DER MASKULIST
15.09.2002

D

ie folgende kurze Erzählung ist nach besten Kräften des Gedächtnisses im Original wiedergegeben. Doch auch ohne diese Zusicherung würde der Leser die Authentizität ihres weiblichen Ursprungs leicht erkennen. Darin wird das Bedauern über das Scheitern einer noch nicht so recht begonnenen Beziehung ausgedrückt. Das Zitat beschreibt eine endlich erste, aber leider auch letzte Begegnung einer Frau mit einem über lange Zeit von ihr umworbenen Mann: "Als wir uns dann endlich trafen und er andeutete, daß wir miteinander schlafen sollten, sagte ich plötzlich 'nein'... Aber verstehe, ich sagte 'nein' und ich meinte 'ja'; ich sagte 'nein', weil er mir viel bedeutete... Er aber hat es nicht verstanden und fühlte sich an der Nase herumgeführt... Wir sahen uns wieder erst viele Jahre später..."

Und damit zu spät. Schade! Doch daß der Mann in diesem Zitat die Bedeutung der vorgemachten Ablehnung 'nicht verstand', macht ihn nicht zur großen Ausnahme. Zum Glück dürfte ich selbst lächelnd zunicken, als ich von der erzählenden Person gefragt wurde: "Verstehst Du das?" Viele Männer aber haben dergleichen nicht verstanden - zumindest nicht gleich zu Beginn ihrer Beziehung. Andere haben es falsch verstanden und als einen nicht weiter bedeutsamen, launischen Einschub interpretiert. Manche haben es erst verstanden, als es zu spät war!

Was allerdings diese Herren - wann immer sie soweit waren - verstanden haben, wollen wir hier etwas genauer benennen. Die verstellte Absage sollte den Mann veranlassen, die Zusage, zu erstreben. Die Auswahl eines Mannes von der Frau verlangt nämlich vom Mann das anschließende Werben um die Frau, die ihn auserwählte - an sich ein Paradoxon! Warum aber ist das so? Warum wollen Frauen ihr Werben um einen Partner umkehren? Warum genügt ihnen nicht die bloße Zusage des Begehrten, sondern verlangen sie zusätzlich von ihm ihre nun fällige 'Eroberung' mit ihrem ganzen unnötigen Aufwand?

Es sind zwei Ziele, die Frauen damit verfolgen: Erstens verschaffen sie sich Gewißheit über die Intensität, mit welcher sie von ihrem Partner gewollt oder 'geliebt' werden. Zweitens sichern sie sich eine gegenüber dem Partner vorteilhafte private Rechtslage, denn indem sie ihn so in die Pflicht nehmen, können sie von ihm auch die Erfüllung weiterer Forderungen verlangen, die mit seiner selbstauferlegten Verpflichtung legitimiert werden. Die erste Option macht sie sicher, die zweite überlegen.

Solches manipulierende Verhalten zeigt sich häufig schon beim Flirten, wo da dem kurzen Blick auf den anvisierten Mann die prompte Abwendung des Kopfes in die Gegenrichtung folgt; eine verborgene Forderung an den Betroffenen, die Wiederherstellung des Kontaktes zu erstreben. Die Täuschung soll charmant, anmutig aussehen, oft mit Gesten verbunden ebenso leugnerischer Aktivität, die etwa das Ordnen der Frisur zu beabsichtigen scheinen, im Grunde aber kokettierend die Betonung eigener ästhetischer, gedachter oder wirklicher Vorzüge bezwecken.

Innerhalb eingefahrener Beziehungen tritt ähnliches Verhalten seltener auf, meistens nur dann, wenn eine Entscheidung ansteht, die für die Frau auf intime Weise wichtig ist. Ob sich der Gatte etwa mit einem weiblichen oder einem männlichen Partner wöchentlich zum Tennis trifft oder ähnliches. Je wichtiger die Entscheidung, desto größer der Anspruch der Frau, der Mann möge ihren Wunsch erraten, und das möglichst über eine Reihe simulierter Leugnungen, die er gefälligst als solche durchschauen soll, sollte er 'ihre Signale richtig verstehen' können. Die nachträglichen Erklärungen kennen Männer gut: "Du solltest ja selbst draufkommen, daß ich niemals das wollen würde, was ich sagte. So gut mußt Du mich einfach kennen... Es hat für mich wenig Wert, wenn ich Dir jedes Mal sagen muß, was ich will..."

Das Delegieren der Verantwortung für das Zustandekommen wie für das Gelingen einer Beziehung auf den Mann ist dem weiblichen Verhalten so immanent und für das Geschlechterverhältnis so bedeutend, daß wir das Fehlen dieses Begriffes in einer 'Geschlechterdebatte' als eine Vernachlässigung erachten, die die gesamte Diskussion in Frage stellte. Wir werden noch an geeigneter Stelle die bekannten Einwände des Feministen aus dem Weg räumen, der mit seinen zwar penibel geschliffenen, aber dennoch stumpf gebliebenen Argumenten bereit steht, bereit uns zu erklären, dies alles sei als Wirkung des 'Patriarchats' anzusehen, welches in seinen 'strukturell bedingten' Verhaltenszwängen die Frau zu derartigen Tricks getrieben hat; sie genötigt hat, den Mann, der sich die 'Ressourcen' unter den Nagel riß, als Ernährer, sich selbst aber als Abhängige wahrzunehmen. Bevor wir uns aber mit diesen Einwänden beschäftigen, wollen wir erst die Folgen dieses weiblichen Verhaltens auf die sozialethischen Zusammenhänge im Geschlechterleben zu erkennen versuchen.

Denn die hier gemeinte Verhaltensweise soll keineswegs als eine gelegentliche Erscheinung unterschätzt werden, die sich belanglos im Privaten erschöpft. Die Konditionierung des Mannes für die aus der voraussichtlichen Vereinigung mit der Frau sich ergebenden Anforderungen und die Erprobung seiner Tauglichkeit in dieser Hinsicht gehören in allen Kulturen zu den am meisten populären Bräuchen. Rituale zur Erprobung und Bewährung des Mannes für Ehe und Familie, außergewöhnliche Taten, die als Widmung, Zugeständnis oder Bürgschaft freiwilliger Unterwerfung gegenüber einer konkreten Frau oder einer symbolischen Frauengestalt verstanden wurden, bilden ein umfangreiches Aufgebot, dessen literarische wie sonstige Ausarbeitung einen erheblichen Teil in der Kulturgeschichte des 'Patriarchats' bildet. Die Erprobung der männlichen Willigkeit zu Unterwerfung hat buchstäblich Bände geschrieben, sehr bedeutende Bände sogar, Bände, die in das allgemeine Kulturerbe des Planeten eintraten!

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