DER MASKULIST
15.09.2002

E

in ausdrucksreiches Beispiel für den Drill der Männer auf die Bedürfnisse der Weiblichkeit dürfte die mittelalterliche Minne sein. Der Minnesang, der seinen Höhepunkt im zwölften Jahrhundert erreichte, entfaltete sich in den wichtigsten Kulturpflegestätten der damaligen Zeit, in den fürstlichen Höfen, und widmete sich zunächst dem "liebenden Gedenken" im sozial-wohltätigen, religiös motivierten Sinn, wandte sich aber schnell der geschlechtlichen Liebe zu und wurde im Minne- oder Frauendienst zur tätigen Ausführung dieses "liebenden Gedenkens" erweitert.

Dabei wurde zwischen der "niederen" und der "höheren Minne" entschieden differenziert. Erstere umfaßte diejenigen Gesänge und Texte, die den Liebestrieb besangen, also von der Liebe als von einem Aktivitätsfeld ausgingen, welches auch das vitale Bedürfnis des Verfassers selbst (des Mannes) berücksichtigte. Letztere, die "höhere Minne", ignorierte sämtliche Anliegen des verfassenden Subjektes (des Mannes), und ließ "den Dienst für die unerreichbare und im Lobpreis idealisierte Geliebte zu einer den Liebenden  zum höchsten Ethos verpflichtenden Aufgabe werden"!1

Im Sagenepos "Parzival", in welchem "das Urbild des christlichen Ritters, der in schweren Kämpfen Ritterpflicht und Pflicht gegen Gott, Frauen- und Gottesminne zu vereinigen sucht", wird nicht nur der Hauptheld an der Erfüllung dieser Anforderungen, welche den selbstlosen Dienst an Frauen neben den Gottesdienst stellen, gemessen.2 Diese Dressur war tatsächlich so unbarmherzig, wie es sich eben anhörte, und mittelalterliche Damen schlugen offensichtlich bei ihren Forderungen oft maßlos zu. Die Unentrinnbarkeit der Erfüllung ihres Wunsches wurde manchem Mann zum Verhängnis, während Männer ohnehin im Alltag als die Ehrengarde von Seelen- und Leibwächtern der 'holden Weiblichkeit' herumzuschwadronieren hatten - wollten sie ihre gesellschaftliche Relevanz und so ihr Daseinsrecht zumindest in den 'höheren' Kreisen der Gesellschaft abgesichert wissen.

Verhaltensforderungen solchen Musters wurden all der darauffolgenden Aufklärungszeit zum Trotz bis in unsere Gegenwart variiert, in mancher Hinsicht sogar durch die Einflüsse jener späteren Kultivierung der Empfindsamkeit während der Zeit der Romantik verstärkt. Das Bestehen von Mut- und Mannbarkeitsproben gilt noch heute gleichermaßen als Garant der Wehrfähigkeit junger Männer, also ihrer Verfügbarkeit gegenüber dem Staat, wie der Eignung für die Ehe, ihrer Verfügbarkeit gegenüber der Frau. Der Galan, der Kavalier oder der Gentleman, die Musketiere, John Wayne oder Spiderman, sie alle fristen ihre abenteuerlichen Lebensläufe, nicht ohne sich nebenbei aber unbedingt der Bestrafung jener "Schurken" anzunehmen, welche die Unantastbarkeit der Vorrangstellung weiblichen Wohles nicht stets mit dem gebührenden ethischen Eifer fördern. Auch außergewöhnliche Taten wie Jules Vernes Reise in das Erdinnere wurden gern als die Einlösung eines Gelöbnisses an die Geliebte dargestellt.

Die hysterische Sublimierung der Weiblichkeit, welche Umgangsformen gegenüber Frauen verlangte, wie sie sonst nur gegenüber der Geistlichkeit - also dem Transzendenten - üblich waren (kriecherischer Kniefall beim Heiratsantrag, Handkuß als Grußform etc.), hat oftmals selbst das Leben manchen Mannes - darunter prominenter Söhne der abendländischen Zivilisation - im Duellieren um eine Frau oder bei anderen Bewährungsproben draufgehen lassen. Die aufopfernden Einsätze ritterlichen Kavaliertums - erfolgten diese, um das Ansehen einer Frau oder des schlechthin Weiblichen zu verteidigen, um ihre Wehleidigkeit zu rächen oder schlicht um 'ein richtiger Mann' zu sein - stehen als charakteristische Motive eines beträchtlichen Teils der Romanliteratur.

In der oben genannten Dichtung muß gleich zu Beginn der Held Isenhart sterben, weil er die von seiner erkorenen Herrin auferlegte Pflicht, ohne Schutzrüstung in den Kampf zu ziehen, erfüllen mußte! Seine Verwandten belagern daraufhin die Stadt der Verursacherin seines Todes. Zu Hilfe eilt ihr der Ritter Gachmuret. Vor ihm beteuert sie ihre Unschuld wie ihre Liebe zu dem Getöteten. Als Motiv ihres unglückseligen Auftrags gibt sie sexuelle Scheu an: "Ihm in Liebe mich zu einen / Verschob ich, ihm und mir zu Leid, / Schamhaft zögernd all die Zeit." Diese Erklärung genügt offenbar zur Rehabilitierung Belakanes - so der Name der mittelalterlichen Diva -, obwohl sich in den darauffolgenden Reimen eine allzu dämonische Lust egomanischer Selbstüberhebung aus ihrem Mund kund gibt: "Er sollte mir, das wollt ich sehn, / Die schwerste Probe noch bestehn." Diese "Probe" bestand nicht allein darin, den Ritter ohne Harnisch in den Kampf zu schicken, sondern ihm noch seinen Scharfrichter hinterher: "So traf ihn einer meiner Degen, / Ein Fürst, der auch auf Kampf entbrann. / Im Walde rannten sie sich an / Und stachen sich durch Schild und Leib."

Und dann, zum Schluß der fragwürdigen Apologie, erfahren wir noch, wer als der Verlierer des infantil-morbiden Arrangements zu gelten hat: "Ach, so ward mir armem Weib / Mein spröder Sinn zu Gram und Reue, / Und Jammer blüht aus meiner Treue.-" Wir sehen: Die Nadel unseres Kompasses hat ihre hastigen Runden gedreht; nach dem gebührenden, obligatorischen Mitleid für die geschlachteten Männer läßt sie diese im Frieden des blutdurchtränkten Waldbodens ruhen und wendet ihre auf das 'Opfer' hin justierte Spitze in Richtung Frau, der Anstifterin - wie kann es anders sein!

Gachmuret vertreibt Belakanes Belagerer. Das bißchen weitere Männersterben: kultische Ehrensache im ritterlichen "Frauendienst mit Schild und Speer". Gachmuret sollte glänzen, er wurde nämlich der Vater Parzivals, und sollte als solcher natürlich ein 'richtiger Mann' sein.2

Es ist nicht unser Thema, wie die Figuren Wolfram von Eschenbachs ethisch bewertet werden sollten. In der Fortsetzung wird uns von Belakanes begierigem Blick berichtet, den sie auf den Zuhörer ihrer dubiosen Schmerzensbeichte wirft, und darüber, daß sie darauf hin Wein bringen läßt. Doch lassen wir es stehen, ob diese Dame ein naives Seelchen, ein blutrünstiger Vamp oder sonst etwas ist. "Feinsinnige" Psychologisierer unserer Tage können sich ohnehin jede erdenkliche Interpretation zurechtbiegen. Auch geht der Autor des Parzival-Epos aufgrund der inhaltlichen Konsequenz seines Werkes etwas befremdend mit der Schuldfrage um (Parzival erreicht selbst sein Ziel über den Weg durch die unbewußte Schuld). Dies ist also nicht unser Streit.

Auch ist es klar, daß es sich im mittelalterlichen Alltag nicht so zugetragen haben mag, wie in der Dichtung beschrieben. Ähnlich wie man heute nicht überall den Klischee-Frauen und Männern begegnet, die in Unterhaltung oder Werbung auftreten. Im Parzival-Epos aber haben wir eines jener Werke der Weltliteratur, deren kultische und kulturgeschichtliche Bedeutsamkeit uns zum Verständnis einer Epoche, einer Bewußtseinsphase der Menschheitsgeschichte gereicht. Ähnlich den Werken Homers, den Dramen des Altertums, den Mythen archaischer Zeiten. Darin werden nicht private Menschen beschrieben; diese fungieren vielmehr als Figuren, um menschliche Archetypen vorzustellen, die das jeweilige Zeitalter prägten und repräsentierten.

Von der bis zur Morbidität überspitzten Kulanz, mit welcher die Herren Ritter ihre riskantesten Taten, ihre Turniersiege, ja ihr Lebensrecht selbst den Damen hier aushändigen, von der religiösen Wahnhaftigkeit, mit welcher der an sich biologisch initiierte Minne- oder Frauendienst geboten wurde, wimmelt es in diesem Werk geradezu. Das Motiv des um Minnedienst flehenden Ritters und der oft garstig ablehnenden Begehrten wiederholt sich so oft wie jenes des zur Sühne eines Vergehens gegen die Dame seines dienenden Herzens durch das Erschlagen des schuldhaften Gegners sich rächenden Adels. Das Geschlechterbild Wolfram von Eschenbachs ist - für unsere moderne Empfindung - bis zu Unerträglichkeit polarisiert; polarisiert zunächst in dienenden Männern und gebietenden Frauen und - bezüglich der Gunst der letzteren - zwischen gewinnenden und verlierenden Männern. Männer umwerben Frauen und konkurrieren brutal untereinander, es sei denn ihre Einstellung hinsichtlich der Frauenehre und / oder dem Heiligen sind konform. Auch was die Herstellung öffentlicher Meinung betrifft, wird uns die Macht der Frau dokumentiert: "Von Frauenmund mit Ruhm genannt. / Ja, Weibeslob macht weltbekannt."3

Wie konnte solches entstehen? Wie konnte in einem ausgesprochen religiösen Epos des christlichen Mittelalters (im Parzival geht es um den Erlösungsprozeß und wie dieser durch die Suche nach dem Gral, jenem Gefäß, in welchem einmal das Blut des Gekreuzigten aufgesammelt wurde, erreicht werden sollte) so viel weltliche Weiblichkeit mit allen Schwächen, Tücken und Hemmnissen solch hervorragenden Eminenzstatus erlangen, daß die Bedienung dieser Weiblichkeit neben dem Dienst an Gott zur höchsten ethischen Bedingung avancierte?

Die Antwort der Historiker auf unsere Frage ist nicht ganz ausreichend: Im Mittelalter lebten über mehrere Jahrhunderte hinweg etwa fünfzehn Prozent mehr Frauen als Männer in Europa. Durch innere Kriege, Seuchen, Kreuzzüge und das Zölibat wurden Männer rar. Dieses sozialökonomische Mißverhältnis erwirkte für die Frauen einen Einstieg in das wirtschaftliche Leben, in welchem sie sich bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein erfolgreich hielten. In den Klosterschulen konnten sich adelige Mädchen bilden. Der Eintritt von Frauen in die Gewerbe hatte sich vollzogen; in nichtzünftigen Bereichen war sogar der Erfolg der Frauen stark. Manche traten auch in wissenschaftlichen Berufen hervor; besonders geschätzt wurden sie in der Heilkunde. Vor allem aber war aufgrund der fehlenden Männer auch die Kindererziehung mehr als sonst in Frauenhand.

Das alles kann uns aber allein nicht als Erklärung dienen. Schließlich wurden Frauen nicht aufgrund ihres Fleißes Objekte jener Verehrung im Mittelalter, nach deren Gründen wir hier fragen. Solcher Fleiß hätte lediglich den Eintritt der Frauen in die 'Männergesellschaft' gewährleistet, nicht aber ihre Sublimierung zur zweithöchsten ethischen Instanz neben Gott, und das innerhalb eines Kulturkreises, dessen religiöse Prämissen so androzentrisch formuliert waren, wie es in der jüdisch-christlichen Tradition nun einmal der Fall ist.

Oder war es im Mittelalter gar nicht mehr der Fall? Falls nicht, seit wann nicht? Gibt es Gründe, von einer - vor dem Mittelalter stattgefundenen - Mutation in den christlich-religiösen Entwicklungen zu sprechen, die das Weibliche verstärkt in die Richtung des Heiligen oder Transzendenten rückte?

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Quellen, Anmerkungen:

1. BROCKHAUS, "Minne"
2. BROCKHAUS, "Parzival"
3. Zitate aus Wolfram von Eschenbachs "Parzival" in der Übertragung von Wilhelm Hertz, PHAIDON Verlag