauch dieser Fakten nicht zu verringern.

Ein weiterer psychologischer Faktor, der den männlichen Heranwachsenden zur Individuation drängt, ist im Anderssein zu der Mutter zu sehen. Während sich die weibliche Sozialisation als ein Geradeausweg darstellt, der lediglich vom Kleinsein zum Großwerden nach dem Bild des mütterlichen Ursprunges führt, ein Weg also, der vom Vorhandenen nicht abweicht, sondern es verwirklicht; ist die männliche Sozialisation mit einem Sprung verbunden. Denn das Großwerden des Knaben nach dem Bild des Mannes ist ein Herauswachsen aus dem Vorhandenen! Der Mann, der Vater, ist nicht der Organismus, mit dem sich der Knabe schon als Säugling verschmolzen kannte. Der Weg zum Vater ist ein Sprung in das Andere, Fremde, Herausfordernde, es ist eine Überwindung des mütterlich-natürlich Vorhandenen, ein Heraustreten, ein Erreichen, ein Ikarusflug.

Solche vordergründige Diskontinuität im Entwicklungsmodus des Maskulinen, die hingenommen und überwunden werden muß, sollte hier näher betrachtet werden. Beachten wir, daß der Vater, dem der Knabe zustrebt, zwar eine reale Gestalt ist, die aber von der sich bietenden Realität so lange fehlt, bis der Knabe einen gewissen Grad der Loslösung von der Mutter erlangt hat, bis er nicht mehr eins mit der Mutter sein muß. Und das muß er erst dann nicht, wenn die ersten zarten Andeutungen einer Entwicklung zur eigenen Person, zu einem Ich, aufgesprossen sind. Mit der Entdeckung des Vaters als eines Anderen, zu dem man aber nur durch ein Wechseln der Spur gelangt, entsteht eine Räumlichkeit im Werden und somit in der Zeit! Zugleich entsteht eine Form der Verwandtschaft, deren symbolisch-begreifende Natur sich als vorrangiger als die alte, empfindende Natur bewährt. In der Verwandtschaft zwischen Vater und Sohn spielt sich eindrucksvoll das Drama des sich der Natur entreißenden Ich ab, das so dem Diktat seiner biologischen Evolution den Gestus seines strebenden Geistes entgegenstellt. Alle Kultur des emanzipierten Ich geht so durch den Vater, oder "Ich und der Vater sind eins", wie schon an prägnanter Stelle artikuliert wurde!1

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Quellen, Anmerkungen:

1. Johannes, 10, 30